Alltag, Frust, Lust

Geburt eines Radfahrers (1)

Und los gehts mit dem Blog – nur vorab zur Info: Ich bin Freiberufler, verheiratet, 2 Kinder, lebe in Würzburg, rauche und werde in einem Monat 45 Jahre alt. Fast genau so lange, nämlich von Kindheit an, fahre ich Fahrrad. Und ich muss leider zuallererst feststellen: Gut die (erste) Hälfte dieser Zeit habe ich das Fahrradfahren eigentlich eher gehasst!

Mein erstes Rad in den frühen 1970er Jahren war ein einfaches bronzefarbenes Klapprad (20″-Reifen) ohne Schaltung, das irgendwoher kam (Verwandtschaft oder Bekanntschaft) und mit dem ich mich ein paar Jahre herumgeplagt habe. Schon im Dorf, aus dem ich stamme, waren etliche Straßen nicht nur für den Fahrradnovizen ohne Schaltung zu steil zum Treten, und manche Häuser wurden immer nur schiebend angesteuert (lohnte sich dennoch, denn es gab ja eine Abfahrt auf dem Rückweg – die wurde natürlich gerne mitgenommen …). Beim Körpergewicht lag ich sicher etwas über dem Altersdurchschnitt, bei den Muskeln dafür eher darunter. Aber auf der Geraden – zum Bäcker in der Ortsmitte, den Wiesenweg entlang in die andere Richtung – war es doch hin und wieder ganz spassig, das kleine Klapprad zu benutzen.

Das erste eigene Rad kam 1977, ein nagelneues blaues Hercules-Fahrrad mit Sachs „Torpedo“ 3-Gang-Nabenschaltung. Dadurch reduzierten sich die geschobenen Strecken, verschwanden aber nicht ganz. Außerdem war das Rad etwas zu groß – es sollte ja bis zum Erwachsenenalter reichen –, so dass das Handling nicht immer ganz einfach war. Ganz so lange hat es aber nicht gehalten – nur ein paar Jahre später wurde es massiv umgebaut (sehr hoher Lenker, Bonanzarad-Sattel), sah (ehrlich gesagt) scheußlich aus, fuhr sich noch viel scheußlicher und wanderte noch vor Erreichen meiner Volljährigkeit auf den Schrottplatz … aber erst, nachdem ich mich als Jugendlicher (14/15 Jahre alt etwa) damit auf Langstrecke völlig verausgabt hatte: am Schulwandertag von Münnerstadt zum Ellertshäuser See und zurück (peinlich), sowie von Münnerstadt zu meinem Elternhaus (25 km, 2 Stunden Fahrzeit inkl. vieler Pausen – peinlich, peinlich …). Als schließlich der hohe Lenker brach, verursacht durch die permanente Kraftausübung (Schub und Zug), war Schluss mit dem Bock. Nur der originale Lenker (heutige Formentsprechung: Riser Bar) war noch in Gebrauch – auf meinem ersten Mokick, einer alten Zündapp (könnte eine C50 gewesen sein), die ich von meinem Cousin Klaus geerbt hatte.

Mit dem 16. Lebensjahr (1984) und dem Mokick war dann auch Schluss mit Radfahren – echte Mobilität auf dem Land war ohne Verbrennungsmotor für mich nicht mehr denkbar, und nur zwei Jahre später stand auch schon das erste eigene Auto, ein silberner Honda Civic Bj. 1978, vor der Tür. Schluss mit Strampeln, Schwitzen, Fluchen …

Nach dem Abitur 1988 und dem Umzug nach Würzburg kaufte ich einem Mitschüler sein altes Rennrad ab (rot, 2×5-Schaltung, 100 DM), hatte aber keine Vorstellung davon, wie sich Rahmengröße, Sitzhöhe und Lenkerstellung auf das Fahren und das Fahrgefühl auswirken, und nahm auch dieses Rad nur hin und wieder, um mehr oder weniger kurze Strecken zu überbrücken. Irgendwann habe ich es verliehen, dem Entleiher wurde es aus dem Keller geklaut, und ich fand das nicht weiter tragisch …

Um 1991/92 kaufte ich einem Freund ein Wheeler-Mountainbike als Totalschaden für 50 DM ab, investierte weitere 350 DM in einen billigen Rahmen mit Gabel sowie Hinterrad (Bremsen, Schaltung etc. konnten vom Wheeler übernommen werden) und gelangte so zu einem Rad, das neu etwa 1500 DM gekostet hätte. Viel Spass hatte ich trotzdem nicht, die Shimano-Schaltung (3×6) war nicht indexiert und der Rahmen eigentlich zu klein. Dennoch fuhr ich dieses Rad fast 10 Jahre lang – Meilenstein war sicherlich die Runde von meinem Elternhaus in Waldfenster über Platzer Kuppe, Würzburger Haus und Kissinger Hütte zum Kreuzberg und zurück (rückblickend gesehen: eher bescheidene 40 km). Die restliche Zeit fuhr ich das Rad ausschließlich in der Stadt, nach 1998 mit Kinderanhänger oder Kindersitz – ein Nutzfahrzeug, nicht hübsch, nicht bequem, aber als Mittel zum Zweck ok.

Am 2. Juli 2001 hatte ich einen Verkehrsunfall mit einer Schwalbe, die als Dauerleihgabe mittlerweile meine städtische Mobilität gewährleistete (neben dem zu diesem Zeitpunkt 6. oder 7. Auto). Um 19.30 Uhr nahm mir ein 7er BMW die Vorfahrt und beförderte mich mit 2 gebrochenen Beinen zuerst in den Rollstuhl. Auf 4 Wochen Krankenhaus (Rollstuhl) folgten 6 Wochen ReHa (Krücken) sowie 3 Monate ambulante Krankengymnastik. Die Krücken legte ich am 17. November (!) auf Seite, Anfang 2002 (!) lief die letzte KG-Behandlung aus, etwa 6 Monate nach dem Unfall …

In dieser Zeit bekam meine Beziehung zu Autos den ersten definitiven Knacks – nicht wegen des Unfallverursachers, sondern weil ich selbst mehrere Monate kein Auto fahren konnte. Als ich am 17. November 2001 wieder Vollbelastung für die Beine bekam und somit auch Auto fahren durfte, blieben mir gerade noch 2 Wochen, um den alten Passat Kombi, den ich zu dem Zeitpunkt fuhr, ein paar Mal zu benutzen, bevor ich ihn zum Verschrotten brachte, da die TÜV-Zulassung nur noch bis Ende November galt. Aber: ich würde ja von der Versicherung des Unfall-Verursachers sicher noch ein ordentliches Geld bekommen, und deshalb fing ich schon mal an, nach dem nächsten Auto zu suchen. Ein Volvo Kombi sollte es werden, groß und fett, am liebsten ein 940er … aber es gab (vorerst) kein Geld, und so bewegte ich mich die meiste Zeit zu Fuß durch Würzburg.

Im Dezember 2001 fiel mir dann auf, wie sehr die Autos eigentlich stinken – also wirklich: STINKEN. Und scheinbar gilt: je größer das Auto, desto weniger sitzen drin. Ich sehe die Schlange von Blechkübeln vor der Tiefgarageneinfahrt am Markt, wartend, stinkend, und immer sitzt nur 1 Person in den Vans, Suvs, Kombis … ein Irrsinn! Und je länger die Wartezeit auf das Geld der Versicherung wurde, je öfter ich als Fußgänger den Gestank der Abgase in die Nase bekam, desto geringer wurde die Lust, mir wieder ein eigenes Auto zu kaufen. Ich war verheiratet, meine Frau hatte einen VW Golf und wir beide erst 1 Kind – wozu den Riesenkombi? Wozu überhaupt ein zweites Auto? Als der Krankengymnast mich Anfang 2002 nach der letzten Anwendung entließ, sagte er mir, dass ich noch weiter Beinmuskulatur aufbauen müsse: „Machen Sie Krafttraining, gehen Sie Schwimmen oder Laufen, fahren Sie Fahrrad …“. Moment: Fahrrad? Da war doch was … ach ja, in der Garage stand ja noch eines, dieses selbstgebaute Mountainbike …

Also wieder: Fahrrad fahren anstatt der Schwalbe (Totalschaden beim Unfall), anstatt dem eigenen Auto (gut, der VW Golf meiner Frau war in Reichweite). Doch nach kurzer Zeit war klar: dieses Teil wird mich auf Dauer nicht glücklich machen. Am 26. März 2002 betrat ich Velo Momber, um mich nach einem neuen Rad umzusehen. Dem freundlichen Herrn (Christoph Momber, der Inhaber) nannte ich mein Gewicht (> 100kg), meine Strecken (Innenstadt, also Teer- und Pflasterwege) und die Extras (Kindersitz muss ran) – und er stellte mir ein Giant Central Park ein für eine Probefahrt.

Giant Central Park (2002) – 28"-Crossrad mit Shimano Deore 3x9-Schaltung

Giant Central Park (2002) – 28″-Crossrad mit Shimano Deore 3×9-Schaltung

Ich fuhr eine Runde um den Block – und war mir schon nach wenigen Metern sicher, dass ich nur noch zum Schlafen absteigen würde: Wahnsinn! Einfach nur: GEIL!!

Ich war bis dahin noch nie auf einem Rad gesessen, das genau an meine Größe angepasst war – ein Gefühl, das sich wohl nur bei maßgeschneiderter Kleidung einstellt: Alles passt, alles scheint völlig natürlich, die Bewegung auf dem Rad ist überhaupt nicht mühevoll, und die Bewegung mit dem Rad macht einfach nur Spass. Zurück ins Geschäft und die Karte gezückt, und nur wenige Minuten später war ich stolzer und glücklicher Besitzer des ersten Fahrrads, das (zu) mir wirklich passte – zum ersten Mal in meinem Leben, wenige Monate vor meinem 34. Geburtstag!

Seither fahre ich das Giant als Alltagsrad, fast täglich (wenn ich nicht zu Fuß gehe), habe kein eigenes Auto mehr (aber eine 200er Vespa Cosa, 2008 gekauft als „Joker“ im familiären Mobilitätskonzept – und damit die Versicherungseinstufung nicht verfällt dank „großem“ Nummernschild) und bemühe mich, weitgehend auf das Auto zu verzichten. Das habe ich am Anfang lockerer gehandhabt, aber in der letzten Zeit bin ich auch da noch mal viel strenger mit mir (und meinem Umfeld, sorry) geworden: Auto? Geht eigentlich gar nicht mehr, ich schäme mich schon fast, wenn ich es benutzen muss … aber dazu später mehr.

Geburt eines Radfahrers Teil 2

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6 Gedanken zu “Geburt eines Radfahrers (1)

  1. @Jochen: Ok, ich gebe zu, ich habe mich mit Konzept und thematischer Ausrichtung dieses Blogs erst mal schwergetan, aber nach mehreren vergeblichen Anläufen habe ich es jetzt doch geschafft, deinen ersten Artikel zu lesen. Und muss sagen: Es steckt viel Wahrheit drin (scheint mir): „Geschichte meiner Mobilität“ wäre auch ein möglicher (aber evtl. etwas zickiger) Titel gewesen, oder, noch zickiger, „Mobilität und Existenz“ – aber ich werde albern, Entschuldigung. Jedenfalls durch und durch geerdet, das Ganze – nur die Schriftgröße der Artikel kommt bei mir (benutze Chrome 27 unter Windows 7) GIGANTISCH GROSS rüber. Willkommen in der Blogosphäre. Ich trag dich gleich mal in meine Blogroll ein.

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    • Danke für die aufmunternden Worte, Stefan! Was die Schriftgröße angeht – ich war auch erst erstaunt, aber wenn ich ehrlich bin: Allerbeste Lesbarkeit, und auf dem Bildschirm spielt es keine Rolle, wieviel Platz verbraucht wird. Scrollen kostet (noch) nichts, also lasse ich das erstmal so stehen …

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      • Ja, schon, aber wenn ich dann die Schriftgröße der Artikel auf 67% herunterzoome (Browser wie gesagt: Chrome 27), ist bsp.weise der Text in der Box „Kommentar verfassen“, in der ich mich gerade bewegen muss, kaum noch lesbar – sowie alle anderen technischen Texte („Trage deine Daten ein…“ etc.).

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  2. Zum Glück ist das Internet nach unten hin offen … insofern scrolle ich lieber einmal mehr, als dass ich mit der Lupe vor dem Bildschirm sitze … und, das Informationsangebot pro Seite reduziert sich auf angenehme Art und Weise
    😉

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  3. Odenwälder schreibt:

    Hallo Jochen, eine GIANTìsche Schriftgröße für einen Grafiker, aber gut zu lesen auch ohne Brille. Habe wieder einiges dazugelernt.
    Sonnige Grüße & weiterhin gute Fahrt
    ein Odenwälder

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