DIY, Ehrgeiz, Lust, Rennrad, Technik

Rennrad-Restaurierung (1)

Im Winter fragte ich per Mail im Freundes- und Bekanntenkreis nach nicht mehr benötigten 28″-Herrenrädern nach. Idee war, mir ein Fixie selbst zu bauen – ein Rad, das nur einen Gang hat und keinen Freilauf (dreht sich das Hinterrad, drehen sich die Pedale – vorwärts wie rückwärts, immer). Immerhin: 5 Fahrräder mehr standen kurz darauf bei mir, allerdings waren sie für mein Vorhaben mehr oder weniger ungeeignet. Was sich als noch komplizierter erwies, als ursprünglich angenommen: den Freilauf in den Hinterrädern zu eliminieren und „starr“ zu machen. Es gibt Lösungen, die allerdings zuviel Geld kosten und nur einen Kompromiss bieten – besser gleich neue Laufräder kaufen (die vorhandenen hatten sowieso alle leichte 8er, also mehr oder weniger elliptisch laufende Felgen). Ein älteres Rennrad war auch dabei – das würde ich als Rennrad wieder flott machen.

Zum Üben war es recht hilfreich, ein Herrenrad komplett zu zerlegen, aber das Rad war in einem so miserablen Zustand, dass fast alle Teile nach der Demontage zerfielen bzw. sich schon während der Demontage als defekt herausstellten. Sattel, Lenker, Bremsen, Räder – alles eigentlich Schrott. Auf der Suche nach entsprechenden Teilen stieß ich online auf ein Single Speed / Fixie im Sonderangebot, das von 550 auf 330 Euro herabgesetzt war. Nagelneu, und nicht allzu billige Komponenten daran. Und preislich nicht teurer als der Einzelkauf aller benötigten Komponenten, dafür mit einem schönen Bahnrahmen aus Stahl (Ausfallenden nach hinten offen), den ich mit einem Bahnlenker statt des mitgelieferten „normalen“ Lenkers bestückte. Doch dazu ein andermal mehr …

Von den anderen Rädern habe ich mich schnell wieder getrennt und sie in gute Hände gegeben, damit sie eventuell als Würzburger Freirad noch gute Dienste leisten können oder als Spende an die Asylbewerber-Unterkunft in der Veitshöchheimer Straße gegeben werden. Denn die liegt weit außerhalb der Stadt, und kostenlose Mobilität tut hier not.

Das Rennrad selbst stand jetzt ein paar Monate in der Garage, aber vor ein paar Tagen begann ich mit der Demontage. Als schwierig bis unmöglich erweist sich sogleich sich das Ziehen der Alu-Sattelstütze aus dem Stahlrahmen: Schon bei der winterlichen Demontage des alten Hobels (s.o.) hatte ich das gleiche Problem mit dem Alu-Vorbau im Lenkerrohr, nun das gleiche Spiel hinten am Sitzrohr. Alu und Stahl, soviel war im Winter schon in Erfahrung zu bringen, gehen über die Jahre oder Jahrzehnte u.U. eine Verbindung ein, die wie geschweißt scheint: absolut fest! Also beginnt das übliche Spiel – WD40, das Allzweck-Öl aufsprühen und hoffen, dass es an die richtige Stelle kriecht und die Verbindung löst. Aber leider habe ich diesmal mit dem Öl so wenig Erfolg wie im Winter …

… und somit betreten wir das Terrain des esoterischen Geheimwissens um Rezepte und Tinkturen, des Mantra-Betens und der groben Flüche, denn: das eine Ding muss raus aus dem anderen Ding. Basta! Schon im Winter war ich auf ein probates Mittel in einem der vielen Rad-Foren aufmerksam geworden, und auch diesmal, nach anfänglichem Zögern, greife ich letztlich zu der Flasche mit der Flüssigkeit, deren exakte Zusammensetzung immer noch zu den am besten gehüteten Geheimnissen der Welt gehört, seit mehr als 100 Jahren. Den Rahmen auf den Kopf gestellt, das Sattelrohr bis oben hin gefüllt und ein paar Tage einwirken lassen – und siehe da, die Sattelstütze bewegt sich unter abscheulichem Quietschen, und nach vielen weiteren beherzten Drehungen sind Alu und Stahl getrennt.

Was das für eine wunderbare Flüssigkeit ist, die (einmal mehr) hier weiterhelfen konnte? Coca Cola … im Ernst! Gehört in jede Werkstatt.

Nachfolgend ein paar Bilder, die das Rennrad vor der Demontage zeigen – ich bin mit dem Rad beim Abholen noch problemlos von Versbach zu mir nach Hause gefahren, bis auf ein paar optische Mängel war es weitgehend fahrbereit. Da ich es nicht aus erster Hand bekam, ist nicht ganz klar, wie alt das Rad ist und von wem es hergestellt wurde, aber es verfügt über eine komplette Shimano 105-Gruppe (2×7 Gänge, Rahmenschaltung), hat also eine ziemlich solide technische Ausstattung, die weiter verwendet werden kann.

20130624-Rennrad

Einfaches Rennrad, ca. 25 Jahre alt?! 2-farbige Lackierung, keinerlei Beschriftung oder Hinweis auf Marke, komplette Shimano 105-Gruppe (Bremsen, Schaltung, Lager), 56er Rahmen

Detail Gabel/Rahmen – die Muffen einfach, aber nicht hässlich

Detail Gabel/Rahmen – die Muffen einfach, aber nicht hässlich

Alu-Sattelstütze – hat einiges an Zeit und Kraft gekostet, die aus dem Stahlrohr zu ziehen

Alu-Sattelstütze – hat einiges an Zeit und Kraft gekostet, die aus dem Stahlrohr zu ziehen; ansonsten überall alters- und lagerungsbedingte Blessuren am Lack

Alu-Vorbau und klassisch gebogener Lenker; Lenkerband vermutlich noch original, bestenfalls 1x gewechselt …

Alu-Vorbau und klassisch gebogener Alu-Lenker; Lenkerband vermutlich noch original, bestenfalls 1x gewechselt …

Bremsgriffe – leider löst sich bei den alten Teilen nicht nur der Dreck schwer ab, sondern manchmal der ganze Gummi auf (bei diesen hier glücklicherweise noch nicht)

Bremsgriffe – leider löst sich bei den alten Teilen nicht nur der Dreck schwer ab, sondern manchmal der ganze Gummi auf (bei diesen hier glücklicherweise noch nicht)

Biopace-Kurbel (52/42) – die Blätter sind nicht gleichmäßig rund, sondern leicht elliptisch geformt, um die Kraftübertragung vom Pedal auf die Kette zu optimieren

Biopace-Kurbel (52/42) – die Blätter sind nicht gleichmäßig rund, sondern leicht elliptisch geformt, um die Kraftübertragung vom Pedal auf die Kette zu optimieren

Rahmenschaltung 2x7, rechter Hebel mit Index (Einrasten der Gänge)

Rahmenschaltung 2×7, rechter Hebel mit Index (Einrasten der Gänge)

Schaltwerk mit 7 Ritzeln – habe ich 16–24 gezählt? Muss nochmal nachzählen …

Schaltwerk und Kassette mit 7 Ritzeln – habe ich 16–26 gezählt? Muss nochmal nachzählen …

Rennrad-Restaurierung Teil 2 / Teil 3

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7 Gedanken zu “Rennrad-Restaurierung (1)

  1. Pingback: Der goldene Reiter…. | Runt Vättern

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  3. Klasse!! Bin zwar nicht dabei mir ein Fixie zusammenzubasteln, suche aber schon seit Längerem zwar nicht intensiv, aber immerhin … ein altes Rennrad Baujahr vor 1985, mit dem ich die Eroica in Italien fahren kann … möchte nicht viel ausgeben und hoffe ein Stahlross vor dem Sperrmüll zu retten und ihm das Gnadenbrot zu geben … 🙂 🙂 🙂
    Dir viel Spass mit deinem „neuen“ Fixie. Vorsichtig sein und nicht verunglücken …!!

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    • Ja, die Eroica wär‘ mal was … allerdings weiss ich so wenig über diesen Stahlrenner hier, dass ich nicht mal sagen könnte, aus welchem Jahr er ist. Vermutlich könnte ich ihn fahren (altersmäßig), müsste dann aber wieder „originale“ Bremshebel anbringen statt der sehr bequemen (neuen) Tektro. Vielleicht ist die Eroica aber tatsächlich vor allem dafür gut, den eigenen alten Renner ins „Grab“ zu reiten – ich bin halt Spätzünder, ich habe nichts altes eigenes …
      Das „neue“ Fixie fährt zu 95% als Singlespeed mit Leerlauf, mir ist die Drehzahl bergab einfach zu hoch. Und Bordsteine hochhüpfen ohne stillstehende Kurbel, das will auch erst mal gelernt sein 😉

      Gefällt 1 Person

  4. Nico schreibt:

    Wahrscheinlich etwas spät… aber das müsste ein Koga Miyata Prologue sein, Baujahr um 1990 (ich hab mir gerade selbst eins gekauft). Die Prospekte mit den Farben sind über die Homepage von Koga verfügbar.

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    • Oha: Danke, Nico! Sofern ich das auf den unterschiedlichen Fotos (Google Bilder) erkennen kann, stimmen tatsächlich viele Details (Muffen, Gabel, Sattelstreben, Aufbau Lackierung). Bei meinem Renner war allerdings nicht die geringste Spur irgendeiner Beschriftung, nirgends – wer sollte die denn so sorgfältig entfernt haben? Aber nachdem mir neulich wieder ein Freund geraten hat, den Rahmen pulvern zu lassen, werde ich das wohl tun. Und es gibt da ja ganz schöne Farbkombinationen, vielleicht baue ich es im Vintage-Look mit Beschriftung auf …

      Nochmal Danke! Spannend …

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