Alltag, Ehrgeiz, Lust, MTB, Rennrad

Geburt eines Radfahrers (2)

Naja, Geburt: Ich fahre nun doch schon eine ganze Weile, der vorherige Text reicht immerhin bis zu meinem 34. Geburtstag (2002), und bis dahin waren die Geburtswehen einigermaßen vorüber. Seither ist das Fahrrad zentraler Bestandteil meines Mobilitätskonzepts. Zuerst innerstädtisch, denn das Dreieck Wohnung-Arbeit-Kindergarten/Schule, das ich lange Jahre in Würzburg abgefahren bin, hatte keine Seite, die länger als 2,5 km war; dennoch kamen sofort ca. 2500 km im Jahr zusammen (mit ein paar zusätzlichen Besorgungsfahrten ein Leichtes), und das fand ich dann doch beachtlich. Nach und nach fuhr ich aber auch „längere“ Distanzen – zu Kunden (nach Höchberg), zu Freunden (Veitshöchheim), um Besorgungen zu machen (Randersacker) etc.

An die Fahrt zu einer Kundin in Höchberg, knapp unterhalb vom Toom-Markt, erinnere ich mich noch sehr gut: Ich wußte, dass es ein wenig schweißtreibend werden könnte, und hatte mir sicherheitshalber ein Wechsel-T-Shirt mitgenommen und auch die Fahrzeit so gelegt, dass ich in Höchberg etwa 15 Minuten zu früh ankam – um mich dort erstmal zu akklimatisieren und auszudampfen. Gut: akklimatisiert, ausgedampft, T-Shirt gewechselt und rein zur Kundin. Im Besprechungsraum dann die Sensation: Während wir da sitzen und auf die Entwürfe blicken, beginne ich plötzlich zu schwitzen – und ähnele binnen Sekunden eher einem Zimmerbrunnen als einem Designer und Geschäftspartner. Wir nahmen es beide mit Humor, aber ich war doch erstaunt, wo plötzlich das ganze Wasser herkam …

… ähnliches passierte mir ein weiteres Mal beim Besuch eines Kunden an der Akademie Frankenwarte. Natürlich kam Schieben nicht in Frage, also bin ich mit Muskelkraft hoch – Nikolausstraße, Leutfresserweg, Friedbergweg, Kapellenweg, Roßbergweg: Abwechslung gibt es nur in den Namen, die Strecke ist aber ein einziger Anstieg (und zwar ordentlich). Mein Kunde, damals noch Leiter der Akademie Frankenwarte, zwischenzeitlich in den Stand des Würzburger Oberbürgermeisters gewechselt, wies mich dezent darauf hin, dass man das Fahrrad auch im Bus mitnehmen könne, der ebenfalls diese Strecke befuhr …

Es war mir mittlerweile klar, dass sich das Fahrrad zwar wunderbar in das persönliche Mobilitätskonzept integrieren ließ, aber nicht in jeder Situation das wirklich adäquate Mittel zum Zweck war: Ein wenig Contenance gehört im Geschäftsleben ebenfalls dazu, und verschwitzt bis derangiert macht man einfach keine gute Figur. Es musste also eine Art Balance gefunden werden, um auch den Aspekt der körperlichen Fitness einzubauen, ohne damit Dritte zu behelligen.

2011 war ich in einer persönlichen Krise – geschäftlich und privat hatte sich im Lauf der Jahre eine Art Tunnelblick herausgebildet, von Offenheit und Lockerheit kaum noch eine Spur, stattdessen Stress und Anspannung scheinbar rund um die Uhr. Und mir fehlte der Ausgleich: Die Jahre davor hatte ich zu joggen begonnen, aber die erste Runde in diesem Jahr brachte mir umgehend einen dicken Knöchel und das Aus für meine Pläne, für die Teilnahme am Würzburger Halbmarathon zu trainieren. Von Mannschaftssportarten habe ich mich schon vor 20 Jahren abgewendet, dem Wettkampf mit anderen kann ich absolut nichts abgewinnen – der beste Gegner ist immer noch der eigene „innere Schweinehund“.

19. Mai 2011, Velo Momber: Nachdem ich jahrelang nur Ersatz- und Verschleißteile gekauft habe, wird es Zeit für ein neues Rad. Ich erkläre Christoph Momber, dass ich gerne ein wenig durch Wald und Wiesen fahren würde, preislich aber nicht in der Oberliga einsteigen will – das Mountainbike-Fahren will ich ausprobieren, und wenn es nicht mein Ding ist, dann stehen wenigstens nicht Tausende von Euro ungenutzt in der Garage herum. Es gibt tatsächlich ein günstiges Einsteigerrad, das meiner Körpergröße – und meinem Übergewicht 😦 – ebenso gerecht wird wie meinem ästhetischen Empfinden: Ein Bergamont Vitox 8.1 für ca. 700 Euro.

bergamont

Bergamont Vitox 8.1 Hardtail – solides Einsteiger-MTB, allerdings habe ich schon relativ bald Alivio-Schalthebel und -Umwerfer gegen eine komplette Deore XT-Gruppe getauscht …

Nach ein paar Runden in der Stadt kam schon bald die erste Ausfahrt im Stadtwald Würzburg (Steinbachtal), der im Lauf der nächsten 12 Monate unzählige mehr folgen würden. Die erste Ausfahrt im Wald war auch die Taufe: Mit Jeans und T-Shirt fahre ich eine Steigung hinauf, die sich später als „Unglücksberg“ zu erkennen gibt, und – nomen est omen – etwa in der Mitte der Steigung prasselt ein Wolkenbruch auf mich herab, der mich innerhalb von wenigen Sekunden komplett durchweicht. Die Baumwolle schön vollgesogen, fahre ich weiter – ein schwerer Kerl (ca. 110 kg) mit schweren Klamotten auf einem schweren Rad (ca. 14 kg). Und trotzdem erinnere ich mich an diese Ausfahrt (und all die folgenden) vor allem wegen des Gefühls der Leichtigkeit, das sie mir vermittelte. Schnell bemerke ich die schmalen Pfade, die von den breiten Schotterwegen abgehen, und folge ihnen. Es geht mir zu keinem Zeitpunkt um halsbrecherische Downhill-Abenteuer – das stetige Pedalieren auf schmalen Wegen, durch Pfützen hindurch, an Hindernissen vorbei oder darüber hinweg … sensationell! Wie Wandern, nur schneller – also legte ich mir ein paar Wanderkarten zu und plante die ersten längeren Touren … dazu ein andermal mehr.

Eine dieser Touren, Christi Himmelfahrt 2012, fuhr ich zusammen mit Dirk, 4 Tage lang – über die Haßberge nach Coburg (Tag 1), von dort über die Gleichberge in die Rhön (Tag 2), über das Schwarze Moor und den Kreuzberg nach Waldfenster (Tag 3) und von dort schließlich nach Gemünden, wo wir uns trennten und Dirk zu seiner Familie auf einen Campingplatz bei Lengfurt fuhr, während ich am Main nach Würzburg radelte.

Es war dieser vierte Tag, der bei mir noch einmal einen Denkprozess in Gang setzte: Da wir zeit- und streckenbedingt relativ viel auf geteerten Straßen fuhren, und dort – Überraschung! – viel schneller vorankamen als auf Schotterpisten und Trails, keimte in mir der Wunsch nach einem schnellen Straßenrad, vulgo: Rennrad. Juni/Juli fuhr ich einige Male am Abend mit meinem Alltagsrad über Land – auf Teer, mal 30 km, mal 50 km, und ich war erstaunt, wie weit man in 2–3 Stunden Fahrzeit eigentlich kommt. Die erste Probefahrt auf einem Rennrad verlief zwar sehr befriedigend, aber der Lenker, die ungefederte Gabel und die schmalen, harten Reifen waren doch ungewohnt. Ich ließ mir Zeit – kein Impulskauf –, fuhr noch ein Fitnessrad Probe (= Rennrad mit geradem Lenker), aber das war weder Fisch noch Fleisch.

Am 19. Juli 2012, einem Donnerstag, war ich eingeladen zu einem Sommerfest bei einem befreundeten Architektenbüro, traf dort einige Bekannte – und schnell kam die Rede auf das Radfahren. Ich erfuhr von einer kleinen Runde, die immer dienstags nach Feierabend mit dem Rennrad gemütliche Ausfahrten machten, und war angefixt: schon am nächsten Dienstag Abend wollte ich mitfahren. An diesem Dienstag also, 3 Tage vor meinem 44. Geburtstag, beschenkte ich mich selbst mit einem Rennrad, einem Focus Variado 1.0 für 1100 Euro. Am Vormittag der Anruf bei Velo Momber, dass ich das Rennrad kaufen würde (bitte flottmachen), am Nachmittag um 16.30 Uhr dann das Rad abgeholt, und um 18.30 Uhr traf ich am Glashaus-Biergarten auf die Radlergruppe.

Focus Variado 1.0 (2012) mit Ultegra-Schaltung und FSA-Kurbel (Compact, mittlerweile gegen Ultegra getauscht), Alurahmen, Carbongabel, Gewicht 8,9 kg

Focus Variado 1.0 (2012) mit Ultegra-Schaltung und FSA-Kurbel (Compact, mittlerweile gegen Ultegra getauscht), Alurahmen, Carbongabel, Gewicht 8,9 kg

Die Fahrt ging über Kitzingen zum Schwanberg und zurück – etwas über 60 km. Anschließend noch ein alkoholfreier Absacker im Glashausbiergarten, und dann glücklich nach Hause. Meine Mail an die Gruppe am nächsten Tag:

Hallo alle,

nochmal vielen, vielen Dank für den netten Abend und die schöne Tour!

Nachdem ich vor gut einem Jahr mit dem MTB schon eine Art „Erweckungserlebnis“ hatte, habe ich jetzt wochenlang mit dem Rennradkauf gehadert – nicht so sehr aus finanziellen Gründen, sondern vor allem wg. Geometrie/Haltung. Ich muss aber feststellen, dass sich der für meine Verhältnisse sehr lange Entscheidungsprozess absolut gelohnt hat, und zu 100% richtig ausgefallen ist.

Alles hat gepasst, alles fühlt sich richtig gut an. Und ich freue mich auf die nächsten Dienstage! Gelobe jetzt schon Pünktlichkeit.

Als exilierter Rhöner steht für mich natürlich ganz bald schon (August) eine Fahrt zum Kreuzberg an – hätte jemand Lust, mitzufahren? Ich visiere eher Samstag oder Sonntag an, da ich unter der Woche nicht wirklich für einen ganzen Tag loskomme. Ca. 80-90 km einfache Strecke, also eine gemütliche Tagestour (wenn ich den gestrigen Abend mal hochrechne).

Naja, Ihr seht, hier schiessen die Hormone recht ungestüm durch das frischgebackene Rennrad-Männchen … reden wir nächsten Dienstag mal drüber. 

Liebe Grüsse,
Jochen

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnte: Die MTB-Tage waren schon gezählt, ich würde ab jetzt (fast) nur noch Rennrad fahren, und zwar richtig große Touren. Meine persönliche Benchmark liegt aktuell bei 287,7 km Tagespensum, aber das ist eine andere Geschichte …

Geburt eines Radfahrers Teil 1

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