Alltag, Frust, Mensch-Maschine, Würzburg

Critical Mass Würzburg

Gestern, am 11.7., fand wieder die monatliche Critical Mass-Rundfahrt durch Würzburg statt. Leider kamen trotz schönstem Wetter nicht einmal 20 (!) RadfahrerInnen – aber immerhin mehr als 16, so dass wir entspannt im Verband die regulären Strassen befahren durften.

Ich habe diese Aktionsform auch erst in diesem Jahr wahrgenommen, war aber die ersten beiden Male (März, April) dabei. Die erste Fahrt war noch keine echte Critical Mass, da weniger als 16 Leute teilnahmen und wir deshalb gesittet auf den Radwegen fuhren – sofern vorhanden. Im April waren es schon mehr (aber auch weniger als 20), an den Rundfahrten im Mai und Juni habe ich aus privaten Gründen leider nicht teilnehmen können.

Gleich mal die nächsten Termine – Critical Mass in Würzburg findet an jedem 2. Donnerstag im Monat statt, also das nächste mal am

  • 8. August
  • 12. September
  • 10. Oktober

Treffpunkt jeweils 17.30 Uhr am Viehmarkt/Talavera, Parkplatz unterhalb der Friedensbrücke. Dauer ca. 60–90 Minuten.

An der Residenz: Die freundlichen Teilnehmerinnen reichen einen Flyer weiter an einen interessierten Autofahrer …

An der Residenz: Die freundlichen Teilnehmerinnen reichen einen Flyer weiter an einen interessierten Autofahrer …

Worum geht es? Kurz: Sensibilisierung aller Verkehrsteilnehmer für die Belange der RadfahrerInnen und Propagierung des Fahrrads als bessere Wahl gegenüber dem MIV (Motorisierter Individualverkehr – passendes Kürzel, wenn man es etwas gedehnt ausspricht) für die Mobilität vor allem im innerstädtischen Verkehr. Und vor allem in Würzburg gilt: Wenn wir – die Radfahrer – nicht endlich massiv und solidarisch auftreten, wird sich nichts an der Situation hier ändern. Wenn etwa beim 2. Versbacher Fahrradsonntag (am 12.5.2013), zur Abschlusskundgebung, Stadtrat Muchtar Al Ghusain davon spricht, dass sein Weg mit dem Fahrrad von der Keesburg nach Versbach „lebensgefährlich“ sei, oder wenn Stadtrat Wolfgang Kleiner bei der Auftaktveranstaltung zum Stadtradeln (am 7.6.2013 im Rathaus-Innenhof) von der „Energiewende“ spricht, dann treffen diese Worte auf offene Ohren bei den anwesenden RadfahrerInnen – aber die Realität sieht in dieser Stadt ganz anders aus: katastrophale, teilweise lebensgefährliche Verkehrssituationen werden nicht nur durch ignorante AutofahrerInnen, sondern vor allem durch eine völlig unzeitgemäße Verkehrsplanung nicht nur nicht verhindert, sondern immer noch gefördert. Es scheint also zwischen den Adressaten „unten“ und den Entscheidern „oben“ einen Mittelbau zu geben, an den keiner rankommt und der munter autofreundliche bzw. fahrradfeindliche Verkehrsplanung betreibt. Ich bin gespannt, ob Her Al Ghusain, der für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert, seine Ziele umsetzen kann …

Natürlich gab es gestern einige Autofahrer, die sich das Hupen nicht verkneifen konnten (interessanterweise sogar entgegenkommende, deren Fortbewegung ja in keinster Weise durch den gemächlich kurbelnden Fahrrad-Tross beeinträchtigt wurde – es reicht bei einigen immer noch der Anblick eines Fahrrads, um in Rage zu geraten … arme, arme Autofahrer!), aber: gerade zu Berufsverkehrzeiten ist eigentlich keine signifikante Geschwindigkeitseinbuße auf dem Rad zu bemerken – wir standen oft genug hinter den immergleichen Autos im Stau.

Was aber noch nachdenklicher stimmt: Selbst RadlerInnen, die die gleiche Wegstrecke, etwa am Röntgenring, zurücklegten, fuhren parallel und schnell auf dem Radweg davon, anstatt sich bei uns auf der Fahrbahn – zumindest für ein Stück des Weges – einzureihen. Die Vereinzelung und Entsolidarisierung ist recht weit fortgeschritten – aber so wird das nichts mit der Veränderung, die die meisten gerne hätten. Zwar sind alle Menschen gleich, aber wer sich in 1,5 Tonnen Stahl und Kunststoff fortbewegt, Lärm und Feinstaub verursacht und mehrere Quadratmeter Fläche in Beschlag nimmt, ist hierzulande (und ganz besonders in Würzburg) „gleicher“ als derjenige, der sich und 15 kg Material aus eigener Kraft, geräusch- und emissionslos sowie platzsparend vorwärts bringt.

Exemplarisch für die Stimmung in dieser Stadt sei auf einen Leserbrief an die MainPost verwiesen, der diese Woche veröffentlicht wurde und in dem sich ein Herr Lothar Vogt über das Verhalten der Radfahrer an einer der bescheuertesten verbesserungsfähigen Radverkehrsstellen – Bermuda-Dreieck zwischen Real, Burgerking und Aldi – erregt. Er schwadroniert von „Ordnung“ statt „Straßenverkehrsordnung“, aber hätte er die 45 Minuten, in denen er nach eigenem Bekunden bei 39 RadfahrerInnen unkorrektes Verhalten beobachtet hat, dafür verwendet, sich mal ein wenig mit der Straßenverkehrsordnung vertraut zu machen, dann hätte er möglicherweise den Grund für dieses Verhalten erkannt: Es ist an vielen Stellen in Würzburg für Radfahrer quasi unmöglich, sich korrekt zu verhalten, weil die Verkehrsführung unlogisch und inkonsequent ist (und die verkehrsplanerische Inkompetenz mit den allgegenwärtigen „Radweg Ende“-Schildern zu kaschieren, hilft auch nicht wirklich weiter – da gibt es sogar in Bayern ziemlich klare Vorgaben von ganz oben). Leute wie Herr Vogt rufen ständig nur nach mehr „Kontrolle“ und „Strafe“ (=Strafzettel) … ganz schön traurig.

Der Leserbrief von Herrn Vogt – mir tun auch die Autofahrer leid, die sich ihre Fürsprecher ja nicht aussuchen können und die sich fremdschämen, wenn sie so etwas lesen.

Der Leserbrief von Herrn Vogt – mir tun auch die Autofahrer leid, die sich ihre Fürsprecher ja nicht aussuchen können und die sich fremdschämen, wenn sie so etwas lesen.

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2 Gedanken zu “Critical Mass Würzburg

  1. Jan schreibt:

    Ich komm wenn ich mit dem Rad unterwegs bin in der Stunde oftmals auf 4-Stellige Eurobeträge, wenn ich die fälligen Bußgelder für Autofahrer, die zu knapp überholen und mich dadurch gefährden, im Kopf aufaddiere.
    Unsinnige Regeln führen zu regelwidrigem Verhalten und Gefährdung – die angesprochene Stelle muss unverzüglich sinnvoll und regelkonformen umgebaut werden.

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