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Lektüre: Just Ride

Wer ein geerdetes Buch sucht, das dem Fahrradfahren im Allgemeinen gewidmet ist, die Geschichte des Fahrrads nicht zum x-ten Mal erzählt und nicht nur auf Spezialräder wie Rennrad, MTB oder BMX abzielt, liegt mit Grant Petersens „Radically Practical Guide to Riding Your Bike“ (so der Untertitel) absolut richtig – englische Sprachkenntnisse vorausgesetzt, denn das Buch liegt nur in der amerikanischen Originalausgabe vor.

justride

Die ist aber lohnenswert, denn sie hat ein wunderschönes Format, abgerundete Ecken, tolle Illustrationen (keine Fotos!) und eine ansprechende typografische Gestaltung. In den gut 90 kurzen Texten, die die meisten Aspekte des Radfahrens abdecken, gibt Petersen sein breites Allgemeinwissen ebenso weiter wie ein paar tolle Tipps (#64, „Finish your handlebar tape with twine, not electrical tape“, musste ich sofort an 2 Rädern in die Tat umsetzen: sieht wirklich viel besser aus als Isolierband!) – ein ordentliches Fundament, um als Radfahrer fast alle Widrigkeiten des Alltags zu meistern.

Womit wir auch schon bei meiner (verhaltenen) Kritik wären: Der Alltagsradler steht im Fokus, was völlig ok ist, aber die Seitenhiebe auf Rennräder sind eher unnötig. Sicherlich: eine Satteltasche von der Größe einer Aktentasche bietet mehr Fassungsvermögen, eine fest installierte Lichtanlage mit Nabendynamo kann nicht zuhause vergessen werden (und leidet nicht unter leeren Akkus), Schutzbleche halten den Dreck weitgehend vom Fahrer ab, und mit Textilklebeband lassen sich einfache, superhässliche Spritzlappen (!) zusätzlich hinbasteln. Auf Klickpedalen kann ich nicht die Position meiner Schuhe verändern, mit dem Rennrad kann ich kaum schnell über Schotterpisten oder querfeldein fahren, und natürlich trage ich im Alltag lieber Baumwolle als Synthetik auf meiner Haut …

… ABER: Ich fahre genau deswegen gerne Rennrad, WEIL daran nichts montiert ist, was über die minimalen Anforderungen an Antrieb, Bremsen, Lenken und Sitzen hinausgeht. Und das befreiende an meinen ersten Mountainbike-Ausfahrten war, mich durch Matsch und Dreck durchzuarbeiten in der sicheren Gewissheit, dass die Waschmaschine bei meiner Kleidung und der Gartenschlauch am Rad gute Dienste tun werden. Dass ich nach all den Jahren Alltagsradelei doch noch entdeckt habe, dass im Fahrrad ein enormes Spass-Potenzial steckt, das über das rein Zweckmäßige hinausgeht, gehört für mich zu den größeren Erkenntnisgewinnen der letzten Zeit.

Dieser Aspekt fehlt leider fast völlig im Buch, stattdessen propagiert Petersen den „Unracer“, der eben nicht von Radsport jeglicher Art beeinflusst ist, sondern seinen Weg von A nach B nach ausschließlich eigenen Vorstellungen fährt. Das ist mir auch nicht ganz unsympathisch, denn obwohl ich schon gerne mal „sportlich“ unterwegs bin, so fallen mir neben den winkenden und freundlich nickenden FahrerInnen, denen man so begegnet, natürlich auch die verbissenen, verkniffenen, verhinderten „Spitzensportler“ auf, die, Timm Thaler gleich, anscheinend ihr Lächeln in Zahlung geben mussten, um die zigtausende Euro für ihre High-End-Carbonmaschinen zusammenzubringen. Und ich sehe tatsächlich nicht wirklich viel Sinn darin, mir irgendein Tour-de-France-Shirt überzuziehen oder irgendwelche Astronautennahrung (vulgo: Energieriegel oder -gel … brrrrrr!) zu futtern. Die Wahrheit liegt immer irgendwo in der Mitte, und an dieser ist Petersen dann doch näher dran, als es seine bissigen Bemerkungen Richtung Radsport vermuten lassen.

Am Schluss des Buches dann der Test: #89, „Racer or Unracer? A true/false quiz“ mit solchen Fragen: „When an older, fatter rider on a cheaper bike passes me, I don’t chase him.“ oder „I’d ride my bike just as much even if no one saw me and I couldn’t talk or blog or brag about it.“ 10 Fragen, von denen mindestens 6 mit „true“ beantwortet werden müssen, um als „Unracer“ nachts ruhig schlafen zu können. Puh: Ich habs geschafft!

Grant Petersen: „Just Ride: A Radically Practical Guide to Riding Your Bike“
Workman Publishing, New York 2012
ISBN 978-0-7611-5558-4

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