Ehrgeiz, Frust, Lust, Rennrad, Tour 100–200 km

Tour: Kreuzberg solo

Eigentlich wollte ich am Donnerstag (15. August, Mariä Himmelfahrt in Bayern) mit Markus W. zusammen nach Bamberg fahren und von dort alleine weiter nach Coburg, meine Schwiegereltern besuchen. Letzteres tat ich auch, aber mit dem Auto, um Sohnemann Emil abzuholen. Um vor dem Ostsee-Urlaub (am 20. gehts los) noch eine längere Tour hinzubekommen, blieb also nur noch der Samstag (17. August). Es haben sich Freunde aus der Darmstädter Ecke zu Besuch angekündigt, die aber am Samstag erstmal weiterfahren nach Nürnberg ins Playmobilland und Emil mitnehmen. Eine gute Gelegenheit für mich, noch einen letzten „day off“ zu nehmen – alleine, denn ich habe einfach mal wieder Lust auf eine Solo-Tour. Schließlich kann ich mit niemandem so toll schweigen wie mit mir selbst …

20130817-kreuzberg-00Ich stehe um 6.30 Uhr auf, frühstücke eine Schale Müsli, platziere einen ordentlichen Pott Kaffee oben drauf und bin nach der Morgenzigarette startbereit. Bummele doch noch ein wenig, fahre am Geldautomaten vorbei, und höre es 8 Uhr schlagen, als ich in die Pedale klicke. Ich wähle meine übliche Route über Arnstein, aber an diesem Morgen ist es erst mal kühl (ca. 13°), so dass ich mit Jacke und Beinlingen starte – die ich allerdings auf der Anhöhe vor Arnstein schon ausziehe, nach einer Stunde Fahrzeit: kaum steht die Sonne etwas höher am Himmel, schon steigen die Temperaturen innerhalb kürzester Zeit. Die Beinlinge wandern in den Rucksack, die Jacke befestige ich so am Rahmen, dass sie von Fahrtwind und Sonne getrocknet wird – sieht ein wenig prollig aus, aber es sieht ja niemand. Vor Elfershausen, nach der Abfahrt den Steinbruch hinab bei Langendorf, biege ich links ab nach Westheim, Ziel Metzgerei Dorsch.
Aber: Geschlossen aus wirtschaftlichen Gründen – verdammt, wo bekomme ich jetzt mein Leberkäsbrötchen her? Nur Müsli war doch etwas wenig Futter am Morgen, ich könnte schon wieder was vertragen. Die inzwischen ziemlich trockene Jacke wandert in den Rucksack, und ich fahre weiter nach Elfershausen, frage mich zu einer Metzgerei durch, die aber keine Brötchen hat – also zum Bäcker, dort zwei Brötchen geholt und nach einer kalten Cola gefragt: Nein, nur Kakao in der Einwegflasche oder Caprisonne im Plastikbeutel, „wegen dem Pfand haben wir nichts anderes“ … ach ja: Flaschen- und Dosenpfand, die Geiseln der Menschheit – Mann, Mann, Mann! Zurück zur Metzgerei, dort erspähe ich eine Flasche Pepsi-Cola im Regal: „Haben Sie das auch gekühlt?“ – „Nein, aber Bier.“ – „Danke, jetzt noch nicht, Bier gibt es am Kreuzberg.“ Ich verdrücke meine zwei Brötchen auf der Saale-Brücke, beobachte ein paar Bootstourer in ihrem Kanadier beim Umsetzen, rauche gegen alle Radfahr-Gewohnheit eine Zwischendurch-Zigarette und fahre gegen 10.30 Uhr weiter.

Metzgerei Dorsch in Westheim geschlossen – ich will mich nicht als Stammkunden bezeichnen, aber hier bin ich die letzten beiden Jahre schon öfter vom Rad gestiegen, um eine Brotzeit einzulegen.

Metzgerei Dorsch in Westheim geschlossen – ich will mich nicht als Stammkunden bezeichnen, aber hier bin ich die letzten beiden Jahre schon öfter vom Rad gestiegen, um eine Brotzeit einzulegen. Gut zu sehen: meine Jacke an der Mittelstange.

Tolles Rad auf der Saale-Brücke bei Elfershausen :)

Tolles Rad auf der Saale-Brücke bei Elfershausen 🙂

Keine besonderen Vorkommnisse – Oberthulba, Hassenbach, Katzenbach, Lauter, Burkardroth, Stangenroth … dort, in der Kurve, stehen zwei Radler. Sie trägt das schon von weitem gut erkennbare RSG-Trikot, beide gebeugt über Karte oder sonstwas. Ich fahre um die Kurve, rufe ein freundliches „Hey, Würzburger“ zu und winke, fahre aber weiter – aus irgendeinem Grund Vorurteil sind mir die RSGler nicht ganz geheuer (Zitat aus diesem Artikel: „… man sollte wissen, dass RSG-Gruppen nicht zuletzt für ihre Tempohärte bekannt sind.“). Die holen mich eh gleich ein …

… oder auch nicht. Vermutlich haben die beiden noch die Strecke Gefäll–Oberbach eingebaut und sitzen längst am Kreuzberg, bis ich oben ankomme – zu sehen sind sie bisher nirgends. Ich arbeite mich mit passablem Tempo an meinem „Lieblingsanstieg“ bei Langenleiten hoch und mache einen kurzen Stop am Guckaspass, um nochmal einen tiefen Schluck aus der Pulle zu nehmen (die zweite schon – es ist heiß und der Flüssigkeitsbedarf heute enorm). Da kommt ein älterer Herr mit einem älteren Hercules-Renner auf mich zu und fragt, ob ich alleine fahre. Ja, und selbst? Ja, aber er wartet auf ein Pärchen. Aus Würzburg? Die habe ich in Stangenroth stehen sehen. Wir kommen ins Gespräch – scheinbar wartet er auf die beiden Würzburger, um ihnen die Route über die alte Panzerstraße nach Oberwildflecken und dann zum Kreuzberg hoch zu zeigen. Er fährt ja nicht gerne den Berg hoch, lieber auf der „Ebene“ (persönliche Trainingsstrecke: Bischofsheim-Bad Neustadt und zurück). Die beiden kennt er nicht persönlich, aber die Frau ist wohl die Arbeitskollegin einer Freundin seiner Tochter … und so steht er da und wartet. Ich überlege, weiterzufahren, aber da entdecke ich die beiden am Pass-Anstieg. Kurze Begrüßung und Vorstellung der drei untereinander (ich halte mich etwas abseits), Weiterfahrt. An der Panzerstraße fahre ich wieder vorneweg, aber an der letzten Steigung haben wir schon wieder Sichtkontakt, der Mann zieht recht zügig an mir vorbei, meint, ich würde ihn eh gleich wieder einholen (schön wärs – aber gut, wenn andere so von mir denken). Immerhin: Ich überhole am Berg oben ein paar Trekking-Fahrer, die trotz ihrer 3fach-Kurbeln und der „bergfreundlicheren“ Übersetzung (22:32 statt meiner 34:27 – da kann man ganz anders kurbeln …) dennoch gemächlich hochtreten (einige hatten eh geschoben und sind erst kurz vor Schluss wieder aufgestiegen – für Rennradfahrer ist das Schieben ja ein absolutes No-Go).

Oben habe ich den Würzburger schon aus den Augen verloren – aber die Würzburgerin kommt auch schon, und schließlich findet sich die ganze Gruppe zusammen. Jetzt stellen wir uns namentlich vor: Sie heißt Monika, er Andreas, und der nette Herr Lothar. An zwei Tischen sitzt mit Lothars Frau, der Tochter Verena, deren Großeltern sowie der Freundin u.a. (habe den Überblick verloren) ein veritables Empfangskomitee. Andreas hat sich schon eine Maß Spezi organisiert und will partout kein Bier. Also lade ich Lothar und Monika auf eine Halbe ein – zwei Radler für die beiden, ein Bier für mich: Limo im Kreuzbergbier ist für mich ein absolutes No-Go 🙂

Andreas machts richtig: 1 Kloß extra, und gleich den Nachtisch mitgenommen …

Andreas machts richtig: 1 Kloß extra, und gleich den Nachtisch mitgenommen …

Wir unterhalten uns blendend, vor allem mit Lothar komme ich gut ins Gespräch über dies und das, das Radfahren und die Rhön betreffend. Andreas und Monika stellen sich lange an für ein ordentliches Mittagessen – ich habe noch nicht wirklich wieder Hunger, aber irgendwann drückt mir Verena eine Bratwurst in die Hand. Na gut, aber ich hätte sie nicht wirklich gebraucht in diesem Moment. Die Zwischenmahlzeit in Elfershausen hat mir den Appetit genommen – fatalerweise, wie sich später noch herausstellen wird, denn nach 4¼ Stunden Fahrzeit, 95 Kilometern Strecke und den zurückgelegten Höhenmetern gehört nun mal ein ordentliches Essen in den Magen, um die Energiereserven wieder aufzufüllen. Ich belasse es bei 2 Halben Kreuzbergbier, einer Bratwurst im Brötchen, 2 Zigaretten und einem halben Liter Cola-Mix. Monika kann meine Vorurteile gegen RSG-FahrerInnen weitgehend zerstreuen, so dass ich mittlerweile weiß: sie beißen nicht und sind eigentlich ganz grundsympathische RadlerInnen :)))

Vor der Abfahrt am Kreuzberg: Monika, Andreas und Lothar, links ich.

Vor der Abfahrt am Kreuzberg: Monika, Andreas und Lothar, links ich. Foto von Verena.

14.15 Uhr brechen wir auf. Für den Rückweg hatte ich mir sowieso vorgenommen, über Bad Neustadt und Münnerstadt noch einmal die B 19 (bzw. B 287) zu wählen und zügig nach Würzburg zu sausen. Bis Bad Neustadt eskortiert uns Lothar, der seine Trainingseinheit für diesen Tag gleich erledigt, wir verabschieden uns kurz hinter Bad Neustadt, vor der Abfahrt nach Unterebersbach. Zu dritt fahren wir weiter – der Gegenwind, der uns schon seit Bischofsheim entgegenbläst, macht sich im freien Gelände immer mehr bemerkbar, und die Sonne sticht mittlerweile gnadenlos herab. Da Monika und Andreas ihr eigenes Tempo fahren wollen und ich eigentlich um 18 Uhr wieder in Würzburg sein wollte, trennen wir uns kurz vor Burglauer, und ich fahre alleine weiter.

Ich wähle die Route, die ich mit Markus schon beim Kuppenritt gefahren bin – Burglauer, Reichenbach, Burghausen – um den Michelsberg bzw. Schindberg bei Münnerstadt von hinten etwas flacher hochzufahren. Dann starte ich wieder auf der B 287 durch – und merke, dass sowohl Gegenwind als auch Verkehr deutlich stärker sind als bei meiner letzten Fahrt auf dieser Strecke. Es ist nicht wirklich ein Vergnügen, heute hier langzukurbeln, die Autos nerven. Und der Wind nervt. Von wegen Tempo – der regelmäßige Blick auf den Tacho zeigt mir unerbittlich, dass das heute nichts wird mit einem Schnitt von 30 km/h, alleine und gegen den Wind, der immer stärker bläst. Die B 287 ist weitgehend busch- und baumfrei an den Seiten, nichts da, was dem Wind seine Kraft nehmen könnte, und so nimmt der Wind mir meine Kraft, unerbittlich. Schon bei Poppenhausen, auf halber Strecke zwischen Münnerstadt und Werneck, bin ich ausgelaugt und fühle mich schlapp, schlapp, schlapp. Kurzer Halt, Wasser trinken, 2 Traubenzucker und ein Bonbon einwerfen, weiter. Schleppend. Langsam. Meine Güte, hoffentlich sieht mich niemand …

In Werneck Stop an der Tankstelle, eine eiskalte Cola und 2 Marsriegel müssen den Kohlehydrat-Mangel ausgleichen. Neben der (beinahe totalen) Erschöpfung beunruhigt mich ein seltsamer Unterdruck im Ohr, das nervt ungemein. Und meine Nase läuft permanent – habe ich mich erkältet? Wann, wo, wie? Ich kurbele weiter, wo immer möglich auf den Radwegen abseits der Straße, der Unterdruck im Ohr wird immer schlimmer, das nervt gewaltig. Letzter Halt in Unterpleichfeld, Wasserflasche, Traubenzucker – ist das Schwindelgefühl, das ich da spüre? Ich bin wackelig auf den Beinen, stütze mich an einer Mauer ab. Nur noch ein paar Kilometer, und fast nur bergab – Kürnach, Estenfeld, Lengfeld –, sonst würde ich jetzt zum Telefon greifen und die Tour abbrechen. Und immer noch: Gegenwind, Unterdruck im Ohr – jetzt einfach nur noch nach Hause.

Mit einer Stunde Verspätung (im Vergleich zur letzten Fahrt auf dieser Route) komme ich zuhause an, fix und alle. Freund Holger meint später, der Unterdruck im Ohr kommt vom Wassermangel, und tatsächlich: nach zwei Litern Mineralwasser und einem Liter Bier verschwindet kurz vorm Schlafengehen das lästige Gefühl im Ohr. Die Rückfahrt verbuche ich stillschweigend unter „Qual“ und beschließe, niemandem davon zu erzählen, wie ich an diesem Tag völlig ausgelaugt nach Hause gekrochen bin … 😦

Statistik:

196,28 Tageskilometer
8:17 h reine Fahrzeit
23,69 km/h Durchschnitt
80,86 km/h max.
68 UPM Durchschnitt
2197 m Tageshöhe
868 m max.

Würzburg – Kreuzberg – Würzburg (GPX / KML)

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