Ehrgeiz, Lust, Rennrad, Tour 100–200 km

Bocksbeuteltour 2013

Gestern war es soweit – die zweite Teilnahme in diesem Jahr an einem (rad-)sportlichen Jedermann-Event stand an, und mit Markus W. war auch wieder für die notwendige personelle Konstante gesorgt. Ich hatte ja schon geschrieben, dass ich mitfahren will – und zwar die längste Tour mit 155 km –, aber schon seit ein paar Tagen verhießen die App-Prognosen nichts gutes für diesen Sonntag (und das ausgerechnet nach einer Woche mit Bilderbuchwetter). Und so wachte ich auch vor dem Weckerklingeln schon einmal auf – geweckt vom dezenten Prasseln der Regentropfen auf die Dachziegeln vor dem geöffneten Schlafzimmerfenster …

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Der Wecker klingelt kurz nach 6 Uhr – die Liebe zum Radfahren wird wieder einmal deutlich, denn warum sonst sollte jemand an einem freien (!) Sonntag (!!) um 6 Uhr (!!!) freiwillig (!!!!) aufstehen (!!!!!)? Erschrocken stelle ich fest, dass im Verlauf der letzten Wochen (Ferien – ich bin schon länger nicht mehr um 6 Uhr aufgestanden) der Sonnenaufgang dramatisch nach hinten gewandert ist: Es ist ja quasi noch finstere Nacht! Zum Frühstück wie üblich Müsli, dazu lecker Apfelkuchen und einen Riesenpott Kaffee – den ich, immer noch halbvoll, mit auf den Balkon nehme, um Wetter-Check und Morgenzigarette zu verbinden. Der Regen, der mich schon vor dem Weckerklingeln geweckt hat, ist in ein ganz, ganz feines Nieseln übergegangen, eigentlich kaum spürbar. Und mit 18° Celsius ist auch die Temperatur angenehm, noch dazu bei Windstille. Einzig: Die Straßen sind klatschnass, in den Dellen stehen Pfützen – das wird eine Sauerei, und ich werde schon durch und durch nass sein, noch bevor die Tour angeht, denn der Startpunkt liegt ca. 18 km entfernt bei Repperndorf, kurz vor Kitzingen. Und da muss ich ich ja auch erst mal hinfahren …

Mit Markus habe ich am Vorabend vereinbart, dass wir uns zwischen 7.30 und 7.45 Uhr am Startpunkt bei der GWF treffen, aber ich habe zu sehr getrödelt und mich in der Strecke verschätzt: ich komme erst nach 7 Uhr los (7.10 Uhr, wenn ich ehrlich bin) und treffe erst um 7.50 Uhr bei der GWF ein. Klatschnass von oben bis unten dazu. Nicht, dass es sehr unangenehm wäre – die Temperaturen sind nach wie vor okay (Umgebung, Körper), und die Vollsynthetik am Körper wird ja innerhalb kürzester Zeit trocken. Aber: tote Hose, keine Massen von unternehmungslustigen Radfahrern – dafür Regenjacken, Pfützen, und eher trübe Stimmung. Markus entdecke ich gleich, er hat sich schon angemeldet (#101), ich melde mich ebenfalls an (#141). Wie gehabt, wird die Startnummer auf den Rucksack gepinnt, der Kontrollzettel eingesteckt, und los gehts – nachdem ich Markus, der den fehlenden Kaffee moniert, versprochen habe, dass wir so bald als möglich seinen nicht vorhandenen Koffeinspiegel auf Betriebsniveau heben.

Soviel zum Thema Motivation – nach der Ankunft bei der GWF eher triste Stimmung …

Soviel zum Thema Motivation – nach der Ankunft bei der GWF eher triste Stimmung …

… allenthalben eher verhaltene Stimmung: Markus (in blauer Jacke).

… allenthalben eher verhaltene Stimmung: Markus (in blauer Jacke) hat heute noch keinen Kaffee bekommen.

Startnummer141 – ich glaube nicht, dass sich nach mir nochmal so viele angemeldet haben.

Startnummer 141 – ich glaube nicht, dass sich nach mir nochmal so viele angemeldet haben.

Und das passiert sofort in Dettelbach, nach Buchbrunn und Mainstockheim der dritten Ortschaft auf unserer Route, und noch vor dem ersten Kontrollpunkt, in einer kleinen Bäckerei, in der die Verkäuferin sichtlich unmotiviert Markus‘ Bedürfnisse zur Kenntnis nimmt. Ich rauche derweil noch eine Zigarette vor der Tür – und bemerke mit Freude, dass nun doch Grüppchen um Grüppchen vorbeifährt. So ganz alleine sind wir also nicht.
Die Feuchtigkeit kommt mittlerweile nur noch vom Straßenbelag, der Himmel hält sich bedeckt – im doppelten Wortsinn: es regnet bzw. nieselt nicht mehr, aber auch von der Sonne ist nichts zu sehen. Über Brück geht es weiter nach Neuses am Berg und Köhler, wo wir erst zu einem einzelnen Radler aufschließen und mit diesem zusammen dann ein Duo erreichen, denen wir ab Escherndorf hinterherfahren (Windschatten). Nach Astheim erreichen wir Volkach. Den Kontrollpunkt (22 km) dort übersehen wir fast (gut versteckt), die beiden vor uns rauschen vorbei, nur der einzelne Radler hört meine lauten Rufe und dreht um (die anderen beiden kommen dann auch zurück, vermutlich, nachdem sie das Ortsschild Volkach passiert und immer noch keinen Kontrollpunkt gesehen haben). Markus sorgt für Kurzweil, weil er seinen Schuh nicht aus dem Pedal bekommt (Cleat locker, Schraube verloren), aber Inbus-sei-Dank lässt sich die Situation entschärfen, zumindest für den Rest des Tages muss Markus beim Absteigen nicht mehr den Schuh ausziehen … Am Kontrollpunkt gibt es den ersten Stempel, natürlich wieder Schmalzbrote und Obst (hier allerdings auch Brote mit Kochkäse und allerleckerste Tomaten), und nachdem wir uns gestärkt haben, geht es weiter.

Der zweite Streckenabschnitt führt zuerst über Eichfeld und Laub nach Wiesentheid. Nach Eichfeld treffen wir einen älteren Einzelfahrer, an dem mir nicht nur die trainierten Waden, sondern auch das Trikot (Arber-Radmarathon) auffallen. Unverbindliche Plauderei, ein bißchen gemeinsames Windschattenfahren – dennoch finden wir nicht zu einem Trio zusammen, in Wiesentheid zieht der „Steppenwolf“ weiter. Allerdings hat der Wind mittlerweile dermaßen zugenommen, dass wir den Einzelfahrer bald wieder einholen nach Feuerbach und gemeinsam weiterfahren – über Klein- und Großlangheim und Rödelsee nach Iphofen, dem zweiten Kontrollpunkt (52 km). Aber dort geht der Steppenwolf wieder seiner Wege und setzt sich alleine abseits von uns hin.
Markus: „Die Geselligkeit und das Windschattenfahren hat der auch nicht gerade erfunden.“
Ich: „Was erwartest Du von jemandem, der ein Rad der Marke „Steppenwolf“ fährt?“

Kontrollpunkt 2 in Iphofen – die Straße schon trocken, und die Sonne kommt auch noch. Versprochen!

Kontrollpunkt 2 in Iphofen – die Straße schon trocken, und die Sonne kommt auch noch. Versprochen!

Noch einmal taucht der Steppenwolf kurz auf, als wir weiterfahren, aber dann biegen wir bei Willanzheim ab auf die längere Tour, und unsere Wege trennen sich endgültig. Mittlerweile sind die Straßen übrigens ziemlich trocken, auch die Sonne scheint vereinzelt durch die lockerer werdenden Wolken durch – hey, das wird doch noch ein richtig schöner Radlertag!

Von Willanzheim über Mönchsondheim und die Nierenmühle fahren wir nun abseits der Hauptverkehrsstraßen auf ruhigen, schmalen Teerpisten entspannt durch die Lande. Bei Nenzenheim wechseln wir wieder auf eine Kreisstraße, aber auch hier ist nicht so viel Verkehr. Dafür gibt es mal eine schöne lange Abfahrt nach Krassolzheim. Und mittlerweile Sonnenschein. Echten Sonnenschein – aber auch Wind. Weiter geht es über Kottenheim, Markt Nordheim (auf dem Ortsschild steht: „Markt Markt Nordheim“ – kommt schon, Leute, ist das Euer Ernst?!) und Wüstphül an Ulsenheim vorbei nach Weigenheim. Speziell bei Ulsenheim war der Gegenwind schon richtig ätzend – und genau dieses Stück müssen wir nochmal fahren, denn die extralange Tour bekommt bei Weigenheim einfach eine Schleife nach Süden angehängt, so dass Weigenheim dritter (84 km) und vierter (125 km) Kontrollpunkt ist. Anhand der Strichliste am Kontrollpunkt wird klar: die lange Tour 4 fahren höchstens 25 Fahrer (19 Striche plus gefühlte Dunkelziffer), und auch für die Tour 3 (115 km) zähle ich keine hundert Striche. Andererseits kommt just in diesem Moment ein gutes Dutzend Radler angefahren – nach all den Einzelgängern und Paaren die erste größere Gruppe, die ich an diesem Tag auf dem Rad sehe.

"Radfahren – im Verein am schönsten". Zu zweit aber auch schon besser als alleine: unsere Räder in Weigenheim.

„Radfahren – im Verein am schönsten“. Zu zweit aber auch schon besser als alleine: unsere Räder am Kontrollpunkt 3 in Weigenheim.

"Die heiße Schlacht am kalten Buffet" – das Gedränge ist überschaubar.

„Die heiße Schlacht am kalten Buffet“ – das Gedränge ist überschaubar.

Weiter geht es mit unserer Südschleife – über Geckenheim nach Uffenheim, dann bei Schafhof ab nach Uttenhofen, Rudolzhofen, Seenheim. Obwohl das hier eine wenig befahrene Nebenstraße ist – und längst schon fahren wir im Landkreis Neustadt/Aisch umher –, kommt doch ein hupender BMW-SUV von hinten angeprollt. Trottel, blöder! Zwischen Egersheim und Oberntief wird die Strecke fast surreal – ein lichter Eichenwald, eine Teerstraße mit teilweise abenteuerlich tiefen Löchern und Dellen, und am Waldrand einer der Veranstalter im Auto, der wohl schauen wollte, ob wir auch wirklich die Strecke fahren?! Über Unterntief und Berolzheim nach Humprechtsau und Herbolzheim und dort wieder auf das bekannte, windige Stück der Kreisstraße bei Ulsenheim. Markus und ich wechseln uns ab beim Windschattenfahren – auf den belebteren Straßen ist an Nebeneinanderfahren eh nicht zu denken.

Immer gut für die Stimmung: Bei langen Touren habe ich gerne eine Liste mit den Ortschaften am Oberrohr.

Immer gut für die Stimmung: Bei langen Touren habe ich gerne eine Liste mit den Ortschaften am Oberrohr, zur Orientierung.

In Weigenheim wirkt der Kontrollpunkt nun schon ziemlich einsam, außer dem freundlichen Personal kommen nur noch ganz vereinzelt Fahrer dazu. Auch wir halten uns beim zweiten Mal nicht mehr so lange auf – eigentlich hätte ich gerne mal eine Zigarette geraucht (die letzte liegt nun schon mehr als 6 Stunden zurück), und nach uns kommt auch tatsächlich ein drahtiger, sportlicher Fahrer an, der erstmal genüsslich eine durchzieht. Allein: ich habe am Morgen vergessen, meine Drehfilter aufzufüllen, und habe nur noch 1 Filter – der ist bestimmt für die Ziel-Zigarette.

Endspurt also: Reusch, Ippesheim, Bullenheim, Seinsheim, Iffigheim, Obernbreit, Marktbreit, Segnitz, Sulzfeld, Kitzingen, Mainstockheim, Buchbrunn, GWF – die letzte Etappe fahren wir einfach runter, Kilometer für Kilometer. Auf den Radwegen nebeneinander und plaudernd, auf der Straße hintereinander und schweigsam. So wie der Tag mit einer längeren Abfahrt begann – von der GWF abwärts nach Mainstockheim –, so endet er mit einem letzten längeren Anstieg. Dann sind wir da, Punkt 16 Uhr. Meine Befürchtung, an der GWF würde kein Bier serviert, bewahrheitet sich glücklicherweise nicht. Und es gibt Bratwürste, Kaffee, Kuchen … und die verdiente Zigarette! Getrübt wird die Stimmung lediglich von dem Umstand, dass wir offenbar die allerletzten sind, die hier eintrudeln – es sitzen kaum noch Radler da, und allgemein deutet die Geräuschkulisse, die vom Zusammenlegen der Biergarnituren herrührt, das baldige Ende der Veranstaltung an. Schade, will man doch nach 162 tatsächlich gefahrenen Kilometern nicht den Eindruck gewinnen, beim Aufräumen zu stören … Dass es keine Urkunde gibt, ist gerade noch so verschmerzbar; für 4 Euro extra hätte es einen Bocksbeutel gegeben, den Markus auch gewählt hat, aber nicht ich, der ich kein Weintrinker bin.

Für mich der einzige Nachweis über die Tour …

Für mich der einzige Nachweis über die Tour …

… naja, ob Markus diese Flasche so lange aufheben wird wie ich meinen Zettel?

… aber ob Markus diese Flasche so lange aufheben wird wie ich meinen Zettel?

Markus und ich fahren noch gemeinsam bis Biebelried, dann trennen sich unsere Wege. Das letzte Wort bekommt Markus: „Da haben wir aber den letzten Sommertag noch mal sinnvoll genutzt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen … außer, dass ich gegen 17.30 Uhr zufrieden zuhause ankomme und mir erstmal ein Bad gönne.

Statistik:

161,92 Tourenkilometer (plus 36 km An- und Abfahrt)
6:51:34 reine Fahrzeit
23,66 km/h Durchschnitt
65,35 km/h max.
68 UPM Durchschnitt
1213 m Tageshöhe

Tour als GPX / KML

Nachtrag 1: Leider ist nach exakt einem Jahr mein rechter STI (Shimano Ultegra) kaputtgegangen – irgend so ein windiges Plastikteil an einer versteckten Stelle abgebrochen (!) – aber glücklicherweise hat mir der Fahrradhändler meines Vertrauens für die Tour einen Ersatzhebel organisiert. Interessant: Ich dacht immer, dass diese Hebel mit sichtbarem Schaltzug uncool wären – tatsächlich finde ich ihn aber haptisch viel angenehmer. Dennoch bleibt die assymetrische Optik gewöhnungsbedürftig, und ich hoffe auf baldige Abhilfe.

Nachtrag 1: Leider ist nach exakt einem Jahr mein rechter STI (Shimano Ultegra) kaputtgegangen – irgend so ein windiges Plastikteil an einer versteckten Stelle abgebrochen (!) – aber glücklicherweise hat mir der Fahrradhändler meines Vertrauens für die Tour einen Ersatzhebel organisiert. Interessant: Ich dacht immer, dass diese Hebel mit sichtbarem Schaltzug uncool wären – tatsächlich finde ich ihn aber haptisch viel angenehmer. Dennoch bleibt die assymetrische Optik gewöhnungsbedürftig, und ich hoffe auf baldige Abhilfe.

Nachtrag 2: Zuhause, kurz vor dem Eintauchen in die Badewanne – die morgendliche Feuchtigkeit plus Schmutz und Staub oberhalb der Sockenlinie :)

Nachtrag 2: Zuhause, kurz vor dem Eintauchen in die Badewanne – die morgendliche Feuchtigkeit plus Schmutz und Staub oberhalb der Sockenlinie 🙂

Nachtrag 3: Der Kontrollzettel stammt noch von einer früheren Tour: der Streckenverlauf ist ungültig – was nicht heißt, dass ich mich nicht davon inspirieren lassen könnte (muss ich mal im Routenplaner nachbasteln :))

Nachtrag 3: Der Kontrollzettel stammt noch von einer früheren Tour: der Streckenverlauf ist ungültig – was nicht heißt, dass ich mich nicht davon inspirieren lassen könnte (muss ich mal im Routenplaner nachbasteln :))

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