Alltag, Frust, Mensch-Maschine, Würzburg

Tempo 30

Der Rennradfahrer verbindet mit „Tempo 30” sicherlich etwas anderes, vor allem mit „Durchschnittstempo 30“ … hier geht es aber nicht um Rennradfahrer, sondern um eine Regelgeschwindigkeit von 30 km/h für Städte. Das war gestern wohl eine Topstory im Lokalteil der hiesigen Mainpost, und es wurde auch gleich eine Umfrage geschaltet, an der ich mich zu später Stunde auch noch beteiligte: „Was halten Sie von der Forderung des VCD, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in allen Städten einzuführen?“

Nach dem Klicken eines der 3 Knöpfchen kam das bisherige Ergebnis (Stand gestern 23.17 Uhr – 381 Stimmen):

  • Find ich gut: 35,96%
  • Find ich nicht gut: 61,68%
  • Mir egal: 2,36%

Nun gibt das nur die Stimmungslage hier in Würzburg wieder, und auch nur von Mainpost-Lesern (der ich nicht bin – bekam aber am Abend eine Mail mit dem Hinweis auf diese Umfrage, deswegen habe ich die Seite aufgerufen), und auch nur von denen, die online sind, und da nur von denen, die Ambitionen zum Klicken bei Umfragen haben … aber die Problemstellung hinter dem Artikel und der Umfrage ist eine grundsätzliche, nicht ortspezifische und vor allem: chronische.

Rechtzeitig zum Schulanfang gestern in Bayern wurde die Installation von Tempo 30-Schildern vor Schulen angegangen, auch um die Ecke von meinem Büro, wo zwei Gymnasien (Riemenschneider und Siebold) am Rennweger Ring direkt nebeneinander liegen. Da ich hier seit Jahren täglich (mit dem Rad) vorbeifahre, kann ich ein sehr gutes Stimmungsbild der Situation vermitteln: Sie ist beschämend und schrecklich, der Begriff „Chaos“ nicht wirklich abwegig, wenn es um die Zustände dort etwa um 13 Uhr zum Schulschluss geht. Wo sich morgens der Zustrom der SchülerInnen und LehrerInnen immerhin auf ein etwa 30-minütiges Zeitfenster verteilt, drängen nun alle so schnell wie möglich nach draussen. Viele müssen die Straße queren. So weit, so Tempo 30 – sollte man meinen.

Das größere Problem aber sehe ich nicht in den (vorbei-)fahrenden Autos, sondern in den stehenden: Gegenüber der Gymnasien, v.a. auf Höhe Siebold-Gymnasium, steht eine Reihe von 20 Fahrzeugen im absoluten Halteverbot, Tag für Tag: Das sind wohl die sog. Helikopter-Eltern. Eltern, die ihren Nachwuchs morgens mit dem Auto vor die Schultüre fahren und mittags vor der Schultüre abholen. Und die sich einen Scheißdreck scheren um die Halteverbotsschilder – und um die anderen Kinder, für die vor allem sie selbst, als Falschparker und Verkehrschaos-Verursacher, letztlich die größte Gefahr darstellen. Die befahrbare Straßenbreite nimmt durch die illegale Autoreihe um ca. 30% ab, die Busse des ÖPNV können die Haltestellen nicht anfahren, in der kalten Jahreszeit läuft dann noch der Motor eine Viertelstunde lang vor sich hin, damit es im Auto schön warm bleibt … es ist einfach nur ekelhaft! (Da ich von der Eichstraße über die Kapuzinerstraße in den Rennweger Ring biege, weiß ich einmal mehr das Fahrrad zu schätzen: entspannt am Autostau vorbeizuradeln ist immer noch eines der größten Vergnügen im Radler-Alltag.) Speziell in der Kapuzinerstraße, im kurzen Stück zwischen den beiden Gymnasien, gilt nur noch „Fressen und gefressen werden“ – da wird der Gehweg befahren, OBWOHL SCHULKINDER DORT LAUFEN … ein Wunder, dass hier nicht regelmäßig schwere Unfälle passieren, erklärbar nur durch den Umstand, dass sich alle Beteiligten auf das Chaos vor Ort eingestellt und individuelle Überlebensstrategien entwickelt haben (was, nebenbei bemerkt, pauschal für alle Radfahrer in Würzburg gilt).

Ich selbst habe mich schon vor einigen Jahren an die Schulleitung der Grundschule Stadtmitte gewandt, weil auch mir als Vater von 2 Kindern (die besagte Grundschule per Fahrrad angefahren haben) der alljährlich wiederkehrende Zirkus mit den Auto-Eltern echt zum Hals raushängt, und einen Artikel aus der Mitgliederzeitschrift des ACE (Autoclub Europa) zur alljährlich wiederkehrenden Problematik des Autoverkehrs vor den Schulen, durch Eltern verursacht in Kopie eingereicht. Die Schulleiterin hat den Artikel auch an die Pinnwand gehängt – wo ihn die Autoeltern, die das Fahrzeug ja bestenfalls verlassen, um die Büchertasche aus dem Kofferraum zu holen, natürlich nicht sehen.

Was das mit der Forderung nach Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts zu tun hat? Viel, denn wenn man die ganzen aktuellen Probleme im Verkehr zusammenzählt – Lärm, Feinstaub, Unfallgefahr, sich gegenseitig bekriegende Verkehrsteilnehmer (Autofahrer gegen Radfahrer gegen Fußgänger – alle gegen alle) –, dann bleibt unterm Strich, neben je individuellem Fehlverhalten (asoziale Egoisten gibt es nicht nur hinter den diversen Lenkrädern und Lenkern, sondern auch unter den Fußgängern), der größte Malus am Auto hängen. Es ist ineffizient (verglichen mit ÖPNV oder Fahrrad), verbraucht unglaublich viel Platz (ein Blick aus dem Fenster genügt: der stehende Verkehr verstopft sämtliche Straßen und Gehwege), verbraucht obszön viele Ressourcen (bei der Herstellung ebenso wie im laufenden Betrieb) und – was gerne übersehen wird – verzerrt völlig die Wahrnehmung der individuellen Fortbewegung. Denn es bewegen sich hier nur noch ein paar Gelenke im Hand- und Fußbereich, dieweil das Individuum bequem im Sessel sitzt und jegliches Gefühl für Distanz, Geschwindigkeit und Umwelt verliert. Es gibt durchaus Gelegenheiten, bei denen ich das Auto ebenfalls benutze – im Jahresschnitt etwa 1x die Woche. Aber nur noch für „Fernfahrten“, innerorts nach Möglichkeit gar nicht mehr. Denn gerade Würzburg leidet unter dem motorisierten Individualverkehr (MIV): insbesondere die Qualität der Luft lässt zu wünschen übrig (die Kessellage tut das ihrige dazu), und der Platzmangel (enge Stadtstruktur) lässt keine großzügigen Verkehrslösungen zu (siehe Mittlerer Ring: eine Schneise, die effektiv Frauenland, Keesburg etc. vom Innenstadtbereich abschneidet und noch dazu von Autobahnbenutzern als Abkürzung gebraucht wird).

Tempo 30 ist nur ein Mittel, um das Autofahren unattraktiv zu machen. Richtig gelesen: es MUSS unattraktiv werden, jede Distanz im Stadtgebiet mit dem Auto zurückzulegen – und es MUSS attraktiv werden, so oft wie möglich auf das Auto zu verzichten. Nur so werden Städte wie Würzburg wieder lebenswert, also menschengerecht (und nicht autogerecht). Würzburg bemüht sich ja um die Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern e.V. (AGFK), aber es zeugt nicht wirklich von Häme oder Zynismus, wenn die eine oder der andere bei der Vorstellung laut loslachen muss. Bis dahin ist es jedenfalls ein weiter Weg – den die Verantwortlichen, so steht zu befürchten, aus alter Gewohnheit so weit wie möglich mit dem Auto zurücklegen werden …

Zwei Trivia zum Thema:

„In dieser Legislaturperiode wurde die Autolobby 33 Mal von Bundeskanzlerin Angela Merkel empfangen, das heißt im Durchschnitt alle anderthalb Monate, viel öfter als andere Lobbygruppen.“ (Der Freitag Nr. 37 vom 12. September 2013)

In seiner Kolumne in Konkret 7/2013 klärt Hermann L. Gremliza unter dem Titel „Spaß mit Gas“ über „die deutsche Autogesellschaft“ auf, vor allem über den Umstand, wie wir Steuerzahler über das „Dienstwagenprivileg“ die Autoindustrie (und besonders die dicken Schlitten) subventionieren. Kritische Anmerkungen dazu finden sich auch bei Wikipedia im entsprechenden Eintrag (unter „Kritik an der steuerlichen Behandlung von Dienstwagen (Deutschland)“).

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