Ehrgeiz, Frust, Lust, Rennrad, Tour < 100 km

Sauwetter

Was tue ich an einem Samstag, den die Wetter-Apps schon seit Tagen als regenreich, zumindest als sehr feucht ankündigen? Ich höre auf meine Frau, die mir am Abend vorher versichert, dass das Wetter ganz ok werden würde, ignoriere die Apps und beschließe, eine kleine Tour zu meinen Eltern zu fahren, um endlich einmal die Gaben meiner Schwiegermutter (Gemeinde Untersiemau bei Coburg) meinen Eltern (Gemeinde Markt Burkardroth bei Bad Kissingen) zu überbringen: Eine Packung Amicelli und eine Riesentafel Milka-Schokolade, die seit dem letzten Besuch bei Schwiegereltern in unserer Speisekammer auf den nächsten Besuch bei meinen Eltern warten …

Natürlich ist das purer Unfug: Beides wäre problemlos im meinem Elternhaus nächstgelegenen Supermarkt zu erstehen, ich müsste also nur auf den letzten Kilometern das Gewicht der Süßigkeiten transportieren (immerhin ca. 500g). Und hätte Platz im Zwergenrucksack für zusätzliche Klamotten. ABER: Es geht ja nicht um die konkreten Süßigkeiten, sondern die Geste – nachdem das Zuckerzeug schon den weiten Weg von Untersiemau nach Würzburg (105 km) per Auto zurückgelegt hat, soll es wenigstens von hier aus ökologisch unbedenklich die restlichen 65 Kilometer zurücklegen. Und vielleicht ist ja noch ein Kreuzberg-Abstecher drin? Das dachte ich mir gestern – und stellte den Wecker.

Der Wecker klingelt kurz vor 7 Uhr. Ich schlafe immer noch mit kurzem Schlafanzug, Oberkörper frei (Nachwehen vom Sommer), aber schon mit Winterdecke. Und unter der ist es so kuschelig warm, dass ich den Wecker lediglich mit einer lässigen Geste bedenke, oben am Knopf, und gleich wieder vom kühlen Schlafzimmer unter die warme Decke husche. (Ich muss anmerken, dass mein Wecker nicht in Reichweite zum Bett steht, sondern durch 2 Schritte aufrechten Gangs erreicht werden muss – Erfahrungen aus der Vergangenheit haben mich gelehrt, dass ich mich i.d.R. nicht einmal ans Ausschalten erinnern kann, wenn der Wecker direkt neben dem Bett steht und im Liegen erreichbar ist.)

Kurz vor 8 Uhr stehe ich dann auf – draussen ist die Straße trocken, der Himmel bedeckt. Müsli plus drei Brote plus Riesenpott Kaffee stimmen mich auf die Morgenzigarette ein, die ich dann schon in leichtem Nieselregen auf dem Balkon rauche. Seltsam, nun sind plötzlich auch die Straßen klatschnass. Aber der Plan steht fest, ich werde fahren, und ich erinnere mich an letzten Sonntag, als nach einem ähnlichen Start am Morgen ja dann doch noch die Sonne am Nachmittag schien.

Lange Radlhose und Netz-Unterhemd (sehr gut für kühle Tage!) werden, zusammen mit der Windjacke, schon für ein erträgliches Fahrklima sorgen. Tun sie auch, zumindest im Hinblick auf meine Körpertemperatur, die sich nach meinem Start um Punkt 9 Uhr schnell auf „angenehm“ einstellt und auch so bleibt bis zum Etappenziel. Das betrifft aber nur die Temperatur, nicht jedoch den Feuchtigkeits- resp. Nässegrad, der noch im Stadtgebiet Würzburg einen ersten Höchststand erreicht (vulgo: nass bis auf die Knochen – aber die haben es immerhin warm).

Zwischen Würzburg und Rimpar geht mir zum ersten Mal mein „20+“-Konzept durch den Kopf, im Gramschatzer Wald noch mehr: Die Strecke bis zum Kreuzberg lässt sich grob in Einheiten von 20+X Kilometern Länge einteilen, die nicht nur eine ungefähre Orientierung bieten bezüglich der benötigten Fahrzeit, sondern die auch am jeweiligen Ende Variationen der Strecke zulassen. Beispiel:

  • Würzburg–Arnstein = 20+5 km (Abbiegen nach Karlstadt = ca. 20 km)
  • Arnstein–Hammelburg = 20 km (via Gauaschach/Lager Hammelburg) oder 20+4 km (via Wülfershausen/Langendorf)
  • Hammelburg–Burkardroth = 20+3 km (via Unter-/Obererthal) oder 20+6 (via Elfershausen)
  • Burkardroth–Kreuzberg = 20+2 km (via Langenleiten/Oberwildflecken) oder 20+5 km (via Sandberg/Bischofsheim)

Ich bin in Arnstein und, trotz stellenweise trockener Teerflecken vor Gramschatz (wo kommen die denn her?), so durchnässt, dass ich ernsthaft erwäge, nach Karlstadt (20 km) abzubiegen und von dort wieder nach Würzburg (20+6 km) zurückzufahren. Das wären dann drei mal 20+X Kilometer, also etwa drei Stunden Fahrzeit, und ich wäre um die Mittagszeit wieder in Würzburg. Aber die gleiche Distanz brächte mich ja auch zu meinen Eltern, und denen wollte ich ja eigentlich etwas vorbeibringen … Den Kreuzberg, soviel ist in Arnstein nach einer guten Stunde Fahrt klar, werde ich heute nicht besuchen. Stattdessen reift in mir ein „Plan B“, der immer geht: Strecke nur einfach fahren und zurück mit dem Zug, z. B. von Bad Kissingen aus (13 km von meinem Elternhaus entfernt). Also weiter.

Ab Oberthulba wird es dann aber richtig ungemütlich – nicht die Temperatur, aber die Nässe betreffend. Ich bin zwar schon die ganze Zeit durch und durch nass, aber jetzt nerven, bei verminderter Fahrgeschwindigkeit aufgrund zunehmender Anstiege (aus Hassenbach und dann Lauter hinaus bzw. hinauf), die dicken Tropfen auf der Brille, die partout nicht weggehen wollen und die Sicht behindern. Die Nahsicht wohlgemerkt, denn Fernsicht ist bei der Suppe eh kaum drin. Nur schnell zu Mama!

Dort komme ich auch bald an, zehn Minuten vor der Mittagessenszeit, aber oh Schreck: Haben die heute tatsächlich früher gegessen, weil mein Vater gleich noch mal weg wollte nach Geroda (wohin ich auch erst vor kurzem mit ihm gefahren bin). Die richtige Mischung aus Brutpflegereflex meiner Mutter und Betroffenheit meinerseits (schließlich war ich zwar unangemeldet, dafür aber pünktlich) sorgen für einen schnell gedeckten Tisch und ein nachgereichtes Mittagessen. Doch bevor ich mir den Bauch vollschlage, dusche ich noch schnell und verteile die nassen Klamotten an strategisch günstigen (= warmen) Stellen im Haus. Heimelige Atmosphäre, Kopfschütteln über den „Grund“ meiner Fahrt (der natürlich NICHT die Überbringung des Naschzugs, sondern der Besuch meiner Eltern war) und nach 14 Uhr dann der Transfer des halbwegs trockenen Radlers samt Rad (im Kofferraum) nach Bad Kissingen zum Bahnhof. Fahrkarte und Fahrradkarte am Automaten geholt, Becherkaffee und Reiselektüre am Kiosk, dann entspannt mit dem Zug nach Würzburg zurück. Unterwegs der Blick aus dem Fenster: Kein Regen von oben, aber die Straßen noch nass. Oder doch nicht? Ist da hinten nicht alles trocken?? Soll ich in Schweinfurt wieder aussteigen??? … 🙂

Statistik:

67,44 Tageskilometer
2:51:30 reine Fahrzeit
23,59 km/h Durchschnitt
66,70 km/h max.
67 UPM Durchschnitt
957 m Tageshöhe

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2 Gedanken zu “Sauwetter

  1. Dieter schreibt:

    Gratuliere zu dem Ehrgeiz, bei diesen Aussichten morgens aufs RR zu steigen. Da hast Du mir einiges voraus. Hoffentlich hast Du Dir keine Erkältung gefangen.

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    • „Erkältung“ hat was mit Temperatur zu tun, und die war ja ok … „Ernässung“ hingegen ist akut, geht aber schnell vorbei 😉
      Danke für die Blumen bezüglich Ehrgeiz: Es ist leider so, dass die RR-Saison sich dem Ende zuneigt, Tagestouren in leichter Montur werden vermutlich kaum noch möglich sein, Feierabendrunden nur noch mit Licht, Schal, dicken Handschuhen etc. Aber: In 6 Monaten kommt ja schon wieder der Frühling!

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