Alltag, Frust, Mensch-Maschine, Radwege, Würzburg

Auto, Fahrrad, Straßenbahn – wem gehören Würzburgs Straßen?

Der gemeinsame Kandidat von SPD und Grünen für das Amt des Würzburger Oberbürgermeisters, Muchtar Al Ghusain, lud am vergangenen Montag Abend (21. Oktober) ins Felix-Fechenbach-Haus in Grombühl ein zu einem »StadtGespräch« unter dem Titel »Mobil in die Zukunft. Auto, Fahrrad, Straßenbahn – wem gehören Würzburgs Straßen?«. Ein spannendes Thema, und sicherlich ein heißes Eisen hier in der Stadt. Für einen überzeugten Radfahrer also Pflichttermin.

Und tatsächlich: Der Beginn der Veranstaltung rutschte leicht nach hinten, während emsig die nicht so leichten Stühle herangetragen wurden, um immer mehr Zuhörern Platz zu bieten – ich schätze, etwa 120 Zuhörer fanden den Weg nach Grombühl. Al Ghusain eröffnete dann doch ziemlich zügig den Abend mit einer persönlichen Vorstellung, die möglicherweise etwas lang geriet, ihn aber als überraschend humorvollen Typen outete. Dann breitete er sein Wahlkampf-Thema aus: »Mobilität«. Bei den letzten beiden Fahrrad-Demos (Versbacher Fahrradsonntag, Lengfelder Fahrradsonntag) war er schon präsent – ebenso wie auch der CSU-Gegenkandidat Schuchardt. Mit den unzufriedenen Bürgern mitzuradeln, gehört für beide zum Pflichtprogramm – Al Ghusain hat das Thema aber (gefühlt) für sich ganz nach vorne gestellt.

Ein belebtes Podium

Ein belebtes Podium: Christian Loos (VCD), Manfred Hohmeier, Uwe Koch, Judith Aßländer, Gastgeber Muchtar Al Ghusain und Jochen Hofmann-Hoeppel (v.l.n.r.)

Der Abend bestand nicht aus einer Podiumsdiskussion, wie ich vermutet hatte, sondern mehreren Dialogen, die Al Ghusain der Reihe nach führte mit Judith Aßländer (Radius Fahrradkurier), Uwe Koch (BMW, München), Manfred Hohmeier (Würzburger Arbeitskreis Agenda 21) und Rechtsanwalt Jochen Hofmann-Hoeppel (Vertreter verschiedener Gegner der geplanten neuen Straßenbahnlinie 6). Dabei gab es zuerst ein kleines argumentatives Hin und Her, bevor die Zuhörer Fragen stellen konnten an den jeweiligen Gast resp. Al Ghusain. Hier alle besprochenen Aspekte aufzulisten ist mühsam – zum einen habe ich mir keine Notizen gemacht, zum anderen gab es für thematisch (Mobilität/Verkehr in Würzburg) Vorgebildete kaum Neues oder Überraschendes. Ausnahme: Die Farblosigkeit des Auto-Lobbyisten Koch, der ja immerhin BMW repräsentierte. Seine Auslassungen zu Mobilität, Carsharing oder Elektroautos waren dünn und dürftig, seine Präsenz eigentlich überflüssig: Wer einen Beweis suchte, dass von dieser Autoindustrie absolut nichts zu erwarten ist, was zukünftige Mobilität und entsprechende Konzepte angeht, bekam ihn mit und durch Uwe Koch geliefert. Selbst Anwalt Hofmann-Hoeppel, der ja eigentlich die Straßenbahngegner vertritt, war origineller, eloquenter und … sympathischer.

Teilweise irritierend fand ich die Meldungen im Publikum: Eine Dame etwa beschwerte sich über den aufgewirbelten Staub auf ungeteerten Parkwegen durch die Radfahrer, die da eigentlich nicht fahren dürfen … tja, wir haben scheinbar keine anderen Sorgen als diese? Der ganze Feinstaub, den der Autoverkehr verursacht? Die Gefahren, die Radfahrer erwarten, wenn sie auf der Straße fahren oder dort, wo sich jemand eine Art Radweg ausgedacht hat? Und warum müssen die Parkwege eigentlich von der Qualität her knapp hinter dem gemeinen Feldweg liegen? Ein Behindertenvertreter moniert die Lautlosigkeit der Fahrräder – gut, beim gemischten Fußgänger/Radfahrer-Verkehr in Würzburg sind Konfliktsituationen vorprogrammiert, aber ist es nicht zuallererst wunderbar, dass Fahrräder so leise sind? Für Schwerhörige sicher ein Problem, wenn von hinten jemand schnell vorbeikommt – aber gilt das nicht für alle, die in diesem Moment schneller sind als der Schwerhörige oder Taube? Radfahrer, Jogger, Fußgänger, Autofahrer?

Ein für mich interessanter Punkt war, wie Al Ghusain ausführte, dass er seinen Autoführerschein nicht gleich mit 18 gemacht und erstmals bei den Führerscheinstunden die Verkehrsregeln gelernt hat – zu dem Zeitpunkt aber schon längst und jahrelang Rad gefahren ist. Da hat er zwar indirekt einen Fahrradführerschein gefordert, aber: müssten dann nicht auch die Fußgänger einen Führerschein machen? Schließlich bewegen die sich doch auch auf öffentlichen Wegen und queren Radwege und Straßen – und scheren sich dabei oft auch um nichts … Vermutlich wird aber, nicht ganz zu unrecht, das zu-Fuß-Gehen als derart basal angesehen, dass es keinerlei Reglementierung bedarf. Das mag beim Spaziergang in der Pampa halbwegs funktionieren (solange niemand den Biotop zertrampelt), aber Städte sind Systeme, in denen sich jede/r an Regeln halten muss, sonst funktioniert das ganze System nicht.

Es geht beim Thema Mobilität um das »Miteinander« – gleiche Rechte, gleiche Pflichten für alle (Verkehrsteilnehmer). Es geht aber vor allem um die Emanzipation aller anderen Verkehrsformen und -technologien gegenüber dem Auto. Da gibt es viel zu tun – vor allem wird es heftige (!) Einschnitte geben müssen in die Privilegien der Autofahrer, denn noch gilt: Wer sich möglichst uneffektiv, laut, schmutzig, platz- und ressourcenverschwendend und andere gefährdend voranbewegt, wird (in Würzburg) nach wie vor bevorzugt. Dabei hat das Auto in seiner jetzigen Form jeglichen Glanz verloren – und jeglichen Sinn in einer mobilen Gesellschaft. Wenn ich heute mit meiner 4-köpfigen Familie in den Urlaub nach Kroatien fahre, gibt es vermutlich kein bequemeres, schnelleres und (für uns vier zusammen) preiswerteres Fortbewegungsmittel – das ist aber mittlerweile der einzige Fall, in dem ich froh bin, dass wir noch ein Auto besitzen. Im Alltag spielt es für mich persönlich keine Rolle mehr, allenfalls als Ärgernis durch den (unreflektierten) Gebrauch durch andere – oder durch den Nichtgebrauch, wenn die stillstehenden Blechhaufen Straßen und Gehwege verstopfen. Kommende Generationen werden sich, wenn sie sich mit unserem heute praktizierten MIV (motorisierten Individualverkehr) befassen, fragen, wie wir bei einem dermaßen hohen Erkenntnisstand in Natur- und Geisteswissenschaften diesen Schmarrn bis zum alleräußersten Exzess betreiben konnten.

Immerhin: Al Ghusain will Tempo 30 in der Stadt als Regelgeschwindigkeit »diskutieren« – hoffentlich wird auch der Stadtrat bei der nächsten Wahl entsprechend verjüngt, denn mit dem jetzigen braucht man Veränderungen bezüglich Mobilität und Verkehr in Würzburg nicht zu diskutieren. Und so kämpferisch Al Ghusain als OB-Kandidat auch klingt: Vergessen wir nicht, dass der derzeitige Amtsinhaber Rosenthal Parteigenosse ist – und ebenfalls überzeugter Autofahrer.

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