Alltag, Lektüre, Mensch-Maschine

Lektüre: Agora 42 – Ausgabe 03/2013

Immer wenn ich am Bahnhof bin, muss ich den Kiosk aufsuchen: Wo sonst bekommt man die nationalen und internationalen Zeitschriften in solcher Vielfalt präsentiert? Und da ich ein ausgeprägter Zeitschriftenleser und -sammler bin, werde ich jedes Mal aufs Neue fündig. So auch vor etwa zwei Wochen, als ich mir mein erstes Exemplar der „Agora 42“ zulegte. Die Ausgabe 03/2013 des „philosophischen Wirtschaftsmagazins“ widmet sich thematisch ganz dem „homo automobilis“ und bietet einige lesenswerte Artikel – Futter vor allem für diejenigen unter uns, die dem Auto zunehmend skeptisch und kritisch gegenüber stehen.

20131102-agora42

Auf dem Titel prangen viele Fragezeichen („Vorsprung durch Auto?“, „Wie Auto ist die Wirtschaft?“, „Mobilität der Zukunft – nachhaltig, vernetzt, anders?“, „Ende eines Mythos?“) und nur ein Ausrufezeichen („Change the Drive!“). Das sagt eigentlich alles zum Stand der Diskussion um das Auto: viele (neue) Fragen, wenig (übrig gebliebene) Gewissheiten. Erstaunlich ist dabei, dass das Magazin offensichtlich nicht aus der linken/Öko-Ecke kommt, sondern klassisch „Mitte“ ist – die Beiträger keine Sektierer aus der Anti-Auto-Fraktion, sondern z. B. Vorstand der Forschungsgemeinschaft für Außenwirtschaft, Struktur- und Technologiepolitik e.V. (Heinz-Rudolf Meißner), emeritierter Professor am Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien (Hermann Knoflacher) oder Herausgeber der Zeitschrift „Octane – Autoklassiker & Sportwagen“ (Matthias Penzel), ergänzt um die (unvermeidbaren?) „Zukunfts-„Forscher (Nora S. Stampfl, Harald Welzer). Ein Blick ins Impressum zeigt außerdem, dass einer der Herausgeber der Bestseller-Autor Richard David Precht ist …

Die Artikel sind vom Umfang und Stil her durchweg übersichtlich gehalten – keine ausufernden Analysen, kein Fachjargon (der nicht erklärt werden würde), keine Detailversessenheit (die zusätzliche Lektüre/Recherche nötig machen würde). Lediglich der Einstieg von Heinz-Rudolf Meißner klotzt mit Zahlen und Diagrammen – glücklicherweise, denn so kann man sich zuerst einen Überblick darüber verschaffen, in welchem Umfang das Auto mittlerweile unsere Wirtschaft prägt (2012: € 375 Mrd. Umsatz, 750.000 Beschäftigte) – und die ganze Welt: „Etwa 80 Prozent der weltweit produzierten und verkauften Premiumfahrzeuge stammen von deutschen Automobilherstellern (vor allem Audi, BMW, Mercedes-Benz).“ (S. 12)
Das kommt zunächst sehr sachlich und informativ daher, doch schon im zweiten Text, „Weniger mobil sein müssen“ von Hermann Knoflacher, übertönen die kritischen Töne den Jubelgesang der freien Fahrt für freie Bürger: „Sind Begriffe einmal falsch, folgt daraus zwingend ein falsches Denkgebäude, aus dem heraus dann auch die – falschen – Entscheidungen getroffen und entsprechenden Handlungen abgeleitet werden. So wird eine Realität erzeugt – in unserem Fall eine gebaute, rechtliche und finanzielle – die in sich logisch erscheint, aber trotzdem ver-rückt ist. Wir gelangen damit über die Mobilität in das Narrenhaus des Verkehrswesens.“ (S. 16)
Knoflacher nennt die drei „Dogmen der modernen Mobilität“ (1. Die Mobilität nimmt immer weiter zu. / 2. Geschwindigkeitserhöhung spart Zeit. / 3. Die Freiheit bei der Wahl der Verkehrsmittel nimmt automatisch zu, je mehr Verkehrsmittel zur Verfügung stehen.), nur um sie im nächsten Teil, „Der auto-mobile Selbstbetrug“ zu widerlegen: „Zusammenfassend kann man sagen, dass Mobilität, so wie sie heute verstanden wird, unter dem Strich einen zusätzlichen Aufwand bedeutet – mehr zurückgelegte Kilometer für denselben Zweck und damit verbunden einen höheren Energie-, Flächen- und Ressourcenverbrauch.“ (S.18)
Er liefert auch Vorschläge, wie wir uns aus dem Dilemma der „Zwangsmobilität“ befreien können – aber: „Der Weg dorthin ist durchaus vergleichbar mit der Umwandlung eines Irrenhauses in eine Gesellschaft verantwortungsvoll handelnder Menschen.“ (S. 18)

Auch in „Rollender Widerspruch. Die automobile Gesellschaft auf dem Weg in den rasenden Stillstand“ von Nora S. Stampfl, „Die Welt als Carrera-Bahn im Maßstab 1:1“ von Harald Welzer, in der „Charakterstudie des Selbstbewegers“ von Matthias Penzel oder „Das Auto – Ende eines Mythos?“ von Birger P. Priddat bleibt wenig Gutes übrig vom Faszinosum Auto. Zwar beschlich mich immer wieder das Gefühl, bestimmte Sätze doch schon im gleichen Heft gelesen zu haben – aber wie sollte es auch anders sein? Es gehört schon ein gehöriges Maß an Borniertheit dazu, sich heute noch breitbeinig hinzustellen und den Auto-Verteidiger zu geben. Die Kritikpunkte mögen sich zwar wiederholen, also überschaubar sein: Sie sind vor allem aber gravierend. Am meisten wundert mich dabei, dass das Auto nicht längst wie die Zigarette behandelt wird: Als gefährlich und überwiegend schädlich erkannt, weitgehend geächtet und mit Werbeverboten belegt, optisch entstellt durch Schockbotschaften (und demnächst Schockbilder) auf der Packung – und weit entfernt vom kultischen Status vergangener Zeiten. Wann werden die großflächigen Aufkleber auf Motorhaube, Kofferraumdeckel und Seitentüren endlich Vorschrift, die nicht nur über Schadstoffausstoß und Verbrauch, sondern auch über Gewicht, Kosten-Nutzen-Effizienz (im Betrieb wie bei der Herstellung) und andere relevante Fakten aufklären? Wann sieht das Auto endlich nach dem aus, was es ist: Dreckschleuder, Ressourcenverschwender, Todesgefahr?

Meine Lieblingsstelle findet sich im Text von Matthias Penzel (auf Seite 42, „Statt eines Nachrufs“):
„Verrückt: Eben war das Auto noch da, angebetet wie ein Fetisch, Statussymbol, Maschine der Lust und Freude, herrschaftlich groß und schwer, glänzend und kurvenreich in der Sonne und stets weitab vom Verkehr in Werbeprospekten. […] … und jetzt steckt es plötzlich in der Krise? Gerät in Bedrängnis, wirkt übergewichtig und dated.
Symptomatisch dafür, dass etwas nicht stimmt, ist die SUV-Welle (SUV = Sport Utility Vehicle), ein absolutistisches, rechthaberisches Verschwenden von Stahl und Steuergeldern und Sprit, zugleich inmitten dieser Untergangsdekadenz serienmäßig eingebaut: die große Angst um das eigene Wohlbefinden, dazu das Versprechen, nicht nur im urbanen Dschungel, sondern auch in der Wildnis mit dem Geländewagen kuschelweich aufgefangen zu werden, bei Unfällen nötigenfalls alle anderen zu überleben. Privat-Bunker, für den Fall des Nuklearkriegs, waren ein vergleichbar bizarrer Auswuchs der Angst, […].“

Also: Unbedingt lesen – bis 5. Dezember noch am Kiosk, danach direkt bei Agora 42 zu beziehen.

Advertisements
Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s