Alltag, Würzburg

Haushalt 2014 in Würzburg

Nachdem Muchtar Al Ghusain sich als OB-Kandidat vorgestellt und mit einem Schwerpunktabend zum Thema »Mobil in die Zukunft. Auto, Fahrrad, Straßenbahn – wem gehören Würzburgs Straßen?« einen ersten Vorgeschmack auf die Themen des kommenden Wahlkampfs geliefert hat, zog jetzt Christian Schuchardt, Stadtkämmerer und Gegenkandidat (CSU/FDP/FW-WL), mit einem Diskussionsabend nach, einer »Bürgerdiskussion zum Haushalt 2014« im jüdischen Gemeindezentrum Shalom Europa. Deswegen hat die AG Radverkehr (der ich ebenfalls angehöre) sogar ihr Treffen verlegt, denn es kursieren schon länger diverse Zahlen, was den Radverkehrsetat 2014 in Würzburg angeht, und wir wollten uns das im Detail anhören …

Schuchardt begann mit einer kurzen Einführung in den Würzburger Haushalt. Er entpuppte sich, wie Al Ghusain, ebenfalls als sympathischer Typ, ließ aber Ausführungen zu seiner Person weitgehend aussen vor, sondern konzentrierte sich von Anfang an auf sein Thema, die städtischen Finanzen. Anstatt selbst Stichworte vorzugeben, ermunterte er direkt im Anschluß an seine Einführung die weit über 100 Besucher zum Dialog resp. zum Stellen von Fragen. Das war mutig, denn er musste so auf alle Themen spontan und fundiert reagieren können – Al Ghusain hatte den thematischen Rahmen seiner Veranstaltung enger gesteckt. Trotzdem startete der Abend sofort mit Fragen zum Thema Radverkehr im besonderen und der Verkehrssituation in Würzburg allgemein. Schuchardt, den ich schon öfters auf seinem Fahrrad gesehen habe, bekannte, dass auch er die meisten Wege – sofern möglich –, mit dem Rad zurücklegt. Und auch er weiss um die Schwachstellen in der Würzburger Infrastruktur. Kritik an der geringen Höhe des Radverkehrsetats (300.000 Euro für 2014) begegnete er mit dem Hinweis, dass ja auch bei anderen Maßnahmen im Verkehr, die nicht explizit dem Radverkehr zugeordnet werden, für den Radverkehr mitgebaut würde. Das stimmt natürlich nur teilweise – vor allem aber fällt in dieser Stadt unangenehm auf, dass z. B. bei der kürzlich erneuerten Randersackerer Straße überhaupt nicht an Radfahrer gedacht wurde und (wieder einmal) ausschließlich der KFZ-Verkehr bedient wurde. Bei allen Diskussionen um Verkehrssicherheit, Mobilitätskonzepte etc. ein Armutszeugnis für eine Stadt wie Würzburg.

Christian Schuchardt stellte sich der Diskussion mit den Bürgern im jüdischen Gemeindezentrum Shalom Europa.

Christian Schuchardt stellte sich der Diskussion mit den Bürgern im jüdischen Gemeindezentrum Shalom Europa.

Auch Schuchardt sprach von »shared space« für Bereiche, in denen sich eine sichere, komfortable Trennung der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer nicht verwirklichen ließe – was in Würzburg leider häufig der Fall ist, denn die Stadt wurde nach dem Krieg wieder so eng aufgebaut wie vorher (anstatt, wie in anderen Städten, etwa Kassel, großzügiger zu planen/bauen). Na ja, dafür hat Kassel auch den Ruf, eine der hässlichsten Städte Deutschlands zu sein …

Erwartungsgemäß war die Diskussion um die Erhöhung der Parkgebühren ebenfalls Thema, hier meldeten sich Vertreter des Einzelhandels zu Wort, aber auch Bürger, die zu hohe Parkgebühren kritisierten. Eine ältere Dame aus Lengfeld bekannte freimütig, dass sie beim abendlichen Theaterbesuch so lange in der Ludwigstraße umherfährt, bis der günstigere Parkhaustarif (ab 19 Uhr) greift – spätestens hier dachte ich wieder einmal mehr, dass es eigentlich unglaublich ist, welches Ausmaß mittlerweile die Unverschämtheit angenommen hat: Die ganze Umweltsauerei noch freimütig zuzugeben (und laut vor versammelter Mannschaft zu sagen, dass man lieber Geld sinnlos verfährt, statt das teurere Parkticket zu lösen), anstatt so etwas für sich zu behalten. Just an diesem Tag war nämlich ein großer Aufmacher in der Mainpost zum Thema Parkgebühren, mit 5 Meinungen, von denen mindestens 2 beachtlich sind, z. B.

  • ein 26-jähriger Haßfurter: »Würzburg ist keine Stadt, in der man Auto fahren sollte. Es ist nur Hektik, wenn man rein will, nur Hektik, wenn man raus will. Und wenn man drin ist, ist es noch schlimmer. Selbst bin ich selten in der Innenstadt. Warum wohl? Wegen des Verkehrs oder der Baustellen oder der Ampeln, die immer blöd geschaltet sind. Und die Parkgebühren sind wieder etwas, worüber man sich ärgern darf. Wahrscheinlich wollen sie nur die Autos von den Straßen fernhalten, dass man überhaupt nicht auf die Idee kommt, hier reinzukommen.«
  • eine 22-jährige Würzburgerin: »Es gibt eh nicht so viele Parkmöglichkeiten, und zwei Euro Parkgebühren sind viel zu teuer. Einen Euro finde ich ausreichend, die Stadt verdient eh schon genug. Da ich stadtnah wohne, laufe ich in die Innenstadt und muss nicht parken. Aber meine Mutter wohnt in Marktheidenfeld und geht immer zum Friseur in Würzburg. Sie würde dann weiter außerhalb parken, weil es dann einfach zu teuer ist. Die Wege werden dann weiter, die Zeit ist aber sehr oft begrenzt.«

Was bedrückt den Haßfurter? Dass Würzburg seinerzeit nicht wie Kassel angelegt wurde? Dass man nicht vor jede Haustür fahren kann, egal wo, und dort sein Auto abstellen kann? Dass es zu viele Autofahrer gibt? Er erkennt beim Problem die Symptome (Hektik), aber kann die Ursache nicht benennen: Dass jede/r meint, jeden Meter jederzeit mit dem Auto zurücklegen zu können. Als ich das letzte Mal durch Haßfurt gefahren bin, hatte ich nicht den Eindruck, dass dort noch das gilt, was er von Würzburg erwartet …

Und die Würzburgerin? Hätte eigentlich keinen Grund, sich zu beklagen, denn sie »muss nicht parken«. Aber für die Mutter, die »immer« von Marktheidenfeld (!) nach Würzburg zum Friseur  geht, würden die Wege weiter – Entschuldigung bitte: Gehts noch? Wenn ich ein Problem mit weiten Wegen und begrenzter Zeit habe, fahre ich dann regelmäßig von Marktheidenfeld nach Würzburg zum Friseur? Eben …

Christian Schuchardt darf natürlich nicht polarisieren oder einseitig Partei ergreifen – jedes Anliegen ist berechtigt, natürlich will niemand eine verödete Innenstadt ohne Einzelhandel. Aber bei der Diskussion um die Würzburger Innenstadt – und hier hat er gut pariert – geht es eben nicht nur um die diversen Geschäfte, sondern vor allem auch um die Menschen, die hier leben. Und tatsächlich ist die Würzburger Innenstadt noch ziemlich gut bewohnt und nach Ladenschluss keine menschenleere Shopping Mall (obwohl einige der anwesenden Zuhörer damit vermutlich kein Problem hätten). Wertheim Village als Schreckgespenst vor den Toren der Stadt, das Kaufkraft abzieht, das Internet als Einkaufsparadies für alle, denen zu wenige zu enge Straßen mit zu teuren Parkplätzen die Shopping-Tour in der Innenstadt vermiesen – will man Würzburg wirklich nach solchen Kriterien herrichten?

Es ist erschreckend, wie gering bei vielen das Interesse an einer nachhaltigen Entwicklung ausgeprägt ist. Alt-OB Jürgen Weber musste denn auch mal dazwischendonnern und eine Lanze für die geschundenen Autofahrer brechen. Sein Tenor: Wer am Tag mehr als eine Sache zu erledigen hat, kommt um das Auto nicht herum. Was er damit eigentlich gesagt hat: Wer mit dem Fahrrad fährt, bummelt, hat es nicht eilig, hat nichts besseres zu tun. Der »Macher« ist auf das Auto angewiesen. Vermutlich ist sein Ideal die Stadt ohne Gehwege, wo jede Fläche beliebig von Autos genutzt werden kann und alle, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses belangt werden. »Es gehört schon ein gehöriges Maß an Borniertheit dazu, sich heute noch breitbeinig hinzustellen und den Auto-Verteidiger zu geben.« Das hatte ich hier geschrieben, glaubend, dass es das gar nicht mehr gibt – wurde aber eines besseren belehrt.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Schuchardt gab sich etwas bodenständiger als sein Rivale Al Ghusain. Das mag ihm bei den Würzburger Wählern mehr Stimmen bringen, aber der Stadt Würzburg im gesamten wird er – zumindest was die Verkehrspolitik angeht – damit nur einen Bärendienst erweisen. Es reicht nicht aus, einige der übleren Verkehrssituationen als »unlösbar« (Merkels »Alternativlosigkeit« klingt hier unangenehm durch) zu bezeichnen und es dabei zu belassen. Mag bei Al Ghusain auch vieles unrealistisch (und vielleicht etwas großspurig) geklungen haben: Was die Verkehrspolitik in Würzburg braucht, sind Träumer und Visionäre. Und einen Einzelhandel, der endlich begreift, dass nur mit Autofreundlichkeit kaum noch etwas zu holen ist heute, außer vielleicht in Wertheim Village.

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