Alltag, Ehrgeiz, Frust, Lust, Mensch-Maschine, MTB, Rennrad, Tour < 100 km

Reine Nervensache

Christi Himmelfahrt ist ein Feiertag, der in allen Bundesländern begangen wird und gerne auch mal als »Vatertag« bezeichnet wird. Das heißt, »Väter« (und solche, die es erst noch werden wollen), ziehen los, um gepflegt zu sauf… ähhh: miteinander einen schönen Tag zu verbringen. In meinem zweiten Radfahrerleben nimmt der Vatertag aber seit 2011 eine besondere Rolle ein: Immer an einem Donnerstag heißt, dass am Freitag ein Brückentag winkt vor dem Wochenende, und sich der Vatertag eigentlich für längere, mehrtägige Touren anbietet.

Mein erster Radfahrer-Vatertag 2011 hat eine kleine Vorgeschichte: Unsere beiden Jungs waren im gleichen Kindergarten, mit dem altersbedingten Abstand von gut 4 Jahren waren wir diesem Kindergarten ca. 7 Jahre verbunden, und meine Frau stand mehrere Jahre dem Förderverein des Kindergartens vor. Eine nette Idee dieses Vereins, neben diversen anderen Aktivitäten, war der jährlich wiederkehrende Ausflug in den Guttenberger Forst hier bei Würzburg: Eine Runde auf dem Naturlehrpfad durch den Wald wandern, danach Absacker am Spielplatz oder der nahe gelegenen Gastronomie. Jahr für Jahr. Am Vatertag. Selbst als unser Jüngster dann schon in der Grundschule war, sind wir immer noch mitgegangen … aber 2011 war damit Schluss. Wir kannten kaum noch die Kinder, geschweige denn Eltern, so dass das Interesse an der Teilnahme nicht nur bei uns nachließ, sondern – glücklicherweise – auch bei unserem Jüngsten.

Wie ich schon hier geschrieben habe, war 2011 das Jahr, in dem ich radtechnisch aufgerüstet habe (19. Mai, Mountainbike). Nach der Jungfernfahrt im Würzburger Stadtwald (klassische »Tauffahrt« übrigens am Unglücksberg (sic!): mit Baumwollklamotten mitten im Wald in einen echten Wolkenbruch geraten und – grob gesagt – beinahe im Stehen ersoffen …) und einigen Fahrten mehr war schnell klar: Ab sofort gehört der Vatertag wieder mir, ich gehe auf große Fahrt …

Vatertag war schon zwei Wochen später, am 2.6.2011, und ich besorgte mir in der Zwischenzeit ein paar fahrradtaugliche Klamotten (Synthetik), einen Rucksack, eine Lenkertasche mit Kartenfach oben – und begann meine erste große mehrtägige Tour:

  • 2.6. Würzburg – Waldfenster (65 km)
  • 3.6. Waldfenster – Kreuzberg – Waldfenster (45 km)
  • 4.6. Waldfenster – Würzburg (65 km)

Von meiner heutigen Warte aus gesehen war die Gesamtstrecke natürlich überschaubar – die Gesamtdistanz fahre ich mittlerweile mit dem Rennrad an einem Tag weg. Aber für mein Ego war dieser erste Trip ein unvergessliches Erlebnis. Ich fuhr morgens los, und nur nach Karte, d.h. schon von Würzburg nach Rimpar über den Feldweg auf der Oberdürrbacher Anhöhe, danach ab in die Wälder, dann mal wieder auf der Teerstraße – eben so, wie die gerade Linie von Süden (Würzburg) nach Norden (Waldfenster) verlief. Gleich hinter Rimpar, an der Einfahrt in den Gramschatzer Wald, hatte ich eine unvergessliche Begegnung am Waldrand: Ich fragte einen Mann in meinem Alter, der mit seinem Hund spazieren ging, nach dem (offiziellen Rad-)Weg. Er sah mich an, sah den Rucksack (mit den außen aufgebundenen Turnschuhen) und sagte nur: »So, wie Sie aussehen, geht’s bestimmt zum Kreuzberg!« Jau!!! …

Die Fahrt war gleichermaßen aufregend und entspannt, auch wenn ich – rückblickend – so ziemlich alles, was man falsch machen kann, auch konsequent falsch gemacht habe. Das war vor allem: möglichst Luftlinie fahren (anstatt ab und an mal auf die Höhenmeter-Linien der Karte schauen und lieber die eine oder andere Kurve zu fahren, dafür weniger An- und Abstiege zu radeln – Danke, Dirk!). Außerdem war mein Mountainbike noch mehr oder weniger im Zustand, wie ich es aus dem Laden geholt hatte, d.h. die Lenkergriffe waren zu hart für die lange Strecke (mittlerweile habe ich da breitere Griffe, die den Druck auf den Handflächen ganz anders verteilen), und der Sattel war zu hart und horizontal eingestellt. Das ist er mittlerweile auch wieder (mit nur leichter Neigung nach vorne), aber am Abend, nach der Ankunft in Waldfenster, war das erste, was ich tat, googeln: »Taubheit«, »Penis«, »Fahrrad« waren die Begriffe. Denn: Ich war den ganzen Tag gesessen – und hatte Taubheitsgefühle »da unten« einfach ignoriert (die gabs auf dem Fahrrad früher bei längeren Fahrten immer wieder mal, die vergingen i.d.R. nach wenigen Minuten; als ich bei Oberthulba eine »Pinkelpause« einlegte und diese noch um eine Zigarette verlängerte, wurde mir schon etwas mulmig, als sich nach wenigen Minuten hier immer noch nichts tat …). Am Abend tat sich auch nach mehreren Minuten und nach einer Stunde noch nichts: mein Penis war »weg« – d.h. optisch zwar da, aber nicht mehr zu spüren, absolut taub. Da bin ich wohl etwas zu lange auf den Nervi perineales herumgerutscht und habe sie echt beschädigt. Nach der Rückkehr nach Würzburg sorgten Telefonate mit meinen diversen Medizinerfreunden (Anästhesist, Chirurg, Neuropathologe, Urologe – das ganze Spektrum) für Gewissheit: Nerv beschädigt (die schlechte Nachricht), aber das wird vermutlich wieder (die gute Nachricht). Also abwarten … in meinem Fall ziemlich genau drei Monate (!). Dazu muss ich sagen: Harn lassen geht auch mit taubem Penis, Sex gar nicht. Entsprechend groß war die Freude, als sich die betroffenen Nerven wieder regeneriert hatten … 😉

Nervi perineales

Nervi perineales

Radfahren will gelernt sein, vor allem das Fahren langer Strecken. Liegt es am gemütlichen Tempo, das ich mit dem Mountainbike eigentlich immer fuhr (ich kalkuliere bei Tourenplanung mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 12 km/h auf dem MTB, 25 km/h auf dem Rennrad), oder an den ganz kleinen Übersetzungen, die mit der 3×9-DeoreXT-Schaltung möglich sind? Auf jeden Fall lohnt das Aufsteigen aus dem Sattel, vor allem bei übergewichtigen Fahrern wie mir, die ordentlich Druck auf den Damm erzeugen im Sitzen.

Nervus ulnaris

Nervus ulnaris

Jedenfalls fuhr ich seither mit deutlich nach vorne geneigtem, gepolsterten Sattel (mit full-cut in der Mitte) auf dem MTB – was zwar den Druck am Damm minderte, dafür den Druck auf die Handflächen erhöht. Das wiederum bekommt dem Nervus ulnaris (kleiner Finger und Ringfinger) gar nicht, wobei der sich schneller regeneriert als die Nervi perineales – aber dafür bei mir immer gleich anschlug, wenn ich etwas länger mit dem MTB unterwegs war. Weil die Handfläche aber nicht so ein sensibler (intimer?) Bereich ist, nimmt man das eher hin und spricht öfter darüber. Jedenfalls weiss ich von anderen MTBlern, dass es ihnen ähnlich ergeht/erging. Weichere Griffe mit breiterer Auflage und zusätzlichen Hörnchen zum Umgreifen wirken da Wunder …

… bzw. der Umstieg aufs Rennrad: Denn während ich die diversen Nervenleiden beim Mountainbiken irgendwann als unvermeidlich hingenommen habe (oben, an den Händen; unten im Schritt ist mir nichts mehr eingeschlafen seither!), trotz Aufrüstung des MTB auf maximalen Fahrkomfort (und optisch in Richtung Seniorenrad: alles immer breiter und weicher), ist mir ähnliches beim Rennrad nie passiert – dabei wirkt das Rennrad mit seinem bißchen Lenkerband (nicht mal Griffe dran), seinen schmalen, knallharten Reifen und seinem schmalen, harten Sattel schon auf den ersten Blick viel unkomfortabler als ein Mountainbike. Aber der geschwungene Rennradlenker bietet von Haus aus mehr Griffpositionen als der gerade MTB-Lenker, meine deutlich andere Trittfrequenz/Fahrweise erlaubt mir öfter das Aufstehen aus dem Sattel (und der gleichmäßige Teerbelag auch mal das Freihändigfahren – was ich auf einem Single-Trail nicht unbedingt ausprobieren würde, nicht mal auf einer halbwegs gepflegten Schotterpiste).

GANZ WICHTIG: Bei solchen Problemen hilft möglicherweise mal googeln, mal befreundete Mediziner anrufen, aber IN JEDEM FALL IST EIN ARZTBESUCH FÄLLIG. Alles andere bleibt unseriös und spekulativ – auch ich bin schnellstmöglich zum Arzt gegangen (Urologen), auch wenn ich seinen Rat (»Lass erstmal die Finger vom Radfahren«) nur halbherzig befolgt habe …

Und der Bogen zurück zum Vatertag? Jetzt, im Herbst/Winter ist die richtige Zeit, all die Geschichten und Schwänke hervorzukramen aus zweieinhalb Jahren intensiverem Fahrradfahren, die diesem Blog vorausgegangen sind – bevor die nächste Saison wieder meine ganze Aufmerksamkeit fordert. Natürlich könnte ich auch aus meiner Alltagsradlerzeit berichten – etwa, wie ich mir in der Fröhlichstraße bei einem Sturz vom Rad (beim Verlassen des Grundstücks über den Bordstein auf die Straße rollend, ohne überhaupt ein einziges Mal in die Pedale getreten zu haben) drei Rippen gebrochen habe –, aber den Alltag fokussiere ich dann doch lieber auf die hiesige Verkehrspolitik (dass der besagte Sturz natürlich von einem Loch in der Straße herrührte, das sich zur an sich unproblematischen Bordsteinhöhe addierte in einem Maß, dass ein Problem entstand, und dass das Loch in einem lausigen Würzburger Straßenbelag war, könnte natürlich schon auch mit hiesiger Verkehrspolitik zu tun haben, oder?).

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