Alltag, Frust, Lektüre, Würzburg

Vermutlich? Offensichtlich!

Heute morgen, bei der Frühstückslektüre der Mainpost, bin ich über eine kleine Meldung gestolpert, die wieder einmal zeigt, auf welch subtile Art und Weise das Image der Radfahrenden in dieser Stadt geprägt wird, u.a. durch diese Lokalzeitung. Unter der Überschrift »Zwei verletzte Radfahrer« wird auf Seite 21 über zwei Unfälle berichtet, die sich am Mittwoch ereigneten und in die jeweils Auto- und Fahrradfahrer verwickelt waren.

Anhand der Schilderung des Unfallhergangs darf man vermuten, dass bei einem Unfall der Autofahrer, beim anderen der Radfahrer schuld war. Und so liest sich das dann:

Unfall 1 (Autofahrer schuld): »… Eine Radlerin hatte am Mittwochvormittag ein 52-Jähriger in der Sanderstraße übersehen. Die 71-Jährige Zweiradfahrerin fuhr Richtung Sanderau, als plötzlich der Fahrer eines geparkten Sprinters seine Fahrertür öffnete und gegen die Schulter der Radlerin stieß. …«

Unfall 2 (Radfahrer schuld): »… Der hinter ihr fahrende 26 Jahre alte Radler übersah – vermutlich aus Unachtsamkeit – das Bremsmanöver der Autofahrerin und stieß mit seinem Fahrrad auf das Heck des Pkws. …«

Etwas bemerkt? Richtig: Dem türöffnenden Sprinter-Fahrer, der die Radlerin »übersehen« hat, wird seine – offensichtliche – Unachtsamkeit nicht angekreidet, beim auffahrenden Radfahrer wird die – vermutete – Unachtsamkeit dagegen formuliert. Was bleibt am Ende der Lektüre im Gedächtnis? Autofahrer können ja mal was übersehen, Radfahrer sollten doch bitteschön etwas achtsamer sein. Die Schuld (des Sprinter-Fahrers) wird als Mißgeschick bagatellisiert, das Mißgeschick (des Radfahrers) als Schuld festgeschrieben. (Über das »Bremsmanöver« der Audi-Fahrerin kann ich nur spekulieren – für ein korrektes Anhalten an einer roten Ampel, für den nachfolgenden Verkehr gut und rechtzeitig erkennbar, braucht es solche Vokabeln doch wohl nicht, oder?!)

Egal – Sprache ist ein Gebiet, auf dem man sich geschickt bewegen muss, um Mißverständnissen vorzubeugen. Dabei könnte man den kritisierten Text ja auch anders formulieren: Wenn Unachtsamkeit vorlag, kann man diese im Text doch ganz einfach an der richtigen Stelle erwähnen – liebe Mainpost, das geht doch ganz einfach:

20140131-mainpost

PS: Natürlich unterstelle ich der Mainpost nicht generell Stimmungsmache gegen den Radverkehr in der Stadt (obwohl sich bestimmt mit wenig Aufwand genügend Beispiele sammeln ließen) – aber eines belegt diese Meldung mit der leicht unausgeglichenen Darstellung doch: die Unachtsamkeit der Mainpost gegenüber Radfahrenden – vermutlich …

Advertisements
Standard

6 Gedanken zu “Vermutlich? Offensichtlich!

  1. Aljoscha schreibt:

    Sehr gut, daß das mal jemand anspricht.
    Die Mainpost unterstellt gerne mal den Unfallopfern unterschwellig eine Mitschuld. Da wird etwa bei getöteten Fußgängern erwähnt, daß diese ja dunkel gekleidet waren u.ä.
    Das ist mE ähnlich pervers wie wenn man bei der Berichterstattung zu Vergewaltigungen einen Kommentar zur Rocklänge des Opfers machen würde.
    Es zeigt eine vollkommen autofixierte Sichtweise, die Opfer sind eben selbst schuld. Was laufen sie auch draußen herum ohne wie ein Weihnachtsbaum zu blinken ?
    Woher diese Sichtweise kommt erklärt ein toller Artikel in der Zeit: http://www.zeit.de/auto/2013-06/auto-verkehr-unfalltote-historisch

    Zum Thema Radler und Mainpost:
    Beim Radklimatest des ADFC gab es eine Frage wie fahrradfreundlich die Menschen die Zeitungsberichte in ihrer Stadt bewerten. Würzburg landete auf dem letzten Platz ! D.h. in keiner anderen deutschen Stadt berichten die Zeitungen so radfahrerfeindlich wie bei uns die Mainpost. Die Studie gibts hier: http://www.adfc.de/9205
    Als die Mainpost über den Fahrradklimatest berichtet hat, wurde dieser Aspekt natürlich nicht erwähnt.

    Daß es auch anders geht und Zeitungen durch ihre Berichterstattung dazu beitragen können, daß Städte fahrradfreundlicher werden zeigen etwa Wien und London: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/rad/radmanifest/
    http://mucradblog.wordpress.com/2012/03/24/cities-fit-for-cycling-london-times-initiiert-gros-angelegte-radsicherheitsaktion/

    Gerade weil in Würzburg politisch so wenig vorangeht in Sachen Radverkehr sollte sich die Mainpost hier mehr engagieren.

    Gefällt mir

    • Vielen Dank, Aljoscha, vor allem für die hochinteressanten Links!

      Eigentlich bringt die Erbsenzählerei ja nicht wirklich etwas – wie schnell ist mal ein falsches Wort hingeschrieben. Aber ist es nicht genau der »Qualitätsjournalismus«, der sich durch eben jene Qualität von Meinungs-Bloggern (wie mir) unterscheiden will? Als zahlender Leser darf ich da schon mal genauer hinschauen …
      Dass die Mainpost-Autoren nicht wirklich souverän mit Sprache umzugehen wissen, haben ja in der gleichen Freitagsausgabe auf Seite 2 die Leserbriefe zum Artikel »Geld ohne Ende« moniert:
      »Diese Überschrift alleine ist schon eine an Zynismus nicht zu überbietende Unverschämtheit gegenüber dem Großteil der deutschen Bevölkerung«,
      schreibt ein Leser aus Röttingen.

      Interessanter ist ja eher – und das ist mir erst später aufgefallen –, dass durch die Verschiebung der Vermutung vom dritten Absatz hin zur Gewissheit in den zweiten Absatz, ohne sonstige Textänderungen, der ganze Ton des Textes sich ändert, weil nun nur noch das »Bremsmanöver« im dritten Absatz zur Meinungsbildung (resp. Stimmungsmache) übrigbleibt und der schwarze Peter sprachlich nun bei der Audi-Fahrerin landet – sogar das übliche »Wer auffährt, ist schuld« kommt einem dann nicht mehr unbedingt in den Sinn …

      Viel deutlicher als der kleine Sprachunfall, der hier verhandelt wird, hat Mainpost-Kolumnist Herbert Kriener seine leicht verqueren Ansichten zum Thema Radverkehr in seiner Kolumne »Würzburger Woche« am 23.11.2013 (Printausgabe S. 25) dargelegt: Um seine Geringschätzung des OB-Kandidaten Al Ghusain hinreichend zum Ausdruck zu bringen, hat er ihn – und gleich die gesamte, täglich wachsende Zahl an E-Bike-FahrerInnen dazu – mehr oder weniger als faul/bequem hingestellt:
      »… Das Erstaunlichste aber war, dass Kandidat Mucki zur Bewältigung der wenigen Kilometer Flachland ein E-Bike bestiegen hatte, also ein Fahrrad mit elektrischem Hilfsmotor. Die Frage, wie viel Atomstrom er getankt hatte, blieb dabei ebenso offen wie die nach der politischen Aussage von Muckis E-Bike-Einsatz. Womöglich wollte er der Öffentlichkeit nur signalisieren, dass er sich auch als Oberbürgermeister nicht abzustrampeln gedenkt. …«
      Zum einen darf stark bezweifelt werden, dass Herr Kriener eine auch nur leise Ahnung davon hat, welche Technik er hier dem Spott aussetzt. Zum anderen ist mir nicht bekannt, in welcher Form Herr Kriener seine Schlüsse aus dem E-Bike-Gebrauch weiterdenkt auf in Dienstwagen chauffierte Politiker … angesichts der Realpolitik wäre es doch zu wünschen, wenn letztgenannte wenigstens ein E-Bike (aus der Vorstellungswelt Krieners) fahren würden, oder?

      Gefällt mir

    • Du hast Recht, Jan: Es bräuchte bei den Medien mehr Mut – nicht unbedingt, das Fahrrad hochzujubeln, sondern das Problem Auto (zumindest innerorts als unhinterfragtes, selbstverständliches Vehikel für jegliche Art von Fortbewegung) auch als Problem zu benennen, und zwar als massives Problem. Die selbe Mainpost titelte ja am 29.1. »Feinstaub gefährlicher als gedacht« … aber 1 und 1 zusammenzuzählen, das fällt schwer. Vor die Wahl gestellt, entweder weiterhin im Mainstream mitzuschwimmen und Erkenntnisse nicht nur der Wissenschaft zu ignorieren, oder eine Position zu beziehen, die unbequemer ist, die auch angreifbarer macht, die die Risiken für die Allgemeinheit zwar minimiert, aber das eigene Risiko erhöht: Wofür entscheidet sich der Mainpost-Autor? Wofür entscheidet sich der Würzburger Verkehrsteilnehmer? Für ein beherztes »Weiter so« natürlich …

      Gefällt mir

  2. Nicky. schreibt:

    Kenne die Mainpost nicht gut genug aber der Kölner Stadt Anzeiger tut sich auch gerne mit Radfahrerunfreundlichkeit hervor.

    Ein Beispiel: http://www.ksta.de/stadt-leverkusen/frontscheibe-zersplittert-schwerer-unfall-in-leverkusen,15189132,25947298.html

    „Frontscheibe zersplittert“ – aha, das ist wichtig, es ist ein Schaden am Auto entstanden!
    „Ein 56 Jahre alter Fahrradfahrer ist bei einem Verkehrsunfall in Leverkusen offenbar schwer verletzt worden. Er war mit dem Auto eines 35-Jährigen zusammengestoßen. Dabei schlug er vermutlich mit dem Kopf auf die Frontscheibe.“

    Radfahrer stößt also mit Auto zusammen, wenn man den Artikel dann komplett liest, dann handelt es sich um einen 08/15 Abbiegeunfall.

    Ähnliches Beispiel: http://www.ksta.de/rodenkirchen/-hoeninger-weg-radfahrer-kollidiert-mit-sattelschlepper,15187572,25946778.html

    Radfahrer kollidiert mit Sattelschlepper. Sagt eigentlich alles.

    Und dann noch „Radfahrer stirbt nach Kollision“.

    http://www.ksta.de/porz/unfall-radfahrer-stirbt-nach-verkehrsunfall,15187570,23887656.html

    „Ein Sportwagen kollidierte aus noch ungeklärter Ursache mit dem 71-jährigen Radler, der trotz Wiederbelebungsversuchen noch am Unfallort starb.“

    Dazu gibt es noch einen Artikel im radfahren-in-koeln.de Blog.
    http://www.radfahren-in-koeln.de/2013/08/07/einfach-umgenietet/

    Der übelste Artikel ist aber glaube ich dieser hier: http://www.ksta.de/chorweiler/-busunfall-in-worringen-radfahrerin-schwebt-in-lebensgefahr-,15187566,25917482.html

    Das Bild dazu spricht Bände, wie irgendjemand dann noch schreiben kann „aus ungeklärter Ursache“ ist wahrscheinlich jedem Radfahrer ein Rätsel (auch hier mal einen Blick auf die Kommentare werfen, da gruselt’s einen dann nur noch).

    Cheers,

    Nicky.

    Gefällt mir

    • Danke, Nicky, für den Kommentar und die Links – auch wenn die natürlich eher depressiv machen, vor allem die Kommentare.
      Schwieriger noch als die Wahl des richtigen Verkehrsmittels scheint offenbar das Treffen des richtigen Tons zu sein – es geht um unnötig gefährdete, verletzte und getötete Menschen, und nicht um einen Satz alter Winterreifen, die man heimlich im Wald entsorgt. Der allgemeinen Verflegelung habe ich mich im übernächsten Post ein wenig gewidmet …

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s