DIY, Ehrgeiz, Frust, Lektüre, Mensch-Maschine, Würzburg

Lektüre? »Scheiss drauf« …

Okay, die Überschrift klingt ein bisschen krass, aber: Das ist nicht nur die Überschrift für den heutigen Text hier – eine Lektüreempfehlung für alle (also nicht nur Radfahrende) –, sondern auch der Titel von einem der beiden Bücher, die relativ zeitgleich im Oktober 2013 erschienen sind und sich der zunehmenden Ellbogen-Mentalität hierzulande (und andernorts) widmen. Wobei »zunehmend« ja eigentlich auch schon wieder eine Beschönigung ist, suggerierend, dass es bis vor kurzem noch nicht so schlimm gewesen sei und noch viel schlimmer kommen kann.

Von Thomas Mießgang stammt der heutige Namensgeber: »Scheiss drauf. Die Kultur der Unhöflichkeit« ist bei Rogner & Bernhard erschienen. Stefan Gärtner und Jürgen Roth haben auch einen markanten Titel für ihr Buch gewählt: »Benehmt Euch!« (in Anlehnung an »Empört Euch!« von Stéphane Hessel), erschienen bei Dumont. Es geht nicht nur um die Ellbogen-Gesellschaft, aber doch auch um diese (und »Ganzkörperellbogen« und »Ich-Ich-Ich-AG« habe ich hier zum ersten Mal gelesen – sehr treffend). Es geht nicht nur um schlechtes Benehmen, aber auch um das geht es. Beide Bücher sind dabei weder bloße Bestandsaufnahme, noch Leitfaden für gutes Benehmen. Nicht nur Lamento, aber auch noch nicht: Wegweiser, um den Ausgang aus diesem ganzen asozialen Irrsinn zu finden, mit dem man sich tagtäglich (im öffentlichen Raum) konfrontiert sieht.

Natürlich kommen auch mein liebstes und ungeliebtestes Verkehrsmittel gleichermaßen vor – also Fahrrad und Auto –, aber die Rollenverteilung gut/böse funktioniert in beiden Büchern nicht anhand der Achse Fahrrad–Auto. Die gefährlichste Situation etwa, in der ich mich seit langem befunden habe, hat mir im letzten Herbst ein Radfahrer beschert, der auf dem Gehsteig am Hofeingang vorbeiraste, aus dem ich gerade heraustrat: ½ Sekunde früher, und er hätte mich vermutlich zum lebenslangen Krüppel gefahren, so aber bretterte er mir gerade noch knapp vor der Nasenspitze vorbei …

Die – wenn man es so nennen will – »sittliche« oder »moralische« Verrohung zieht sich durch alle Schichten, Techniken, Jahreszeiten, Gelegenheiten, Örtlichkeiten etc. Jede/r ist sich selbst der bzw. die nächste, und alles Handeln ist nur noch auf das Hier und Jetzt ausgerichtet, in dem das Subjekt natürlich immer der Mittelpunkt sein muss, wenn das Verständnis von Zeit und Raum nicht einmal mehr an dasjenige einer Eintagsfliege heranreicht. Die Blödheit als Ursache, die hinter den alltäglichen Symptomen steckt, gehen beide Bücher nicht nur polemisch an auf der Höhe der Zeit, sondern auch mit Bezug auf Philosophie und Geisteswissenschaften – und sezieren den Status Quo recht eloquent:

»Zivilisierte Gesellschaften sind, mit Norbert Elias, pazifierte Gesellschaften. Eine Gesellschaft, die das Recht des Stärkeren verherrlicht, auf dem Ideal des in erster Linie sich selbst verpflichteten Hochleistungsegoisten besteht und die Klassen- und Verteilungskämpfe schon in die Kindergärten trägt; eine Gesellschaft, die es duldet, dass es einerseits Gleisbauer, Krankenschwestern, Klempner und Busfahrerinnen gibt und andererseits »Leistungsträger«; eine Gesellschaft, die für die wachsende Zahl ihrer Verlierer nur Schikanen übrig hat und die Angst und Ohnmacht derer, die noch Geld verdienen dürfen, immer bösartiger auf die Depravierten umleitet […] – muss die sich wundern, wenn dieser Krieg, dieses »Wettlaufen selbst als barbarisierendes Element« (Nietzsche) die im Zuge der spätneuzeitlichen Fixierung aufs »Persönliche« ohnehin bedrohte Selbstkontrollfähigkeit des einzelnen, für Elias, Freud, auch Plato schon die Basis von Zivilisation, zugunsten umfänglicher, egomaner, rücksichtsloser Enthemmung aufhebt und die Barbarei ihre Barbaren entlässt?« (Gärtner/Roth, S. 35)

Zugegeben: Solche Sätze wirken kompliziert, aber sie entsprechen der Komplexität des beschriebenen Zustands, der sich mit »Subjekt – Prädikat – Objekt« nicht mehr wirklich adäquat wiedergeben lässt. Auch Kants kategorischer Imperativ – »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde« – ist ja nicht unbedingt trivial. Schlimmer noch: Nie vorher war die Umsetzung dieses Imperativs in weiten Teilen der Gesellschaft so verankert wie heute – allerdings ist »diejenige Maxime«, dem Zeitgeist entsprechend, der blanke Egoismus. Warum auch nicht? Die sogenannten »Leistungsträger« machen es vor, der kleine Mann und die kleine Frau machen es nach: Steuerhinterziehung, Vorteilsnahme, Veruntreuung, Verantwortungslosigkeit, Standesdünkel, Vetternwirtschaft, Ausgrenzung – muss ich wirklich verlinken zu Uli Hoeneß oder Alice Schwarzer, Jakob Kreidl oder Andreas Scheuer, Joachim Meisner oder Franz-Peter Tebartz-van Elst? Allesamt Träger von Verantwortung, allesamt Personen des öffentlichen Lebens mit Vorbildfunktion, allesamt … dazu kommt in Bayern noch das von ganz oben lautstark gepredigte Ressentiment, vom »Ratten und Schmeißfliegen«-Franz-Josef bis zum »bis zur letzten Patrone«-Horst.

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Wie gesagt: Einen Ausweg aus der Misere bieten beide Bücher nicht – verstärken aber in mir die Gewissheit, dass institutionell schon lange nichts mehr zu ändern ist, sondern nur noch individuell. Wer etwas ändern will, muss heute, hier und jetzt selbst anfangen, sonst geht da gar nichts. Warten auf die Parteien, Gewerkschaften, Interessenverbände und sonstige Initiativen als Projektionsflächen, auf die man gegen (täglich aufs neue bestätigtes) besseres Wissen irgendwelche Hoffnungen projeziert, heißt: Warten auf Godot.

Trotzdem habe ich mir gleich die nächste Ausgabe der Agora42 besorgt, nachdem mir das Heft zum »Homo automobilis« schon sehr gut gefallen hat: »Veränderung« ist der aktuelle Themenschwerpunkt, und optimistisch wie ich bin, habe ich wirklich gedacht, darin einen Schlüsseltext zu finden, der meinem Veränderungswillen – individuell und gesamtgesellschaftlich – mehr entspricht als das permanente Gerede der Kanzlerin von »Alternativlosigkeit« hier, »Alternativlosigkeit« da.

Der stärkste Text ist für mich jedoch Michael Hampes »Jenseits des Umkehrpunktes. Über die (Un-)Möglichkeit, eine narzisstische Gesellschaft zu verändern« – und leider trifft die Einleitung auch auf den Tenor meines bisherigen Textes zu:

»Es gibt einen Punkt, an dem es unmöglich ist, die unheilvolle Entwicklung aufzuhalten, die eine Gesellschaft genommen hat. Es scheint so, als ob dieser Punkt in den westlichen Gesellschaften überschritten wurde. Selbstsucht, Selbstüberschätzung und Selbstdarstellung haben sich wie eine Epidemie verbreiten können. Menschen, die eine Gemeinschaft tragen können, sind hingegen zu Außenseitern geworden.« (S. 22)

Bleibt also nur noch Pessimismus übrig? Nicht ganz. Das schöne an meiner geänderten Mobilität ist ja nicht nur, dass sie mir persönlich gut tut (sich selbst bewegen, und nicht sich bewegen lassen) und nebenbei Lärm, Feinstaub und sonstige Gefahren für die Mitmenschen und die Umwelt minimiert. Nein – ich komme immer öfter ins Gespräch mit Menschen, denen der Status Quo ebenfalls missfällt, die aber (wie ich ja auch) noch kein Patentrezept gefunden haben, weder global, noch für sich selbst. Aber sie erkennen und benennen die Probleme – gerade an unserer Mobilität lässt sich so richtig exemplarisch nachvollziehen, was falsch läuft, und ich habe schon langen niemanden mehr getroffen, der begeistert oder wenigstens neutral über seine täglichen Autofahrten spricht: alle sind sie genervt, und alle wissen sie, dass es täglich schlimmer wird – und dass sie daran ursächlich beteiligt sind.

Ich glaube nicht, dass z. B. ausschließlich die Wahl des Verkehrsmittels etwas über die Charaktereigenschaften eines Menschen auszusagen vermag. Natürlich gibt es radfahrende Flegel ebenso zuhauf wie autofahrende. Dennoch liegt auf der Hand, dass, wer den Autoquatsch kritiklos hinnimmt oder gar aktiv mitmacht – darunter subsumiere ich alle unnötigen, unüberlegten Fahrten aus selbstverständlicher Gewohnheit und Bequemlichkeit, wobei schon 15 Minuten Wartezeit oder Fußweg ja von den meisten heute als absolut (!) unzumutbare (!!) Härte (!!!) angesehen werden –, dass, wer nicht vor jeder Fahrt mit dem Auto innerorts sein Gewissen eingehend prüft, sicher als Barbar/in im Sinne des oben zitierten Textes von Gärtner/Roth zu gelten hat.

Nachdem aber vom letzten Verkehrsminister nicht viel mehr in Erinnerung bleibt als seine verbale Entgleisung bezüglich der »Kampfradler« und die Wiedereinführung längst abgeschaffter KFZ-Kennzeichen (immerhin erkennt man an denen nun leichter die Vollpfosten unter den Autofahrern, denn wer sonst gibt freiwillig zusätzliches Geld aus für so ein Nostalgie-Nummernschild aus Ochsenfurt oder Hammelburg?), und nachdem der neue sich wohl vor allem um die Datenautobahn kümmern wird, braucht man/frau – siehe oben – keinerlei Erwartungen an sinnvolle und dringend notwendige institutionelle Maßnahmen und grundsätzliche Veränderungen in der Verkehrspolitik zu haben. Umso wichtiger wird es, dass ich-du-er/sie/es – wir alle – den zivilen Ungehorsam neu entdecken und uns selbst mobilisieren, anstatt uns weiterhin die Dreckschleuderei als Nonplusultra der Mobilität einreden zu lassen. Es gilt, die Sitzposition mit Bedacht zu wählen: im Problem – oder auf der Lösung.

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