Alltag, Frust, Radwege, Würzburg

Heute Stichwahl: Die »Qual der Wahl«?

Heute ist es soweit: Spätestens um 19 Uhr wissen die Würzburger, wer der neue Oberbürgermeister für die kommenden 6 Jahre in dieser Stadt sein wird – Muchtar Al Ghusain, der gemeinsame Kandidat von SPD und Grünen, oder Christian Schuchardt, der gemeinsame Kandidat von CSU, Würzburger Liste und FDP.

Ich habe über beide schon berichtet, nachdem ich mir von beiden Kandidaten Veranstaltungen zu Beginn des Wahlkampfs angeschaut und angehört habe (Al Ghusain am 21. 10. 2013, Schuchardt am 13. 11. 2013). Und ich war am letzten Dienstag, 25. 3. 2014, noch einmal im Felix-Fechenbach-Haus, um mir die beiden Kandidaten im direkten Vergleich anzusehen. Obwohl es im Umfeld der Radfahrenden bzw. der Bürgerinnen und Bürger, die meinen, dass sich etwas an der Verkehrssituation in Würzburg ändern muss, meiner Einschätzung nach deutliche Sympathien in Richtung Al Ghusain gibt, bin ich vorurteilsfrei zu der Veranstaltung gegangen, denn OB-Wahlen sind vor allem Persönlichkeitswahlen, und da können beide punkten, da sie

  • beide Radfahrer sind, zumindest recht häufig (gemessen am autobefürwortenden ehemaligen (!) Stadtrat also zwei echte Punks)
  • beide einen recht fairen Wahlkampf geführt haben, zwar mit gelegentlichen (notwendigen) Seitenhieben auf den Gegenkandidaten, aber letztlich doch sehr ähnlichen Aussagen und nicht so stark auseinander liegenden Slogans – was etwa den Gebrauch des Wortes »gemeinsam« angeht, des Begriffs »Willkommenskultur«, die Beschwörung des »weltoffenen« Würzburgs etc. …
Gleich geht es los: Die beiden Kandidaten für die OB-Stichwahl plaudern noch ein wenig (Schuchardt links in der ersten Reihe sitzend, Al Ghusain in der Mitte stehend) …

Gleich geht es los: Die beiden Kandidaten für die OB-Stichwahl plaudern noch ein wenig (Schuchardt links in der ersten Reihe sitzend, Al Ghusain in der Mitte stehend) …

… und stellen sich dann den Fragen des Moderators Jungbauer (Mainpost), der inzwischen eine gewisse Übung hat im Moderieren der Duelle.

… und stellen sich dann den Fragen des Moderators Jungbauer (Mainpost), der inzwischen eine gewisse Übung hat im Moderieren der Duelle der beiden Kandidaten.

Nach dem Dienstagabend in Grombühl stand für mich allerdings fest, wem ich meine Stimme – heute – nicht geben werde. Schuchardt ist, bei aller Sympathie, der Kandidat der Befürworter des MIV (Motorisierter Individual-Verkehr), und er selbst hat in sein Programm geschrieben: »Die Wahl des Verkehrsmittels bleibt aber dem Nutzer überlassen.« Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, wenn eine echte »Ausgewogenheit« (Floskel des bürgerlichen Lagers, Änderungen zum Nachteil des MIV zu blockieren) herrschen würde – aber in Würzburg ist die Situation ja eher die, dass die Bürgerinnen und Bürger – im übertragenen Sinne – die Wahl haben zwischen einem schimmeligen Stück Brot und Ihrem Lieblingsmenü: Wofür würden Sie sich entscheiden? Eben …

Leider hat Schuchardt bei diesem letzten Duell für mich keine überzeugende Figur gemacht. Eingeladen hatte der »Agenda 21 AK Mobilität & Regionalentwicklung« zum Thema »Würzburg – Stadt der Zukunft«, thematisch quasi ein Heimspiel für Al Ghusain, der sich in dieser Thematik schon immer und von Anfang an sehr kämpferisch gegeben hat (wobei ich hier anmerken muss, dass SPD und Grüne immer im Wahlkampf das Paradies auf Erden versprechen, aber fast nie irgendein Wahlversprechen wirklich einlösen). Schuchardt dagegen verfiel zu oft in »differenzierte« Betrachtungen, lieferte kaum konkrete Aussagen und brachte auch hier wieder seinen Satz an, dass die Wahl des Verkehrsmittels eine individuelle bleiben müsse. Diese Aussage verschweigt, dass diese Wahlfreiheit mit gewissen Voraussetzungen verknüpft ist – geeignetes Alter zum Erwerb eines Führerscheins, Besitz eines eigenen motorisierten Fahrzeugs, geeignete körperliche und geistige Verfassung zum Führen eines motorisierten Fahrzeugs –, die in Idealform bei Erwachsenen der Mittelschicht weitgehend zutreffen mögen, über die Kinder und Jugendliche, chronisch Kranke, Menschen mit Handicap oder ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger jedoch gar nicht verfügen. Zusammen mit denjenigen, die zwar könnten, aber nicht wollen (also den »freiwilligen« Autoverweigerern), bilden diese Gruppen längst schon die Mehrheit.

Wie auf einer Folie zu sehen war, die der Sprecher des AK Mobilität & Regionalentwicklung, Thomas Naumann, an diesem Abend präsentierte, beträgt der Anteil des MIV an der gesamten Mobilität in Würzburg (inkl. ÖPNV, Fußgänger, Radfahrende) derzeit etwa 40 Prozent. Was den Flächenverbrauch angeht, inkl. Parkplätze, liegt der Anteil des MIV jedoch bei über 90 Prozent. Deswegen meine ich, dass, bevor wir weiter über »freie Wahl« sprechen, wir doch erst einmal die eingeforderte »Ausgewogenheit« anstreben sollten.

Zum Thema (und zum Schluss) ein paar Schnappschüsse aus der Rottendorfer Straße, die eigentlich ganz gut den Status Quo der »Ausgewogenheit« in Würzburg bebildern …

Ausgewogenheit: 2/3 des Bürgersteigs gehen an die parkenden Autos, auf dem verbleibenden Drittel ist gerade noch Platz für eine Person mit Taschen links und rechts, solange niemand entgegenkommt – aber garantiert nicht mehr für einen Zwillings-Kinderwagen …

Ausgewogenheit: 2/3 des Bürgersteigs gehen an die parkenden Autos, auf dem verbleibenden Drittel ist gerade noch Platz für eine Person mit Taschen links und rechts, solange niemand entgegenkommt. Garantiert kein Platz ist mehr für einen Zwillings-Kinderwagen, und auch Pärchen können hier ja mal hintereinander gehen, statt immer nur händchenhaltend nebeneinander …

… und kein Autofahrer würde sich trauen, an dieser Stelle mit der linken Seite auf der Straße zu bleiben. Möglicherweise rührt die Parkplatzmarkierung einfach noch aus der Zeit, als Isetta und Kabinenroller die Straßen bevölkerten, und nicht die völlig überdimensionierten, sinnlosen SUVs.

… kein Autofahrer würde sich trauen, an dieser Stelle mit der linken Seite auf der Straße zu bleiben. Möglicherweise rührt die Breite der Parkplatzmarkierung einfach noch aus der Zeit, als Isetta und Kabinenroller die Straßen bevölkerten, und nicht die völlig überdimensionierten, sinnlosen SUVs.

Freie Wahl? Kein Kommentar …

Freie Wahl? Ausgewogenheit? Kein Kommentar …

Advertisements
Standard

2 Gedanken zu “Heute Stichwahl: Die »Qual der Wahl«?

  1. Ein kleiner Nachsatz gleich von mir, nachdem die Würfel gefallen sind:

    Ich gratuliere dem frischgebackenen OB Christian Schuchardt (55,73%), verbunden mit 3 Wünschen:

    1. Bitte die »Ausgewogenheit«, die ich oben geschildert habe, in eine echte Ausgewogenheit überführen – Sie können es drehen und wenden, wie sie wollen: In Würzburg herrscht beim Thema Verkehr akuter Handlungsbedarf, und es wird höchste Zeit, dass die »übrigen« 60 Prozent ernst genommen werden. Würzburg ist eine Stadt mit lebenden Menschen, keine riesige Shopping-Mall und erst recht keine Konkurrenz zu irgendwelchen Outlet-Ghettos auf der grünen Wiese. Die letzten prominenten Geschäftsaufgaben im Einzelhandel waren nicht die Folge mangelnder Parkplätze, sondern von Besitzerwechseln und damit einhergehenden Kündigungen (»Bellabimba & friends« am Sternplatz, die Mainpost berichtete) bzw. saftigen Mietpreiserhöhungen (Insiderwissen – das Geschäft nenne ich Ihnen bei einem Glas Bier auf Ihre Kosten und unter dem Siegel der Verschwiegenheit).

    2. Am Dienstag Abend kam ein Statement von einem Herrn Zumkeller aus Lengfeld, der sich nicht so »ökologisch korrekt« verhalten könne wie die Übrigen im Saal, weil er Kinder habe, die da und da zur Schule gingen, die Frau dort arbeitete … und er also auf das Auto angewiesen sei, wolle er nicht schon jeden Tag um 4 Uhr in der Früh aufstehen, um alle rechtzeitig an den richtigen Platz zu befördern. Mein erster Reflex wäre Verständnis gewesen, aber auch, Herrn Zumkeller zu fragen, warum er sich nicht zusammen mit anderen Lengfeldern solidarisiert und für eine Verbesserung des ÖPNV und des Radwegs eintritt – Stichwort »Lengfelder Fahrradsonntag«, an dem Sie ja auch teilgenommen haben. Wenn ich dann aber kaum einen Tag später herausfinde, dass Herr Zumkeller nicht nur Schriftführer der Lengfelder CSU ist, sondern im AIV (Architekten- und Ingenieurverein Würzburg e.V.) als 2. Vorsitzender eigentlich gut mit Baureferent Christian Baumgart (1. Vorsitzender AIV) bekannt sein dürfte, also quasi ganz oben seine Bedürfnisse artikulieren könnte, statt in einer öffentlichen Veranstaltung den schicksalgebeutelten Familienvater zu geben, dann … bleibt mindestens ein leicht fader Beigeschmack. Vermeiden Sie bitte in den kommenden Jahren alles, was den Eindruck von (Partei-)Klüngelei erwecken könnte.

    3. Halten Sie sich bitte, bitte, bitte von der Würzburger Liste fern, die Sie im Wahlkampf unterstützt hat: Sie dürfen sich Ihre Freunde selbst aussuchen, und die Wahlplakate der Würzburger Liste gehörten zum Peinlichsten, was in diesem Wahlkampf zu sehen war – hier weht dem Betrachter der ganze Mief der Autolobby entgegen, und die Forderung nach niedrigeren Energiepreisen mag zuerst bürgernah klingen, doch weiss man ja, dass die WVV damit auch den ÖPNV querfinanziert. Kostensenkung beim Energiepreis = Kostensteigerung beim ÖPNV = indirekte Förderung des MIV. Dabei wurde die WVV doch erst kürzlich wieder als »TOP-Lokalversorger Gas« ausgezeichnet (Mainpost vom 25.3.2014) – nicht von der Würzburger Liste, sondern von einem unabhängigen Online-Energieverbraucherportal.

    Gefällt mir

  2. Aljoscha schreibt:

    Hallo,

    wieder mal ein hervorragender Artikel, der die Problematik auf den Punkt bringt.
    Gleichberechtigung der Verkehrsmittel? – Ja, gerne! Aber dann auch in allen Konsequenzen (jeder trägt die verursachten Kosten selbst, jedes Verkehrsmittel bekommt den Raum entsprechend seiner Verkehrsleistung)

    Es gibt eine Verwaltungsvorschrift, nach der das Gehwegparken wie auf Deinen Photos nur dann erlaubt werden darf, wenn noch 2,20 m Restbreite für Fußgänger übrig bleiben. Quelle
    D.h. viele dieser Schilder und Markierungen in Würzburg sind rechtswidrig.

    Es ist hier wie bei den vielen rechtswidrig angeordneten Benutzungspflichten auf Radwegen in Würzburg: Es beschwert sich einfach keiner. Man kann nur alle auffordern, sich bei der Stadt und ggf. Regierung von Unterfranken zu beschweren und eine Änderung der rechtswidrigen Beschilderung zu fordern.

    Auf die Politik kann man in WÜ nicht setzen, da sie viel zu lahmarschig agiert und sich gegenüber der Verwaltung nicht durchsetzt. Die Verwaltung ist offensichtlich inkompetent und sieht die Stadt nur aus der Windschutzscheibenperspektive.

    In Würzburg ist die Stadtplanung eine Unterabteilung des Tiefbauamts: Das sagt doch eigentlich alles …

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s