Fotografie, Lektüre, Technik

Lektüre: Veloevolution

Wenn jemand »etwas bereits Bestehendes verbessern / nochmals erstellen / entwickeln« tut, dann sagt man, dass er/sie »das Rad neu erfindet« – und meint damit oft auch, dass das ganze unnötig oder überflüssig sei. Auch die Geschichte des Fahrrads ist schon öfter erzählt worden. Braucht es also ein weiteres Buch, das sich der »Fahrradgeschichte – Entwicklung, Design, Hintergründe« (Untertitel) widmet? Ja, wenn es so toll gemacht ist wie »VELOEVOLUTION« von Florian Freund, erschienen im Maxime-Verlag.

20140501-velo-evolution

Das Buch ist eine echte Augenweide – mit seinem A4-Querformat etwas sperrig im Regal, aber dafür bietet das Format eine hervorragende Bühne für die unzähligen, oft ganzseitigen Fotografien. Natürlich nehmen historische Fahrzeuge den meisten Raum ein, der Neuzeit – sagen wir: den letzten 50 Jahren – genügen ein paar Seiten am Ende des Buches. Und obwohl es Freund gelingt, eine kurze, dafür recht präzise Geschichte des Fahrrads zu erzählen, ist die Grundlage des Buches die Sammlung Stahl (des Sammlers Siegfried Stahl), also eine subjektive Auswahl an Rädern, wobei hier die historischen Fahrräder dominieren – und teilweise in hervorragendem Zustand zu sehen sind, oft dem Originalzustand nahe (allerdings mussten Leder- und Gummiteile altersbedingt weitgehend ersetzt werden). Eine hervorragende Ergänzung also zu »Cyclopedia – Modernes Fahrrad-Design«, wofür die Sammlung Embacher das Ausgangsmaterial bietet und das den Fokus mehr auf die Fahrräder der letzten 50 Jahre legt …

Ähnlich wie »Cyclopedia« bietet »VELOEVOLUTION« eine Auswahl hervorragend fotografierter Fahrräder in der Totalen sowie Detailaufnahmen. Allerdings beschränkt sich Freund auf kurze Anmerkungen zu den einzelnen Fahrrädern, während die eigentliche Fahrradgeschichte, in Kapitel unterteilt, den Fotostrecken als Text vorangestellt wird. Das macht den Aufbau etwas ruhiger, ermöglicht konzentriertes Lesen der (kurzen) Kapiteleinleitungen mit Überschriften wie »Balance auf zwei Rädern«, »Sieg der Vernunft – Das Sicherheitsrad« oder »Das Fahrrad auf Abwegen«. In diesen Kapiteln breitet Freund einerseits das komplette Basiswissen aus, andererseits findet er auch immer Platz für Details – oft sehr kuriose Details, wie etwa das J-Rad des Österreichers Paul Jaray (1922) mit einer Trethebel-Konstruktion statt der Kurbel mit Pedalen, oder mein absoluter (technischer) Liebling: Das Hirondelle Rétro-Directe, das zwei unterschiedliche Übersetzungen bietet, je nachdem, ob die Kurbel vorwärts oder rückwärts getreten wird … 

Leider war der Sammlung Stahl nicht das gleiche Glück beschieden wie der Sammlung Embacher, worüber Freund am Ende des Buches berichtet: 2005 konnte Siegfried Stahl in Rechberghausen seine Sammlung in ein Museum, das »Museum Stahlrad«, überführen – allerdings war nach nur sechs Jahren wieder Schluss, die Räume wurden gekündigt (inzwischen ist das Gebäude abgerissen) und die Sammlung wurde weitgehend aufgelöst, da sich keine neuen Räumlichkeiten finden ließen … da haben die Schwaben aber an der falschen Stelle gespart und sich leider einen echten Schatz entgehen lassen (und eine schöne Sammlung kaputtgemacht).

Einziger Trost: Einige der Räder sind heute im Deutschen Fahrradmuseum in Bad Brückenau zu sehen – darunter auch das Bonanzarad von Schwinn, welches im Bildband natürlich viel schöner fotografiert ist als mein kläglicher iPhone-Schnappschuss (im Herbst 2012 in Bad Brückenau fotografiert):

Schwinn Ram's Horn Fastback Sting-Ray von 1967, fotografiert im Fahrradmuseum Bad Brückenau.

Schwinn Ram’s Horn Fastback Sting-Ray von 1967, fotografiert im Fahrradmuseum Bad Brückenau.

Florian Freund:
VELOEVOLUTION – Fahrradgeschichte: Entwicklung, Design, Hintergründe
MAXIME Verlag 2014; Hardcover, Fadenheftung, 24,95 €; ISBN 978-3-931965-26-6

Das Buch ist ein echter Lektüre-Tipp – so wie ich auch unbedingt zu einem Besuch im Deutschen Fahrradmuseum in Bad Brückenau raten möchte … nachfolgend noch ein paar Schnappschüsse von dort:

Tricycle, um 1885, dahinter ein Hochrad und daneben eine Vitrine mit Handbüchern und Zubehör.

Tricycle, um 1885, dahinter ein Hochrad und daneben eine Vitrine mit Handbüchern und Zubehör.

Auch in Bad Brückenau gibt es etliche Modelle, die die Versuche, ein komfortables Fahren durch Federung zu erreichen, dokumentieren.

Auch in Bad Brückenau gibt es etliche Modelle, die die Versuche, ein komfortables Fahren durch Federung zu erreichen, dokumentieren.

Erstaunlich, diese Mischung aus Klobigkeit und Eleganz bei vielen der alten Rädern.

Erstaunlich, diese Mischung aus Klobigkeit und Eleganz bei vielen der alten Räder.

Jeder Zentimeter genutzt – auf dem Boden, an den Wänden, teilweise auch an den Decken.

Jeder Zentimeter genutzt – auf dem Boden, an den Wänden, teilweise auch an den Decken.

Die »Rennsport«-Abteilung im Flur, mit Tandem (vorne) und Dreier-Rennrad (dahinter).

Die »Rennsport«-Abteilung im Flur, mit Tandem (vorne) und Dreier-Rennrad (dahinter).

Auf diesen »flotten Dreier« hätte ich auch mal Lust …

Auf diesen »flotten Dreier« hätte ich auch mal Lust … das Bild an der Wand zeigt sogar einen Vierer!

Advertisements
Standard

3 Gedanken zu “Lektüre: Veloevolution

    • Guter Tipp, Dirk – ein Besuch dort wäre doch mal eine schöne Tour wert, oder? Auch in Brückenau gibt es zwei Räume mit Motorrädern, über das »Fahrrad mit Hilfsmotor« bzw. die »Steher-Rennen« ergibt sich ja die logische Verbindung zu den motorisierten Zweirädern. Sie sind aber zahlenmäßig deutlich unterrepräsentiert. Wahrscheinlich findet sich in Neckarsulm aufgrund der Geschichte ja auch das eine oder andere NSU-Fahrzeug mit 4 Rädern?

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s