Alltag, Lust, Würzburg

Oben ohne

Wann habe ich den Fahrradhelm zum ersten Mal aufgesetzt? Vor ca. 14–15 Jahren – als unser Ältester (der im Herbst 16 wird) in das Alter kam, in dem ich ihn mit dem Kindersitz am Fahrrad transportieren konnte. Es war klar: Diese unsere Kostbarkeit muss geschützt werden – mit Helm.

Wo und wie wir nur konnten, waren wir als Eltern bestrebt, dem Kind Sicherheit zu bieten. Also wurde jeder Weg mit Helm zurückgelegt – im Kindersitz hinter mir, auf dem Laufrad, mit dem Puky-Roller, auf dem ersten Puky-Rad, auf dem folgenden 3-Gang-Kinderrad … und ich trug von Anfang an ebenfalls einen Helm, damit ich dem Kind in dieser Beziehung ein Vorbild sein konnte und Diskussionen à la »Warum muss ich einen Helm aufsetzen und Du nicht?« gar nicht erst aufkamen. Heute fährt er nur noch gelegentlich Fahrrad, und wenn, dann ohne Helm – was ich irgendwann einfach akzeptierte, denn lieber ohne Helm Radfahren als gar nicht Radfahren. Das ist ungefähr auch der Stand der Diskussion derzeit um Radhelme: Sind sie nun effektiv, d.h. verhindern Sie Kopfverletzungen, oder sind sie es nicht? Sollte das Tragen von Fahrradhelmen Pflicht werden oder nicht? Selbst Verfechter von Radhelmen stehen einer Helmpflicht skeptisch gegenüber, denn dadurch würden manche definitiv vom Radfahren abgehalten. Von der Frage, wie die Leihräder in Städten, die überall zunehmen und Radfahren auch spontan und ohne eigenes Rad ermöglichen, dann noch legal genutzt werden sollen: Niemand würde – für alle Fälle – immer einen Fahrradhelm mit sich führen, um gegebenenfalls spontan auf ein Leihrad zu steigen …

Bisher hat mich der Helm selten gestört: Da ich keine Leihräder fahre, habe ich ihn immer griffbereit, wenn ich mit dem Rad fahre. Es nervt zwar, dass man es an meinen Haaren sieht, wenn ein Helm auf dem Kopf war – und das trotz Kurzhaarschnitt. Aber ästhetisch habe ich überhaupt kein Problem mit dem Helm, egal, wie albern er auch aussehen mag – ich sehe ihn nie, während er auf meinem Kopf ist. Was mich in letzter Zeit aber immer wieder zum Nachdenken über das Tragen eines Fahrradhelms brachte, sind die Unmengen an Meldungen in Polizeiberichten und Presse, die wahl- und zusammenhanglos Bezug nehmen auf Radfahrer-Unfälle, Verletzungen, Schuldfrage einerseits, getragene Helme andererseits. Ich habe in diesem Post auch auf ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis und die Artikelserie von PresseRad verwiesen.

In den vergangenen Jahren hatte ich doch die eine oder andere sturzbedingte Blessur: gebrochene Rippen, kleine Schürfwunden, eine malträtierte Schulter. Bei keinem Unfall waren Dritte beteiligt, bei keinem Unfall spielte der Helm – jedesmal getragen – irgendeine Rolle. Trotzdem merke ich, nach all den Jahren des ununterbrochenen Helmtragens, wie fremdartig es sich anfühlt, ohne Helm zu fahren. Was, wenn ich doch mal stürze und mit dem Kopf aufschlage? Irgendwo dagegen fahre?? Bin ich sicher??? Es ist genau diese Unsicherheit, um nicht zu sagen: Angst, die mich dazu veranlasst, im Alltag den Helm langsam, aber sicher zu verbannen. Und es ist die permanente Erwähnung des Helms: Obwohl keine Helmpflicht besteht, kommt fast kein Bericht an der Erwähnung des Radhelms vorbei. Dabei ist nicht das Nicht-Tragen eines Radhelms das Gefährliche am Radfahren, sondern vor allem das Verhalten der anderen – der Fußgänger, die auf Radwegen bummeln bzw. auf gemeinsam genutzten Fuß- und Radwegen meinen, Rücksicht müsse nur der Radfahrer aufbringen; viel mehr aber noch das oft fahrlässige Verhalten der AutofahrerInnen, die uns Radfahrende schneiden, zu Vollbremsungen zwingen, Wege belagern und uns zu (teils gefährlichen, Stichwort Bordstein) Ausweichmanövern zwingen. Andererseits wird sehr oft auch der Begriff der Risikokompensation argumentativ gegen das Helmtragen angeführt: Radfahrende selbst halten sich für unverletzlicher durch das Tragen eines Helms und fahren riskanter, Autofahrer halten Radfahrende mit Helm ebenfalls für besser geschützt und geben weniger Acht. Möglicherweise ist das der Fall … fest steht bisher lediglich, dass der unbedingte Nutzen des Helms eben nicht feststeht: Bei schweren oder tödlichen Unfällen von Radfahrenden spielte – laut den Meldungen, die ich bisher gelesen habe – der Radhelm keine Rolle; es gibt sogar Statistiken, die eher eine Übereinstimmung zwischen Häufigkeit der Unfälle und Häufigkeit des Helmtragens feststellen. Vor allem aber spricht vieles dafür, dass der ganze Zahlen- und Statistik-Wust eher Verwirrung und Verunsicherung befördert und niemandem nützt … wie PresseRad hier mal wieder schön gezeigt hat.

Nach ein paar Eingewöhnungsfahrten alleine ohne Helm war heute Morgen der große Moment: ich offenbarte unserem Jüngsten (11), den ich täglich mit dem Rad zur Schule begleite und auch von dort abhole, dass ich künftig in der Stadt ohne Helm fahren würde. Ich fürchtete besorgte Rückfragen, Verunsicherung ob des Aufgebens jahrelanger Praxis und rechnete sogar damit, dass er auf seinem Helm beharren würde, denn teilweise müssen wir auf der Straße fahren. Stattdessen: Erleichterung, freudiges Gesicht, beste Laune – und weg mit dem Helm, ab ins Regal.

Auf dem Rennrad werde ich den Helm übrigens weiterhin tragen – da fahre ich Geschwindigkeiten (und Straßenabschnitte), bei denen mir einfach mit Helm wohler ist (so wie auch entsprechende Funktionskleidung dazugehört, die ich im Alltag eigentlich nicht tragen mag). Aber im Alltag ist für mich ab sofort Schluss mit Helm: Aus verlorenem Glauben an die Notwendigkeit, jede kleine Strecke mit einem (in ganz bestimmten Situationen vermuteten, generell jedoch nicht erwiesenen) Verletzungsschutz zurücklegen zu müssen. Aus Protest, weil die permanenten sinnlosen Verweise in Berichten auf Helme von den eigentlichen Missständen (und den Schuldigen: eben doch meistens Autofahrern) ablenken. Und aus Provokation: Motorrad = Helmpflicht, Auto = Gurtpflicht, Fahrrad = Leichtigkeit, Unkompliziertheit, Freiheit …

Das nächste Ziel ist auch schon ausgemacht: Abschaffen des StVZO-Paragraph 64a (verbindlich vorgeschriebene Klingel). Obwohl ich an meinem Alltagsrad ein besonders schönes, wohlklingendes Exemplar aus dem Shop des Bad Brückenauer Fahradmuseums habe, benutze ich diese so gut wie nie – Fußgänger, denen ich mich von hinten nähere, reagieren immer so, dass das Klingeln die Situation eigentlich erst recht verschlimmert: Mache ich mich stimmlich bemerkbar (»Achtung bitte!« oder »Fahrrad links«), geht meistens alles gut – klingele ich, springen alle in alle Richtungen. Also bin ich schon längst so weit, beim Anblick von Fußgängern das Tempo soweit zu drosseln, dass ich jederzeit anhalten kann – bitter bei Ausfahrten mit dem Rennrad, z. B. am gemeinsamen Fuß- und Radweg entlang des Mains, und besonders bitter bei Fußgängern, die mir entgegenkommen und mich erst im letzten Moment bemerken: Sind die alle auf Drogen? Hans-guck-in-die-Luft? Oder messen die die Körnung im Teer mit bloßem Auge? Definitiv völlig sinnlos ist die Klingel im Straßenverkehr als Signalgeber gegenüber Autofahrern – hier vertraue ich auschließlich auf meine Stimme: Mein (sehr) lautes, scharfes »Hey!!« beim Umkreisen des Berliner Rings hier in der Stadt, meistens notwendig an der Einfahrt Kroatengasse, wo Autofahrer die Radfahrer bevorzugt schneiden, hat bisher noch keiner überhört … an dieser Stelle meine Entschuldigung bei den Fußgängern, die dann auch leider zusammenzucken. Aber anders bemerken die Autofahrer die Umwelt nun mal nicht: Wer nicht fühlen will, muss hören!

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5 Gedanken zu “Oben ohne

  1. Dirk schreibt:

    Mit dem Helm halte ich’s genauso. Alltag: nein. Radsport: ja. Da hat er mich auch schon vor Üblem bewahrt und war anschließend reif für die Tonne … ich dafür wieder auf den Beinen. (Bell hat(te damals) übrigens ein Austauschprogramm für Unfallhelme: 50% auf den Neukauf!).
    Was die Klingel angeht, muss ich Dir widersprechen. Selbst an meinem Mountainbike und im Wald bei Joggern, Walkern, Gassigehern, Naturliebhabern erfüllt dieses kleine Utensil seinen Zweck. Entscheidend ist meiner Erfahrung nach, rechtzeitig zu klingeln … ca. 30 bis 40 Meter vorher … dann trotzdem ein wenig die Geschwindigkeit zu drosseln (außer es ist jede Menge Platz) und anschließend ein freundliches »Danke!«. Bisher hatte ich damit stets gute Erfahrungen gemacht. Ich meine: Rücksichtnahme und Freundlichkeit tun allen gut. So kann ich zum Beispiel auch nicht nachvollziehen, wenn es heißt, zwischen Radfahrern und Fußgängern käme es im Wald zu Konflikten. »Kann«, ok, »muss« aber eben nicht. 🙂
    Bin schließlich jahrelang von meiner (schwäbelnden) Oma mit folgenden Worten verabschiedet worden: »Grüße‘ koscht nix!«

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    • Mit der Klingel ist es m.E. wie mit dem Helm: Der Nutzen ist fraglich, es gibt Situationen, in denen die Klingel ihren Dienst sinnvoll verrichten mag, aber meistens ist sie – meiner Erfahrung nach – für die Katz’. Sie ist aber ein Utensil, das zwingend am Rad vorhanden sein muss laut StVZO – und DAS ist meiner Meinung nach Unfug. Genauso wie übrigens die Autohupe, die in 99% der Fälle, in denen sie ertönt, nur einer ganz bestimmten Kommunikation der Fahrzeughalter untereinander dient, nämlich: »Aus dem Weg, Trottel!«. Da mein Büro hier in Hörweite der stärker befahrenen innerstädtischen Straßen ist, also Berliner Ring, Schweinfurter Straße, Haugerring und Ludwigstraße, bekomme ich regelmäßig akustisch recht plastische Eindrücke vom Geschehen in diesem Bereich. Klingt nie wirklich nach Kommunikation miteinander …

      Das freundliche »Danke!« gibts natürlich immer gerne, aber da sind wir wieder bei der Stimme: Wozu dann erst klingeln? Ich kann meine Stimme wunderbar den Gegebenheiten (Distanz, Windrichtung, Ignoranzlevel) anpassen, den Klingelton nicht.

      A propos Ignoranzlevel: Das wird was werden, wenn die Elektromobilität sich in der Breite durchsetzt – erstaunlich, wieviele Menschen sich ausschließlich akustisch im öffentlichen Raum orientieren und dann baff erstaunt sind, wenn ein lautloses Fahrzeug, im Moment noch überwiegend das Fahrrad, völlig überraschend auftaucht und eine Vollbremsung hinlegen muss … da wird noch ein großes Umdenken nötig sein, nicht zuletzt, wenn sich das Konzept des »shared space« noch stärker durchsetzt.

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  2. Hallo Jochen,
    ich trage aus Überzeugung Helm, immer und überall und egal wie kurz die Strecke. Bisher gab es noch keine Situation, in der ich froh über den Helm sein musste. Allerdings gibt es eine vehemente Verfechterin des Helmes, die nach einem schweren Unfall auf einer netten kleinen Tour, schwört, dass der Helm ihr Leben gerettet hat. Diese und die folgenden Geschichten in ihrem Blog, bestärken mich dann noch mehr, den Helm zu tragen. Helmfrisur hin oder her: http://claudigivesitatri.blogspot.de/2013/11/lebensretter-unter-sich.html

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    • Hallo Alexandra,
      ich halte es hier mit Dirk: Sport ja, Alltag (künftig) nein. Wenn ich die Berichte und Meldungen studiere, fällt auf, dass der Helmschutz nur bei einem überschaubar geringen Prozentsatz der Unfälle tatsächlich einen nachweislichen Effekt hatte. Ganz interessant dazu ist dieser Beitrag bei Presserad und die 3 weiterführenden Links unten.
      Bitte nicht falsch verstehen: Ich würde jederzeit wieder einem Kind die familiäre Helmpflicht verordnen – und mir mit. Aber mir geht es (mittlerweile) um etwas anderes: Das Radfahren als spontane, flexible und an sich eigentlich ziemlich ungefährliche Mobilitätsform im Alltag zu erhalten und zu fördern, und nicht die permanente Angstdiskussion zu führen und Ängste zu schüren. Gerade bei Berichten über Radfahrunfälle stößt die permanente Helmerwähnung sauer auf und dient letztlich nur dem »victim blaming«, und das muss aufhören.
      Im Bekanntenkreis ist vor ein paar Jahren ein älterer Mann von einem Auto totgefahren worden – als er die Straße vorschriftsmäßig an einer grünen Bedarfsampel für Fußgänger querte, während ein Autofahrer weder die rote Ampel noch den Fußgänger frontal wahrgenommen hat. Die Lehre daraus kann ja dann nur sein, nie mehr vor die Tür zu gehen … oder endlich ernst zu machen und z. B. innerorts konsequent Tempo 30 einzuführen: DAS reduziert nachweislich die Gefahr tödlicher Verletzungen bei Unfällen. Beim Helm wird das nur vermutet.

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  3. Pingback: Manchmal siegt doch die Vernunft | Mehr Rad in Nürnberg

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