Alltag, Frust, Radwege, Würzburg

Plötzliches Ampelrot

Wenn es eine Plage gibt, die Autofahrern in Würzburg (und vermutlich anderswo auch) noch mehr zusetzt als die überall herumgurkenden Radfahrer und kreuz und quer laufenden Fußgänger, dann ist es diese: Das »plötzliche Ampelrot«, das so heißt, weil es ganz unvermittelt einsetzt, überraschend über einen kommt, ohne jede Vorwarnung – vergleichbar in seiner völligen Unvorhersehbarkeit bestenfalls mit dem Sturz eines rosa Socken tragenden Elefanten aus heiterem Himmel mitten auf den Würzburger Marktplatz.

Dabei ist es ganz simpel: § 26 StVO regelt das Verhalten von Fahrzeugführern an Fußgängerüberwegen, Absatz 2 beseitigt alle Unklarheiten – »Stockt der Verkehr, dürfen Fahrzeuge nicht auf den Überweg fahren, wenn sie auf ihm warten müssten.« Punkt. Alles gesagt, alles geklärt.
Womöglich ist der Überweg in der vierspurigen Schweinfurter Straße, den Fußgänger und Radfahrende zum Queren benutzen müssen, für Autofahrer nur schwer als solcher zu erkennen – vor allem im allmorgendlichen Kriechverkehr Berufsverkehr, wenn der Blick schon seit längerer Zeit nicht mehr zum Horizont schweift, sondern an der Stoßstange des Vordermanns klebt, dieweil man sich Fahrzeuglänge um Fahrzeuglänge in den Kreisverkehr am Berliner Ring vorarbeitet …

Meine Beobachtung ist folgende: Bestenfalls jedes vierte Fahrzeug – eher weniger – beachtet diese Regel und hält die 2–3 Meter Überweg frei, wenn der Verkehr stockt. Alle anderen fahren stur dem Vordermann hinterher und wundern sich dann, wenn sie vom »plötzlichen Ampelrot« eiskalt erwischt werden, so wie die Fahrerin dieses Audis heute morgen:

20140605

Links noch die Stoßstange samt Anhängerkupplung des Vordermanns im Bild. Das »plötzliche Ampelrot« kam übrigens so überraschend, dass ich in aller Seelenruhe mein Iphone auspacken konnte, die Foto-App öffnen und exakt in dem Moment abdrücken, in dem die Fußgängerampel auf Grün wechselte. Gegenüber nur eine Radlerin, auf unserer Seite (nicht im Bild) 4–5 Radfahrer und ebensoviele Fußgänger, die die Straße wechseln wollen. Eine Ampelschaltung früher oder später, und gegenüber wären über 20 Schüler aufgelaufen, die von der Bushaltestelle rechts am Ärztehaus (nicht im Bild) auf unsere Seite zu den beiden Gymnasien wechseln wollen.

Es gibt Autofahrer, die schauen dann ganz betroffen mit Hundeblick aus dem Seitenfenster – die Dame heute hat uns keines Blickes gewürdigt. Ich beantrage hiermit offiziell, dass in so einem Fall den Querenden das Recht zugesprochen wird, die Hindernisse kollektiv anzupacken und aus dem Weg zu räumen. Tragegriffe sind ja an den Seiten vorhanden …

Es gibt allerdings einen nicht ganz unwesentlichen Aspekt bei der ganzen Situation: in dem Auto saßen tatsächlich 3 Leute, vielleicht gelten für Sammelfahrzeuge mir noch nicht bekannte Ausnahmeregelungen – so wie an dieser Stelle zu dieser Uhrzeit (7:44 Uhr) Fahrzeuge mit mehr als einem Insassen ja auch die absolute Ausnahme darstellen.

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9 Gedanken zu “Plötzliches Ampelrot

  1. 😉 Ich kenne die Situation. In Frankfurt kommt das -gefühlt- nur vor. Schrecklich. Ich finde, den Straßenquerern sollte das Recht zugesprochen werden die Autos zu überwinden. Das heißt, es sollte ok sein einfach so über die Motorrhaube zu stolzieren. Das würde sicherlich eine Blitzheilung des plötzlichen Ampelsyndroms bewirken. 😉

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  2. non schreibt:

    Am schlimmsten sind dann die, die erst mitten auf dem Überweg stehenbleiben und sobald sich der Verkehr weiterbewegt, dann mit aller Gewalt weiterfahren wollen. Da hab ich schon richtig gefährliche Situationen erlebt, mit Autofahrern die dann mit Vollgas von dieser Kreuzung runterwollen, aber noch Fußgänger und Radfahrer queren.

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    • Tachymeter schreibt:

      Die schlimmsten Radfahrer sind diejenigen, die in dieses Bild des Kraftfahrers mit Blech fallen. Folge: Rüpelradler, bei Rot über die Ampel, radfahrend über Fußgängerüberwege und nachts ohne Licht.

      Also bitte nicht so einseitig, man spricht von VerkehrsTEILnehmern.

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      • Michael Olsen schreibt:

        an Herrn oder Frau „Tachymeter“
        Tja, da zeigt es sich mal wieder die den Deutschen nachgesagte Unfähigkeit zu Humor. Sei´s drum. Vielleicht versteckt sich hinter dem Pseudonym ja einer dieser europäischen Spezie?.
        Dennoch: Diese Straßenverkehrsordnung ist nach dem 2. WK rein aus der Sicht der Kraftfahrerverfasst und verabschiedet worden. Daher ist es völlig legitim, wenn sich Radfahrer an einigen Stellen darüber hinweg setzen. Das natürlich nur dann, wenn andere TEILnehmer dabei nicht behindert, gefährdet, geschädigt oder verletzt werden.
        In Paris und auch anderen Städten der Welt ist es mittlerweile in Diskussion, Radfahrern das Übefahren bei Rot generell zu gestatten.
        Ob sich irgenwann die Deutschen vom Biedergehorsspießgesellentum verabschieden können und ihren Verstand einsetzen können? Ich bin und bleibe gespannt.
        Ach zur Erinnerung: H U M O R, äh? Was´n ist das?

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        • Sorry, hier muss ich widersprechen: Es ist NICHT legitim, dass die einen sich über Regeln hinwegsetzen und gleichzeitig von den anderen das Einhalten genau dieser Regeln fordern – es tauchen immer wieder Meldungen auf über Unfälle, bei denen neben dem »Übersehen« doch auch absichtlich Radfahrer geschnitten, abgedrängt und/oder verletzt werden durch Autofahrer, die »ihr« Revier, »ihre« Straße gegen Radler & Co. verteidigen, zur Not auch gegen die geltenden Regeln.
          Dass ein Großteil der aktuellen Regeln für Radfahrer und Fußgänger eigentlich überflüssig ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber wir sind uns sicher einig darin, dass der momentane Zustand der (deutschen) Gesellschaft nicht wirklich die Annahme stärkt, hierzulande sei die Vernunft die alles beherrschende Kraft …
          … es funktioniert also leider nur mit verbindlichen Regeln für alle Teilnehmer – und gleichen Sanktionen für alle bei Regelverstößen. Folglich müssen die Regeln geändert werden – Dein Beispiel aus Paris wird im günstigsten Fall so verlaufen:
          1. Regelproblem – 2. Regeldiskussion – 3. Regelanpassung, wobei Stufen 1 und 2 derzeit erreicht sind und möglicherweise in Stufe 3 genau das eintritt, was ja auch hierzulande schon vereinzelt der Fall ist: Regelanpassung zugunsten der Radfahrer (Beispiele: Öffnung der Einbahnstraßen für Radfahrer in beide Richtungen, Mitbenutzung der Fußgängerzonen).
          Wie gesagt: Auch ich erachte viele Regeln für unsinnig, und verstoße hin und wieder auch bewusst* gegen diese – aber das bezeichne ich nicht lautstark als legitim, und manchmal sitze ich dann am Abend zuhause alleine in der Ecke und schäme mich dafür … 😀

          *Besonders pikant: Oft können Radfahrer gar nicht anders, als gegen die Regeln zu verstoßen – das liegt aber an den miserablen Verkehrsplanern, für die »Verkehr« immer nur »Autoverkehr plus Rest« bedeutet.

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          • Michael Olsen schreibt:

            Moin Jochen Kleinhenz. Ich stimme dir in allen Punkten zu. Dennoch halte ich bei „legitim“ dagegen. Denn: Je mehr vernünftig am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen, also mit dem Rad fahren,und dabei in Massen, also massiv, gegen diese meist vollkommen (fahrradfahr)systemunangepassten Verkehrsregeln bewusst verstoßen und dieses zugleich öffentlich formulieren, sprich vertreten und argumentieren, um so eher werden sich die Regeln ändern, sprich angepasst. Wir leben schließlich in einer Demokratie, sei sie auch noch so träge und von kleinbürgerlicher Wohlstandverarmung intellektueller Art geprägt und verdreckt. Auch ich halte mich als Radfahrer an die meisten Regeln: Rechtsfahrgebot (und dies auch dann wenn ich einen Radweg auf der linke Fahrbahnseite regelwidrig benutze / Anzeigen / links überholen! / überall auf der Fahrbahn fahren (sofern nicht Radwegepflicht (VZ 237,240,241) beordnet ist / Abstand mind. 1m zu parkenden KFZ und mind. 80cm zu Fußwegen / Licht / Respekt vor Fußgängern. Aber ich habe nicht den geringsten Respekt vor den Bedürfnissen der Kraftfahrer! Und misschte sie bewusst und dies wo ich nur kann. Denn jeder Radfahrer mehr ist ein Autofahrer weniger. Einige Zahlen: a) In knapp über 85 % aller Fahrten mit einem KFZ in der BRD sitzt nur eine Person, EINE! b) knapp über 50 % aller Fahrten mit einem KFZ in der BRD ist unter 5km lang. DAS ist die Entfernung für´s Rad, c) 25 % des gesamten CO2-Ausstoß und 75% des Stickoxydausstoß in der BRD werden allein durch den KFZ-Verkehr erzeugt. d) 92% aller Unfälle mit verletzten oder getöteten Fußgängern oder Radfahrern werden von Kraftfahrern verursacht.
            Der derzeitige Zustand mit einseitiger Bevorzugung des freien Fluss des Kraftverkehrs ist für mich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen die Vernunft und gegen die Verfassung. Daher könnte ich es schon fast als staatsbürgerliche Pflicht beschreiben, so Rad zu fahren, dass jeder die Vorzüge des Radfahrens in innerörtlichen Gebieten hautnah spürt: Durch Ausbremsen des Kraftverkehrs, durch bewusste Regelverstöße, durch klares Darstellen, wie bequem, sicher und schnell das Fahrrad von A nach B kommt.
            Diese Demokratie leistet es leider nicht mehr, dass sich die Menschen kritisch und mit Verstand und Vernunft den sich aufschiebenden Problemen widmen und diese angehen. Dem Neobiedermeier ist die Spaß- und Entertainmentgesellschaft wichtiger, sich ablenken lassen, bloß nicht hingucken. Rein in´s Auto, Tür zu, Musik an und dahinrauschen: SCHÖN, Blechkult und egoistisch. Daher spreche ich dem Kraftverkehr das Recht auf freie Fahrt ab! (Übrigens auch dem Konsumenten das Recht auf Konsum)
            Für die Übermorgenmobilität muss es heißen: Erst der Mensch – dann das Fahrzeug. Und auch als Fußgänger sch….. ich auf die Regeln. Denn der Mensch baut Verkehrswege um sich darauf als Mensch von A nach B zu bewegen und nicht um diese Wege mit dem Auto zurückzulegen.
            Natürlich ist mir bewusst, dass ich nicht alleine auf dem Fleck wohne! Ich habe Rücksicht auf die Mitmenschen zu nehmen. Aber ich habe ebenso Vorbild für die anderen zu sein. Daher fahre ich Rad, gehe zu Fuß und zeige den anderen, dass diese -für den freien Fluss des Kraftverkehrs verfasste STVO- Bullshit ist. Sie ist menschenverachtend.

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  3. Danke für die Kommentare bisher.

    @ Claudia: Eine Bekannte hat in London beobachtet, wie eine Seniorin in so einem Fall beherzt zur Tat schritt und mit ihrem Gehstock auf den blockierenden Wagen eingedroschen hat – sicher ein probates Mittel, wenn wir als Gesellschaft mal so weit kommen, dass wir Nötigung (was m.E. hier mindestens auch vorliegt) als größeres Übel ansehen als ein paar Kratzer und Beulen im Lack resp. Blech … 😉

    @ Non: Genau, das Sahnehäubchen – auch schon zur Genüge beobachtet. Solange das die Autofahrer unter sich ausmachen, wenn sie sich gegenseitig an Kreuzungen die Durchfahrt versperren, ist das für den unbeteiligten Zuschauer ja manchmal sogar ganz amüsant, aber wenn nicht-gepanzerte Verkehrsteilnehmer involviert (und drangsaliert) werden, hört der Spaß ganz schnell auf.

    @ Olsen/Tachymeter: Auch ich neige schnell zu Verallgemeinerungen und übersehe zuweilen, dass in der blöden Blechkiste auch vernunftbegabte Menschen sitzen bzw. auf dem Fahrrad egoistische Rüpel. Die Wahl des Verkehrsmittels ist per se kein verlässlicher Indikator für den Charakter des Verkehrsteilnehmers – aber zum einen bietet der KFZ-Gebrauch in Städten wie Würzburg mittlerweile nur noch wenig Potenzial, um sich als rücksichtsvoller, aufmerksamer TEILnehmer zu profilieren. Zum anderen sind die TEILe doch sehr ungleich: Hier die Individuen, die sich platzsparend und aus eigener Kraft sehr flexibel im öffentlichen Raum bewegen (können) oder in sinnvollen Sammelgefährten (ÖPNV/ÖPV), dort die tonnenschweren Trümmer, die nachweislich noch für kleinste, vollkommen unsinnige Fahrten skrupellos in diesem Raum überproportional viel Platz beanspruchen und konstruktionsbedingt ein hohes Risiko für alle anderen darstellen, nur nicht für den jeweiligen Insassen. Die selbst verursachten Geräusche und der Gestank bleiben gefiltert aussen vor, dieweil im Inneren die Atmosphäre immer mehr der im heimischen Wohnzimmer ähnelt – der Sitz oft bequemer als das Pendant zuhause, die Windschutzscheibe wird zum Flachbildschirm, die Umwelt zum TV-Programm: manchmal ganz amüsant/interessant, oft langweilig/eintönig und voller Wiederholungen, die die Aufmerksamkeit kaum noch zu fesseln vermögen.
    Bei allem Reden über TEILnahme bleibt festzuhalten, dass hier keine Ausgewogenheit vorherrscht, so wie David und Goliath sich nicht auf Augenhöhe gegenüberstanden. Warum kann sich ein einzelner herausnehmen, in seinem gepanzerten, überproportionierten Trumm mehreren anderen den Weg zu versperren? Weil: gepanzert, überproportioniert, Trumm. So läuft das heute, täglich, überall.
    Der Niedergang der Umwelt und die Regression der Individuen sind allerdings gewollt, die Autoindustrie ist DIE Kernindustrie hierzulande, die heilige Kuh, an die niemand ran darf, auch wenn (oder: weil?) sie jeden freien Flecken gnadenlos zuscheißt. So gibt es zum »Rüpel-Radler« oder »Kampf-Radler« nicht mehr wirklich ein begriffliches Pendant bei den Autofahrern – das »Rowdietum« ist von der einstigen Ausnahme zur heutigen Regel geworden und kaum mehr der Rede wert …

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  4. Aljoscha Labeille schreibt:

    ein Grund für dieses Verhalten mag auch die weitgehende Abkapselung des Autofahrers von der Umwelt sein. Er fühlt sich praktisch vollkommen anonym und tritt nicht in eine echte Interaktion. Er handelt ausschließlich egoistisch und drängt sich auf Teufel komm raus in jede sich bietende Lücke.
    Ein Radfahrer könnte ein solches Verhalten nie zeigen, da er immer direkt ansprechbar wäre und nicht von seinen 2 Tonnen Stahl um ihn herum abgeschottet wäre.

    Neulich erlebt am Greinbergknoten, wo das nahezu täglich auch zwischen Autos stattfindet (bei Grün schnell noch in die Kreuzung rein und dann den Querverkehr blockiert): Eine Autofahrerin zeigt eben dieses Verhalten. Steht mitten auf der Kreuzung und der Bus in dem ich mich befand, kann daher nicht kreuzen. Der Busfahrer mach seinem Unmut durch Gesten Luft und auch einige Fahrgäste schauen genervt aus den Fenstern. Der Frau in dem Auto wurde das sichtlich unangenehm (zumal sie sicher eine Minute oder länger schräg vor dem Bus stand, nicht vor und nicht zurück konnte).
    Man konnte richtig sehen, wie sie peinlich berührt war und sich ertappt fühlte. Sie hat sich dann tatsächtlich die Hand vors Gesicht gehalten, um nicht gesehen zu werden. Wie ein kleines Kind, das glaubt, dann nicht mehr gesehen zu werden.
    Sie war unerwartet aus ihrer Anonymität gerissen und mit dem Ärger der Passagiere des gut gefüllten Busses konfrontiert worden…ohne Chance zu fliehen.

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