Frust, Lust, Radwege, Rennrad, Technik, Tour < 100 km

Kilometerfresser mit Verdauungsbeschwerden

Das hätte ein radkilometerreiches Pfingstwochenende werden sollen – neben dem Besuch bei Freunden in Gambach (hinter Karlstadt) am Pfingstsonntag stand auch der Besuch meiner Schwiegereltern bei Coburg am Pfingstmontag auf unserem Programm. Für beide Tage hatte ich mir vorgenommen, alle Wege mit dem Rennrad zurückzulegen. Nicht ganz unambitioniert, wenn man bedenkt, dass das Pfingstwochenende als heißestes seit 50 Jahren angekündigt wurde – und hier in Unterfranken auch prompt der Rekord geholt wurde, mit 36,7 Grad am Pfingstmontag in Kitzingen … doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt.

Am Sonntag nach dem Spätstück bereitet ich zuerst noch ein scharfes Gemüse-Relish zu, als Beilage zum nachmittäglichen Grillen in Gambach. Dadurch komme ich eine Stunde später los als geplant, sitze aber gegen 11 Uhr dann doch auf dem Rad in Richtung Karlstadt. Am Mainradweg: Die Hölle los, trotz Hitze – vor allem Bummelradler im fortgeschrittenen Alter blockieren den Weg. Und das ist wörtlich zu nehmen: Sie fahren, ohne nach links und rechts zu schauen, in den Radweg ein, trödeln dann nebeneinander her und machen nur widerwillig dem Gegenverkehr (Zweirichtungsradweg) Platz bzw. pöbeln mich und andere Radfahrer, die etwas schneller unterwegs sind und überholen, an. Es spricht ja gar nichts dagegen, gemütlich durch die Gegend zu radeln, wenn das Tagesziel keine 50 Kilometer entfernt liegt, und besser, sie tun das mit dem Fahrrad als mit dem Auto – aber die ignorante Rücksichtslosigkeit, die manche Ältere auf dem Fahrrad zuweilen an den Tag legen, ist das genaue Gegenteil von dem Verhalten, welches sie ständig und mit größter Selbstverständlichkeit von anderen einfordern. Ich zwinge ja auch niemanden, mit mir einen 30er Schnitt bis Karlstadt zu fahren – also möchte ich auch nicht mit 10 km/h hinter einer Truppe herzuckeln, die Begriffe wie RÜCKSICHT und VORSICHT weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn zu kennen scheint. Es gibt unzählige Gelegenheiten, neben dem Radweg anzuhalten – aber nein: Damenundherren halten völlig unvermittelt an. Bleiben mitten auf dem Weg stehen. Und das möglichst in ganzer Breite. Sind ja gut gepolstert rundum, mit ihren tausend Ortlieb-Taschen vorne und hinten am Rad. Aber so sind ja – glücklicherweise – nicht alle der Radweg-Mitbenutzer: Andere fahren souverän und vorausschauend, Probleme und gefährliche Situationen entstehen erst gar nicht, und ich habe wieder das Gefühl, mit dem Fahrrad das beste aller Verkehrsmittel gewählt zu haben: schnell, sicher und mit hohem Spaßfaktor!

Nun gibt es natürlich noch ein kleines Extra, um aus den gut 30 Kilometern Strecke nach Gambach eine 90 Kilometer-Runde zu machen: Ich hatte bei der Unterfrankenrundfahrt meine Brille in Partenstein vergessen – zwar geht es auch ganz gut ohne, aber noch besser mit Windschutzscheibe, vor allem beim erhöhten Fliegenaufkommen zu dieser Jahreszeit. Also führt mich meine Route bei Karlstadt nach links, zuerst auf die MSP11, dann die ST2435, über Wiesenfeld nach Lohr. Schöner Anstieg bei Karlstadt, schöne Abfahrt bei Steinbach (kurz vor Lohr), schöne Abwechslung zum ebenen Mainradweg. Von Lohr nach Partenstein, Brille abholen (und einen Teil der Lücke in der Strecke schließen, die ich aufgrund der Probleme mit dem hinteren Reifen in der Woche zuvor nicht komplett fahren konnte), zurück nach Lohr und von dort am Radweg über Gemünden zurück nach Gambach.

Puh – mittlerweile ist es nach 13 Uhr, der Radweg verläuft schattenlos in der prallen Sonne, und obwohl es sich halbwegs gut fährt und der Fahrtwind angenehm ist, merke ich doch, wie ich langsam schlapp werde, trotz gemütlichen Tempos. Bei Langenprozelten eine Pfütze auf dem Radweg, verursacht durch die Rasensprenger des benachbarten Sportplatzes, allerdings durch einen hohen Maschendrahtzaun nicht erreichbar. Trotzdem: Anhalten, iPhone trocken verstauen – und zweimal mit dem Sprinkler-Strahl mitlaufen, der etwa einen Meter auf den Radweg hinaus kühles Wasser verspritzt. Herrlich! Aber auch nur der vielzitierte Tropfen auf den heißen Stein, und zwar wörtlich. Der Wasserrest in der zweiten Trinkflasche hat inzwischen auch eine Temperatur angenommen, die die Begriffe »Trinken« und »Erfrischung« komplett voneinander entkoppelt hat …

Bei Gambach das übliche Spiel: Um vom Mainradweg nach Gambach zu kommen, muss ich über die Gleise steigen. Auf der anderen Seite nehme ich die letzten 500 Meter in Angriff, ein langer, nicht so steiler Anstieg hoch in den Ort. Da macht es »Pling«, und eine Speiche am Hinterrad bricht. Ich fahre die kurze Strecke noch, aber bei Doro und Christian angekommen wird schnell klar, dass das nichts mehr mit der Weiterfahrt wird. Kurzes Telefonat mit Robert, ob er evtl. eine Speiche übrig hat – die Hoffnung stirbt zuletzt, aber an diesem Sonntag stirbt sie doch. Und mit ihr auch die Pläne für den Montag. Zwar habe ich noch 2 Stahl-Rennräder in der Garage stehen, aber die haben klassische Rennrad-Übersetzungen und empfehlen sich mit ihren 2×6- bzw. 2×7-105er Rahmen-Schaltungen nicht wirklich für entspanntes Radreisen von Würzburg über die Haßberge nach Coburg und zurück. Schade … aber vielleicht auch ganz ok so: Es waren wirklich zwei heiße Tage, und ich erinnere mich, dass mir im letzten Jahr vor allem beim Rhöner Kuppenritt die Hitze enorm zugesetzt hat. Ich kann den restlichen Sonntag ganz gut genießen in Gambach – Kaffee & Kuchen & Grillen sind ja nur Begleitprogramm zu einer Art Retrospektive der Arbeiten von Reinhold Brunner, der letztes Jahr überraschend an Krebs erkrankt und verstorben war.

Beim Betreten des Hofes von Doro und Christian: ungerahmte Leinwände aus dem Nachlass von Reinhold Brunner.

Beim Betreten des Hofes von Doro und Christian: ungerahmte Leinwände aus dem Nachlass von Reinhold Brunner.

Im Atelier: An den Wänden …

Im Atelier: An den Wänden …

… die Werkschau in Auszügen …

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Reinhold war auch musikalisch sehr aktiv: Kassettenarchiv mit Originalen …

Reinhold war auch musikalisch sehr aktiv: Kassettenarchiv mit Originalen …

… MiniDisc-Archiv …

… MiniDisc-Archiv …

… im Keller ein Leuchttisch.

… im Keller ein Leuchttisch.

Wer Interesse an einer Kostprobe von Reinholds musikalischem Output hat – ich habe vor ein paar Jahren auf meinem mittlerweile eingestellten Netlabel eine EP veröffentlicht von Reinhold Brunner und Thomas Hintner (der zusammen mit Christian Walter die Ausstellung hier zusammengestellt hat).

Der Speichenbruch rührt vermutlich von einer Überspannung her, geschuldet unseren Versuchen, die Woche zuvor an der Tankstelle in Miltenberg den vermeintlichen Achter zu korrigieren. Auch der freundliche Herr im Lohrer Fahrradladen hatte am nächsten Tag nochmal beherzt an den Speichen gedreht. Nun habe ich gestern des arme, kranke Rad in die Werkstatt meines Vertrauens gebracht, damit das Hinterrad nicht nur die fehlende Speiche bekommt, sondern auch die Spannung aller Speichen gecheckt wird. Und bei der Gelegenheit bitte auch gleich noch die Steuerlager, denn ich glaube, die haben auch einen Schlag abbekommen beim Versuch, den vermeintlichen Achter durch wiederholtes Justieren des Vorbaus zu eliminieren. Ach ja – da hat das Fahrrad seit Wochen mit mir gesprochen und mir signalisiert, dass etwas nicht stimmt, und ich dachte, das wäre ein Achter (den ich natürlich nicht sehen konnte, da nicht vorhanden). Ich muss noch viel aufmerksamer werden, dieses Mißverständnis – defekte Karkasse statt Achter – hat mich doch ziemlich ausgebremst und einige Scherereien verursacht, die bei richtiger, rechtzeitiger Diagnose vermeidbar gewesen wären.

Aber dafür bekommt mein Rad nun noch zwei neue Reifen, Schwalbe Lugano mit weißen Streifen – die beiden gebrauchten Reifen, beide faltbar, hebe ich mir als Ersatzreifen auf für die nächste Tour. Und bis ich das Rad heute abhole, habe ich noch Zeit, über den Erwerb einer zusätzlichen Ersatz-Speiche nachzudenken, damit ich nicht das nächste Mal wieder irgendwo stehe und das Rad nicht mehr fahrbar ist …

Statistik:

90,51 Tageskilometer
3:28:50 reine Fahrzeit
26,00 km/h Durchschnitt
71,16 km/h max.
86 UPM Durchschnitt
500 m Tageshöhe

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2 Gedanken zu “Kilometerfresser mit Verdauungsbeschwerden

  1. Dirk Baierlipp schreibt:

    Deinen Ausführungen folge ich immer wieder gerne. Nur hoffe ich, dass das auch bald für Dein Hinterrad gilt. Mein Rad ist bald da. Vielleicht kann dann ja sogar mal die Führung übernehmen …

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