Ehrgeiz, Lektüre, Lust, Mensch-Maschine

Lektüre: Zwei nach Shanghai

Inzwischen auch gelesen: »Zwei nach Shanghai«, der Bericht von Hansen und Paul Hoepner über Ihre Radtour von Berlin nach Shanghai, insgesamt 13.600 Kilometer, vom 7. April bis 28. Oktober 2012 gefahren. Ich fand die drei Filmteile schon sehr gut – zusammen abendfüllende 90 Minuten (siehe unten). Und das Buch lag jetzt fast auch ein halbes Jahr hier, bevor ich mich endlich an die Lektüre gemacht habe …

zwei-2… und die war ebenso spannend wie die Filme – und doch anders, weil im Buch, in dem die Brüder im kontinuierlichen Wechsel aus der Ich-Perspektive erzählen, das Verhältnis der beiden zueinander, die Zuneigung und die Spannungen, die Gemeinsamkeiten und die Differenzen vielleicht noch plastischer sind als im Film; dazu gibt es mehr Details, Episoden, die im Film nicht auftauchen. Aufgrund der besonderen personellen Konstellation (die beiden sind eineiige Zwillinge) und der Aktualität (die Tour liegt keine zwei Jahre zurück) und der technischen Ausrüstung kann man diesen Bericht nur bedingt mit dem von Heinrich Horstmann vergleichen (eine Co-Autorin wie Marie-Sophie Müller hätte auch Horstmann zuweilen gutgetan). Trotzdem gehören die Bücher ins gleiche Regal, nebeneinander: Auch wenn die Hoepner-Brüder nach ihrem 30. Geburtstag starteten, trägt der Bericht doch deutliche Merkmale des »Coming of Age«- resp. Entwicklungsromans. Das war auch eine grundsätzliche Intention von beiden: Dass die Reise sie einander noch näher bringen sollte (und sich jeder im anderen letztlich selbst spiegeln). So scheinen die Wahl der Aktion dafür (Radtour) und die Route vordergründig arbiträr – tatsächlich aber haben sie Europa und Asien ziemlich genau von West nach Ost durchfahren: womöglich eine der längsten Strecken, die man entlang der Breitengrade fahren kann, ohne dazwischen Meer überbrücken zu müssen.

Ich fand die Lektüre sehr kurzweilig und oft (sehr) spannend und anregend – die Beschreibungen des Fahrens an sich, der Landschaft und der Gefühle der Brüder sind durchweg gelungen und sehr vielschichtig. Dazu kommen ihre Bekanntschaften mit Menschen – leider auch unangenehme, wie die mit den betrunkenen Schlägern in Kasachstan –, die dem Bericht eine Art humanistische Dimension verleihen. Erst am Schluss stellen sich leichte Ermüdungserscheinungen ein: bei mir beim Lesen, bei den beiden beim Fahren und beim Lektorat wohl beim Lektorieren, denn auf den letzten Seiten häufen sich dann teilweise doch die »das/dass«-Schnitzer, einmal wird sogar der Name des Erzählers verwechselt … nach 13.600 Kilometern resp. 268 Seiten macht sich die Erschöpfung breit, aber auch das gute Gefühl, etwas Bedeutendes geschafft (bzw. Interessantes gelesen) zu haben.

Eine Textstelle muss ich hier zitieren, die sich schon relativ früh findet, ab Seite 71 – kurz vor der kasachischen Grenze reflektiert Paul am 13. Mai über den Reiz, Strecken aus eigener Kraft zurückzulegen. Nun sind meine Touren überhaupt nicht vergleichbar mit so einer Unternehmung, aber dennoch habe ich viele meiner Gefühle, die mich oft auf dem Rennrad überkommen, wenn ich den ganzen Tag durch die Gegend kurbele, sofort wiedergefunden:

»Unvorstellbare Weiten, am Himmel wie auch auf der Erde. Man bekommt ein Marlboromann-Gefühl von Freiheit inmitten dieser überwältigenden Maßstäbe, fühlt sich klein und unbedeutend, doch auf eine entlastende Art. Man kann verstehen, wie winzig die Rolle ist, die man auf diesem Planeten spielt, aber auch, wie alles irgendwie zusammengehört. Nichts von dem, was ich hier sehe, ist für mich durch einen Flug oder eine Zugfahrt von meiner Heimat getrennt, es ist alles das gleiche Stück Erde. Meter für Meter habe ich selbst die Verbindung abgefahren und kann bestätigen: Sie existiert. Ich glaube, das ist etwas, das in Zeiten des schnellen Reisens verloren geht, das Verständnis, dass Orte keine in sich abgeschlossenen, voneinander getrennten Räume sind, zwischen denen eine Zugfahrt oder ein Flug wie eine Brücke steht. …«

Als Nichtflieger ersetze ich »Flug« durch »Autofahrt«, und vom »Planeten« habe ich natürlich lange nicht so viel gesehen wie die beiden Brüder, aber den Rest unterschreibe ich sofort.

Hansen Hoepner, Paul Hoepner (mit Marie-Sophie Müller):
»Zwei nach Shanghai – 13600 Kilometer mit dem Fahrrad von Deutschland nach China«
Erschienen am 17.09.2013 bei Malik | 272 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, 34 Farbfotos, 12 Links zu zusätzlichem Filmmaterial und eine Karte
ISBN: 978-3-89029-440-7 | € 19,99

Abbildungen © Piper Verlag GmbH

Hier noch mal die 3 Filmteile – sehenswert!

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