Alltag, Lektüre, Lust, Mensch-Maschine

Lektüre: 111 Gründe, das Radfahren zu lieben

Ein verlässlicher Indikator, dass man einem Thema erhöhte Aufmerksamkeit widmet, sind die Regalmeter, die sich langsam, aber sicher mit Büchern und Zeitschriften zu diesem Thema füllen – so ging es mir privat als Plattensammler (flüchtige Messung: mehr als 5 Regalmeter), beruflich als Designer (sicher mehr als 10 15 Regalmeter), und nun schaue ich der nächsten Abteilung beim Wachsen zu: Lektüre zum Thema Radfahren (noch unter 1 Regalmeter, Tendenz steigend). Letzter Neuzugang, gestern ausgelesen: »111 Gründe, das Radfahren zu lieben« von Christoph Brumme

brumme… und, soviel gleich vorneweg: PFLICHTLEKTÜRE! In Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen. Und das zum schlappen Ladenpreis von € 9,95. Gekauft habe ich mein Exemplar in der Buchhandlung im Museum der Arbeit in Hamburg, während meinem Ausstellungsbesuch dort im September. Denn die Buchhandlung war, dem Thema der Ausstellung entsprechend, bestens aufgestellt mit Fahrradliteratur – lauter Leckerbissen, aber da ich nicht allzuviel zuladen wollte, begnügte ich mich mit einem einzigen Buch, und die Wahl fiel auf dieses. Noch am selben Tag fing ich an zu lesen, und immer wieder nahm ich es zur Hand, wenn ein paar Minuten übrig waren. Es fuhr mit nach Stöppach und lag ansonsten immer auf meinem Nachttisch – die 111 Kapitel sind selten länger als zwei Seiten und damit ideale Häppchen zwischendurch. (Dass ich trotzdem gut einen Monat mit der Lektüre verbrachte, erklärt sich natürlich aus meinen Lesegewohnheiten – neben Büchern (immer mehrere gleichzeitig, Vorlese-Lektüre für unseren Jüngsten nicht eingerechnet) eine Tageszeitung (digital, zum Frühstück), eine Wochenzeitung, ein monatlich erscheinendes Magazin, mehrere Quartals-Magazine (alle bisher genannten im Abo) sowie diverse Themenhefte in unregelmäßigen Zeiträumen, je nach Lust und Laune.)

Zurück zu Brumme. Einen nicht geringen Teil des Buches machen Geschichten und Anekdoten seiner Radtouren an die Wolga aus, hier bietet er genau die Sorte Reiseliteratur, die ich so schätze: Kein Herunterleiern von Beschreibungen irgendwelcher touristischer Sehenswürdigkeiten oder Geheimtips, sondern seine Erfahrungen als Radfahrer mit den Menschen, denen er (meist abseits der Hauptstraßen und großen Städte) begegnet – und mit sich selbst, in der Einsamkeit fernab der Zivilisation (zumindest fast: etwas Teer findet sich immer unter den Laufrädern). Bzw. mit dem, was da kreucht und fleucht – Wölfe, Stechmücken, Ameisen … Brumme ist ein aufmerksamer Zeitgenosse, nicht nur, was seine Wahrnehmung angeht, sondern auch sein Verhalten. Dabei vermeidet er den erhobenen Zeigefinger durchgängig, stattdessen wirkt die beschriebene (und offensichtlich auch gelebte) Achtsamkeit wie selbstverständlich – ohne dass hier Enthaltsamkeit gepredigt würde: Der Alkohol fließt, teilweise in rauen Mengen, die Zigaretten glühen hie und da (und manchmal ist wohl nicht nur Tabak in denselben), und so stehen im Literaturverzeichnis wie selbstverständlich die »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte« neben »Über Haschisch« oder »Die Philosophie des Radfahrens« neben dem »Handbuch der Rauschdrogen«.

Durch seine Fahrten an die Wolga gelingt Brumme aber auch ein sehr guter Blick auf das Radfahren im Allgemeinen und den Verkehr hierzulande im Besonderen; und diese Mischung macht die Lektüre nicht nur zum doppelten Gewinn – Tourenbeschreibungen (Ausland), Alltagsradeln –, sondern auch so unwiderstehlich. Anfangs riss ich kleine Papierstreifen ab, um Seiten mit besonders prägnanten Textstellen zu markieren, aber irgendwann gab ich auf: als ich anfing, den zweiten großen Zettel zu zerreissen bzw. mir bei der Bettlektüre bereits gesteckte Zettel aus dem Buch entgegenfielen … jetzt, beim Hin- und Herblättern, finde ich wieder eine Stelle nach der anderen, deren Lektüre bei mir sofort Zustimmung ausgelöst haben:

»… Je mehr eine Gesellschaft in den Radverkehr investiert, desto mehr Freiraum gönnt sie den Menschen. Zum Radfahren in der Stadt braucht man Zonen der Langsamkeit, geeignete Wege, kultivierte Autofahrer, halbwegs intelligente Polizisten. Da ist das Fahrrad ein erfolgreiches Instrument für Demokratisierung, es schafft Platz für viele und fördert die Akzeptanz lockerer Kleidung. …«
(35. Weil das Radfahren zu einer Entkrampfung der Sitten beiträgt)

»Was wird man in 100 oder 200 Jahren über die gegenwärtigen Autogesellschaften denken? Ich fürchte und hoffe: nur Schlimmes. Gipfel menschlicher Dummheit, Paradebeispiel eines gigantischen Selbstbetrugs, Zeugnis von Dünkelhaftigkeit und Arroganz, so die Stichworte, die sich meiner Überzeugung nach durchsetzen werden. …«
(39. Weil man als Radfahrer kein Schmarotzer ist)

»… Je eintöniger die Landschaft, desto leichter sind die Phasen der Absence zu erreichen; leichter als in den Bergen, wenn das Fahren Konzentration und viel Kraft erfordert. Deshalb liebe ich das Radeln in der russischen Tiefebene. Die Höhenunterschiede sind mäßig, auch wenn es streckenweise ständig bergauf und bergab geht. Doch es ist ein herrliches Gefühl, den Raum bis zum Horizont ganz für sich allein zu haben. Ich brauche keinen Zaun zu errichten, um Land in Besitz zu nehmen.
Beim Radfahren kann man nicht nur physisch über der Erde schweben. Man kann sich stundenlang auf eine Sache konzentrieren, ohne dabei zu denken. Ich radle, also bin ich.«
(51. Weil Radfahren eine Form der Meditation ist)

»… Bei langen Radtouren muss man lernen, sich selbst zu ertragen, sich selbst zu unterhalten. Die Träumereien auf dem Fahrrad können durchaus in Halluzinationen übergehen – es kommt nur darauf an, sie zu genießen. …«
(74. Weil man als Radfahrer lernt, die Langeweile auszuhalten)

»… Über das Auto wird man in 10.000 Jahren lächeln, wie wir heute über den Faustkeil. Doch das Fahrrad wird bestimmt auch dann noch zu den schönsten Erfindungen der Menschheit gezählt werden, neben dem Buchdruck und der Antibabypille. Es ist das vernünftigste und schönste aller Fahrzeuge, die Menschen erfunden haben, und die Form lügt bekanntlich niemals. …«
(90. Weil Radfahren die Umwelt schont)

In jedem der 111 Kapitel finden sich oft mehrere Gründe, das Radfahren zu lieben – es gibt also deutlich mehr als 111 Gründe, dieses Buch schleunigst zu lesen!

Christoph Brumme: »111 Gründe, das Radfahren zu lieben – Vom Rausch der Geschwindigkeit, dem Geheimnis der Langsamkeit und dem Wissen, dass das Glück zwei Räder hat«
272 Seiten | ISBN 978-3-86265-360-7 | 9,95 EUR (D)

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5 Gedanken zu “Lektüre: 111 Gründe, das Radfahren zu lieben

  1. Stimmt, tolles Buch! Besprach es für den MDR u. a. Was da alles drinsteckt – erstaunlich! Grad ist vom selben Autor „111 Gründe, Schach zu spielen“ erschienen und ein Roman „Ein Gruß von Friedrich Nietzsche“. Sehr produktiv und vielseitig, der Brumme.

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  2. Gerade das Buch zu Ende gelesen. Und ich erinnerte mich, dass der Tipp von Dir kam und jetzt sehe ich, dass ich damals wohl erstmals hier kommentierte. Das war 2014. Wie die Zeit vergeht und was alles seitdem so passiert ist … Denn mittlerweile haben wir uns sogar persönlich getroffen und stehen in genau 2 Wochen beim Candy B. Graveller am Start 🙂 Schön, was so rund ums Bloggen geschieht. Kurz zurück zum Buch. Ja, wirklich ein gutes Buch. Ich hab’s gern gelesen und hab ziemlich viele Sätze unterstrichen bzw. markiert, denn bei mir war es die Kindle-Version.

    Teilweise waren die Reaktionen auf das Buch recht kritisch (siehe Amazon), was ich nicht so recht nachvollziehen kann, aber ich glaube mit diesen Rezensenten hätte ich auch nicht so gerne eine Radrunde gedreht. Danke noch mal für diesen Blogpost 🙂 bis in 2 Wochen, Jochen!

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    • Freut mich, Joas – und auf das gemeinsame Radeln mit Dir und Eva in 2 Wochen freue ich mich besonders … da können wir dann in aller Ruhe die bei der BFS aufgenommenen Gespräche zu Ende führen: nachts, im Wald, auf Schotter … 😀

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