Alltag, Frust, Lektüre, Mensch-Maschine, Radwege, Würzburg

Würzburg wird fahrradfreundlich? Nur ohne permanentes »victim blaming« …

Kleine Ursache, große Wirkung – das trifft einmal mehr auf die Sprach- und Begriffswahl in der Mainpost zu, die sich recht unscheinbar auf Seite 26 (Rubrik »Polizeibericht«, linke Spalte) der gestrigen Ausgabe (18.10.2014) und hier online findet. Eine 19-jährige wurde ohne eigenes Verschulden vom Rad geholt – erst auf der Straße, dann leider auch in der Mainpost und in der zugrundeliegenden Polizeimeldung …

pb20141018

Gleich vorneweg zwei wichtige Links, den Autoren/Redakteuren der Mainpost ebenso zur Lektüre empfohlen wie den Verfassern der Polizeimeldungen in den Dienststellen. Zum einen die »10 goldenen Regeln für bessere Unfallmeldungen«, die jüngst bei PresseRad zusammengefasst wurden, zum anderen die (englische*) Definition von »Victim blaming« – dieser Begriff (der mit »Opferdiffamierung« recht treffend übersetzt ist) wurde ursprünglich im Kontext von Vergewaltigungsfällen geprägt, hat sich in den letzten Jahren jedoch auch verstärkt im hiesigen Diskurs um die Berichterstattung bei Unfällen mit Radfahrerbeteiligung breitgemacht: Meistens kenntlich durch die Erwähnung des (nicht getragenen) Fahrradhelms, womit unterschwellig den Unfallopfern eine Teilschuld an den erlittenen Verletzungen unterstellt wird – egal, ob bewusst oder aus sprachlicher Unachtsamkeit.

* Anmerkung: Die englische Definition ist besser, weil sprachlich/inhaltlich weniger eng gefasst (im ersten Satz: »Victim blaming occurs when the victim of a crime or any wrongful act is held entirely or partially responsible for the harm that befell them« liest sich sachlicher als »… die Beschreibung für ein Vorgehen, das die Schuld für eine Straftat beim Opfer sucht«).

Aber nun zum Text in der Mainpost, kommentiert von mir:

Radfahrerin angefahren und schwer verletzt

Schwere Verletzungen zog sich eine 19-Jährige aus dem Landkreis Bamberg bei einem Verkehrsunfall am Donnerstag im Frauenland zu.

Unfug: Die Radfahrerin »zog sich« keine »schweren Verletzungen zu«, sondern wurde schwer verletzt »bei einem Verkehrsunfall«. »Zog sich zu« suggeriert, dass die Radfahrerin aktiv, durch ihr Verhalten, die Verletzungen herbeigeführt hat oder zumindest mitschuldig daran ist – Schuld an den Verletzungen hat jedoch, in diesem Fall eindeutig, der Unfallverursacher. Hier wird schon mal ein erster Schritt Richtung »Opferdiffamierung« unternommen – es kommt jedoch noch schlimmer (s.u.).

Gegen 15.05 Uhr wollte der Fahrer eines Alfa Romeo vom Zwerchgraben kommend nach rechts in die Wittelsbacherstraße abbiegen. Dabei übersah er eine vorfahrtsberechtigte, von links kommende Radfahrerin.

Unfug: »Links schauen, rechts schauen, links schauen« – das lernt man schon im Kindergarten als Fußgänger, beim Fahrradführerschein in der Grundschule und bei jeder weiteren Prüfung, die im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr steht. »Übersehen« ist einfach eine verharmlosende Umschreibung von »hat nicht richtig/gründlich/den örtlichen Gegebenheiten entsprechend geschaut« und suggeriert, dass der Fahrer alles getan hat, um einen möglichen Unfall zu vermeiden. Hat er ganz offensichtlich nicht, sondern im Gegenteil nur oberflächlich/flüchtig geschaut, um nicht zu sagen: Er hat halt ein wenig mit dem Kopf gewackelt … aber sich sicher keinen Überblick über die Verkehrssituation verschafft. Da er nicht vorfahrtberechtig war, wäre statt »übersah« »hat grob fahrlässig gehandelt« hier die bessere, treffendere Wortwahl.

Es kam zum Zusammenstoß. Die Zweiradfahrerin, die keinen Helm trug, stürzte kopfüber.

Unfug: »Es kam« eben nicht – aus welchem Grund auch immer – »zum Zusammenstoß«, sondern der Unfallverursacher verschuldete diesen Zusammenstoß. »Es kam« suggeriert, dass der Unfallverursacher doch eigentlich auch irgendwie Opfer (von höheren Mächten?) war und nicht ganz allein Schuld hat. Und warum wird der (fehlende) Fahrradhelm erwähnt? Es besteht weder eine Helmpflicht für Radfahrer, noch besteht überhaupt Einigkeit über die absolute Schutzwirkung von Fahrradhelmen (Lektüre? Hier, hier, hier, hier oder hier – um nur ein paar Links zu erwähnen). Was soll hier suggeriert werden? Verantwortungslosigkeit, Leichtsinn, Unvernunft, erhöhte Risikobereitschaft oder gar Mitschuld der Radfahrerin an den Verletzungen bzw. am Unfall? Der Helm ist ein Accessoire, das – im günstigsten Fall – eine bestimmte Körperpartie – den Schädel oben – vor Verletzungen schützen kann, aber nicht zwingend muss: Berichte über Kopfverletzungen mit Helm sind genauso häufig zu finden wie ohne Helm (nur wird der Helm, wenn vorhanden/getragen/nutzlos, eben nicht erwähnt). Erwähnt wird er einzig aus Motiven, die eben mit »Victim Blaming« oder »Opferdiffamierung« zur Genüge benannt und definiert sind. Pfui! Sieht harmlos aus, ist aber eine billige und völlig überflüssige Einlassung, die – siehe »Es kam zum Zusammenstoß« – den Unfallverursacher zusätzlich entlasten soll.

Die [sic!] musste mit Verdacht auf Frakturen an Hüfte, Schulter, linkem Arm sowie Kiefer in ein Krankenhaus gebracht werden.

So, jetzt erklär mal bitte, Mainpost: Wo hätte denn der Helm genau sitzen sollen? An der Hüfte? Auf der Schulter? Am linken Arm? Oder gar unterm Kiefer? Statt reflexhaft das Fehlen von ein paar Gramm Styropor auf dem Kopf zu erwähnen, wäre mal ein bisschen Reflexion angesagt, was dieses (nichtvorhandene) Styropor oben den bitteschön mit der Vielzahl an Verletzungen am ganzen Körper zu tun haben soll.

Den Fahrer des Alfa Romeo erwartet ein Strafverfahren.

Super gemacht (ganz im Ernst!), aber leider viel zu selten zu lesen – so etwas ist keine Ordnungswidrigkeit mehr und kein Kavaliersdelikt, kein Schicksal oder Zufall: Das ist eine Straftat, es gibt einen eindeutigen Verursacher/Schuldigen, und der wird für diese Straftat zur Rechenschaft gezogen. Punkt.

Die originale Pressemeldung der Polizei und der Text in der Mainpost unterscheiden sich übrigens in einem Maße, das ein bloßes Abschreiben oder Copy&Paste des Verfassers des Mainpost-Textes ausschließt – von daher: Note 5 für beide (einziger Pluspunkt: Die Erwähnung des Strafverfahrens).

Wozu überhaupt die Aufregung?

  1. Die Sprachwahl suggeriert beim oberflächlichen Lesen eine mögliche Mitschuld der Radfahrerin und bewirkt eine teilweise Entlastung des Unfallverursachers (Autofahrer): »Zog sich …«, »Es kam …«, »… übersah …«, »… die keinen Helm trug …« – sprachliche Nebelkerzen, nichts weiter. Was diese Nebelkerzen im Dauereinsatz bewirken, lässt sich gut nachlesen, wenn sich Otto Normalautofahrer in Foren zu Wort meldet – von (längst überholten) Radwegkonzepten mit Radverkehrsführung abseits der Straße (und außerhalb des Sichtfelds der Autofahrer) bis zum vollständigen Verbot der Straßenbenutzung durch Radfahrende reicht die Spannbreite der Pseudo-Argumente, die Helmpflicht (und das Nummernschild für Fahrräder) wird quasi ausschließlich von Nicht-Radfahrenden gefordert, dazu ein drakonisches Strafpaket für die ach so gefährlichen, allgegenwärtigen Kampfradler … daneben immer wieder die Betonung der absoluten Notwendigkeit, jeden Meter jederzeit aus jedem noch so nichtigen Anlass mit dem Auto zurücklegen zu müssen, im Falle eines Unfalls aber immer mindestens Zufall, Schicksal oder sonstige höhere Gewalt anzuführen, um von der eigenen Verantwortung(slosigkeit) abzulenken und sich selbst als Opfer wahrzunehmen.
  2. Die permanente Erwähnung des Fahrradhelms trotz nicht vorhandener Helmpflicht und nicht absolut erwiesener Schutzwirkung ist völlig daneben. Natürlich kann man darauf hinweisen, dass das Tragen eines Fahrradhelms in manchen Situationen vermutlich schon schlimmere Verletzungen verhindert haben kann – aber wie wäre es dann auch mit dem permanenten Hinweis, dass Autofahrer bitte nicht jede noch so kurze Strecke immer mit ihrem KFZ zurücklegen und als Stadtbewohner sowieso, besonders in einer eher eng gebauten Stadt wie Würzburg, doch bitte auf Anschaffung und Gebrauch überdimensionierter, übermotorisierter KFZ verzichten sollten? Dass sie als Insassen von rundum gepolsterten, mehrfach gesicherten und gegen Umwelteinflüsse möglichst weitgehend abgeschotteten Käfigen sich, bitteschön, ganz besonders vorsichtig im öffentlichen Raum bewegen möchten? Diese Hinweise oder gut gemeinten Ratschläge – nichts anderes ist die Fahrradhelmerwähnung – lese ich allerdings nie …
  3. Die Stadt Würzburg hat, im Hinblick auf den Straßenverkehr, einen ganzen Sack voller Probleme: Da wird eine Autobahn zwischen zwei Stadtteilen ausgebaut, aber nicht so, wie die Anwohner des betroffenen Areals es gerne hätten; da belastet Schwerverkehr, der, statt auf der Autobahn um die Stadt herumzufahren, lieber den kürzeren Weg durch diese hindurch nimmt, ebenfalls die Anwohner; da herrschen vor Schulen und Universitäten eigentlich unhaltbare Zustände, was die Sicherheit von Schülern und Studenten angeht … Feinstaub, Lärm, Unfallgefahr plus das teilweise völlige Zuparken der Straßen und Gehwege in einigen Stadtteilen (Grombühl, Sanderau, unteres Frauenland) belegen täglich aufs neue, dass das Konzept der autogerechten Stadt nicht nur per se ein fürchterlicher Schwachsinn ist, sondern sich in Würzburg nicht mal ansatzweise verwirklichen lässt. Das Fahrrad ist kein Allheilmittel, aber garantiert nicht Teil der Würzburger Probleme, sondern Teil der Lösung. Formulierungen, die einerseits das Radfahren übertrieben negativ darstellen (sehr gefährlich, bitte mit Helm etc.), andererseits den Autoverkehr aus der Verantwortung für die Probleme nehmen (»Es kam …«, »… übersah …« etc.), zementieren dagegen direkt Vorurteile (gegen das Radfahren) und befürworten indirekt eine weitere Steigerung des Autoverkehrs (als sicherstem Verkehrsmittel, wenn auch nur für die Insassen – im Schnitt nur 1,3 Personen).
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5 Gedanken zu “Würzburg wird fahrradfreundlich? Nur ohne permanentes »victim blaming« …

    • PresseRad ist hier die Instanz der Wahl zur regelmäßigen Lektüre, aber Vorsicht: Verschlechterung der Laune beim Lesen garantiert – und das liegt nicht an den engagierten Blogbetreibern, sondern an den Fundstellen, die sie dokumentieren …

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  1. Du hast absolut Recht.
    Spricht man mit anderen Leuten darüber, wird oft gesagt, dass ich nicht so kleinlich sein soll usw. Sehr schade. Die Problematik wird oft nicht verstanden.

    Ich sage auch immer gerne zum „verletzte sich“: niemand würde auf die Idee kommen, zu sagen „tötete sich“ im Zusammenhang mit einem Verkehrsunfall. Aber vielleicht ändert sich das auch noch irgendwann.

    Außerdem wird mit dieser Art der Berichterstattung auch die Meinung der Bevölkerung manipuliert. „Radfahrer machen eh was sie wollen und sind selbst schuld wenn etwas passiert.“
    Ich denke, dass diese Meinung durch solche Unfallmeldungen bestärkt wird.

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    • Genau das ist das Problem: Meinung wird manipuliert, ob mit Vorsatz oder nicht … gerade von offiziellen Multiplikatoren (Pressestelle der Polizei, Lokalzeitung) MUSS hier aber Sorgfalt eingefordert werden. Das Adjektiv »kleinlich« kenne ich zur Genüge, habe es aber noch nicht von Radfahrenden gehört …

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  2. Matthias schreibt:

    Der Polizeibericht ist eben die günstigste Art den Lokalteil der Tageszeitung zu füllen. Im diesem Fall mag die Mainpost eine Ausnahme gemacht und den Text umgestellt haben. In vielen anderen Fällen jedoch nicht. Wenn man die Texte aus verschiedenen Quellen zum gleichen Vorfall vergleicht erkennt man oft, dass dabei ohne jegliche redaktionelle Leistung kopiert wurde. Von daher liegt meiner Meinung nach das Problem direkt beim Ersteller des Polizeiberichts. Und dieser sollte von Berufswegen ein Interesse daran haben den Vorfall korrekt darzustellen. Leider ist der Fahrradhelm anscheinend die einzige Lösung, die die Pressestelle der Polizei für einen sichereren Radverkehr zu bieten hat.

    Unabhängig davon kann ich an der betreffenden Stelle jedem nur empfehlen den nicht benutzungspflichtigen Radweg zu meiden und auf der Straße zu fahren. Reger Fußgängerverkehr in der Nähe der Bushaltestelle Wittelsbacherplatz, wartende Linksabbieger im Zwerchgraben, die die neu markierte Radwegfurt blockieren, und eine „vergessene“ Markierung der Furt im weiteren Verlauf der Wittelsbacherstraße sind nicht gerade Beispiele einer sicheren Radverkehrsführung.

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