Alltag, Frust, Radwege, Würzburg

Defensiv? Nein: völlig idiotisch!

Mittlerweile spreche ich immer häufiger andere Verkehrsteilnehmer an – Autofahrer (die mich schneiden oder mir die Vorfahrt nehmen/versperren), aber auch Radfahrer (wenn deren Verhalten im Straßenverkehr kontraproduktiv bis gefährlich ist). Ich weiss, mein Leben durchläuft vermutlich eine ähnliche Metamorphose wie das von Seth Brundle in David Cronenbergs »Die Fliege«: Zuerst fühlt er eine unglaubliche Kraft, Lust und Energie, aber irgendwann verwandelt er sich vollständig in ein sabberndes Ekelwesen, das schließlich selbst um seinen Tod bettelt. Und ich? Heute glaube ich noch, mein Engagement für eine Verbesserung des Radverkehrs, meine ehrenamtlichen Tätigkeiten und meine Beschäftigung mit der Straßenverkehrsordnung (plus eine Prise gesunder Menschenverstand, kann nie schaden …) rechtfertigen den einen oder anderen verbalen Hinweis, aber schon morgen bin auch ich vermutlich ein sabberndes Ekel, ein permanent Zettel verteilender alter Griesgram, dem nur noch das Schlechte in der Welt auffällt …

… aber von meinen beiden letzten (kurzen) Unterhaltungen mit Radfahrern muss ich berichten, denn die Antworten sind einfach bemerkenswert – und typisch für das Selbstverständnis von viel zu vielen Radfahrenden hier in Würzburg (und vermutlich auch anderswo).

Kurze Beschreibung der Situation in Grombühl, einem Würzburger Stadteil, durch den ich mittlerweile täglich fahre: Von der Brücke unten links kommend wechselt der Zweirichtungsverkehr nach dem Abbiegen nach rechts in eine Einbahnstraße (Petrinistraße), in der auch die Straßenbahn auf einer eigenen Spur langfährt. Am Ende der Petrinistraße, bei der Universitätsklinik, geht es kurz wieder in Zweirichtungsverkehr bergauf (Josef-Schneider-Straße), bevor die Straßenbahn wieder nach links abbiegt, zuerst in die Robert-Koch-Straße und dann Matterstockstraße, beide ebenfalls Einbahnstraße (jeweils in Richtung der Pfeile). Die Straßenbahnspur ist durchgängig geteert, um Anwohnern das Überqueren dieser Spur und die Zufahrt zu den Häusern zu gewähren.

Kurze Beschreibung der Situation in Grombühl, einem Würzburger Stadteil, durch den ich mittlerweile täglich fahre:
Von der Brücke unten links kommend wechselt der Zweirichtungsverkehr nach dem Abbiegen nach rechts in eine Einbahnstraße (Petrinistraße), in der auch die Straßenbahn auf einer eigenen Spur langfährt. Am Ende der Petrinistraße, bei der Universitätsklinik, geht es kurz wieder in Zweirichtungsverkehr bergauf (Josef-Schneider-Straße), bevor die Straßenbahn wieder nach links abbiegt, zuerst in die Robert-Koch-Straße und dann Matterstockstraße, beide ebenfalls Einbahnstraße (jeweils in Richtung der Pfeile).
Die Straßenbahnspur ist durchgängig geteert, um Anwohnern das Überqueren dieser Spur und die Zufahrt zu den Häusern zu gewähren, gilt aber als Sonderfahrstreifen (unerlaubte Benutzung: € 15 Bußgeld).

Erste Unterhaltung (Ziffer 1 oben) am letzten Dienstag Abend: Ich fahre die Matterstockstraße entlang, rechts zwischen den Gleisen fährt ein Radfahrer. Unerlaubterweise, denn es handelt sich um einen Sonderfahrstreifen für die Straßenbahn, den man überqueren, aber nicht als Fahrspur benutzen darf. Ich: »Das kostet 40 Euro Strafe.« (Okay, kostet nur 15, aber man muss ja ein wenig auftragen …). Er: »Ich weiss – aber mich nerven die Autos hinter mir auf der Straße.« … Fazit: Radfahrer fährt bewusst auf verbotener Spur und riskiert Bußgeld, weil er sich auf der Straße von KFZ bedrängt fühlt.

Erste Unterhaltung (Ziffer 1 oben) am letzten Dienstag Abend: Ich fahre die Matterstockstraße entlang, rechts zwischen den Gleisen fährt ein Radfahrer. Unerlaubterweise, denn es handelt sich um einen Sonderfahrstreifen.
Ich: »Das kostet 40 Euro Strafe.« (Okay, kostet nur 15, aber man muss ja ein wenig auftragen …).
Er: »Ich weiss – aber mich nerven die Autos hinter mir auf der Straße.« …
Fazit: Radfahrer fährt bewusst auf verbotener Spur und riskiert Bußgeld, weil er sich auf der Straße von KFZ bedrängt fühlt.

Begegnung heute morgen (Ziffer 2) – Emil und ich halten an der roten Ampel, auf der Straßenbahnspur hält ein Radfahrer an, der die Petrinistraße auf dieser Spur weiter folgt. Ich: »Das kostet 40 Euro.« Er: »Ich weiss, aber die Autofahrer danken's mir.« … Fazit: Radfahrer fährt bewusst auf verbotener Spur und riskiert Bußgeld, damit die Autofahrer nicht hinter ihm langsam herfahren müssen.

Begegnung heute Morgen (Ziffer 2) – Emil und ich halten an der roten Ampel, auf der Straßenbahnspur hält ein Radfahrer an, der der Petrinistraße auf dieser Spur weiter geradeaus folgt, während wir nach links abbiegen werden.
Ich: »Das kostet 40 Euro Strafe.«
Er: »Ich weiss, aber die Autofahrer danken’s mir.« …
Fazit: Radfahrer fährt bewusst auf verbotener Spur und riskiert Bußgeld, damit die Autofahrer nicht hinter ihm langsam herfahren müssen.

Beide Radfahrer verhalten sich vordergründig defensiv, erweisen sich und dem Radverkehr damit aber einen Bärendienst, weil im gesamten Areal Tempo 30 gilt – deswegen gibt es keine Radwege, der Radverkehr MUSS auf der Straße geführt werden. Fährt ein Radfahrer auf der Sonderspur, ist das eine Ordnungswidrigkeit, für die ein Bußgeld in Höhe von € 15 fällig wäre. Wer hier regelmäßig fährt weiß auch, dass die Ampelschaltungen so angelegt sind, dass es für Autofahrer ziemlich sinnlos ist, die 30 km/h auszureizen, zumindest an diesen beiden Stellen. Natürlich kümmert das die Autofahrer wenig, aber Hupen, Drängeln etc.: DAS sind die Ordnungswidrigkeiten, die geahndet werden sollten. Ich käme nie auf die Idee, mich auf eine verbotene Spur zu begeben – noch dazu freiwillig in den Bereich von Straßenbahnschienen –, nur um ein paar Vollpfosten ihre völlig sinnlosen Ampelsprints zu ermöglichen … die sich noch dazu in ihrem alleinigen Besitzanspruch der Straße(n) bestärkt sehen, wenn erwachsene Radfahrer freiwillig fernbleiben, (verbotenerweise) auf Sonderspuren oder Gehwege ausweichen und auch sonst auf ihre Rechte verzichten. Der nächste Radfahrer, der das nicht macht, wird eben weggehupt, abgedrängt oder sonstwie schikaniert.

Bitte auch noch mal genau die Fotos anschauen – Quizfrage: Warum ist da kein Platz zum Überholen? Rrrrrichtig: Steht ja alles voll mit Autos …

Und zu guter Letzt: Heute Morgen ist mir – ganz ehrlich – überhaupt nichts mehr eingefallen zu dieser Antwort: »Die Autofahrer danken’s mir.« Ich habe jetzt in gut 40 Jahren auf dem Fahrrad schon so manches von Autofahrern gehört (und gelesen), aber ich schwöre: Ein »Danke« oder überhaupt irgendein freundliches Wort war noch nie dabei …

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4 Gedanken zu “Defensiv? Nein: völlig idiotisch!

  1. Nicht, dass ich Kommentare vermissen würde – nur ein Nachtrag:
    Gestern Abend (21.10.), 19.10 Uhr, Petrinistraße, Regensturm, neben mir (auf der Straße) fährt ein erwachsener Radfahrer (auf der Straßenbahnspur – meine Güte, warum fährt der bei diesem Sauwetter freiwillig an den Schienen entlang? Einmal kurz einer Pfütze ausweichen, oder ein Windstoß, und schon liegt er auf der Nase!).
    Ich: »Das kostet 15 Euro.«
    Er: »Wieso?«
    Ich: »Das ist eine Sonderspur für die Straßenbahn. Die darf eigentlich von keinem anderen Fahrzeug befahren werden.«
    Er: »Oh, das wusste ich nicht. Danke!«
    Sprach’s, zog nach rechts und fuhr auf dem Gehweg weiter …

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  2. So defensiv (oder eher demütig) deren Verhalten gegenüber Autofahrern ist, desto offensiver und unverschämter ist es gegenüber den unmotorisierten Verkehrsteilnehmern.
    Eingeschüchtert von drängelnden Proleten verlagern sie ihr Mobilitätsbedürfnis genau an die Stellen, an denen sie nichts zu suchen haben: Gehwege, Sonderwege und Radwege entgegen der Fahrtrichtung. Damit werden sie ihrerseits zum drängelnden Ärgernis, das andere permanent gefährdet. Nach oben buckeln, nach unten treten – und wenn man sie drauf anspricht gibt’s blöde Kommentare, Mittelfinger oder gleich Gewaltandrohungen.
    Erschreckenderweise betrifft das nicht nur wenige, sondern gefühlt 80% der Radfahrer.

    Die Straßenverkehrsbehörden lachen sich in’s Fäustchen und die Polizei guckt zu.

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    • Das Gehwegradeln ist sicher ein echtes Ärgernis und Problem – allerdings vor allem befördert durch den unsinnigen Radwegebau der letzten Jahrzehnte, in denen die Verkehrsplaner alles daran gesetzt haben, den Radverkehr von der Straße zu verdrängen. Heute wird täglich irgendwo die Benutzungspflicht aufgehoben, weil der Murks – und nichts anderes ist das, was zu dieser Zeit als Radwege angelegt/ausgewiesen wurde – schlicht illegal ist.
      Die einzig sinnvolle Lösung für den Verkehr innerorts – durchgängig Tempo 30 und damit Schluss mit dem Radwegequatsch – wird kommen, aber das kann noch ein Weilchen dauern.
      Die 80% würde ich nicht unterschreiben, aber gefühlte 50% sind es auch hier in Würzburg. Allerdings stehen denen 50% selbstbewusste Radler gegenüber, Tendenz steigend, und das lässt ja schon mal hoffen.
      Letztlich geht es um (Selbst-)Bewusstsein als Verkehrsteilnehmer und Reflexion des eigenen Verhaltens – ersteres müssen viele auf dem Fahrrad noch entwickeln, das zweite lernen. Langwierige Prozesse, aber sie sind in Gang … und ich sehe mich selbst dabei auch in diesen Prozessen, sicher nicht an ihrem Ende.

      Ein sehr interessantes Blog führst Du da über die Situation in Dresden!

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      • Danke. Das Kompliment gebe ich zurück.

        Hauptsächlich sind am Fehlverhalten sicher die Verkehrsplaner Schuld. Hier wurden bei einer umfänglichen Straßensanierung tatsächlich wieder Radwege auf einem Gehweg gebaut. Und das völlig ohne Not.
        Der Großteil der Benutzungspflichten wurde widerrechtlich angeordnet, aber hier gibt es keinerlei Einsicht von Seiten der Behörden. Ohne Klage wird da kaum etwas aufgehoben.

        Allerdings möchte ich dem desaströsen Verwaltungsapparat nicht die komplette Schuld zuschieben. Eigenverantwortung gehört zum Leben, zur Teilnahme am Straßenverkehr erst recht. 80% sind es gefühlt, in der Realität vielleicht „nur“ 60%, aber wenn ich bei meiner täglichen Brückenüberquerung (getrennter Geh- und Radweg) von 10 Radfahrern sechs auf dem Gehweg und drei in die falsche Richtung fahren sehe, dann zweifle ich am gesunden Menschenverstand. Vor allem wenn Eltern mit Kinderamhänger dabei sind.
        Ja, die meisten nehmen sich selbst als Verkehrsteilnehmer nicht ernst und handeln so bzw. werden entsprechend behandelt. Schön ist das nicht. Die Zahl der vernünftigen und selbstbewussten Radler ist hier um einiges geringer.

        Naja, optimistisch bleiben! 🙂

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