Lektüre, Lust, Mensch-Maschine, Rennrad

Lektüre: Ein Mann und sein Rad

Manchmal habe ich gar keine Lust auf Fahrradfahren: Am Vorabend habe ich mir eine Tour zurechtgelegt, ich schlafe, stehe auf, frühstücke, müsste eigentlich los … aber irgendwie ist es viel schöner am Frühstückstisch, der Blick nach draussen (trüb, nass, kalt – gerne auch eine Kombination aus allem) törnt ab, und noch mehr der Gedanke, dass ich erstmal die Stadt verlassen muss, bevor ich in neues oder interessanteres Terrain komme. Alle Wege aus der Stadt schon -zigmal gefahren, einer in diesem Moment so unattraktiv wie der andere – es gibt Tage, da geht die Tour doch recht zäh los …

ein-mann-und-sein-rad… und es gibt Bücher, die gehen – für mich – zäh los. Wobei »zäh« hier das falsche Wort ist. Aber der Reihe nach: Immer wieder stieß ich auf Empfehlungen des Buches »Ein Mann und sein Rad. Geschichten vom Radfahren« vom holländischen Autor Wilfried de Jong, Ende Mai im Covadonga-Verlag erschienen – ich glaube, nach der Lektüre der kurzen, lobenden Kritik von Dominik habe ich mir auch ein Exemplar im Buchladen geordert. Abgeholt. Neben das Bett gelegt und als Gute-Nacht-Lektüre die erste Geschichte, »Mona Lisa«, gelesen. Hmmmmm … eine Geschichte vom Klettern, den Col de l’Homme Mort hinauf … aber was war das nun mit der Frau, der Massage, dem Beinchenschaum: Surrealismus? Altherrenerotik? Na, ich weiss ja nicht … und das Buch wanderte erstmal zur Seite, ich zog andere Lektüre vor. Einige Wochen später, nachdem der Brumme durch war, der nächste Anlauf, zweite Geschichte: »Schwarze Federn« … und plötzlich stimmte alles: Die Beobachtungen und der Ton des Autors zogen auch mich in ihren Bann, Tag für Tag nahm ich das Buch nun zur Hand, manchmal auch mehrere Geschichten der insgesamt 20 lesend. Undhastenichtgesehen, war das Vergnügen schon wieder vorbei, das Buch nach viel zu schnell verflogenen 240 Seiten durchgelesen.

Ich will nun nicht zu viel verraten, aber soviel doch: de Jong schreibt aus der Perspektive des Rennradfahrers – nicht des Hochleistungssportlers, aber doch des ambitionierten Amateurs, der bestimmte Orte oder Routen mit dem Rennrad (einmal, in New York, auch mit dem Leihrad) selbst erfahren will. Immer geht es dabei um Begegnungen mit anderen Menschen (okay, auch mal vornehmlich mit Blesshühnern), selten jedoch mit seinesgleichen, und der Autor brilliert Seite für Seite mit einer Beobachtungsgabe und Sicherheit in der Formulierung, wie man sie selten liest. Und so driften die Stories auch gerne weg vom Startpunkt – dem Tritt in die Pedale – und führen in den Schallplattenladen, auf den Friedhof, ins Krankenhaus, den Strandimbiss oder – siehe Titelbild – das Pavé von Paris–Roubaix. Manchmal entpuppen sich die harmlos beginnenden Begegnungen als bizarr, komisch – aber auch dramatisch oder traurig. Und fast immer verschwindet das Fahrrad dann ganz hinter den beschriebenen Menschen oder den geschilderten Umständen, nur um völlig selbstverständlich wieder am Ausgangspunkt der nächsten Begegnung zu stehen.

Also auch von mir: Absolute Leseempfehlung – ich bin mir sicher, dass ich das Buch bald wieder zur Hand nehmen werde, um die eine oder andere Geschichte ein zweites Mal zu lesen. Denn die »Mona Lisa« bekommt, nach der genussvollen Lektüre aller anderen Texte, noch eine zweite Chance …

Wilfried de Jong: »Ein Mann und sein Rad. Geschichten vom Radfahren«
240 Seiten, ISBN 978-3-936973-91-4, € 14,80

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