Alltag, Ehrgeiz, Fotografie, Lust, Radwege, Rennrad, Tour 100–200 km, Training

Radeln im Herbst

So langsam wird es ungemütlich – der Nebel am Morgen hält sich zäh, vor allem hier im Maintal, und ich merke auch, dass meine Herbst- bzw. Winterklamotten nicht wirklich optimal sind: Riesige XL- und XXL-Lappen aus der Zeit, als ich noch eine gewichtigere Persönlichkeit war. Man(n) wird ja nun doch etwas eitel, die engen Synthetikklamotten des Sommers liegen immer noch griffbereit – und dann wird eben die Zwiebeltaktik angewandt: Schicht um Schicht drauf, bis genügend Polyester zwischen Körper- und Umgebungstemperatur optimal vermittelt.

Noch gelingt es, und letzte Woche habe ich mit meiner Sommerkollektion – in mehreren Lagen – noch eine Tour in die Rhön absolviert: am Montag, 27.10., von Würzburg nach Fladungen hoch, dort ein paar schöne Tage mit Familie und Freunden verbracht (Herbstferien in Bayern), am Donnerstag, 30.10., wieder die gleiche Tour zurück. Konsequent mit Gepäck am Rad (große Tasche), nur den Laptop habe ich meiner Frau im Auto mitgegeben (musste noch ein paar Kleinigkeiten erledigen, und das ist ja dann doch der Segen des Computerarbeitsplatzes, dass man ihn überall hin mitnehmen kann – Rhönurlaub, Ostseeurlaub, Kroatienurlaub: immer war der Laptop dabei … ähh, Moment mal! Habe ich »Segen« geschrieben? Meinte natürlich »Fluch« …).

Die Strecke nach Fladungen fuhr ich diesmal nicht nach landschaftlichen Aspekten, sondern rein zweckorientiert: Rauf aufs Rad und so schnell und direkt wie möglich ans Ziel. Noch schnell ein Schlenker bei meinem Steuerberater vorbei, die Papierunterlagen abgeben, und dann auf die B19 bzw. auf das, was von ihr zwischen Werneck und Münnerstadt noch übrig ist nach der Eröffnung der A71. An Wochenenden kann man hier ziemlich entspannt fahren, vor allem abends, aber wie ich jetzt merken musste, ist das Befahren unter Woche, noch dazu teilweise im Berufsverkehr, kein wirklicher Spaß mehr – dabei ist es weniger schlimm, dass hier relativ viel Autos unterwegs sind, sondern vielmehr, wie sie gefahren werden: Die Rücksichtslosigkeit beim Überholen, das zu dichte Vorbeifahren, die völlige Ignoranz gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern, vor allem schwächeren, ist manchmal schlicht … atemberaubend, um es mal höflich zu formulieren. Klarer formuliert: Der Selbstüberschätzung und den Allmachtsfantasien, die sich beim Autofahren fast automatisch einstellen – habe ich selbst alles schon empfunden –, ausgeliefert zu sein, irgend so einem blöden Hanswurst, der sich auf der Straße mit seinem (meistens noch tiefergelegten) Fahrzeug den Frust von der Seele fährt, Frust wegen dem Scheissjob, dem Stress im Privaten, dem ganzen verkorksten eigenen Leben … den Launen von diesen asozialen Rotzlöffeln (damit sind auch die »Bloß schnell heim«-Fahrer der Firmenfahrzeuge/Pritschenwagen und die »Ein Radfahrer auf unserer Straße? Gotteslästerung!«-Senioren gemeint) ausgesetzt zu sein, schmälert die Freude am Radfahren doch hin und wieder. Leider.

Aaaaaber (hier bitte genau hinhören – Trommelwirbel, Fanfaren, 180°-Kehre im Tonfall): ES MACHT TROTZDEM SPASS!!! In diesem Jahr ist es mir – mit ganz wenigen Ausnahmen, für die ich vernünftige (!) Argumente anbringen kann – gelungen, autofrei alle Strecken mit dem Fahrrad zu absolvieren. Nicht nur die alltäglichen Kurzstrecken, nein, auch die Mittel- und Langstrecken, um Familienbesuche oder, wie letzte Woche in Fladungen, kleinere Urlaube autonom und per Fahrrad zu absolvieren. Dabei war es mir immer wichtig, auch das Gepäck dabeizuhaben, um eine mögliche Diskussion à la »Das geht ja bloß, weil Dir immer jemand Dein Zeug mit dem Auto hinterherfährt« gar nicht erst aufkommen zu lassen. Das Rezept dafür? Ein durchdachteres Zeitmanagement, kombiniert mit der Einsicht, dass »Erholung« für mich derzeit auf dem Rad stattfindet, und zwar bevorzugt 100 km oder mehr – Strecken wie die von Würzburg nach Fladungen (knapp über 100 km) sind mit einem 25er Schnitt in akzeptabler Zeit zu fahren, fordern genügend körperliche Anstrengung, lassen mich aber auch am Ziel nicht erschöpft umfallen, sondern nach kurzem Verschnaufen und einer Dusche noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Am Montag kam ich erst gegen 14.45 Uhr in Würzburg los, berufsbedingt, und folgte meiner Familie mit dem Rad. Seit ich in Bergtheim auf die B19 wechselte, fuhr ich schon mit Licht. Ankunft in Fladungen vor 19.30 Uhr (kleine Kaffeepause in Bad Neustadt), noch rechtzeitig zum gemeinsamen Abendessen mit Familie und Freunden (insgesamt knapp 20 Erwachsene und Kinder). Es folgten zwei entspannte Tage ohne Fahrrad, bevor ich am Donnerstag die gleiche Strecke wieder zurückfuhr, diesmal aber etwas früher loskam und komplett bei Tageslicht fuhr. Die Kamera am Rad war demontiert, wegen dem trüben Wetter – aber es gibt trotzdem ein paar Fotos: Herbsturlaub in Fladungen.

Auf dem Fußweg zum Freilandmuseum am Dienstag: Ein Schaufenster mit nicht ganz alltäglichen Fahrzeugen …

Auf dem Fußweg zum Freilandmuseum am Dienstag: Ein Schaufenster mit nicht ganz alltäglichen Fahrzeugen …

… und noch eines mit Produkten aus der Wirtschaftswunderzeit. Nostalgie kaschiert den Leerstand.

… und noch eines mit Produkten aus der Wirtschaftswunderzeit. Nostalgie kaschiert den Leerstand.

Freilandmuseum Fladungen: immer einen Besuch wert!

Freilandmuseum Fladungen: immer einen Besuch wert!

Im Anschluß lief ich mit Sabine und Horst noch eine kleine Runde (10 km) zur Kapelle St. Sebastian bei Nordheim. Dort biete sich ein schönes Panorama des Streutals, von Nordheim (links) bis Fladungen (rechts).

Im Anschluß lief ich mit Sabine und Horst noch eine kleine Runde (10 km) zur Kapelle St. Sebastian bei Nordheim. Dort biete sich ein schönes Panorama des Streutals, von Nordheim (links) bis Fladungen (rechts).

Mittwoch: Wasserkuppe – recht spät, so dass ich schon stark in die untergehende Sonne lief, während die anderen auf der Rodelbahn fuhren. Ich wollte aber zum Fliegerdenkmal …

Mittwoch: Wasserkuppe – recht spät, so dass ich schon stark in die untergehende Sonne lief, während die anderen auf der Rodelbahn fuhren. Ich wollte aber zum Fliegerdenkmal …

… auf dem Weg dahin ein Blick zurück zum Radom, bei strahlend blauem Himmel. Wollte ich gleich nach dem Denkmal nochmal von nahem fotografieren, aber …

… auf dem Weg dahin ein Blick zurück zum Radom, bei strahlend blauem Himmel. Wollte ich gleich nach dem Denkmal nochmal von nahem fotografieren, aber …

… schon am Denkmal verschwindet die Sonne langsam hinter Hochnebel, der bald in die Dämmerung übergehen wird. Es wird schnell klamm und ungemütlich – aber die unerschrockenen Gleitschirmschüler starten unentwegt.

… schon am Denkmal verschwindet die Sonne langsam hinter Hochnebel, der bald in die Dämmerung übergehen wird. Es wird schnell klamm und ungemütlich – aber die unerschrockenen Gleitschirmschüler starten unentwegt.

Rückweg zum Radom – es trübt sich ein …

Rückweg zum Radom – es trübt sich ein …

… und es ist wirklich nicht mehr viel zu sehen. Glücklicherweise haeb ich 10 (!) Minuten vorher das Foto mit blauem Himmel gemacht.

… und es ist wirklich nicht mehr viel zu sehen. Glücklicherweise haeb ich zehn (!) Minuten vorher das Foto mit blauem Himmel gemacht.

Richtig spooky: Schuppen auf der Wasserkuppe.

Richtig spooky: Schuppen auf der Wasserkuppe.

Der Rückweg: Kletterwald und Lift für die Rodelbahn – zur klammen Atmosphäre passt der »schröckliche Pizzamann«, den ich nach unserer Rückkehr forme, bevor er sich, mti etwas Wärme, in 30 Minuten fast vervierfacht (vom Volumen her).

Der Rückweg: Kletterwald und Lift für die Rodelbahn – zur klammen Atmosphäre passt der »schröckliche Pizzamann«, den ich nach unserer Rückkehr forme, bevor er sich, mit etwas Wärme, in 30 Minuten fast vervierfacht (vom Volumen her).

Rückfahrt am Donnerstag, Zigarettenpause oberhalb von Münnerstadt auf einem Parkplatz, kurz nach dem Wechsel vom Schindberg auf die ehemalige B19. Verkehrsunfalltod-Folklore – und ich meine das nicht abwertend, sondern bin immer wieder betroffen beim Anblick der Kreuze an den Straßen, die ich viel länger im Blick habe als die Autofahrer.

Rückfahrt am Donnerstag, Zigarettenpause oberhalb von Münnerstadt auf einem Parkplatz, kurz nach dem Wechsel vom Schindberg auf die ehemalige B19. Verkehrsunfalltod-Folklore – und ich meine das nicht abwertend, sondern bin immer wieder betroffen beim Anblick der Kreuze an den Straßen, die ich viel länger im Blick habe als die Autofahrer.

Bei Werneck muss ich doch anhalten und den Saustall auf dem gemeinsamen Feld- und Radweg dokumentieren: Meine Güte! 50 Meter Glitschfahrt in reinem Dreck, der den glatten Asphalt komplett bedeckt. Wer soll oder will hier überhaupt mit dem Rad fahren?

Bei Werneck muss ich doch anhalten und den Saustall auf dem gemeinsamen Feld- und Radweg dokumentieren: Meine Güte! 50 Meter Glitschfahrt in reinem Dreck, der den glatten Asphalt komplett bedeckt. Wer soll oder will hier überhaupt mit dem Rad fahren?

 

Statistik:

27. Oktober – Von Würzburg nach Fladungen
107,38 Tageskilometer
4:11:46 reine Fahrzeit
25,58 km/h Durchschnitt
63,80 km/h max.
1.101 m Tageshöhe

30. Oktober – Von Fladungen nach Würzburg
101,54 Tageskilometer
3:46:18 reine Fahrzeit
26,91 km/h Durchschnitt
59,72 km/h max.
74 UPM Durchschnitt
788 m Tageshöhe

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