Alltag, Dialog, Würzburg

»Wie macht man Radverkehr sichtbar?«

Als ich mit dem Bloggen begann, wollte ich eigentlich auch andere zu Wort kommen lassen – gar nicht so sehr als Mit-Autoren (obwohl da nichts dagegen spräche), eher als Alltags- oder Überzeugungsradler, um (selbst) mehr über die Haltung dahinter zu erfahren. Ich wollte Typen portraitieren, ihre Räder zeigen, ihre Schrullen … aber irgendwie fand ich nie den richtigen Startpunkt dafür. Jetzt, nach über 100 veröffentlichten Beiträgen, ist es aber soweit: In der (neuen) Kategorie »Dialog« versuche ich, nicht nur meinen Senf zum alltäglichen Geschehen dazu zu geben, sondern dezidiert mit anderen Radlern ins Gespräch zu kommen. Als nach dem letzten Treffen der AG Radverkehr am 5.11. Thorsten mit leuchtenden Augen davon berichtete, dass er und seine Frau – zufällig – in Hamburg an der Critical Mass teilgenommen haben, wollte ich ein wenig mehr von ihm wissen …

Warum, wann und wie bist Du nach Hamburg gekommen?

Meine Frau hat mir ein kinderfreies  Wochenende geschenkt. Und dafür Hamburg ausgewählt, weil wir auf dem Weg vom Sommerurlaub heim da schon mal vorbeigekommen sind. Sie hatte dort ein Plakat über die Sonderausstellung »Das Fahrrad« im Museum der Arbeit gesehen. Weil sie – zutreffend – annahm, dass mir ein Besuch dort gefallen würde. Also sind wir dann dorthin gefahren. Am 31.10., dem letzten Freitag im Oktober, ging es los.

Ihr seid ja vermutlich nicht mit dem Fahrrad von Würzburg nach Hamburg gefahren: Wie seid Ihr nach Hamburg gekommen, wie habt Ihr Euch vor Ort bewegt?

Wir sind mit dem Zug nach Hamburg gefahren. Von Würzburg aus dauert das dreieinhalb Stunden und man kommt gut erholt an. In unserem Fall war das nicht schlecht, denn wir hatten geplant, möglichst viel zu Fuß oder mit dem Leihrad abzudecken. Immerhin gibt es zwei Leihradsysteme in Hamburg: Nextbike und Stadtrad Hamburg. Letzteres ist eine Kooperation zwischen der Deutschen Bahn und der Stadt Hamburg. Die Preise unterscheiden sich: Nextbikes werden pro halber Stunde abgerechnet (1 €, max. 9 € pro Tag), die Stadträder pro Minute (8 Cent, mit Bahncard 6 Cent, maximal 12 € pro Tag), wobei hier die erste halbe Stunde jeder Fahrt kostenlos ist. Beide Leihradsysteme arbeiten stationsbasiert: Es gibt feste Standorte, an denen Räder entliehen und zurückgebracht werden können. Dabei kann ein Rad auch an einer anderen Station abgegeben werden, als der, an der man es entliehen hat.
Da das Wetter passte, mussten wir nicht auf den ÖPNV zurückgreifen. Auch beim Carsharing-Anbieter Car2go hatte ich mich vorsorglich registriert. Damit hätten wir noch die Möglichkeit gehabt, auf 500 im Stadtgebiet verteilte Smarts zurückzugreifen. Das war, wie gesagt, aber nicht notwendig. Am Freitag Abend war es in der Hamburger Innenstadt sowieso nicht so ganz empfehlenswert, im Auto zu sitzen, weil sich da die Critical Mass durch die Stadt schlängelte.

Photo von der Critical Mass am 31.10.2014 in Hamburg (von der Critical-Mass-Website).

Photo von der Critical Mass am 31.10.2014 in Hamburg (von der Critical-Mass-Website).

Wie seid Ihr auf die Critical Mass Hamburg aufmerksam geworden?

Auf Twitter und in verschiedenen Fahrradblogs liest man immer wieder davon. Irgendwann ging mir auf, dass wir ja genau am letzten Freitag im Monat in Hamburg sind. Und am letzten Freitag im Monat findet in vielen Städten die Critical Mass statt. Und in Hamburg die deutschlandweit größte. Es passte also alles. Das mussten wir uns anschauen!

Habt Ihr nur zugeschaut bei der CM oder seid Ihr selbst mitgefahren?

Zuerst sind wir nur mal zum Treffpunkt gefahren, an dem Freitag war das eine Wiese an der Alster. Es wurden dann immer mehr Radfahrerinnen und Radfahrer. Teilweise im Halloween-Outfit, teilweise mit bunt geschmückten Rädern, bunten Lichtern, einfach phantasievoll. Und dann auch noch ganz viele »normale« Menschen, so wie wir. Wir hatten zuerst ein wenig Bammel, ob so eine große, »selbstorganisierende« Masse von Leuten nicht ein Chaos hervorruft. Aber als sich alle in Bewegung gesetzt haben hat es sich ganz »natürlich« angefühlt, und wir haben uns mit unseren Leihrädern einfach eingereiht.

Photo von der Critical Mass am 31.10.2014 in Hamburg (von der Critical-Mass-Website).

Photo von der Critical Mass am 31.10.2014 in Hamburg (von der Critical-Mass-Website).

Diese Critical Mass in Hamburg hatte 4.800 Teilnehmer, bei ca. 1,75 Mio Einwohnern. In Würzburg wurde in der Vergangenheit auch versucht, eine Critical Mass zu etablieren, ich bin selbst 2013 ein paar Mal mitgefahren. Bei lediglich 0,125 Mio Einwohnern müssten das in Würzburg, verglichen mit Hamburg, immer noch 340 Teilnehmer sein – ich weiss aus eigener Erfahrung, dass wir jedes mal bang abgezählt haben, ob wir überhaupt die benötigten 16 Teilnehmer zusammenbekommen, um als Verband fahren zu dürfen.
Hast Du eine Idee, warum die Critical Mass in Würzburg, trotz Präsenz mehrerer Verbände (VCD, ADFC, Piraten etc.) hier nicht so recht zündet?

Das ist eine gute Frage. Eigentlich hätte Würzburg auch genug Potenzial. Schon jetzt sind viele Radfahrer unterwegs. Lag es vielleicht am Termin? Der war doch immer am frühen Abend, eventuell hat das Berufstätige abgehalten. Oder aber die Würzburger sind so »brav«, dass sie die Situation für Radfahrer einfach klaglos hinnehmen. Eines der Critical-Mass-Mottos ist ja: »Wir behindern nicht den Verkehr – wir sind der Verkehr«. An dem Freitag in Hamburg hat das super funktioniert. Da war der Radverkehr mächtig sichtbar. Die Frage – auf die ich noch keine Antwort gefunden habe – ist ja: Wie macht man Radverkehr sichtbar? Bestimmt kann man das auch anders machen als mit einer Critical Mass. Vielleicht gibt es da etwas, was für Würzburg besser passt. Haben die Blogleser eine Idee?

Critical-Mass-Logo.

Critical-Mass-Logo.

»Wie macht man Radverkehr sichtbar?« – das will ja Critical Mass: (Selbst-)Bewußtsein demonstrieren. Nach meiner Beobachtung tun sich die Würzburger Radfahrer – von denen es wirklich viele gibt, Tendenz zunehmend – sehr schwer mit damit. Wie beim letzten AG-Treffen ja von mehreren festgestellt wurde, sind viele Radfahrer »Kind geblieben«, d.h. sie »nehmen sich als Verkehrsteilnehmer selbst nicht ernst« bzw. ordnen sich freiwillig dem Autoverkehr unter (siehe diesen Artikel und auch die Kommentare dazu). Ich habe aber selbst bei der Critical Mass hier, wenn ich teilgenommen habe, immer wieder beobachtet, wie z.B. Alltagsradler auf dem Heimweg, statt ein Stück auf der Straße mitzufahren (etwa am Röntgenring/Haugerring), ausnahmslos auf dem Radweg geblieben und davongefahren sind. Neben dem Selbstbewußtsein fehlt es m.E. hier vor allem an Solidarität bzw. am Selbstverständnis, Teil eines großen Ganzen zu sein und gemeinsam etwas bewirken zu können. Wie ist Deine Einschätzung?

Radverkehr kann ja schlicht dadurch sichtbar werden, dass Radfahrerinnen und Radfahrer im Stadtbild präsent sind. Je mehr Menschen in dieser Stadt aufs Rad steigen, desto besser. Und das Problem, dass sie sich als Verkehrsteilnehmer nicht ernst nehmen ist vielleicht auch ein »Henne-Ei-Problem«: Sie nehmen sich nicht ernst, weil sie sich von der Verkehrsplanung nicht ernst genommen fühlen. Von denen werden sie auf schmale Hochbord-Schutzstreifen geschickt, die sich noch dazu in der Dooring-Zone befinden (z. B. Seinsheim-Straße), sie werden auf linksseitige gemeinsame Rad-Fuß-Wege geleitet, die plötzlich mit einem »Rad-/Fußweg endet«-Schild enden, ohne dass in irgendeiner Art klar ist, wohin sie sich denn auflösen sollen (z.B. Reuterstraße zwischen Dollgasse und Hedanstraße). Der ständige Wechsel zwischen linksseitig, Radweg, Schutzstreifen, freigegebenem Fußweg und anderen Modi verlangt dem Radfahrer einiges ab. Wenn sich viele dann darauf zurückziehen, auf dem Gehweg zu radeln, könnte das am Ende auch daran liegen, dass das für sie das einzige Konzept ist, das sie konsequent durchziehen können. Helfen würde hier auch eine jederzeit schlüssige Verkehrsführung für den Radverkehr, bei der immer klar ist, wo denn weiter langgeradelt werden soll, wenn man irgendwo ankommt.
Ein schönes Projekt um Bürger aufs Rad zu bringen finde ich übrigens die Kampagne »Osnabrück sattelt auf«. Hier wird seit 2013 mit humorvollen Plakaten das ganze Jahr über für das Radfahren geworben. Auch so nimmt man Radfahrer ernst. Und die Motive sind wirklich witzig!
Und noch eine schöne Möglichkeit, Radverkehr sichtbar zu machen, ist mir in Hamburg über den Weg gelaufen. Ein Radbarometer, das mittels einer Induktionsschleife die Vorbeiradelnden zählt.

Thorstens Frau Lore auf dem Leihrad passiert den Zähler …

Thorstens Frau Lore auf dem Leihrad passiert das Radbarometer …

Hier wird nach außen die Botschaft transportiert: »Bei uns zählt jeder Radfahrer, jede Radfahrerin«. Gleichzeitig erhält man Daten, wie viele wann genau vorbeifahren, welchen Einfluß zum Beispiel die Außentemperatur, Busfahrerstreiks, Baustellen oder ähnliches auf das Radverkehrsaufkommen haben. Wichtige Daten, die wieder in die Planung einfließen können.
Ernst genommene Radlerinnen und Radler lassen sich dann vielleicht auch überzeugen, dass es für alle sicherer ist, wenn sie auf der Straße und nicht auf dem Gehweg radeln.


 

Thorsten Becker kenne ich über das gemeinsame Engagement in der AG Radverkehr. Der Vater von drei Kindern wohnt in Rottenbauer, dem am weitesten vom Stadtzentrum entfernten Stadtteil Würzburgs, und fährt seit Juni 2012 arbeitstäglich, zu jeder Jahreszeit und fast jeder Wetterlage mit dem Fahrrad zu seiner Arbeitsstelle am Hubland (genau, der Campus im letzten Beitrag). Vorher ist er 17 Jahre in Würzburg nicht Fahrrad gefahren, weil er sich das irgendwie gefährlich vorgestellt hat – bis er es ausprobiert hat. Mittlerweile ist er zur Überzeugung gelangt, dass das Fahrrad für viele Fragen der städtischen Verkehrsplanung zumindest ein Teil der Lösung sein kann.

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