Alltag, Fotografie, Frust, Würzburg

»Stadtgestalterische Aufwertung« à la Würzburg …

Eigentlich wollte ich gar nichts zu der neuen »Fußgängerzone« in der Hofstraße schreiben, weil sie verkehrsplanerisch und städtebaulich nur noch der traurige Rest einer größeren Achse (Residenz–Dom) ist, die schon seit Jahren im Gespräch ist, aber über die Jahre hin im Würzburger Stadtrat solange malträtiert worden ist, bis in diesem Jahr bereits gezahlte Fördergelder – samt Zinsen – an den Bund zurücküberwiesen werden mussten.

Dennoch eine kleine Anmerkung von mir, die belegt, wie in Würzburg weiterhin jeder freigewordene Quadratmeter sofort wieder dem Autoverkehr zugeschlagen wird – quasi reflexhaft, ohne langes Nachdenken. Das Erstaunlichste bei der ganzen Angelegenheit: Während Stadtbaurat Christian Baumgart (der oberste Bestimmer, wenn es in Würzburg um Hoch- und Tiefbau geht) sich in der Mainpost vom 13.12.2014 über »stadtgestalterische Aufwertung« ausläßt, schafft die Fachabteilung Tiefbau die Tatsachen vor Ort, die eher das Gegenteil nahelegen.

20141223-00

Besonders interessant ist der fünfte Absatz:

»Stadtbaurat Christian Baumgart ist von der Fußgängerzone überzeugt. „Seit 2006 arbeiten Stadtrat und Verwaltung daran, dieses Stück der Hofstraße dicht zu machen und sie im weiteren Verlauf möglichst verkehrsberuhigt zu gestalten.“ Sinn der Sache: Verkehr im Umfeld der Residenz zu reduzieren, die Aufenthaltsqualität für Radfahrer und Fußgänger verbessern, ihnen mehr Platz zum Überqueren der Balthasar-Neumann-Promenade geben, die Blickachse zwischen Residenz und Dom zu verbessern und für Touristen erlebbar zu machen. In mehr als einem Dutzend Beschlüssen hat der Stadtrat laut Baumgart Grundlagen für die Einrichtung der Fußgängerzone gelegt.«

Ich habe eigentlich eher den Eindruck, dass seit 2006 vor allem daran gearbeitet wurde, möglichst wenig Hofstraße »dicht« zu machen – was jetzt mit ca. 80 Metern vor der Residenz auch durchgeführt wurde. Das permanente »Parkplätze! Parkplätze!«-Geschrei der »konservativen« Stadträte wurde und wird ausgiebig in der lokalen Presse dokumentiert (»… die komplette Hofstraße zur Fußgängerzone zu machen, wurde von einer konservativen Mehrheit im Stadtrat abgelehnt. Es sollten nicht zu viele Parkplätze verloren gehen. …«), das »möglichst verkehrsberuhigt« bezieht sich wohl ironisch auf die ebenfalls erst vor kurzem eröffnete neue Markttiefgaragenzufahrt, die auf der selben Strecke verläuft? Und den »Verkehr im Umfeld der Residenz … reduzieren« – wie denn, wenn sich auf dem Platz vor der Residenz einer der größten innerstädtischen Parkplätze befindet?

Völlig an der neu geschaffenen Realität vorbei gehen aber die folgenden Aussagen: »… die Aufenthaltsqualität für Radfahrer und Fußgänger verbessern, ihnen mehr Platz zum Überqueren der Balthasar-Neumann-Promenade geben, die Blickachse zwischen Residenz und Dom zu verbessern und für Touristen erlebbar zu machen. …«, denn die sieht so aus (Fotos vom 14.12.2014, einem verregneten Sonntag, deswegen ist eher wenig los …):

Blick von der Hofstraße zur Residenz. Die Fußgäner laufen selbst in Gruppen weiterhin auf dem Gehweg, beim Ausweichen wird nur ganz kurz auf die (ehemalige) Straße gewechselt, dann schnell wieder hoch auf den Gehweg …

Blick von der Hofstraße zur Residenz. Die Fußgänger laufen selbst in Gruppen weiterhin auf dem Gehweg, beim Ausweichen wird nur ganz kurz auf die (ehemalige) Straße gewechselt, dann schnell wieder hoch auf den Gehweg …

Dichtgemacht und aufgeräumt: die frühere Ein-/Ausfahrt der Hofstraße auf die Balthasar-Neumann-Promenade ist mit Pollern verstellt, die Straßenmarkierungen sind weggefräst …

Dichtgemacht und aufgeräumt: die frühere Ein-/Ausfahrt der Hofstraße auf die Balthasar-Neumann-Promenade ist mit Pollern verstellt, die Straßenmarkierungen sind weggefräst …

… leider aber auch auf der Balthasar-Neumann-Promenade: Die alten Markierungen hätten die Einfahrt weiterhin freigehalten bzw. für eine breitere Fußgänger-/Radfahrer-Furt gesorgt – wie von Baumgart im Mainpost-Artikel behauptet. Tatsächlich wurden aber die Haltelinien sofort nach vorne verlegt, direkt an die Fußgänger-Ampel hin. Vorteile für den Autoverkehr? Keine, außer dass 5 Autos mehr vor der Ampel stehen, und zwar jetzt direkt davor. Vorteile für Fußgänger und Radfahrer? Ebenfalls keine, denn für die ist alles beim Alten geblieben. Nein, halt: Radfahrer aus der Hofstraße können jetzt nicht mehr, wie früher, mit dem Autoverkehr auf die Bahlthasar-Neumann-Promenade nach links fahren, sondern müssen nun auch über die Fußgängerfurt, weil ja die Autos alles dichtmachen im ehemaligen Ein-/Ausfahrtsbereich …

… leider aber auch auf der Balthasar-Neumann-Promenade: Die alten Markierungen (3 lange Pfeile links) hätten die Einfahrt weiterhin freigehalten bzw. für eine breitere Fußgänger-/Radfahrer-Furt gesorgt – wie von Baumgart im Mainpost-Artikel behauptet. Tatsächlich wurden aber die Haltelinien sofort nach vorne verlegt (2 kurze Pfeile rechts), direkt an die Fußgänger-Ampel hin. Vorteile für den Autoverkehr? Keine, außer dass 5 Autos mehr vor der Ampel stehen, und zwar jetzt direkt davor. Vorteile für Fußgänger und Radfahrer? Ebenfalls keine, denn für die ist alles beim Alten geblieben. Nein, halt: Radfahrer aus der Hofstraße können jetzt nicht mehr, wie früher, mit dem Autoverkehr auf die Bahlthasar-Neumann-Promenade nach links fahren, sondern müssen nun auch über die Fußgängerfurt, weil ja die Autos alles dichtmachen im ehemaligen Ein-/Ausfahrtsbereich …

… und der sieht jetzt so aus. Stadtgestalterische Aufwertung? Für wen nochmal? Fußgänger und Radfahrer? Oder …

… und der sieht jetzt so aus. Stadtgestalterische Aufwertung? Für wen nochmal? Fußgänger und Radfahrer? Oder …

… für die Touristen, denen, von der Residenz kommend, schon ein einzelner Bus vor der roten Ampel alles dicht macht. Soviel zur »Blickachse zwischen Dom und Residenz« … Naja, immerhin: die Türme vom Dom sieht man ja nach wie vor …

… für die Touristen, denen, von der Residenz kommend, schon ein einzelner Bus vor der roten Ampel alles dicht macht. Soviel zur »Blickachse zwischen Dom und Residenz« … Naja, immerhin: die Türme vom Dom sieht man ja nach wie vor …

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