Dialog, Lektüre, Mensch-Maschine, Würzburg

Stell Dir vor, …

… es ist »Planung für die Stadt von morgen«, und trotzdem sieht alles so aus wie (vor-)gestern … Ein paar Betrachtungen zum urbanen Leben in Würzburg und dem Rest der Welt.

Urbanes Leben (1)

Am vergangenen Dienstag blieb ich bei der Lektüre der Mainpost an einem Bild hängen, das die ganze Seitenbreite einnahm und offensichtlich illustrieren soll, wie in Zukunft der Alltag im neuen Würzburger Stadtteil Hubland aussehen wird. Im ganzen Artikel deutet nichts darauf hin, dass sich Autor oder Planer (auch nur mental) einen Zentimeter vom gängigen Mainstream entfernen, sich tatsächlich ein wenig in die Welt von morgen versetzen, geschweige denn davon träumen könnten – und das kommt dann dabei heraus: »Wenn in den nächsten Jahren die ersten – von insgesamt einmal 4000 – Bewohner in den neuen Stadtteil Hubland ziehen, benötigen sie natürlich auch wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten.« … »Links neben dem Hangar wird ein großzügiger Neubau für Einkaufen und Wohnen entstehen.« … »In der unteren Ebene soll eine Verkaufsfläche des Vollsortimenters eingerichtet werden, darüber sollen zwischen den Dachträgern Freizeitnutzungen mit einem Sport- und Fitnessbereich sowie Gastronomie eingerichtet werden. Das daneben liegende neue Nahversorgungszentrum soll die Idee einer intensiven Mischnutzung umsetzen. Deshalb sind in dem lang gestreckten zweigeschossigen Neubau nicht nur Einkaufsmöglichkeiten vorgesehen. Auf der zweiten Ebene sind Hochschulappartements angeordnet, damit das Areal auch nach Geschäftsschluss noch belebt ist.« … (Fettungen von mir).

hangar

Ungeachtet der Tatsache, dass in ca. 1 km Entfernung sowohl der größte tegut-Markt der Stadt (Zeppelinstraße) als auch z. B. ein Aldi (Gerbrunn) zu finden sind, muss hier noch ein Nahversorungszentrum hin – was dann wieder Bewohner aus dem Umland anziehen wird, die zum Shoppen dorthin fahren werden (und womit? ÖPNV oder Fahrrad? …). Viel gruseliger finde ich allerdings das Bild, das diese Zukunft verdeutlichen soll – ein Blick zurück in die tiefsten 1960er/70er Jahre, als die autogerechte Stadt Leitmotiv für urbane Planung war:

  • Das Areal wird dominiert von einer breiten Teerstraße, Radwege (oder Fahrräder) sind gar nicht zu sehen, ebensowenig Kreuzungsmöglichkeiten für Fußgänger. In so einer Szenerie kann man sich sehr gut Militärparaden vorstellen (es war ja mal Kasernengelände), und natürlich viele Autos, Autos, Autos …
  • Auf der Teerstraße: eine Oberklasselimousine und zwei weitere, eine davon hält am rechten Fahrbahnrand (mal eben »schnell was erledigen/besorgen«). Ein Traum: Freie Fahrt für freie Bürger, denn …
  • … die Bürger/Bewohner wuseln geschäftig umher, taschentragend. Wenn sie stehenbleiben, dann, um ins Schaufenster zu glotzen. Nirgends zu sehen: Sitzgelegenheiten, Plätze, die zum Verweilen einladen oder soziale Interaktion fördern könnten, Kinder (ausser dort im Kinderwagen, falls das einer sein soll), Fahrräder etc. Kurz: Auf dem Bild ist nichts zu sehen, was sich 82 Prozent der Bundesbürger unter einer autofreien, lebenswerten Stadt vermutlich vorstellen würden. Stattdessen: Typischer Blick auf eine öde Vorstadt, in der Menschen nur als Konsumenten herumrennen auf versiegelten Flächen zwischen Teerpiste, Supermarkt und gerade noch geduldetem Restgrün. Bonjour tristesse!

Natürlich soll hier lediglich das architektonische Zusammenspiel von altem Hangar und Neubau grafisch in Szene gesetzt werden – die Art und Weise, wie dies geschieht, entlarvt jedoch unsere mittlerweile völlige Perspektivlosigkeit: Undenk(!)bar, dass sich so ein architektonischer Dialog noch irgendwie wirksam entfalten könnte, wenn statt der öden Teerpiste und den in dumpfer Betriebsamkeit daneben entlang eilenden Citoyens ein Park mit verschlungenen Pfaden in leicht hügeligem Gelände, Spielplätzen und/oder spielenden Kindern, Senioren, Grüppchen (auf Bänken oder im Gras sitzend, Boule spielend etc.) o.ä. zu sehen wäre. Urban Gardening statt Teerpiste? Müßiggang statt Shoppen? Denk‘ nicht mal daran, naiver Träumer, du … Sollte es wieder einmal eine neue Sammlung von »Öden Orten« geben: diese Illustration ist ein heißer Aspirant für die Aufnahme in eine solche …

Urbanes Leben (2)

Gleiche Zeitung, ein paar Tage später (gestern):

superhighways

Davon abgesehen, dass Radfahrer keine Autobahnen, sondern Radschnellwege fordern (hier zeigt sich wieder einmal, wie Sprache/Begriffswahl und Denken auf gleicher Höhe liegen), gibt es auch nicht die verkehrstechnischen Probleme, sondern ganz viele verkehrstechnische Lösungsansätze für das eigentliche, ziemlich deutlich zu benennende Problem: Auto/MIV. Gähn …

Sachbeschädigung

»Neben dem Diebstahl und dem Betrug stellt die Sachbeschädigung eine der am häufigsten begangenen Straftaten in Deutschland dar. Den Grundtatbestand der Sachbeschädigung regelt in Deutschland § 303 StGB, der wie folgt lautet: (1) Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert. (3) Der Versuch ist strafbar.« (Wikipedia)

sachbeschaedigung

Die Kreuzung bei mir zuhause (Valentin-Becker-Straße/Kliebertstraße/Tröltschstraße) wurde im Zuge der Sanierungsarbeiten der Valentin-Becker-Straße/Seinsheimstraße ebenfalls umgestaltet, der Bereich der Einfahrt in die Kliebertstraße (1) verengt durch Umgestaltung des Gehwegs und Neuanlage von etwas Grün. Parkplätze entfielen dadurch nicht, da im Einfahrtsbereich Parken sowieso nie erlaubt war (siehe dazu auch den silbernen Golf im Bild links und vgl. §12 StVO, Absatz 3). Unschwer ist zu erkennen, dass die Grünanlage schon massiv gelitten hat, weil regelmäßig bis zu zwei Fahrzeuge den Grünstreifen als Parkplatz benutzen (2, 3) – und das schon seit Monaten. Ich habe noch nie einen Strafzettel an einem der dort parkenden Autos gesehen, geschweige denn davon gehört/gelesen, dass die Fahrzeughalter für die Kosten der Wiederinstandsetzung der Grünanlage haftbar gemacht würden. Diese werden gleichmäßig auf alle Stadtbewohner verteilt, wenn FA Tiefbau oder Gartenamt dort tätig werden – eine weitere verdeckte Subventionierung des Autoverkehrs (unter vielen anderen). Immerhin gibt es an dieser Stelle endlich mal eine Antwort auf die Frage, warum der einfache Stadtbewohner ein immer größeres Faible für immer größere Geländewägen entwickelt: Die benötigt man, um solche Offroad-Parkplätze adäquat befahren zu können (4) …

Lektüretipp: »Das Ende der Megamaschine«

»… Einer zu großen Teilen traumatisierten und orientierungslosen Gesellschaft wurde ein gigantisches Sedierungs- und Ablenkungsprogramm geboten, in dem winkende Mickymäuse in Cadillacs und die Rama-Frühstücksfrau eine Welt von betäubender Gedächtnislosigkeit schufen. Die Automobilindustrie spielte in dieser Expansionsphase eine zentrale Rolle. Nüchtern betrachtet ist der automobile Individualverkehr im Vergleich zur Eisenbahn eine ausgesprochen irrationale Erfindung: Er verschlingt ein Vielfaches an Energie; enorme Flächen müssen für den Straßenbau versiegelt werden, die für Landwirtschaft, Wohnen, städtisches Leben und Natur nicht mehr zur Verfügung stehen; er tötet heute jedes Jahr allein durch Unfälle mehr als eine Million Menschen weltweit (mehr als in bewaffneten Konflikten sterben) und verletzt etwa 40 Millionen schwer; und er führt in letzter Konsequenz in einen »rasenden Stillstand«, in einen Dauerstau, wie wir ihn von Shenzhen über Mumbai bis Los Angeles überall auf der Welt erleben. Doch selbst wo man nicht im Stau steht, kommt man mit dem Auto, wie der Kulturkritiker Ivan Illich einst errechnet hat, grundsätzlich nicht schneller als mit einem Fahrrad voran, wenn man die Zeit einberechnet, die nötig ist, um das Geld zu verdienen, das für den Kauf des Autos, für Benzin, Reparaturen, Steuern für den Straßenbau, Versicherungen und Strafzettel gebraucht wird. Trotz der Absurdität des automobilen Systems setzten nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch alle Regierungen von Washington und Paris bis Moskau und Tokio auf eine Strategie des »tout voiture« (»alles Auto«), während zugleich (besonders in den USA) Auto- und Reifenhersteller systematisch die Zerstörung des öffentlichen Nahverkehrs betrieben. … Mit der Einführung des automobilen Systems konnte man nun jedem einzelnen Bürger eine eigene Karosserie, ein eigenes Antriebssystem und wesentlich mehr Energie verkaufen. Zugleich stellten die öffentlichen Investitionen in das Straßennetz ein gewaltiges Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft dar, das ebenfalls zur Expansion der Großen Maschine beitrug. …« (»Das Ende der Megamaschine«, S. 177)

mega

Ich sage gleich vorweg: Die Lektüre von »Das Ende der Megamaschine« von Fabian Scheidler war gleichermaßen lohnend wie deprimierend. Der Autor führt Leserinnen und Leser in zehn Kapiteln durch einige Tausend Jahre Menschheitsgeschichte – nicht mit dem Fokus auf die üblichen Helden, klugen Köpfe und Geschichtslenker, sondern auf die Abertausende, Abermillionen von geknechteten, ausgebeuteten und – wenn nötig – skrupellos hingemordeten Menschen, die als Arbeitskräfte und/oder Konsumenten die vom Autor so genannte »Megamaschine« am Laufen hielten und immer noch halten. Lohnend, weil dieser Blick, das Aufaddieren all der Schweinereien über Jahrtausende hinweg einen roten Faden sichtbar macht, den einige gerne durchtrennen würden und den immer mehr erkennen, und zwar als ursächlich für das Elend in der Welt (das wir natürlich überwiegend nur durch mediale Vermittlung wahrnehmen). Deprimierend, weil ich zwischendurch, nach dem soundsovielten Elend/Massenmord, immer wieder daran dachte, die Lektüre zu beenden: Es ist grässlich, wozu wir als Menschen fähig sind (und wozu scheinbar nicht), Generation um Generation, und obwohl der Autor sicher nur an der Oberfläche kratzt, reicht schon die so freigelegte Sammlung, um der Menschheit nicht nur eine abgrundtiefe Blödheit, sondern eine ebensolche Grausamkeit und Gier zu attestieren … Das elfte Kapitel, »Möglichkeiten – Ausstieg aus der Megamaschine« überschrieben, ist getragen von Hoffnung anhand einiger aktueller Beispiele des Wandels. Zu wenige und zu kleine Schritte, um wirklich gute Laune zu bekommen, aber immerhin: Nicht Kulturpessimismus pur, sondern die Hoffnung, dass »eine bessere Welt möglich ist« (Attac-Slogan). Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt …

Fabian Scheidler: »Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation«
ISBN 978-3-85371-384-6, br., 272 Seiten, 19,90 Euro.

Advertisements
Standard

5 Gedanken zu “Stell Dir vor, …

  1. Felix schreibt:

    Bei dem Bild zur Planung am neuen Hubland dachte ich mir auch etwas ähnliches. Dort sollen Studenten im Wohnheim wohnen in direkter Uni-Nähe. Warum kommt da keiner der Planer auf die Idee, dass diese Leute sich vermutlich hauptsächlich mit dem Fahrrad bewegen werden?! Mich ärgert dieses 60er-Jahre-Denken immer wieder in Würzburg…

    Gefällt mir

    • Hallo Felix,

      Danke für den Kommentar. Ich habe bewusst vermieden, die Begriffe »Student/in« und »Fahrrad« explizit zusammen zu verwenden, weil das wieder Klischees bestärkt, die genau aus diesem »60er-Jahre-Denken« herrühren: »Arme Studenten fahren Fahrrad, erfolgreiche Berufstätige Auto« – dabei ist mittlerweile ja das Gegenteil der Fall: Permanentes Autofahren, v.a. Kurzstrecken innerorts, zeigt nur, wie überfordert und hilflos die meisten schon mit banaler Alltagsmobilität auf wenigen Metern sind – aber natürlich ist jede einzelne Fahrt wohlüberlegt und absolut notwendig, alles andere eine Zumutung.

      Was an dem Bild besonders schlimm ist: Die ganz selbstverständliche Unverhältnismäßigkeit der Platzverteilung – sieht aus wie aus einem Werbespot für (Oberklasse-)Autos. Aber das fällt ja schon niemandem mehr auf …

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s