Lektüre, Lust

Lektüre: Nun wachsen uns Flügel

Sucht man nach Literatur, die das Radfahren behandelt, kommt man an Maxi Kutscheras Maxime-Verlag nicht vorbei. Aufmerksamen Blogleserinnen und -lesern ist nicht entgangen, dass ich ein Faible für Bücher aus diesem Verlag habe: Heinrich Horstmanns Weltumrundung wurd hier ebenso lobend erwähnt wie der tolle Velo-Evolution-Band. Nun gibt es erneut ein literarisches Fundstück aus den frühen Tagen des Radfahrens …

… und wieder ist es überaus lesenswert – allerdings (für mich) weniger wegen der literarischen Qualität (ich bin eigentlich gar kein Prosa-Leser), sondern wegen dem Zeitkolorit und dem mitschwingenden Subtext. Mit »Nun wachsen uns Flügel« liegt erstmals eine Übersetzung des 1898 erschienen Romans »Voici des Ailes!« des Franzosen Maurice Leblanc, später zu literarischem Ruhm gekommen durch die von ihm erschaffene Figur des Meisterdiebs Arsène Lupin.

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Die Geschichte selbst ist recht schnell erzählt – zwei Paare begeben sich auf eine Radtour durch Frankreich, genauer: durch die Normandie und die Bretagne. Verraten wird nicht mehr, außer dass das Buch zu Recht die Bezeichnung »Amouröser Roman« führt. Was mich viel mehr begeistert als die Handlung, die sich auf 150 reichlich bebilderten Seiten sehr geradlinig entwickelt hin zu einem Ende, das mit dem Anfang kaum noch etwas gemein hat, sind einerseits die Elegien der Protagonisten auf das damals noch recht junge Fahrrad, andererseits die offensive Aufbruchstimmung der vier an der Schwelle des 20. Jahrhunderts.

Blick ins Buch: Neben den ganzseitigen, rot eingefärbten Tafeln findet sich keine Doppelseite ohne nicht mindestens eine Vignette. Das Buch ist wirklich auch gestalterisch eine Wohltat – obwohl (oder weil) es sich bei den Illustrationen klar an die Erstausgabe anlehnt.

Blick ins Buch: Neben den ganzseitigen, rot eingefärbten Tafeln findet sich keine Doppelseite ohne nicht mindestens eine Vignette. Das Buch ist wirklich auch gestalterisch eine Wohltat – obwohl (oder weil) es sich bei den Illustrationen klar an die Erstausgabe anlehnt.

Schon auf der zweiten Seite wird ein Mythos demontiert, nämlich der, dass leichte Fahrräder aus jahrzehntelanger Entwicklung resultieren und früher alles bleischwer war:

Sie gelangten zu ihren eigenen Maschinen. Guillaume hob seine an, als ob er ein Bündel Schreibfedern hochheben würde.
»Wie viel wiegt sie?«, wollte Pascal wissen.
»Neun Kilo dreihundert Gramm«, antwortete er stolz. …
(Seite 8)

Immer wieder finden sich kleine philosophische Exkurse, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben:

»Was die Schönheit des Fahrrades ausmacht, ist seine aufrichtige Offenheit. Es verbirgt nichts. Seine Bewegungen sind klar zu erkennen, bei ihm sieht und begreift man die Kraftentfaltung, es gibt seine Absicht bekannt, es sagt, dass es sich schnell, geräuschlos und leicht bewegen will. Warum ist das Automobil so abstoßend hässlich und flößt uns ein Gefühl des Unbehagens ein? …«
(Seite 17)

Nach anfänglichen Betrachtungen zum Fahrrad allgemein wird schnell klar, dass das Fahrrad auch eine Metapher für die Emanzipation ist – der Frau, ja, aber die spielt hier noch nicht so eine große Rolle (eher muss man dann doch ab und zu schlucken, wie vor gut 100 Jahren die Rollenverteilung war – wir wissen es ja eigentlich, aber hier kommt das Mackertum manchmal nebenbei ganz ungefiltert rüber …). Aber die neu gewonnene Mobilität durch eigene Kraft erweitert den Horizont:

»Zudem gibt es nichts, bei dem das erzielte Ergebnis noch genauer dem gegebenen Kraftaufwand entspräche. Man hat Freude daran, mit der erreichten Geschwindigkeit und den gewonnenen Eindrücken ein Äquivalent dafür zu schaffen, was man an Energie und Hoffnungen hineingesteckt hat. Man kommt voran, weil man kraftvoll und gelenkig ist, und man bekommt schöne Dinge zu sehen, weil man imstande ist, sie aufzusuchen. …«
(Seite 64)

»Aus seinen gesprengten Ketten geschaffen, ist diese Maschine eine getreue und mächtige Verbündete, welche er gegen seine ärgsten Feinde einsetzen kann. Das Fahrrad ist stärker als der Trübsinn, stärker als der Überdruss. Es ist stark wie die Hoffnung. Es beschränkt die Sorgen auf ihre tatsächliche Bedeutung. Es entrückt uns der Vergangenheit, es lehrt uns, in der Gegenwart zu leben und der Zukunft entgegenzuschreiten. Diese Maschine ist die große Befreierin.« …
(Seite 141)

Eine Fundgrube an (erstaunlich aktuell wirkenden) Zitaten und Sprüchen für Fahrradenthusiasten, und ein kurzweiliges, reich bebildertes Lesevergnügen – muss in die gut sortierte Fahrradbibliothek, lässt sich aber sicher auch sehr gut verschenken. In der Reihe »Velothek« der erste Band, ich bin gespannt, was da noch folgt.

Maurice Leblanc: »Nun wachsen uns Flügel«. Amouröser Roman
Aus dem Französischen übersetzt von Una Pfau und Matthias Kielwein, mit einem Nachwort von Elmar Schenkel.
MAXIME Verlag, Reihe Velothek; Illustrierte Ausgabe; 160 Seiten; Hardcover, Fadenheftung, Feinleinen, Schutzumschlag, Lesebändchen
€ 19.95, ISBN 978-3-931965-54-9

PS: In fahrstil 16 findet sich übrigens ein nettes kleines Porträt von Maxi Kutschera und ihrem Verlag … nur ist das Heft leider schon ausverkauft.

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