Alltag, Dialog, Mensch-Maschine

Argumente für das Radfahren?

Anfang Juni hat Andrea Reidl in ihrem immer lesenswerten Velophil-Blog auch einen Versuch unternommen, die altbekannten Argumente für das Radfahren zu erweitern. Diesmal um den Aspekt der »Faulheit«, und Ihren Beitrag »Fahrrad, das Verkehrsmittel für Faulpelze« überschrieben. Der Ansatz ist gut, auch wenn es ohne die altbekannten Schlagworte »Fitness«, »Kosten« oder »Umwelt« eingangs wohl nicht geht – und sei es, dass sie nur ex negativo erwähnt werden, eben keine Erwähnung finden sollen …

Warum ist das so? Warum spielen Adjektive wie »faul«, »bequem«, »komfortabel«, »einfach« oder »leicht« eine so große Rolle? Warum werden im Gegenzug solche wie »nachhaltig«, »ökologisch«, »anstrengend« oder »schwer« vermieden? Im gleichen Blog war vor geraumer Zeit ein ähnlicher Beitrag zu lesen, der um die Frage kreiste, wie man Menschen zum Radfahren bewegt (ich habe den Link nicht parat und ein erster Suchdurchgang auf die Schnelle blieb leider erfolglos …). U.a. war ein Argument gegen den Weg zur Arbeit per Rad sinngemäß, dass nicht jeder sich gegenüber den Kollegen als Gutmensch outen möchte …

Wie bitte? Ist das also das Problem, dass neben all den externen Faktoren – und nur solche werden mit den vermeintlich positiven Zuschreibungen erfasst – möglicherweise eine innere, subjektive Einstellung die Entscheidung, das Fahrrad zu benutzen, beeinflussen könnte? Eine – man traut sich ja kaum mehr, das Wort zu verwenden – Haltung gar? Oder schwingt hier die leise Hoffnung mit, dass sich durch das Radfahren dann auch eine – hoffentlich positive – Haltung einstellen möge?

Ich gebe zu: Letzteres kann ich nicht leugnen, zumindest, was meine Person betrifft. Die Art und Weise, wie ich seit einigen Jahren das Radfahren betreibe, hat bei mir Veränderungen bewirkt, die alle als positiv bezeichnen würden. Die bessere körperliche Verfassung macht sich auch mental bemerkbar, ich fühle mich agiler, ausdauernder, konzentrierter, leistungsfähiger – körperlich und geistig. Das hat positive Auswirkungen auf meine Beziehungen zu anderen Menschen – zu meiner Familie, meinen Freunden, meinen Kunden und auch zu mir fremden Personen. Vor allen Dingen aber geht es mir gut, wenn ich das Fahrrad benutze.

Ich will jetzt gar nicht den Eindruck erwecken, mit dem Egoismus die nächste Argumentationsreihe pro Fahrrad eröffnen zu wollen. Denn alle positiven Zuschreibungen – »faul«, »bequem«, »komfortabel«, »einfach« oder »leicht« – lassen sich sowieso schon immer rein egoistisch lesen (wie auch die Aspekte »Fitness« oder »Kosten«). Es geht im Gegenteil darum, zu begreifen, dass es nicht um das Individuum geht, sondern um die Gemeinschaft aller. Würden alle Auto fahren, es bewegte sich absolut nichts mehr auf den Straßen. Würden alle Fahrrad fahren, könnten wir mindestens 50 Prozent der geteerten Fläche renaturieren und hätten immer noch eine traumhafte Infrastruktur, um sicherer, bequemer und schneller den Großteil unserer alltäglichen Wege zurückzulegen. Und auch noch genug Platz für ein hervorragendes ÖPNV/ÖPV-System.

Mein Hauptargument für das Radfahren ist, dass es die beste Art der Fortbewegung schlechthin ist (unter allen mir bekannten und zur Verfügung stehenden), um meine Mobilitätsbedürfnisse zu befriedigen und gleichzeitig den Schaden für die Gemeinschaft so gering wie möglich zu halten. Mobilität im eigenen Kfz, am besten noch täglich die gleichen Kurzstrecken zu den gleichen Zeiten mit den gleichen Staus, dem gleichen Gehupe, Gedränge, Generve – das ist die Zur-Schau-Stellung der menschlichen Blödheit pur. Eine Blödheit, die sich gegen jedes bessere Wissen versperrt, denn die Fakten, die gegen den motorisierten Individualverkehr sprechen, liegen längst auf allen Tischen, sind -zigmal publiziert worden – und aktuell in China zu verifizieren: Früher lächelte man insgeheim, wenn, etwa im Fernsehen, Bilder von chinesischen Großstädten mit hunderten von Radfahrern zu sehen waren – Ausdruck von Gleichschaltung, Unterentwicklung, Mangel, Armut. Heute kann man sich regelmäßig davon überzeugen, wie sich die selben Großstädte in Kloaken aus Dreck, Lärm, Abgasen und Stillstand verwandeln. Danke, Auto! Danke, Mensch!

Wie die lukrativen Börsenspekulationen (z. B. mit Nahrungsmitteln, gegen Staaten etc.) ist der MIV nichts weiter als eine Wette: die Spekulation darauf, dass es schon gut gehen wird, wenn bloß nicht alle mitmachen – wenn die anderen Fahrrad fahren, kann ich ja dann vielleicht doch mal mit dem Auto fahren, oder? Dann geht das Öl ja auch nicht so schnell zur Neige, gelle? Ist ja nicht mehr so schlimm dann, ausserdem hat mein Auto einen Katalysator, verbraucht wenig Sprit oder – ta ta ta ta! – fährt mit Strom!

Es ist die aufgeblasene Selbstüberschätzung, die überhebliche Annahme, nur am eigenen Fortkommen hinge alles – denkt jemand noch irgendwann auch an die anderen? An die, die wir nicht kennen? Die, die erst in 100 oder 200 Jahren leben werden? Und muss ich mich, wenn ich das thematisiere, in Batikhosen und Strickpullover gewanden? Muss ich über Ökologie und Nachhaltigkeit sprechen? Und warum müsste ich mich verteidigen, wenn ich es täte, warum wäre ich sofort gesellschaftlich geächtet? Selbst die Grünen salbadern von »grünem Wachstum«, wohl wissend, dass der Begriff »Wachstum« ausserhalb der Biologie immer Verheerung, Verwüstung, Verarmung mit sich bringt? Natürlich: nicht bei uns …

Ein Film beschreibt unseren derzeitigen Zustand nahezu perfekt: »Wall-E«, ein Animationsfilm, der, grob gesagt, einen Roboter zeigt, der eine völlig zugemüllte Erde aufräumt, während im Orbit die adipöse, lethargische Restmenschheit in Raumschiffen umherschwirrt. Für diese Restmenschheit sind »faul«, »bequem«, »komfortabel«, »einfach« oder »leicht« unabdingbare, vermutlich die einzigen Motivationen zu irgendeiner Regung.

Radfahren gibt es nicht umsonst. Wer nicht bergab rollt, bekommt keinen Meter Strecke, ohne selbst etwas aktiv dafür zu tun – mit oder ohne Elektrounterstützung. Wie stark der körperliche Einsatz sein muss, hängt von vielen, vielen Faktoren ab, nicht wenige davon sind unmittelbar an die jeweilige Person gekoppelt, die Fahrrad fährt. Die meisten davon kann man mit Übung und Training optimieren. Es geht nicht ohne ein Bewusstsein davon, dass Bewegung mit Energieaufwand verbunden ist, aber es stimmen die Relationen: Zu der Gesamtmasse, die sich aus mir und meinem Fortbewegungsmittel ergibt, trage ich 90 Prozent bei, das Gefährt 10. Beim Auto ist es mindestens umgekehrt, oft noch ungünstiger. Und das für eine kurze Strecke? Am Ende, um Brötchen zu holen? …

Radfahren ist eine gute Übung (von mehreren), um zu zeigen, dass man an eine menschliche (!) Zukunft glaubt – und weder einem Gestern mit seiner von je her illusorischen »freien Fahrt für freie Bürger« hinterhertrauert, noch im neoliberal vergifteten Heute feststeckt, wo die täglich propagierte und praktizierte Misanthropie neben vielen anderen vermeintlichen Annehmlichkeiten (die immer Unannehmlichkeiten für die anderen bedeuten) einen gepolsterten, klimatisierten, von der Aussenwelt abgeschirmten beheizbaren Sitz bietet, auf den man sich festschnallen kann. Und dann? Schwirrt man im Orbit von A nach B, bekommt möglichst wenig mit von der Aussenwelt, nimmt vielleicht irgendwann da draussen nur noch Dreck wahr.

Ich fahre Fahrrad, weil ich einfach nur nicht mehr da drinnen sitzen will … was übrigens noch lange nicht heißt, dass das, was ich draussen mache, immer richtig ist. Aber ich habe wenigstens die Möglichkeit, es zu versuchen, mich zu bewegen, auch in der Gemeinschaft – ohne dass ich festgeschnallt sein muss.

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