Ehrgeiz, Fotografie, Lust, Mensch-Maschine, Rennrad, Tour 100–200 km

(Tor)Tour in die Hochrhön

Alle (zwei) Jahre wieder lädt Peter Engstler zu einem literarischen Wochenende in die Hochrhön, genauer: zur Jungviehweide bzw. Kalten Buche zwischen Weisbach und Ginolfs. Vor zwei Jahren war ich auch schon mit dem Renner dort (Bericht hier), und auch in diesem Jahr wollte ich mir einen Tag mit Beats und Bier gönnen. Das Wetter ist derzeit ja – ähem – »schön«, und so fuhr ich gestern mit dem Renner hoch …

… aber da es kaum neue Strecke geben würde, und ich es mittlerweile auch wieder gerne mag, dass keine Kamera den Vorbau verdeckt, ließ ich die Drift abgebaut. Deshalb hier ein kurzer Tourbericht – in nicht gemachten Bildern:

Aufmerksamen Beobachtern entgehen nicht die neuen Laufräder (Fulcrum), die ich mir jetzt nach ca. 15.000 km gegönnt habe. Einziger Störfaktor: die roten Designelemente an den Felgen, die nicht so ganz zum Schwarz/weiß/blauen Look vom Focus passen. Oder doch? Jammern auf hohem Niveau – was mir aber definitv auffällt: Der Freilauf ist viel lauter als der von meinen alten DT Swiss-Rädern – das geht schon in Richtung Campa-Freilauf, den höre ich immer bei den anderen in der Gruppe, wie wenn man die ganze Zeit eine Ratsche wirbeln lässt. Hat aber auch Vorteile, denn man wird von anderen früher akustisch wahrgenommen …

Abfahrt um 8 Uhr morgens, um nicht zu sehr in die Mittagshitze zu geraten. Jetzt schon wieder fast 30° Celsius – ein Irrsinn, aber solange man fährt, macht einen das Lüftchen vergessen, dass es eigentlich jetzt schon viel zu heiß ist, um 100 km mit dem Renner wegzufahren. Ich bemühe mich, gemütlich zu fahren – muss ich auch, denn wie üblich genügen zwei Spaziergänger mit ihrer domestizierten Leinen-Fauna, um einen drei Meter breiten Weg abzuriegeln: zwischen Lengfeld und Estenfeld auf dem kombinierten Zwei-Richtungs-Rad/Fußweg.

Nach der Abfahrt hinunter nach Untereisenheim geht es am Main entlang Richtung Schweinfurt. Da fehlt was? Richtig, das KKW Grafenrheinfeld ist vor einer Woche vom Netz genommen worden, die Wolkenfabrik ist abgeschaltet. Nur der Sichtkontakt mit den Kühltürmen erinnert nun noch an die 33 Jahre Atomstromproduktion, aber (Wasserdampf-)Wolken werden hier nicht mehr hochgeblasen.

Seit meiner Tour von Coburg über Haßfurt und Schweinfurt nach Würzburg kenne ich nun auch den Radweg am Main, dem ich ab Bergrheinfeld folge – viel angenehmer, als durch die Stadt zu gurken, und einfach wunderschön hier, auch am Vormittag. Entspannt komme ich kurz vor 10 Uhr am Schweinfurter Stadtstrand an, der allerdings erst um 11 Uhr öffnet. Da hier aber schon fleißig gewerkelt wird, und zwei Handwerker ebenfalls etwas zu trinken möchten, schließ ich mich den beiden an – und bekomme ein alkoholfreies Hefeweizen. Lecker!

Weiter gehts durch Schweinfurt durch und über Dittelbrunn hinaus: Hambach, Pfändhausen, Rannungen, dann – auf der Strecke nach Poppenlauer – wieder links weg und an der Talkirche vorbei nach Münnerstadt. Ich genieße die schattigen Abschnitte, aber auch in der Sonne ist es noch erträglich.

In Münnerstadt hole ich mir am Marktplatz beim Metzger zwei Belegte und eine kühle Johannis-Schorle, suche mir ein schattiges Plätzchen an der Lauer (nachdem ich an meinem alten Gymnasium und dem Internat vorbeigefahren bin – Nostalgie …) und mache in Ruhe Brotzeit. Mittlerweile ist es kurz nach halb zwölf, der Tacho zeigt 77 km. Mir geht es immer noch bestens …

Diesmal wähle ich von Münnerstadt nach Bad Neustadt den Radweg entlang der Bundesstraße nach Salz, statt wie bisher über Burglauer und Niederlauer zu fahren. Ist viel kürzer und viel schneller, so dass ich schon kurz nach 12 Uhr in Bad Neustadt bin. Durch die Stadtmitte fahre ich nach Brendlorenzen – hier startet wieder nächsten Sonntag der Rhöner Kuppenritt – und wechsle dort auf den Brendradweg. Der führt relativ eben und gerade Richtung Bischofsheim …

… aber zuerst einmal: es gibt anfangs keine Büsche, kein Waldstück, das die mittlerweile sengende Mittagssonne etwas abmildern könnte. Obwohl die Steigung nur minimal ist, merke ich, wie ich langsamer werde, langsamer, immer langsamer – derweil es um mich herum immer heißer wird. Da vorne: Endlich beginnt der schattige Abschnitt am Waldrand – was aber nicht viel nutzt, denn die Sonne steht genau in meinem Rücken, also ist der gerade Radweg zwischen den Bäumen immer noch gut beschienen. Ich checke das Thermometer am Tacho (der von mir verdeckt wird, also »im Schatten« liegen sollte): 39,8° Celsius … ja leck!

Von Brendlorenzen bis Schönau sind es 8,5 km Radweg, relativ schnurgerade und mit moderater Steigung – dennoch fühle ich mich wie eine Batterie, die, falsch angeschlossen, statt über Stunden in wenigen Minuten komplett leer läuft: Jeder Meter nimmt mehr Zeit in Anspruch als der vorherige, längst schon fahre ich mit dem kleinen Blatt vorne, die Monotonie wird nur unterbrochen durch Schaltgeräusche hinten. Wie oft kann ich noch schalten, bis ich auf dem größten Ritzel bin? Drei mal … der Tacho zeigt 13,6 km/h an auf einer Strecke, die ich in dieser Richtung normalerweise mit einem 25er Schnitt fahre. Ächz! In Schönau halte ich Ausschau, ob irgendwo ein Rasensprenger läuft, jemand in einem Hof zu sehen ist, ein Wasserhahn … aber alle sitzen beim Mittagstisch oder machen schon Siesta. Niemand weit und breit.

Am Ortsausgang von Schönau, wo der Radweg von der Straße weg verschwenkt wird und wieder direkt neben die Brend führt, halte ich an und laufe die drei Meter durch die Wiese zum Bach: Ja, hier fließt Wasser, aber die Böschung ist weich und mit Brennnesseln garniert. Da liegt ein Stock: Ich nehme ihn und »sense« die Nesseln weg, hole eine meiner beiden Flaschen und versuche, kaltes Wasser zu schöpfen – was mir leidlich gelingt, denn die kleinste Berührung des Bachbetts verwandelt das halbwegs klare Wasser sofort in Kakao (farblich). Ich schöpfe mir eine halbe Flasche Brendwasser über den Kopf: herrlich! Ich will mehr … und sehe einen Stein, noch ein paar Brennnesseln, die ich entferne, und dann stehe ich da, breitbeinig, schöpfe kaltes, klares Wasser aus dem Vollen und »dusche« in Kleidern (eh bloß schnelltrocknendes Plastik, das iPhone habe ich schon vorher aus der Rückentasche raus). Wieder und wieder fülle ich die Literflasche, gieße mir das kalte Wasser über den Kopf, den Rücken, die Brust, die Arme, die Beine – das bringt mir keine Energie zurück (so wenig wie die zwei Päckchen Magnesiumpulver, die ich mir einverleibe), aber es bremst den körperlichen Verfall, dem ich mich ausgesetzt sehe, etwas ab. Immerhin. Trinkbar ist das Wasser leider nicht, aber zum Kühlen taugt es – und zum Trinken habe ich immer noch die andere, fast volle Flasche, auch wenn die mittlerweile eine üble Temperatur hat, und das warme Wasser muss ich hinunterwürgen.

Die nächsten drei Kilometer bis Wegfurt radle ich halbwegs manierlich weg, denn heißt es rechts abbiegen Richtung Oberelsbach – und klettern! Boahh, bergauf … aber es geht erstaunlich gut, und oben nehme ich fast schon wieder richtig Fahrt auf. Dann links ab: Weisbach 2 km, Ginolfs 4 km – heißt, nach ca. 6 km bin ich am Ziel. Also Zähne zusammenbeissen – aber schon vom Abzweig bis Weisbach bin ich, neben Kurbeln, hauptsächlich mit Runterschalten beschäftigt, bis ich im kleinsten Gang die leichte Steigung zu Weisbach hin hochschleiche. Mann, bin ich fertig – und immer noch nicht am Ziel. In Weisbach rechts sehe ich einen Herrn im Vorgarten, einen Wasserschlauch … ich stoppe und frage, ob das Trinkwasser im Schlauch ist. Er lacht und bittet mich hinein in seine Küche, um mir die Trinkflasche mit kaltem Leitungswasser aufzufüllen. Er fordert mich auf, zu bleiben, aber ich will weiter. »Wohin?« Jungviehweide. »Na, da geht es aber noch ein paar Meter hoch.« Ja, aber ich bin ja fast da … Witzig: Er fragt gar nicht, woher (!) ich komme – mittlerweile stehen 104 km auf dem Tacho.

Nun geht es nur noch aufwärts – topografisch, derweil mein Kreislauf nur noch abwärts geht. Oberhalb von Weisbach, kurz vor der Abfahrt nach Ginolfs, biege ich links ab, und es geht weiter hoch: Ein geteerter Flurweg, die letzten 2-3 km zur Lesung, hinein in die Pampa. Ich schleiche mit 7,4 km/h hinauf, nach der ersten Linkskurve halte ich und schnaufe durch. Und kühle den Kopf mit Brendwasser aus der »Kühlwasserflasche«. Weiter, ca. 400 m, nächster Stopp … da vorne, noch eine Kurve, dann ein Busch mit Schatten – ich schleiche dahin, lege das Rad in die Wiese neben den Busch, lege mich daneben in den Schatten. Ich bin fertig, komplett fertig, etwa 1,5 km vor dem Ziel, 500 m vor dem Wald gebe ich auf, d.h.: Ich muss hier und jetzt eine längere Pause einlegen, mein Kreislauf ist völlig unten. Als ich nach ein paar Minuten aufstehe, um die Flaschen zu holen und weitere drei Magnesium-Päckchen zu futtern, wird mir sofort schwindelig – ich lege mich wieder hin, mit meinen Händen halte ich die Brendwasserflasche auf meinem Bauch, in regelmäßigen Abständen gieße ich mir Wasser über den Kopf, die Arme, die Beine, den Bauch. Für die letzten 10 km habe ich – gefühlt – mehrere Tage gebraucht, ich bin völlig am Ende. Meine Gedanken wandern – erst zu Heinrich Horstmann und seinen Schilderungen, wie er in der Wüste mehrmals kurz vor dem totalen Zusammenbruch war und sich mit letzter Kraft in den Schatten unter einem Bahndamm geschleppt hat und dort einfach ausgeharrt hat, bis es Nacht wurde … dann erinnere ich mich an die Lektüre von »Das Eis und der Tod«, einem spannenden Buch über das Südpol-»Wettrennen« zwischen Amundsen und Scott. Letzterer kam auf dem Rückweg vom Südpol um – kurz vor dem Erreichen eines Zwischenlagers mit Lebensmitteln … klar, meine Situation hier ist lächerlich, verglichen mit den großen Dramen der Welt. Und ich genieße es förmlich, hier zu liegen, ausgelaugt, gescheitert kurz vor dem Ziel – wie viel Recherche, Zeit und Geld muss man investieren, um ein »Abenteuer« zu finden, das einen ans totale Limit bringt, ans Ende der körperlichen (und geistigen) Kraft? Hier liege ich, ich kann nicht mehr – und für das alles brauche ich nur mein Fahrrad, eine schon öfters gefahrene Strecke in vertrautem Terrain und etwas Hochsommer: Bitte schön, die Grenzerfahrung – greif zu!

In der halben Stunde (!), die ich da so im Schatten lag, auf einem Streifen gemähter Wiese zwischen Busch und geteertem Weg, fuhren drei Autos und ein Traktor vorbei – niemand hielt kurz an, um zu fragen, ob mit mir alles ok sei … schließlich rappele ich mich auf, das Magnesium (und die Ruhepause) taten ihre bescheidene Wirkung. Während ich so da sitze, neben meinem Rad, kommt ein weiterer Traktor den Berg hoch, darauf ein Mann in ungefähr meinem Alter – er grinst mich an und verschränkt die Arme vor der Brust: Was bedeutet das? DNF? Luschi? Von wegen! Ich stehe auf – es geht. Soll ich schieben? Stolz spielt keine Rolle mehr, aber dennoch: ich steige auf, kurbele weiter im kleinsten Gang die Teerstraße hoch, da vorne endlich der Wald, Schatten (temperaturmäßig kein Unterschied, aber die direkte Sonne ist weg), ich schleiche weiter hoch, höre Wasser plätschern – das kommt aus der Quelle, die unterhalb von der Hütte entspringt, bei der die Lesung stattfindet. Der Weg wird für ein kurzes Stück wieder ebener, ich schalte hoch (!), nehme etwas Schwung, Rechtskurve – und die Hütte in Sichtweite. Es geht wieder bergauf, ruckzuck bin ich zurück im kleinsten Gang, aber nun heisst es: Zielgerade! Bei den parkenden Autos kommt mir eine ältere Frau entgegen, sie lächelt mitleidig, ich sage: »Wehe, es gibt hier keine kalten Bücher!« Sie lacht … ich komme an. Fahrrad abstellen. Wasserflasche nehmen. 108 Tageskilometer, für die letzten 8 habe ich über eine Stunde gebraucht. Vorbei an den Autoren und Gästen, die an Bierbänken im Schatten sitzen. Kurzes Winken zu Peter Engstler, der ebenfalls im Schatten liegt und mich winkend begrüßt. Ich gehe zur Quelle, die gefasst ist und aus einem Rohr, unter das ich nun meinen Kopf halte, ein köstliches Trinkwasser in atem(be)raubender Temperatur aus dem Berg zu Tage fördert. In solchen Momenten lernt man, die einfachen Dinge des Lebens, etwa einen Bergquell, zu schätzen. Das eiskalte, klare Nass sprudelt verschwenderisch aus dem Rohr in ein betoniertes Rundbecken, das neben einigen Kinderspielsachen auch vier Kästen Bier kühlt – ich greife mir eine Flasche, und nachdem mein Hirn wieder auf Betriebstemperatur runtergekühlt ist, gehe ich zu den anderen, begrüße Peter Engstler noch einmal per Handschlag und gehe dann zu den Bierbänken, um einen weiteren Freund zu begrüßen: Johannes Ullmaier aus Mainz, Testcard-Mitherausgeber und langjähriger Freund, den ich nicht mehr so oft, dafür aber immer wieder sehr gerne treffe. Wir plaudern, hören uns die Lese-Blöcke an (er liest selbst am Abend einen Text über »Umzug«), ich lerne noch ein weiteres radfahrendes Pärchen aus Stuttgart kennen, und so wird der Nachmittag bis zum Abend noch ein entspanntes Vergnügen, die Strapazen der Mittagszeit sind nicht vergessen, aber auch nicht mehr das dominante Thema. Kurz nach 21 Uhr breche ich auf, radele bis zum Bahnhof nach Münnerstadt und überlege noch, weiter bis Schweinfurt zu radeln, aber ich bin lustlos. Es ist gut jetzt, Jochen. In Münnerstadt sitze ich fast eine Stunde, dann kommt der Zug, in Schweinfurt steige ich um, um 0.30 Uhr komme ich zuhause in Würzburg in unserer Wohnung an. Noch ein kaltes Bier, eine Gute-Nacht-Zigarette, eine ausgiebige Dusche – und dann: ab ins Bett.

 

Statistik:

143,31 Tageskilometer
6:10:49 reine Fahrzeit
23,18 km/h Durchschnitt
55,46 km/h max.
70 UPM Durchschnitt
1.181 m Tageshöhe
8,2 Hm/km

Tour bei komoot (Hinweg, mit Pausen in Schweinfurt, Münnerstadt, Schönau und neben dem Busch)

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