Alltag, Lektüre, Mensch-Maschine

Lektüre: 2050

Wie wird wohl die Stadt von morgen, die Mobilität der Zukunft aussehen? Es gibt und gab immer wieder spannende Visionen, aber meistens müssen wir ja doch eher schmunzeln, wenn wir in alten Büchern aus der Mitte des letzten Jahrhunderts blättern, in denen die Welt im Jahr 2000 in Wort und Bild skizziert wurde: Menschen, die mit Jetpacks auf dem Rücken zwischen Büro und Wohnung durch die Lüfte segeln, fliegende Autos, intelligentes Toastbrot …

… naja, von solchen Szenarien ist der Lack mittlerweile, ehrlich gesagt, ziemlich ab. Zwar glüht einigen immer noch der Kopf beim Gedanken, das Amazon-Paket könnte statt vom Postboten von einer Drohne vorbeigebracht werden (die auf dem Rückflug dann gleich noch ein paar Terroristen ausmerzt, oder umgekehrt), aber die anderen brauchen sich heute sicher nicht mehr in die gleiche Ecke stellen zu lassen wie die Technik-Totalverweigerer, wenn sie höflich, aber bestimmt anmerken, dass eben nicht alles, was technisch möglich, auch gesellschaftlich sinnvoll sei.

Letzte Woche tauchte zufällig das Jahr 2050 gleich mehrmals in gedruckter Form auf – als Zwangsleser (der notfalls auch die Beschriftung der Müslipackung zum hundertsten Mal durchliest, wenn nichts anderes auf dem Tisch liegt) muss ich immer hingreifen, wenn Lektüre winkt. Und das tut sie besonders gerne in Wartezimmern von Arztpraxen, so geschehen diesen Freitag beim Zahnarzt. Bevorzugt greife ich hier natürlich zu den Medien, für deren Lektüre ich garantiert keinen einzigen sauer verdienten Cent ausgeben würde – wie etwa Focus und C(icer)o.

Es war der Focus, Ausgabe 40/2015, der meine Aufmerksamkeit mit der »Grafik der Woche« fesselte: »Großstadt-Dschungel. Paris im Jahr 2050« steht da, und weiter ist zu lesen: »… Die französische Metropole hat sich zum Ziel gesetzt, ihre Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 um 75 Prozent zu reduzieren – da ist der große Wurf gefragt. …« Ach ja, der große Wurf – wie hieß das gleich noch mal, wenn die Sau Junge kriegt? Egal: Da werden im Jahr 2050 »Plus-Energie-Bauten« als »grüne Türme« bzw. »monumentale Ökobauten« »verschiedenen Stadtteilen von Paris ihr unverwechselbares ökologisches Profil verleihen« – aber seht selbst:

20151004-1

Leider hat der Illustrator nicht ganz verstanden, warum diese Türme eigentlich nötig sind – die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo hingegen schon. Und sie denkt erstmal gar nicht an solche Türme, sondern an ganz einfache Maßnahmen – die dem Illustrator nicht in den Sinn gekommen sind, denn wie sonst erklärt sich, dass es im großen Bild unten rechts so aussieht:

20151004-2

Na, auch gesehen? Autos, Autos, Autos … ist das gewollt, um den heutigen Betrachtern qua Wiedererkennung ein wenig Sicherheit zu geben in der utopischen Architektur? Oder reicht der gedankliche Horizont auch hier doch wieder nur bis zum nächsten freien Parkplatz? Nichts Genaues weiss man nicht …

Viel spannender dagegen die Doppelseite im Freitag, Ausgabe 39/2015, die unter dem Titel »Eine Ökonomie ohne Brennstoff« eben doch ein wenig mutiger das Jahr 2050 skizziert und nicht nur Architektur-Porno liefert, sondern selbstbewusst die steile These aufstellt: »Das Privatauto wird es auch im Jahr 2050 noch geben. Aber es ist selten. Sehr selten. »Das ist, als wenn Sie heute einen Helikopter hätten«, sagt Andreas Knie.« Müssen das herrliche Zeiten sein im Jahr 2050 – ach, wenn ich die noch erleben dürfte! Ich wäre dann 82 Jahre alt … naja, ich freue mich jedenfalls heute schon für meine Kinder und deren Kinder.

Zumindest habe ich hiermit auch die Erklärung geliefert, warum ich den Freitag Woche für Woche im Abo lese, den Focus aber nur (hoffentlich möglichst selten) im Wartezimmer einer Arztpraxis …

Ach ja, wenn wir schon dabei sind, unaufgeregte, aber konzise Zukunftsszenarien zu betrachten: Ich empfehle dringend die Lektüre von »Kartoffeln und Computer«, einem ganz schmalen, aber gehaltvollen Bändchen, erschienen vor gut drei Jahren bei Edition Nautilus. Der Autor skizziert hier eine spannende Verzahnung von urbanem und ruralem Leben – es geht eben nicht darum, dass wir alle Öko-/Biobauern werden und nur noch Subsistenzwirtschaft betreiben, sondern dass es uns gelingt, sowohl urbanes Leben und unser aktuell erreichtes technisches Niveau wie auch die Produktion unserer Lebensmittel völlig anders aufeinander abzustimmen. Gut, das heisst dann, dass eben auch jeder mal Kartoffeln lesen muss.

Das kann man zwar auch »Zwangslesen« nennen, gemeint ist damit aber etwas ganz anderes …

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