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Quergelesen: Radverkehrsförderung in Berlin

Es mangelt nicht an tollen Ideen und Konzepten zur Radverkehrsförderung hierzulande – und solange diese Ideen und Konzepte bleiben, mangelt es auch nicht an Fürsprechern aus dem politischen Mainstream, also dem CSPDU-Lager. Nur: Wenn es dann konkret wird, ist plötzlich gar nichts mehr zu wollen, werden Bedenken artikuliert, Einseitigkeit attestiert, Ausgewogenheit eingefordert, und, und, und …

Aktuellstes Beispiel: Radbahn Berlin. Das Projekt sieht vor, ca. neun Kilometer Strecke, die unter dem 130 Jahre alten Hochbahn-Viadukt der U1 von Charlottenburg über Schöneberg und Kreuzberg nach Friedrichshain führen, als überdachten Radweg umzubauen – sozusagen ein Fahrrad-Highway mitten durch Berlin. Schöne, informative Website, super Idee eigentlich – und mit dem Bundespreis eco-Design (gefördert vom BMUBin der Kategorie »Konzept« ausgezeichnet.

Auch die Idee, von Zehlendorf bis zum Potsdamer Platz einen Fahrrad-Highway auf einer stillgelegten Bahntrasse einzurichten (prominenter Fürsprecher: CDU-Politiker und Berliner Justizsenator Thomas Heilmann), scheint sensationell und doch einfach zu realisieren, und auch die Bahn hat vorerst keine Bedenken geäußert: Der verhältnismäßig kostengünstige Fahrrad-Highway könnte bei Bedarf rückgebaut und die Bahntrasse später wieder instandgesetzt werden; fairerweise sollte man aber anmerken, dass dafür seit 1945 – also seit immerhin 70 (!) Jahren – bisher noch keine Notwendigkeit bestand …

Doch noch bevor die Diskussion darüber so richtig in Fahrt kommt, kommt sofort der Dämpfer für den Umbau der stillgelegten Trasse:

„Wir sind grundsätzlich immer bereit, mit guten Ideen den Fahrradverkehr zu fördern. Allerdings müssen wir auch auf die Realisierbarkeit und Finanzierung achten“, sagte Martin Pallgen, der Sprecher des Stadtentwicklungssenators Andreas Geisel (SPD). (Quelle: Berliner Zeitung, 20.11.2015)

Es ist also offensichtlich kein Geld da? Doch – einen Monat später sagt Stadtentwicklungssenator Geisel höchstpersönlich der gleichen Zeitung:

„… Derzeit haben wir für den Fahrradverkehr pro Jahr 14 Millionen Euro zur Verfügung. Allerdings stimmt es, dass Land und Bezirke es nicht schaffen, das Geld komplett auszugeben“, sagte Geisel. „Das muss uns in Zukunft gelingen.“ (Quelle: Berliner Zeitung, 19.12.2015)

Ins Deutsche übersetzt: Es ist kein Geld da (20.11.), weil das für den Radverkehr zur Verfügung stehende Geld nicht komplett ausgegeben wird (19.12.). Arm, aber sexy? Für »sexy« fallen mir da ganz andere Adjektive ein, allesamt auch mit 4 Buchstaben …

So verwundert es auch nicht weiter, dass Geisel ein Gegner des aktuellen Volksentscheids für Radverkehrsförderung in Berlin ist – der eigentliche Aufmacher des BZ-Artikels vom 19.12. Da sagt er:

„Als Verkehrssenator bin ich für alle Mobilitätsarten verantwortlich, nicht nur für das Radfahren. Was ich nicht möchte, ist, dass sich eine Verkehrsart radikal gegen alle anderen durchsetzt und alle anderen benachteiligt“, …

und weiter liest man:

Aufgrund der Senatspolitik sei der Autoverkehr in Berlin bereits auf einen Anteil von weniger als 30 Prozent zurückgegangen.

Vermutlich müsste man auch hier nochmal ins Deutsche übersetzen: Es wurde bereits eine Verkehrsart radikal gegen alle anderen durchgesetzt und benachteiligt alle anderen – wenn diese Verkehrsart in Berlin nur noch 30 Prozent des Verkehrsaufkommens ausmacht, warum darf sie dann, auch in jeder anderen größeren Stadt, 90 Prozent der verfügbaren Verkehrsfläche belegen? Die meiste Zeit, mehr als 23 h/Tag, verkehrt diese Verkehrsart ja noch nicht mal, sondern steht bloß rum.

Was ist hier eigentlich radikal? Eigentlich doch nur die Dummheit, mit der wir als Gesellschaft diesen Unfug ertragen bzw. fördern, Tag für Tag …

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Ein Gedanke zu “Quergelesen: Radverkehrsförderung in Berlin

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