Hardware, Lektüre, Lust, Mensch-Maschine, Rennrad, Technik

Lektüre: Fibel oder Bibel?

Menschen neigen dazu, ihr Tun zu reflektieren – im günstigsten Fall zumindest. Ein paar Minuten in einer beliebigen Ansammlung von Mitbürgern hierzulande, an einem beliebigen Ort zu einer beliebigen Zeit, mögen diese steile Anfangsthese zwar sofort widerlegen, aber: Sie klingt nun mal gut. Für mich geht Reflexion immer auch einher mit Lektüre – lesen, was andere (zu anderer Zeit, an anderem Ort, unter ähnlichen oder völlig anderen Umständen) schriftlich festhalten zu Themen, die mich gerade berühren, oder zu Situationen, in denen ich mich gerade befinde. Bei den Büchern gibt es dafür sogar eigene Genres, »Fachliteratur« ist der harmlose Sammelbegriff, unter dem sich allerlei tummelt, was eben nicht Prosa oder Lyrik ist … und ich gebe zu: Mit Prosa tue ich mir schwer, noch schwerer mit Lyrik – trotzdem halte ich die Lektüre hoch, aber eben Bücher zu Fach- und Sachthemen. Woanders las ich vor nicht allzu langer Zeit sinngemäß: »Das Leben ist zu kurz, um seine Zeit mit den Fantasien anderer Menschen zu verschwenden.« Hat was …

Auf zwei Bücher will ich diesmal hinweisen, auf deren Umschlägen die Begriffe »Fibel« und »Bibel« prangen.

»Die kleine Radsportfibel« von Ben Hewitt gehört vermutlich schon zum Buchbestand der einen oder des anderen – wenn nicht, darf diese Lücke guten Gewissens geschlossen werden, denn auf 144 Seiten findet sich hier eine erschlagende Fülle an Tipps und Hinweisen zum Radfahren: »Sicherheit im Straßenverkehr«, »Fahrtechnik und Radbeherrschung«, »Unbeschwert auf langen Strecken«, »Effektiv trainieren«, »Fitness und Gesundheit«, »Radpflege und Reparatur«, … auf 12 Kapitel aufgeteilt finden sich  meist knackig-kurze Tipps für fast alle Lebenslagen und Interessen bzw. Probleme. Um genau zu sein: »1.000 Tipps für Rennradfahrer und Mountainbiker«, so der Untertitel – aber auch Alltagsradler können hier fündig werden, denn die meisten Tipps betreffen ganz allgemeine Situationen auf dem Rad, egal, ob frau gerade auf der Schotterpiste, dem Radschnellweg oder in der Innenstadt unterwegs ist. Vieles weiss man schon, wusste es einmal oder hat es schon zum wiederholten Mal vergessen. Das Buch ist der ideale Begleiter in allen Radfahrer-Lebenslagen, immer wieder hole ich es hervor, sei es zu Beginn der Radsaison, um mich wieder einmal schlau zu machen bezüglich Training und Fitness, sei es vor einer längeren Tour, um nochmal gegenzuchecken, wie andere mehrtägige Fahrten angehen. Für weniger als einen Zehner eigentlich Pflicht, jeder Tipp kostet nicht mal 1 Cent, manche sind jedoch Gold wert.

Von der Fibel zur Bibel:

»The Velominati embrace cycling not just as a pastime or a means of travel, but as a way of life – as obsessed with style, heritage, authenticity and wisdom as with performance. THE RULES is their Bible.«

Ich habe hier schon darauf hingewiesen, dass ich die englische Sprache vor allem liebe, weil wenn sie eine ausgewogene Mischung aus trockenem Humor und Großmäuligkeit bietet. »The Rules. The Way of the Cycling Disciple« toppt alles bisher gelesene. Auch hier musste ich bei der Lektüre wirklich mehrmals laut loslachen, was zuhause für Erheiterung, im Zug eher für Erstaunen sorgen kann. Die Herangehensweise der Autoren dieses Buches ist natürlich eine ganz andere als die von Ben Hewitt (s.o.) – in den Kurzportraits am Ende findet sich etwa folgender Eintrag zu Jim Thomson: »Jim rides a bike a lot and hates people.« Punkt.

Welche Texte nun von Jim Thomson stammen, kann ich nicht nachvollziehen, aber zusammen mit Frank Strack, Brett Kennedy, John Andrews und Mark Carlson hat er ein witziges, teilweise aberwitziges Lesevergnügen abgeliefert. Die 95 Regeln (The Rules) kann man zwar auch online lesen (und das Kontra am besten gleich dazu), aber mir gefällt besonders gut die Aufmachung der (gebundenen) Ausgabe – und die Begleittexte gibt es in dieser Ausführlichkeit online nicht. Die haben es aber in sich – eine gewisse Affinität zum Rennrad oder zum Radsport vorausgesetzt, denn natürlich werden hier Anekdoten und Weisheiten verbreitet, die mit den Legenden, den Göttern des Radsports zusammenhängen. Und wie es sich für eine Bibel gehört: an den Thronen dieser Götter oder zumindest gottgleichen Wesen wird keine Sekunde lang gerüttelt, im Gegenteil – der Fahrradhimmel Mount Velomis gleicht eher dem gut gefüllten altgriechischen Olymp als der überschaubaren heiligen Dreifaltigkeit des Christentums, und ganz oben drauf sitzt Eddie Merckx als Zeus.

Ohne eine gehörige Prise Humor also ist die Lektüre kaum erträglich – aber »The Rules« richten sich nicht nur an Leserinnen und Leser mit Humor, sondern sind selbst so gespickt voll mit kleinen, liebevollen Bösartigkeiten und Wahrheiten, die teilweise selbst vor Humor nur so triefen. Und die 95 Regeln sind im Buch, anders als online, nicht numerisch der Reihe nach, sondern thematisch in Blöcken sortiert. So kommt es, dass die wichtigste Regel (#5 = V) zwar am Anfang schon erwähnt wird, dann aber erst zum Ende hin wieder prominent auftaucht – bis dahin hat man schon wieder vergessen, was »V« eigentlich besagt, und wird mit umso größerer Wucht auf die ganze Bedeutung dieser Regel aufmerksam gemacht. Denn »V« steht im Kapitel V (»The Hardmen«) an erster Stelle, doch zuvor muss wieder ein Einleitungstext her, und in diesem findet sich folgende Anekdote:

»The recently deceased Fiorenzo Magni (pictured on p. 236 in Rule #5)—an Italian with Belgian inclinations—broke his collarbone in stage 13 of the 1956 Giro d’Italia and used an inner tube clenched between his teeth in order to gain the leverage he needed to continue riding—and finish second.«
[Fiorenzo Magni brach sich 1956 beim Giro d’Italia das Schlüsselbein und fuhr weiter, auf einen Ersatzschlauch beissend, um die Schmerzen auszuhalten – und wurde zweiter bei dieser (13.) Etappe.]

Das liest sich erstmal so weg, aber nach dem Umblättern trifft einen Regel #5 mit voller visueller Wucht:

Was für ein Drama! Was für ein Foto! Was für ein Wahnsinn …

Noch ein paar Kostproben aus dem typografisch durchaus lecker gestalteten Buch:

Regel #49: Das Rad nie auf den Kopf drehen, also auf Sattel und Lenker stellen … auf der Folgeseite dann das Bild eines schweren Sturzes, bei dem sich ein Rad überschlägt. Kommentar: »This is acceptable.«
Habe doch erst vor kurzem so ein Foto gesehen, wo das Rad auf dem Kopf stand … wo war das noch gleich? … 😉

Ok, bevor ich in den Ruch komme, hier den Besserwisser zu markieren und andere Bloggerinnen zu dissen: gegen Regel #95 habe ich auch schon verstossen, bei meiner ersten Ankunft am Kreuzberg 2012 musst ich das Rad einfach mal heben … zu meiner Verteidigung muss ich aber anmerken, dass ich seither tatsächlich das Rad nur noch angehoben habe, um es auf den Dachträger zu packen. Ehrenwort! Ich schwöa …

Doch noch eine kleine Spitze Richtung Minga – und Richtung Höchberg, denn da sitzt auch ein verhinderter Triathlet … aber auch hier wieder ein feiner Humor in der Unterzeile …

Hier noch einer für die »Jungs« unter den Leserinnen – die einzige Lanze, die ich in diesem Fall für Kelly brechen kann: Er stellt das Fahrrad vor das Auto – recht so. Der Rest ist … na ja …


Ben Hewitt: »Die kleine Radsportfibel. 1000 Praxistipps für Rennradfahrer und Mountainbiker«
Broschur: Covadonga 2009, 140 Seiten, ISBN 978-3-936973-42-6

Velominati: »The Rules: The Way of the Cycling Disciple«
Gebundene Ausgabe: W. W. Norton & Co. Inc 2014, 290 Seiten, ISBN: 978-0393242195
Taschenbuch: Sceptre 2014, 304 Seiten, ISBN: 978-1444767537

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6 Gedanken zu “Lektüre: Fibel oder Bibel?

    • Rule #14 // Shorts should be black.
      Rule #28 // Socks can be any damn color you like. [And by „any color“ we mean white.]
      Rule #30 // No frame-mounted pumps.
      Rule #31 // Spare tubes, multi-tools and repair kits should be stored in jersey pockets.
      Rule #32 // Humps are for camels: no hydration packs.
      Rule #34 // Mountain bike shoes and pedals have their place.
      Rule #76 // Helmets are to be hung from your stem.
      Rule #90 // Never get out of the big ring.
      Rule #95 // Never lift your bike over your head.

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      • Der Einstieg in „die vierzehnte Etappe“ war nicht leicht, hatte mir dem Schreibstil etwas zu kämpfen, oder vielleicht auch einfach nur mit der deutschen Übersetzung. Ich lese auch gerne auf dem eReader, gerade wieder Nachschub gekauft, leider schiebe ich schneller nach als ich lese, so wird der Rückstau immer größer, aber Bücher und eBooks werden ja nicht schlecht, irgendwann sind sie dran.

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