Lektüre, Lust, Mensch-Maschine, Rennrad

Lektüre: Tausend Kilometer Süden

»Writing about music is like dancing about architecture« – so wenig ich die Quelle dieses Zitats festmachen kann (eine interessante Diskussion dazu hier, ich vermute, ich stolperte vor Jahr(zehnt)en über das Zitat, weil es Frank Zappa zugeschrieben wurde), so treffend fand ich es immer. Vor allem, weil ich selbst früher viel über Musik geschrieben habe und es heute immer noch sporadisch und launisch tue – als Nichtmusiker streng subjektiv, aus einer Fan-Haltung heraus, erweitert um aktuelle Bezüge zu Gesellschaft, Politik, etc. Wenn aber nun das Schreiben über Musik schon leicht absurd erscheint, wie verhält es sich dann mit dem Schreiben über das Radfahren?

Ich will nicht behaupten, dass meine Regale überquellen von Büchern aus dem Covadonga-Verlag – aber ich beobachte doch, dass sich immer mehr Exemplare dort einnisten, nachdem ich sie mit Begeisterung gelesen habe: Schon vor diesem Blog (und vor meinem ersten Rennrad) verschlang ich »Dicker Mann auf dünnen Reifen« von Ulf Henning mit großem Genuss, »Die kleine Radsportfibel« ziehe ich immer wieder zu Rate und habe sie erst hier vorgestellt, und auch »Ein Mann und sein Rad« von Wilfried de Jong habe ich hier bereits besprochen. Nun habe ich vor einer Woche das neueste Exemplar des Verlags im Buchladen erworben, nachdem ich bei Daniel den Hinweis fand.

Die Lektüre war Genuss pur – vielleicht das beste Buch, das ich bisher über das Radfahren im Allgemeinen und das Fahren von Langstrecken im Besonderen gelesen habe. Walter Jungwirth beschreibt in »Tausend Kilometer Süden« seine Teilnahme am »Mille Du Sud«, einem Brevet durch die Provence und die südwestlichen Alpen. Klar, es gibt die Eckpunkte: Start und Ziel, Kontrollen und Geheimkontrollen, Anstiege und Abfahrten, Hochs und Tiefs der körperlichen und geistigen Verfassung – so weit, so gut … und erwartbar.

ABER: Der Ton macht, wie immer, die Musik – und Jungwirth mag hie und da beim Brevet mal schwächeln oder sein Rad gar schieben, sein Umgang mit Sprache jedoch ist von einer fast schon unheimlichen Souveränität, wie sie selten zu finden ist, sehr selten sogar. Wie ich früher geschrieben habe, interessiert mich fiktionale Literatur kaum noch, von ein paar Klassikern (Autoren resp. Werke) abgesehen – was nutzt die wohlgeformteste Sprache, wenn das Geschriebene kaum berührt? Nicht-fiktionale Literatur, vulgo Sach- und Fachbücher, interessieren mich zwar, lassen aber leider oft sprachlich zu wünschen übrig, mal mehr, mal weniger. Oft leider eher mehr.
Jungwirth ist hier definitiv die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Seine Sprache entwickelt von der ersten Zeile an einen magischen Flow und hält diesen bis zur letzten. Mag es auf der Straße oder im Gemüt des Autors das eine oder andere Schlagloch geben, die Sprache bleibt makellos und von höchster literarischer Qualität, Jungwirth könnte zu jedem beliebigen Thema schreiben, es würde wohl immer gelingen. Dabei besteht die Meisterschaft dieses Büchleins nicht nur in der Wortwahl oder dem Aufbau der Sätze, sondern in der Verquickung der Sprache mit den emotionalen Zuständen während des Brevets bzw. den umgebenden Bedingungen, auch mit der eigenen Biografie des Autors. Das Buch ist grob in Tage untergliedert, diese wiederum in kleine Kapitel, denen die erreichte Kilometerzahl vorangestellt ist. Dazu gibt es ein eingeschobenes Extrakapitel, »Wie komme ich eigentlich hierher?«, in dem er aus seiner Jugendzeit erzählt – nach Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« das zweite Buch innerhalb weniger Monate, aus dem ich für meine eigene Biografie ganze Absätze oder Seiten wortwörtlich übernehmen könnte. Ich zitiere Jungwirth:

»Mit fünfzehn glaubte ich noch, es wäre Abenteuerlust gewesen, die mich so früh fortgetrieben hatte, aber da war auch ein Unbehagen, das in mir keimte, wie es der Fall ist, wenn man sich fehl am Platze fühlt. Im Dorf gaben die Bauernsöhne den Ton an und sie konnten hochmütig sein und ihre Späße waren von einer derben Art. Wenn sie am Wirtshaustisch erzählten, schwang stets der Stolz aufs Eigene mit, und man hatte nicht viel zu lachen, wenn man nicht aus ihren Reihen kam, oder gerade so viel, wie es zu ihrer eigenen Belustigung beitrug. Bisweilen machte ich mich selbst zum Narren, und später half der Rausch dabei: So wurde wenigstens hinter meinem Rücken über mich geredet und ich wurde ein Teil ihrer Geschichten und hatte eine Existenzberechtigung.
Ich war es gewohnt, mit diesen Kerlen Umgang zu pflegen, und kannte es nicht anders und hätte mich jemand dazu befragt, ich hätte nichts Schlechtes zu sagen vermocht. Aber nie hatte mich jemand danach gefragt, weil zu jener Zeit keinem von denen, mit denen ich zu tun hatte, Fragen von solcher Art in den Sinn kamen. …« (S. 104 f.)

Wenn ich dieses biografische Zitat als erstes wähle, dann, weil ich selbst auf längeren Strecken immer den Freiraum im Kopf nutze, um über mein eigenes Leben nachzudenken: Wie es früher war, wie es gerade ist, wie es wohl sein wird in ein paar Jahren. Es sind manchmal nur kleine Grübeleien, manchmal auch große, komplexe Gebilde aus Gedanken, in die sich dann auch noch Emotionen mischen – mehr als einmal schon habe ich mir gewünscht, über eine Art Gedankenrekorder zu verfügen, der während der Fahrt alles aufzeichnet, so dass ich im Anschluss nur noch transkribieren müsste, um aus dem Durcheinander, das sich manchmal ergibt, lesbare Texte zu destillieren. Fast ein bisschen wie mit der HD Ghost am Lenker, die alle zehn Sekunden ein Foto macht, so dass ich am Ende der Fahrt bequem aus tausenden Bildern die besten nur noch aussuchen müsste. Aber diese Erfahrung lehrte mich auch, dass der Durchgang durch mehrere Gigabyte Bildmaterial oft beschwerlicher sein kann, als doch unterwegs im Fahren mit dem iPhone zu knipsen oder eben mal anzuhalten, wenn ein Streckenabschnitt mehrere Motive bietet, die es wert sind, festgehalten zu werden. Klar stören diese Pausen den Flow beim Fahren und versauen den Schnitt, aber ich fahre doch keine Rennen, nicht mal gegen mich und eigene frühere Zeiten auf gleicher Strecke – dafür gewinnen die Augenblicke, die bewusst der Bewegung auf dem Rad abgetrotzt werden für kurze Pausen, zum Fotografieren oder sonstigem, umso mehr an Qualität.

»Wie auch ich wird Rufus etwas von dieser Beklemmung, wie sie von manchen Tälern ausgeht, spüren, denn seine Unruhe ist groß, als wir uns in Saint-Martin-du-Var beim ersten offenen Geschäft versorgen. Er wolle sofort weiter, sagt er, und ich frage mich, was treibt ihn in dieser Hitze sofort wieder in den Sattel, kaum dass er seine Dose Cola hinuntergestürzt hat. Aber ich kenne die Antwort, denn wir sind nicht dafür angetreten, in den Tälern auszuharren, in dieser Luft, die uns den Schweiß aus den Poren presst. …« (S. 35 f.)

An offiziellen Brevets habe ich bisher – noch – nicht teilgenommen, meine Langstreckenerfahrung am Stück beschränkt sich auf gut die Hälfte der Strecke des Mille du Sud, noch dazu in flachem Gelände. Trotzdem bin ich immer wieder auch fasziniert von den Erzählungen zu den Bekanntschaften, die sich bei mehrmaliger Teilnahme an solchen Brevets unweigerlich einzustellen scheinen – gelesen darüber habe ich bisher vor allem bei Dietmar, der diese Dinger ja wegfährt wie nichts und dessen Berichte zur »Dutch Capitals Tour« (Teil eins / zwei / drei) mit 1425 Kilometern in etwas über 100 Stunden (seine Zeit) letztes Jahr zu meinen absoluten Bloglektüre-Highlights zählten. Umso mehr freue ich mich natürlich, Ende April beim CBG zu starten, zusammen mit Takeshi und dem Kettenpeitscher, nachdem wir schon seit geraumer Zeit gegenseitig unsere Blogs lesen und kommentieren (und zumindest schon mal einen Cappuccino in gemeinsamer Runde zu uns nehmen konnten).

»Der Wind faucht wild über die Kante, ein Grad über Null habe es, werden die erzählen, die mir nachfolgen. Nein, ich bin nicht erleichtert, will nur weg hier, aber ein Foto mache ich trotzdem von der Passhöhe, unbeholfen, mit eisigen Fingern, alles geht entsetzlich langsam, bis man nur die Jacke aus der Tasche gezerrt und übergestreift hat. Dann schiebe ich mir die dünne Aluminiummatte unters Trikot, die ich als Unterlage für den Schlaf im Freien verwende, und mein Rad fällt um und Kleinkram aus meiner Lenkertasche, den ich im Dunkeln wieder zusammensuchen muss, und ich schreie meine Flüche in den schwarzen Himmel, der so dicht und bedrohlich über mir hängt. …
Ich weiss wirklich nicht, wie ich diese Abfahrt überleben soll: Ich bin hier auf 2744 Metern und bis zum ersten Punkt, wo es überhaupt möglich ist, anzuhalten, wird ewig viel Zeit vergehen. Und wie soll ich mich vor der Müdigkeit schützen, die mich nun plötzlich packt und gemeinsame Sache macht mit meinem bebendem Leib und mich immer wieder in die Fahrbahnmitte treibt? …
Es geht weiter. Es geht immer weiter, solange die bleischweren Lider nicht das Ende heraufbeschwören. Im Schädel hämmert es: Wach bleiben! Wach bleiben!, aber was ist diese Mahnung schon im Vergleich zu jener Verlockung, wenigstens für zwei, drei Sekunden die Augen zu schließen und in diese vermeintlich wohlige Welt einzutauchen, aus der ich von einem Wimpernschlag zum nächsten mit zerfetzten Gliedmaßen wieder auftauchen könnte.
Herrenlos rast in diesen Momenten der Schwäche mein Fahrzeug samt seiner zitternden Fracht in die Tiefe. …« (S. 83 ff.)

Immer wieder stellt sich, in Gesprächen und meiner eigenen Erfahrung, das Langstreckenfahren als Sport vor allem für den Geist (»Wille«, »Psyche«, »Gemüt« – you name it) heraus. Das Kopfkino, das sich einstellt, wenn der Körper schon auf Autopilot resp. lebenserhaltende Systeme umgeschaltet hat, bietet ein Programm, das nicht allen gefällt – mir auch nicht immer. Die Kunst besteht darin, den Kinosaal dann nicht zu verlassen, sondern geduldig auszuharren: Kommt die Wendung? Das Happy-End gar? Wer nicht bis zum Schluss bleibt, wird es nie selbst erfahren, sondern immer nur aus den Erzählungen der anderen.

Ist das vielleicht nicht doch alles nur eine unglaubliche Ansammlung von Pathos? Hosentaschenpathos gar, noch dazu bloß auf oder mit dem Fahrrad? Existenzialismus light?
Gegenfrage: Warum sollte jemand sich am Sonntag aufs Sofa legen und Formel-1-Rennen im Fernsehen schauen? Zum Bungee-Jumping gehen oder in einem der wie Pilze aus dem Boden gesprossenen Kletterwäldern von Ast zu Ast hangeln? Es ist der existenzielle Thrill, den die letztgenannten zumindest noch für ein paar Sekunden am eigenen Leib bieten (während das erstgenannte TV-Vergnügen wohl schon zu den weit fortgeschrittenen Degenerationserscheinungen zu rechnen ist). Das Radfahren hingegen erlaubt uns (Radfahrenden), das Nützliche (Überbrücken einer Distanz in akzeptabler Zeit, körperliche Betätigung) mit dem Angenehmen (herrliche Landschaften und vielfältige Sinneseindrücke), aber eben auch dem scheinbar Unangenehmen (Zweifel, Unwohlsein, physische/psychische Erschöpfung, Ängste gar) zu verbinden. Und das mit einer Maschine, die wohl nach wie vor die meisten bestenfalls mit der eigenen Kindheit in Verbindung bringen, die sie aber genau so wenig ernst nehmen, wie wenig auch ich mittlerweile die motorisierten Fahrzeuge (und mehr noch ihre aufgeblasenen Führerinnen und Führer) ernst nehmen kann.

»Umso mehr erstaunt der morgendliche Verkehr auf der Nationalstraße, über welche die Route nun verläuft, nur ein paar Kilometer, glücklicherweise, aber sie führt uns die verstörende Wirklichkeit der Morgenstunden vor Augen: ein endloses Band hermetisch abgeriegelter Kapseln, die zur Arbeit rollen. Im Innern wird es nach Duschgel oder Shampoo riechen, nach Nagellack oder Nagellackentferner oder Parfum, nach kaltem Rauch; die Klimaanlage säuselt und das Morgenradio nölt mit den Staumeldungen und der unerträglich guten Laune der Moderatoren, und das Smartphone liegt bereit, um nichts zu verpassen. Und wären nicht diese Nachrichten, die von Zeit zu Zeit aus der Außenwelt nach innen dringen, mancher, dem es an Abgebrühtheit noch fehlt, hätte gewiss den Eindruck, im Gefängnis zu sitzen. Dies ist die Normalität mit ihrem erschreckenden Gehabe, das nirgendwo hinführt.
Aber einer, der so daherkommt wie ich, verschwitzt, stinkend und mit schmerzenden Gliedern – muss so einer Mitgefühl haben mit diesem ganzen dahinstürmenden Volk, dessen tonnenschwere Gefährte unablässig Unterhaltszahlungen einfordern für die Gunst, Ihre Besitzer vornazubringen? Noch ehe ich ihre Silhouetten wahrnehme, sind sie vorbeigerast, in einem Tempo, das ich nicht einmal bergab erreichen könnte – selbst wenn ich all meinen Mut zusammennähme. So steigt Ärger in mir auf gegen diese Normalität, die in ihrer unnatürlichen Eile viel zu dicht an mir vorbeirauscht, und ich will nicht wahrhaben, dass auch wir dem nur für wenige Tage entflohen sind.« (S. 123 f.)

Wie sehr habe ich die Lektüre dieses Buches genossen! So viele, viele Wahrheiten finden sich in jedem einzelnen Absatz, dafür keine Längen, keine Peinlichkeiten und auch keine Überheblichkeiten – das ganze in einer Sprache, deren präzise Ausarbeitung nicht zu Lasten emotionaler Tiefe geht. Ich fordere Walter Jungwirth hiermit offiziell auf, seine bisherigen anderen Brevets ebenfalls in Buchform zu bringen und die künftigen sowieso – und wenn es ein Abonnement dafür geben wird: Wo kann ich jetzt schon unterschreiben? Bis dahin werde ich mich vorerst in sein Blog vertiefen, das mir bis dato leider noch nicht bekannt war. Aber auch hier gilt, sich der »unnatürlichen Eile« zu verweigern – früher oder später findet zusammen, was sich finden soll.


Walter Jungwirth: »Tausend Kilometer Süden. Eine Erzählung vom Radfahren in den Bergen.«
Covadonga 2017, gebunden, 160 Seiten, ISBN 978-3-95726-019-2

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2 Gedanken zu “Lektüre: Tausend Kilometer Süden

  1. Danke für die so treffende und vortreffliche Rezension der Erzählung von Walther Jungwirth. Der kann nicht nur wunderbare Brevets organisieren und einen überaus informativen Blog schreiben. Literarisches Talent hat der Mann auch noch!

    >>> und „by the way“ ganz viel freudige Momente und gute Beine bei CBG. Bin schon gespannt, wie es euch, also auch Takeshi-Eva ergehen wird.

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