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Mein Candy-Bericht: Tag 1

Eigentlich ein völliger Blödsinn: 650 km mit dem Fahrrad, vorwiegend auf unbefestigten Wegen, vom Frankfurter Flughafen zum Tempelhofer Feld in Berlin, von Luftbrückendenkmal zu Luftbrückendenkmal, stur der Fluglinie der Rosinenbomber nach (in einem Korridor von ca. 15 km Breite). Wer denkt sich so etwas aus? Und wer fährt da mit? Hier mein Bericht, etwas verspätet, und doch so ausführlich, dass ich ihn in mehrere Teile zerlege, sonst liest das ja niemand mehr …

Die Vorbereitung

Noch nie (!) bin ich so schlecht vorbereitet auf eine so lange Tour mit so viel unbekannten Komponenten: Streckenführung, Wegebeschaffenheit, Kost & Logis – um all das kann ich mich vorher kaum kümmern, denn ich habe einfach beruflich zu viel um die Ohren. So viel, dass ich noch wenige Tage vor dem Start überlege, abzusagen (und meinen Platz freizugeben, denn das Teilnehmerfeld ist auf 69 Fahrerinnen und Fahrer beschränkt). Als das mit der Arbeit aber einfach nicht weniger werden will, macht sich bei mir eher eine Art Trotzreaktion breit: Jetzt erst recht, es ist langes Wochenende (1. Mai am Montag), ich hänge 2 Tage dran (Freitag, Dienstag), das muss einfach drin sein.

Zuerst muss das mit den Flaschen, die zu eng an der Rahmentasche sitzen, geklärt werden: Die Minoura sind zwar dezenter, die Topeak jedoch aus Kunststoff mit Option für Zusatzbohrungen …

… siehe da, ordentlich nach unten gerutscht, die Flasche am Sattelrohr. Am Unterrohr war auch noch 1 cm drin.

Die meiste Vorbereitung verwende ich auf das Equipment, wobei ich eine duale Strategie verfolge: Übernachten im Hotel (Zivilklamotten Basisgarnitur) oder im Freien (Schlafsack), beides soll möglich sein. Mit Sonn- und Feiertag hintereinander wird die Beschaffung von zusätzlichen Sachen unterwegs (Lebensmittel, Ersatzteile) eher schwierig bzw. sich auf das Angebot der Tankstellen beschränken, und sollte ich tatsächlich nicht in einem Hotel Station machen, muss auch der Stromvorrat (Powerbank, Akkus) auf jeden Fall reichen, um 4 Tage über die Runden zu kommen.

Das muss alles mit …

… am Rad sieht das gar nicht mehr so schlimm aus: Im Zug Richtung Flughafen.

Zum Navigieren leihe ich mir einen Garmin Edge 705 von Tilman – ohne Halterung. Das Gerät liegt eine Woche lang im Eck, widerwillig nehme ich es dann doch in die Hand, lade den Track darauf, probiere die Grundfunktionen aus – ach, der Garmin ist mir zu umständlich und ohne Halterung eh nicht zu gebrauchen, weg damit … aber am Freitag Vormittag, kurz vor der Abfahrt, bastele ich doch noch aus einer alten Speiche eine Halterung, die gar nicht so schlecht ist, und nehme den Garmin mit. Aber auch die iPhone-Halterung für den Lenker – mit dem neuen SE werde ich auch über die Runden kommen, Navigation über komoot, dem ich den Track die Abende vorher mit Gewalt beigebracht habe, die Akkulaufzeit ist durchaus akzeptabel (auch wenn 4 Tage schon sportlich werden, vor allem nur mit Powerbank als Lademöglichkeit).

Meine Garmin-Halterung aus einer Speiche hält sehr gut … 😉

Freitag

Irgendwie habe ich wieder zu viel getrödelt oder gegrübelt – das Schluss-Packen geht hektisch vonstatten, ich sause zum Bahnhof, habe Angst, den Zug zu verpassen. Erst in der Bummelbahn von Würzburg Richtung Flughafen Frankfurt fällt langsam die Anspannung der letzten Tage von mir ab, Vorfreude machte sich breit: 4 Tage Radeln, sonst nichts, und alles in diesen 4 Tagen soll sich einfach ergeben. Ich freue mich auf Eva und Joas, die beiden Blogger, die ich vor kurzem in Berlin endlich auch persönlich kennengelernt habe, und mit denen ich im Vorfeld des Candy schon wieder rege hin- und hermailte, was Equipment, Strategien etc. angeht.

Ankunft Flughafen, Ausgang suchen, »Terminal 4« suchen (»Da müssen Sie in 50 Jahren wiederkommen, momentan haben wir hier nur zwei Terminals« …), zumindest mal Richtung Luftbrückendenkmal radeln. Ein Pärchen verrät mir dort den Weg zu der Kneipe namens »Terminal 4«. Aha … dort ist schon ein bisschen was los, knapp 10 Fahrer sind es mit mir, und es werden minütlich mehr. Der Luftbrückenchapter e.V. spendiert allen Candy-Teilnehmern eine Wurst und ein Getränk gratis, was auch alle dankend annehmen. Eva trifft ein, ich schaue mir ihr neues Soma genauer an – wie überhaupt mein Blick den diversen Rädern gilt, die sich hier langsam ansammeln. Joas kommt auch, und schon bald geht es los Richtung Denkmal resp. Startpunkt. Dort immer noch eine Stunde warten, fotografieren, plaudern, … langsam wächst die Nervosität, die meisten würden wohl gerne losfahren.

Gunnar Fehlau (rechts), der spiritus rector des Candy, posiert mit historischem CARE-Paket.

Das Luftbrückendenkmal

Danke, Joas, für das Foto!

Fährt leider nicht mit, aber fällt mir ins Auge: ein Molton!

Freitag, 18 Uhr, 0 km

Punkt 18 Uhr geht es dann auch los, 63 Graveller machen sich auf den Weg – ich bin etwas hinten, habe auf Joas gewartet, der mir aber an der ersten roten Ampel noch davonfährt. Egal, den finde ich schon wieder. Ich fahre im hinteren Feld mit, plaudere mit mir völlig fremden Radlern ganz vertraut über dies und das (Fahrrad, Touren). Wir fahren durch flache Wälder, wunderschön: ein riesiges, weiß blühendes Bärlauchfeld lässt den Waldboden wie verschneit erscheinen. Und dieser Duft! Herrlich …

So geht es kreuz und quer durch die Wälder Richtung Darmstadt – den Garmin beachte ich nicht weiter, immer der Staubwolke hinterher, das wird schon stimmen. Nach einer Weile hole ich Eva und Joas wieder ein, an einer kniffelig zu querenden Straße wartet ein größerer Pulk. Wir radeln gemeinsam, plaudern ein wenig, dann kommen erste Singletrail-Abschnitte. Immer noch sind wir irgendwo vor Darmstadt, oder schon vorbei – ich habe jegliche Orientierung verloren: Ortschaften werden im Wald umfahren oder bestenfalls auf Nebenstraßen gestreift, keine Ortsschilder also, nicht mal freie Sicht dank der vielen Bäume überall.
Die Gruppe ist immer noch groß, ich muss nur den anderen hinterher fahren. Irgendwann gibt mir ein längeres Stück Asphalt Gelegenheit, wieder aufzuschließen – Eva und Joas habe ich wieder verloren, vermute sie vor mir. Dann wieder Waldwege, ein Stück dermaßen zugewachsen und matschig, dass alle schieben. Nachrichten verbreiten sich zwischen den Fahrerfeldern – da hat es jemandem das Schaltauge abgerissen. Armer Teufel, denke ich, so kurz nach dem Start schon aus dem Rennen … und bin froh, dass es mich nicht getroffen hat.

Freitag, 20.45 Uhr, 60 km

Schließlich, einen Schlenker weg vom Weg, gelangen wir an eine Kneipe in der Pampa: »Auszeit bei Alex«. Es ist inzwischen nach 20 Uhr, die Dämmerung setzt ein, und bei mir der Hunger – Bolognese mit Nudeln für 4,50 klingt gut (und schmeckt auch gut). Andere Fahrer kommen und gehen, ich nutze das Warten aufs Essen für eine Zigarettenpause vor der Tür. Auch Eva und Joas tauchen auf – hoppla, war ich doch schneller? »Jochen, Du Heizer« begrüßt mich Joas. Ich sage ihnen, dass ich erstmal Abendessen zu mir nehmen werde, doch beide wollen weiter, Restlicht ausnutzen – ich sehe sie zum letzten Mal bei dieser Tour …

»Auszeit bei Alex« …

… wer kann da schon NEIN sagen?

Inzwischen ist auch der Fahrer mit dem abgerissenen Schaltauge angekommen, viele Tipps bekommt er von unterschiedlicher Qualität, aber immerhin sind welche dabei, die ihm helfen, weiterzufahren – er wird das Schaltwerk mit Kabelbindern in einer festen Position fixieren und mit zwei Gängen weiterfahren. Geschaltet wird nur noch mit dem Umwerfer, entweder großes oder kleines Blatt – huiuiui, der meint das ernst und fährt echt weiter. Immerhin hat er doppelt so viele Optionen wie Harald Legner, der den Candy echt mit Singlespeed fährt: Ein Gang für alles – Respekt!

Immer wieder mischen sich Fahrergruppen neu, ich fahre mittlerweile mit Markus aus Nürnberg, wir plaudern viel. Andere schließen auf, darunter Walter Lauter aus Bad Kissingen, der in der Radfahrszene einen ähnlichen Ruf genießt wie Candy-Pate Gunnar Fehlau (und mit diesem auch befreundet ist und schon einige gemeinsame dicke Dinger weggeradelt hat). Walter hatte ich vor ein paar Jahren mal auf der Velo Berlin angequatscht – schließlich wohnt er nur 13 km von meinem Geburtsort Waldfenster entfernt, in Bad Kissingen, und ich stelle mich wieder als »Jochen aus Waldfenster« vor. Immer mehr drängt sich mir der Eindruck auf, dass sich alle kennen – meistens direkt, manchmal über gemeinsame Freunde und Bekannte. Eine große Familie, und ich mittendrin.

Trail Magic #1, 23 Uhr, 82 km

Auf der Mainbrücke bei Karlstein, wo der Main auch die Grenze zwischen Hessen und Bayern markiert, überrascht uns ein netter Mitbürger mit Bananen und Gummibärchen – Trail Magic nennt man das. Er wird mit Lob und Freundlichkeiten überschüttet, ich hoffe insgeheim, dass diese Art von Magie von noch öfter passieren möge … und schon gehts weiter. Nächste Station ist die örtliche Tankstelle, mittlerweile ist es 23.30 Uhr – Empfehlungen werden laut, sich mit Bier für die Nacht einzudecken. Ich nehme nur eine Dose mit – Faxe, 1 Liter. Ehrliche Sache.

Eine Dose Bier muss reichen!

Markus will weiter, die anderen noch einen Kaffee trinken – ich folge Markus. Wir plaudern, und er signalisiert Müdigkeit – Zeit, sich ein Nachtlager zu suchen. Hier verlasse ich mich ganz auf ihn, zu jeder Schandtat bereit – warum nicht ein wenig ausruhen und am nächsten Tag weiter? Hinter Michelbach wird es steil. Sehr steil – wir schieben. »Da geht es ziemlich steil hoch, die anderen sind schon ganz da oben« sagt er, aber ich sehe nichts da oben, es ist schließlich dunkel. »Du musst noch höher schauen, DA oben« … ich lege den Kopf in den Nacken, und tatsächlich sehe ich vereinzelte rote Punkte im Himmel über mir – leck, ist das steil hier! Als wir zur Hälfte oben sind, drehe ich mich um – unter uns ein ähnliches Schauspiel, wie riesengroße Glühwürmchen tanzen Rad- und Stirnlampen hinter uns den Hang hinauf. Was für ein Schauspiel! Oben angekommen haben uns die anderen wieder eingeholt. Die besten Plätze zum Übernachten sind schon vergeben, Hüttenvordächer, Wiesenstücke (zum Zelten), … wir müssen weiter. Ich fahre irgendwo zwischen der Gruppe und Markus, der zurückfällt. Wieder eine Hütte im Wald, schon belegt, die Gruppe fährt weiter. Ich frage, ob nicht doch noch zwei Plätze frei wären (quengel, quengel), also gut, geht schon – aber Markus kommt, schaut sich das an und will weiter. Die Gruppe ist unterwegs zur nächsten Hütte, dort wartet angeblich schon jemand mit einem kleinen Feuer, und Platz wäre auch für alle, also fahr ich mit Markus weiter.

Samstag, 1.15 Uhr, 105 km

Als wir bei der Hütte ankommen – ein sechseckiger Unterstand ohne Wände, aber mit Dach – wirkt alles schon recht voll. Trotzdem werden wir herzlich begrüßt und aufgefordert, uns eine Ecke zu suchen. Ich find ein Plätzchen ausserhalb, an einer der Bänke, immer noch unter dem Dach der Hütte: Das passt mir. Aber Markus will weiter, trotz gutem Zureden aller – so trennen sich unsere Wege, ich bleibe bei der Gruppe um Walter Lauter, der schon ein bisschen eine Respektsperson ist, verdientermaßen – weil andererseits unglaublich gesellig und umgänglich. Bier, Zigarette, Uwe lässt eine kleine Flasche Jägermeister kreisen, ich lasse mich nicht lumpen und hole meinen Flachmann mit Gin hervor. Das Feuer besteht aus drei Ästchen, winzig, aber gemütlich. Als die ersten sich flachlegen und das Bellen eines Hundes im Wald erschallt, löschen wir es allerdings umgehend: nur keine Aufmerksamkeit erregen. Mein »Bett« an der Aussenseite der Hütte füttere ich mit viel welkem Laub auf, das ist herrlich weich, isoliert nach unten – und die Bank hindert mich daran, ins Innere des Unterstands zu rutschen. Gefühlt habe ich allerdings keine Sekunde geschlafen diese Nacht, nach gut 4 Stunden kommt Walters Weckruf.

Teil 2 hier.

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4 Gedanken zu “Mein Candy-Bericht: Tag 1

  1. Markus schreibt:

    Na, endlich ein weiterer lang ersehnter Bericht vom CBG. Bin schon gespannt, wie es weitergeht! Ich selbst habe auch einen alten Edge 605, der ist im Prinzip derselbe wie der 705er nur ohne Pulsmessung. Zum Navigieren echt Käse…
    Viele Grüße
    Markus

    Gefällt 1 Person

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