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Mein Candy-Bericht: Tag 3

Es folgt der Bericht zum dritten Tag des Candy B. Graveller 2017 – hier geht es zu Tag 1 und Tag 2

Sonntag, 7 Uhr, 230 km

Wir räumen das Zelt auf und fahren los, nach Philippstal zum Frühstück – knapp 10 km in knapp einer dreiviertel Stunde, inkl. Schiebepassage (schon wieder). Wir frühstücken bei »Guter Gerlach« – hier hatte ich auf meiner Würzburg–Hamburg-Fahrt mit dem Rennrad vor drei Jahren auch schon gesessen und ein zweites Frühstück eingenommen. Nicht zünftig, aber lecker. Irgendwie komme ich mir wie ein alter Bekannter vor hier …

Beim Frühstück macht die Nachricht die Runde, dass bereits zwei Fahrer in Berlin angekommen sind. Wie bitte? Fassungslosigkeit macht sich bei mir breit – Martin Temmen (4.15 Uhr) und René Fischer (7.30 Uhr) sind schon fertig mit dem Candy? Die sind den ganzen riesengroßen Feldweg am Stück durchgefahren (ja), ohne nennenswerte Schlafpause (ja)? Irre …

Ich hole am örtlichen Sparkassenautomaten nochmal Geld nach, dann geht es weiter. Die Gruppe, von der gemeinsamen Übernachtung auf weit über 10 Fahrer angewachsen, zerfällt wieder in die Grüppchen, die schon vor Pferdsdorf zusammenfuhren, die schnelleren ziehen davon, die langsameren starten noch nicht. Mittlerweile fahren wir schon an der Werra, aber nur ein Stück, dann wieder Waldwege plus Klettern, Abfahren, Werra, … zwischendurch wieder ein übles Stück Singletrail, alle tragen die Räder bergab, mein linkes Knie, das bisher mit dem Kurbeln keine Probleme hatte, rebelliert nun heftig beim Bergablauf mit geschultertem Rad – aua! Die Schmerzen sind höllisch, ich kann das Bein kaum noch bewegen. Und bin froh, als ich wieder Kurbeln darf, dann sogar wieder vermehrt Asphalt – das tut gut.

Sonntag, 11.30 Uhr, 280 km

Wir pausieren in Krauthausen, nachdem wir kurz zuvor die B7 gekreuzt haben. Walter, Mario, Thomas und ich waren vorne, Dieter kommt wenig später dazu. Dann Uwe: »Lutz ist in Hörschel zum Bahnhof gefahren. Er hat schon die ganze Woche Magenprobleme, nun ist es wieder ziemlich schlimm. Er bricht ab.« Walter versucht noch, ihn telefonisch umzustimmen, erreicht Lutz, aber der sitzt bereits im Zug nach Eisenach. Schade. Mein linkes Knie bleibt ruhig …
Thomas ruft begeistert: Im Abfalleimer neben der Bank, an der wir sitzen, liegt ein fast nagelneues geschlossenes Rost mit Griff, wie man es zum Braten von Fisch oder auch Steaks verwenden kann. Auch ich bin begeistert und überlege, es mitzunehmen – da gibt Dieter zu, es gerade dort entsorgt zu haben, »wir grillen ja eh nicht am Feuer, wozu das Trumm mitschleppen?« … Recht hat er, ich lege den Rost wieder zurück.

Hinter Krauthausen wird langsam der Hainich sichtbar, an einer Tanke wird noch schnell gestoppt, dann geht es erst kurz ins Tal und dann hinauf – nicht steil, aber steil genug und lang, sehr lang. Oben wird es wellig, mal auf, dann wieder ab – die Schotterwege sind ok, nur beim Abfahren gerate ich hie und da ins Schwimmen, es liegt zuviel feiner Schotter da … die anderen sind schon voraus, während ich mit Thomas hinterherradele. Er zeigt mir einen »schönen Spot« im Wald, wo er früher schon mal übernachtet hat – faszinierend, wie sich für andere Radler die Gegenden auf ganz andere Art und Weise erschließen, wenn diese nicht nachts in Häusern übernachten, sondern in der Pampa.

Sonntag, 13.30 Uhr, 296 km

Der Hainich ist eine Art Hochplateau, auch oben geht es immer wieder auf und ab, und das Plateau ist ziemlich groß. Mehrmals auf dieser Tour hatte ich schon den Eindruck, dass »gleich« (wie in »gleich da«) schon ein echt relativer Begriff ist. Irgendwann erreichen auch wir »gleich« die Hütte, zu der es nicht nur alle Radler hinzieht, sondern das übliche Feiertagspublikum, das motorisiert bis zum nächstgelegenen Parkplatz gefahren ist, um dann heldenhaft die 2x 20 Minuten Wegstrecke (vom/zum Auto) als Sonntagswanderung zu verbuchen. Wir kehren auch ein, vor uns sind schon welche da, zu meiner freudigen Überraschung auch Markus, der in der ersten Nacht weitergefahren ist. Er erzählt, dass er einfach die nächste freie Hütte genommen hat, die auch leer war … so einfach war das.

Endlich oben an der Hütte am Hainich …

… unübersehbar, dass hier schon andere Graveller sind.

Schlechtes Foto, aber die Fotos sind eh rar, von daher muss auch mal Gegenlicht gehen. Walter, Thomas, Mario und Dieter (v.l.n.r.)

Wir gönnen uns eine richtig leckere Gulaschsuppe und mehrere Getränke, bevor auch wir weiterradeln – der Tag ist sonnig, also los jetzt, heute muss noch was gehen, kilometermäßig. Die Abfahrt vom äußerst windigen Hainich ist schön, aber zum wiederholten Male macht sich an Dieters Hinterrad ein »Schleicher« bemerkbar – und die beste Pumpe hat mit Lutz zusammen abgebrochen. Mit meiner nimmt er auch Vorlieb, klein, aber fein, und so lassen wir die anderen vorerst ziehen, während ich bei Dieter (und meiner Pumpe) bleibe. Wir fahren weiter, aber langsam merke ich, dass meine Klamotten ziemlich durch sind, vor allem die Hose: Zuviel geschwitzt die letzten Tage, wobei das Wasser ja gut entweichen kann, das Salz weniger – es wird ungemütlich beim Kurbeln, ich stoppe und bitte Dieter, weiterzufahren – ich muss jetzt einfach auf einer sonnenbeschienenen Wiese, weit ab der Zivilisation, mal die komplette Garnitur wechseln, den Garmin (der sich nach der Entladung via Powerbank nicht nachladen lässt – defektes USB-Kabel?) demontieren, die iPhone-Halterung ran, usw. usf. Überhaupt mal kurz alleine zu sein, das fällt mir nun auf, ist auch schön – bin ich doch eigentlich das Alleinsein unterwegs eher gewöhnt als das Fahren in der Gruppe. Mittlerweile ist es 16 Uhr, ich falle ca. 20 Minuten hinter die Gruppe zurück, das wird ein strammes Stück Arbeit, denn inzwischen hat der Wind gedreht und wird für den Rest der Tour seine Richtung beibehalten: Immer schön von vorne …

Ich beisse mich also vorerst alleine durch – werde aber zumindest anfangs mit dem wunderbaren, leider viel zu kurzen Stück Radweg im Unstruttal verwöhnt: feiner weisser Kies, ähnlich wie im Altmühltal, fährt sich super mit breiteren Reifen, ich kann Tempo machen. Das konnten die anderen aber auch. In Kleinvargula muss ich lachen, denn der ganze Ort ist (für Autos) gesperrt, der Asphalt rausgerissen, überall nur Schotter: Das alles nur wegen dem Candy? … 😀

Danach wird es richtig heftig: bis Bad Tennstedt eine pfeilgerade Piste, nur Gegenwind, riesige Löcher in einem Belag, der früher wohl mal Asphalt war und sich langsam über ein Schotter-Zwischenstadium in Wohlgefallen auflöst. Das ist so mühsam, dass ich ein Belegtes (wo hatte ich das nochmal gekauft? Egal) esse, während ich langsam gegen den Wind anfahre. Auch die folgenden Abschnitte waren eher mühsam, aber ein kurzer Blick auf Trackleaders verrät mir, dass Walter nur noch 1 km Vorsprung hat, ich müsste die Gruppe also bald wieder eingeholt haben.

Sonntag, 19.10 Uhr, 355 km

Greussen. Ich sehe eine Tankstelle, will aber zur Gruppe aufschliessen, verpasse den Abzweig, mache kehrt, will doch zur Tankstelle  – und erst da sehe ich die Räder. Da sind sie ja, ich wäre glatt an ihnen vorbeigezogen. Ich kehre ebenfalls kurz ein, noch ein Belegtes, die obligatorische Dose Faxe für die Nacht, eine Zigarette, und zusammen geht es weiter. Wir wollen auf jeden Fall noch 2–3 Stunden fahren, so langsam wird auch den anderen mulmig beim Blick auf den km-Stand. Und so fahren wir … vor Oldisleben wieder ein Feuer, Bier, Würste – nein, heute nicht, wir warten lediglich auf Dieter, der immer mehr Probleme mit seinem Hinterrad hat. Nach Heldrungen stoppen wir, jetzt muss das Rad runter, der Schlauch gewechselt werden, sonst geht das ewig so weiter. Walter, Mario und Jolanta fahren voraus, Uwe und ich folgen mit etwas Abstand, Thomas bleibt bei Dieter, um den Reifen zu wechseln. Es wird dunkel – irgendwo nehme ich ein Schild wahr in der Dämmerung, »historische Pappelallee«, stimmt, wie durch einen Tunnel fährt man hier einen schönen Feldweg lang, alles recht eng. Weiter, weiter, immer weiter. Inzwischen fahren wir auf einer Strecke, die Walter gescoutet hat (d.h. im Vorfeld abgefahren ist, um eine gute Route zu erkunden). Er hat dankenswerter Weise viel asphaltierte Radwege eingebaut und wir kommen gut bis sehr gut voran …

Sonntag, 22.15 Uhr, 390 km

Reinsdorf. Wieder ein Feuer oben am Hügel vor dem Dorf. »Wollen wir nicht … ?« Ich würde sofort wieder zu dem Fest gehen, würde Leute fragen, wo hier eine geschützte Hütte ist – wir sind wieder ziemlich durch, seit längerem schon halten wir Ausschau nach einer Übernachtungsmöglichkeit – vergeblich. Das, was hier an Hütten steht, besteht nur aus Dächern auf Stangen, ohne Wände – und der Wind bläst teilweise recht stramm. Thomas und Dieter sind etwa 3 km hinter uns, jemand meint, in Schönfeld gäbe es einen Sportplatz mit Sportheim ausserhalb – das wird unser Ziel für die Nacht. In Schönfeld suchen Mario und ich den Sportplatz, während die anderen am Track auf die Nachzügler warten. Zusammen fahren wir zum Sportplatz, der recht nahe an der L1172 ist – und nur ein kleines Stück weiter geht auch noch die A71 vorbei. Für Uwe zu laut, er und Jolanta fahren weiter, wir anderen bleiben. Hinter dem Sportheim ragt das Dach noch etwas raus, es wirkt einigermaßen windstill, da ist so ein Zwischenstück zwischen Betonweg und Hauswand, worin etwas Reisig liegt – das verspricht Dämmung und ein Minimum an Komfort – hier machen Dieter, Walter und ich uns lang, während Thomas sein Tarp aufspannt und Mario sein 1-Mann-Zelt. Wir setzen uns noch kurz vor das Sportheim, Mario kocht sich auf dem Esbitkocher ein Nudelgericht, wir trinken Bier, essen Nüsse – und stoßen um Mitternacht auf Dieter an, der nun Geburtstag hat. Dann schnell in den Schlafsack, mir wird immer kälter – »Zieh’ einfach alles an, was Du hast«, sagt Walter zu mir. Und da fällt mir ein, dass ich ja noch eine Jeanshose dabei habe, für den zivilen Tag in Berlin eingepackt: Die Rettung! Dazu schlage ich mich in die dünne Isolierdecke ein, beschwere sie an den Füßen mit einem Backstein – ja, das geht, viel viel besser als die Nacht zuvor. Trotzdem denke ich bei mir, während ich einzuschlafen versuche: Geht es jetzt eigentlich nur noch ums Überleben? …

Teil 4 hier.

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2 Gedanken zu “Mein Candy-Bericht: Tag 3

  1. Sehr schön, lieber Jochen, Deinen Candy B. so nachzuempfinden. Und bewundernswert, wie Du die Orte so drauf hast. Bei mir sind die bis auf ganz wenige Ausnahmen nur so durchgerauscht …

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