Ehrgeiz, Fotografie, Gravelbike, Lust, Radwege, Tour > 200 km

Vatertagstour 2017: Der Hochrhöner

Wie geplant, war dieses Jahr als erste eigene Tour der Hochrhöner dran. Als Wanderweg führt er von Bad Kissingen nach Bad Salzungen, mit 2 Streckenvarianten, die sich am Heidelstein teilen und bei Andenhausen wieder zusammenfinden. Tilman und ich fuhren am Mittwochabend mit dem Zug nach Bad Kissingen und starteten dort gegen 19 Uhr, Tagesziel: irgendeine Schutzhütte vor dem Kreuzberg … der Bericht in Bildern:

Start zum Hochrhöner mit dem aktuellen Setup: Hook1, Apidurataschen (Lenker, Rahmen, Sattel), Aerobar (mit eigenen Anbauten für Garmin & Licht). Gewicht ohne Fahrer: ca. 22 kg!

Nach dem Kaskadental und Klaushof verlassen wir bei Stralsbach den Wald, abendlicher Blick auf die Platzer Kuppe und rechts davon der Höhenzug der Schwarzen Berge = ungefähr das Ziel des heutigen Abends.

Bis auf zwei kleinere Abschnitte ist alles an diesem Abend fahrbar, meistens Schotterwege.

21 Uhr, Langenleiten, Ernüchterung: Keine Kneipe geöffnet, nichts. Wir beschließen, zur Kissinger Hütte hochzufahren – nicht Teil des »Hochrhöners«, aber die Richtung stimmt und bis 22.30 Uhr ist geöffnet. 6 km bergauf, Schotter, teilweise schon recht steil, am Schluss noch ein wenig Schieben auf einem Singletrail, dann erreichen wir unser Ziel kurz nach 21.30 Uhr.

Erstmal Brotzeit, Trinken – der Maria Ehrenberger Pilgerstoff schmeckt wirklich gut! Wir genießen die nächtliche Aussicht vor der Tür bei einer Zigarette, dann steuern wir unser Nachtquartier an – eine Schutzhütte im Wald, in ca. 1,5 km Entfernung. Der Hüttenwirt bietet uns ein Zimmer für die Nacht, aber wir lehnen dankend ab: Overnighter ist angesagt – und so wählen wir lieber noch zwei Flaschen Bier und eine Füllung für Tilmans Flachmann, ein paar Scheiben Brot, und machen uns zur Schutzhütte auf.

Am nächsten Morgen. So sieht die Hütte aus, ein etwas älteres Modell, was die innen wie aussen unübersehbare grüne Patina deutlich verrät. Die Bank zu schmal und zu krumm, um darauf zu schlafen – wir lagen am Boden, Fuß an Fuß.
Die Nacht war absolut still, nicht das kleinste Geräusch, und wir saßen bestimmt noch eine gute Stunde plaudernd auf der Bank, Bier und Flachmänner sowie Zigaretten zur Hand. Um 6 Uhr Aufstehen, Tilman bereitet einen Kaffee, gemütlich packen und los, weiter auf den Hochrhöner zurück.

Kloster Kreuzberg passieren wir schon vor 7.30 Uhr, eine Toilette wird gerade geputzt, so dass wir die Wasserflaschen auffüllen können. Weiter über den Arnsberg (hier: Blick nach Nordosten) nach Oberweißenbrunn.

Dort um 8 Uhr echtes Frühstück in der Pension Zum Lamm: Absolut empfehlenswert, sehr freundliches Gastgeber-Paar, viel Liebe zum Detail, wie die gekochten Eier verraten: jedes von Hand beschriftet …

Hinter Oberweißenbrunn wird es im Wald gleich makabrer an der Hexen Ruh, und die ersten Schiebepassagen des Tages kündigen sich an …

… dafür entschädigen die Ausblicke. Der Versuch, mit Selbstauslöser und iPhone ein Foto von uns beiden zu machen. Was Tilman so sagt –
oben links: »Du hast das Foto schon gemacht, da blinkt nichts.«
oben rechts: »Jetzt blinkt es, aber das iPhone ist verrutscht, als Du weggegangen bist.«
Unten dann klappt es: Blick vom Teufelsberg Richtung Süden, der Arnsberg hinter mir …

… und der Himmeldunkberg vor uns. Genau wie die Landesgrenze zwischen Bayern und Hessen.

Nochmal Blick vom Teufelsberg nach Süden; charakteristisch für den Arnsberg sind die Baumreihen am Nordhang, zwischen denen Skipisten und Lifte sind.

Wir wählen heute nicht nur die Hochrhöner-Variante »Lange Rhön«, sondern wechseln auch vom Wanderweg auf die Hochrhönstraße – zumindest in bekanntem Terrrain habe ich den Hochrhöner ein wenig abgewandelt, um das eine oder andere sehr schöne Stück Asphalt mitzunehmen. Pause am Schwarzen Moor, die obligatorische Bratwurst muss sein …

… man kommt ja argumentativ gar nicht dagegen an!
Weiter geht es über Frankenheim, am Eisenacher Haus und Ellenbogen vorbei tief in die thüringische Rhön, die hier deutlich flacher wird …

… eine scheinbar endlose Abfahrt vom Ellenbogen hinunter, überwiegend Schotterpisten, gut fahrbar, …

… aber eben auch: Schieben. Im mir unbekannten Thüringen war ich bei der Planung zu sorglos – hier folgen wir dem Wanderweg und müssen selber … wandern.

Aaaaber: Die Ausblicke bekommt man eben nur hier, an einer Route, die keinerlei Optimierung für Fahrzeuge jeglicher Art nötig hat.

Geschichtsstunde an der Wüstung Marschlerhof, kurz vor dem Pinsler.

Tilman schwänzt den Unterricht, kocht aber dafür wieder einen sagenhaft guten Kaffee.

Vor Andenhausen (und nach einem Stück Kolonnenweg: brrrrrr…) findet sich ein weiterer alter Grenz-Wachturm …

… und mehr Kolonnenweg. Zum Laufen sicher nicht schlecht, aber auf dem Fahrrad eine echte Zumutung.
Entschädigt die Landschaft dafür? Ich fürchte: ja …

Es ist Donnerstag, Vatertag, bestes Wetter, 14.52 – und an der Dermbacher Hütte auf dem Gläserberg ist absolut tote Hose? …

Denkste: Unmengen an Volk ist heute unterwegs, sehr, sehr viele junge Menschen übrigens. Feiertagstimmung überall, auch auf dem Wanderweg begegnen wir natürlich immer wieder Gruppen, aber es ergeben sich letztlich keine Konflikte, alle nehmen Rücksicht aufeinander. Sind dabei aber manchmal ganz schön laut …

Weiter abseits der Hütten und der Ortschaften geht es deutlich ruhiger zu auf dem Hochrhöner. Hier sitzt ein hölzerner Räuber auf einer Rastbank.

So eine lange Piste mit durchgehendem Gefälle fährt sich halt auch mal schön.

Weniger schön – ich nenne es den »Candy«-Effekt: Wenn es läuft, bretteben ist, und dann kommt man durch ein verwüstetes, sumpfiges Gelände, das schon reinen Fußgängern einiges abverlangt. Am Fuß des Pleß geht nichts mehr …

… und oben dann wieder übermütiges Jungvolk und sengende Hitze. Langsam reicht es uns, es wird Zeit für das Zwischenziel Bad Salzungen – und dann noch ein Stück zurück, zum Abzweig des Hochrhöners bei Andenhausen.

Beinahe Zieleinfahrt: Langenfeld vor Bad Salzungen.

Wir erreichen Bad Salzungen gegen 18 Uhr, essen im Zentrum eine Lasagne, machen das obligatorische Beweisfoto (Burgsee) und fahren zurück nach Andenhausen, aber nur Asphalt: Beide haben wir keine Lust mehr auf Singletrails oder Schieben, sondern nur noch auf die Schutzhütte, die ich am Nachmittag schon erspäht habe. In einem Hotel weit unterhalb der Hütte decken wir uns ein mit Bier, dann schlagen wir gegen 22 Uhr unser zweites Nachtlager auf …

… das gegenüber der ersten Hütte gehobenen Standard bot.

Bänke, auf denen man schlafen kann (ich habe trotzdem mein Fahrrad dazugestellt als Schutz vor dem nächtlichen Sturz von der Bank – ich traue mir selber nicht über den Weg).

Das ist der erste Blick für mich morgens um 6 Uhr, der aufkommende Nebel …

… verursacht durch die aufgehende Sonne: Welch ein Licht, …

… und man kann förmlich zusehen, wie die morgendliche Welt langsam in Watte gepackt wird, …

… so dass wir schließlich in die volle Nebelsuppe fahren und sogar wieder unsere Lichter montieren. Allerdings nur kurz, denn in Tann in der Rhön gibt es erstmal ein Frühstück für uns in der Bäckerei, ca. 7.20 Uhr.

Blick vom Habelberg nach Süden, hinten rechts der Pylon auf der Wasserkuppe. Tilman besteht darauf, dass wir den Rest des Tages fahren – »egal was, egal wie: aber fahren, nicht mehr schieben« – und er hat ja recht: Wanderwege bieten die tolleren Aussichten, aber das geringste Fahrvergnügen. Also wandeln wir die hessische Variante des Hochrhöners radgerecht ab.

Ein Schild bestätigt uns in unserer Entscheidung: Lieber auf dem asphaltierten Radweg fahren – Rindviecher können ja über die Schotterpiste zuckeln … Blick vom Westhang des Kirschberg.

Kleines Extra, sowieso eingeplant: Ein Stück Milseburgradweg samt Tunnelabschnitt (1,2 km Länge)

Letzte, gut fahrbare Graveleinlage bei Oberrupsroth, nördlich der Wasserkuppe. Der Pylon, das heimliche Wahrzeichen, gut sichtbar. Wir haben ab jetzt 400 Höhenmeter vor uns und wählen die Nordanfahrt, an Abtsroda vorbei.

Die Steigungen von teilweise 13% lassen nach Abtsroda nach, aber da sind die Körner schon weg und die 6–8% auf den nächsten Kilometern trickse ich weg durch kurze Fotopausen im Stehen: Blick von der Wasserkuppe nach Norden …

… und nach oben: Die Wasserkuppe, der Berg der Flieger, …

… der Erbsensuppe mit Würstchen – und leider auch der Motorräder. Wenn sich Radfahrer über Ritzelpakete und Schaltwerke unterhalten, mag das für Aussenstehende befremdlich wirken – wenn Motorradfahrer sich gegenseitig ihren »Sound« demonstrieren, leidet die ganze Welt an der verschwenderischen Wichtigtuerei.

Wir wählen die Route nach Bad Kissingen über Wüstensachsen, Hochrhön, Oberelsbach (sagenhafte 8 km-Abfahrt), Bischofsheim (Bärlauch-Flammkuchen am Marktplatz), Sandberg (Anstieg von Bischofsheim, siehe Foto/Schild), Schmalwassertal und Saaletal ab Steinach. Um 17.40 Uhr besteigen wir den Zug Richtung Würzburg in Bad Kissingen und beenden die Tour mit einem finalen, wohltemperierten Bier.

Statistik Bad Kissingen – Bad Salzungen (Lange Rhön):

132,14 km Gesamtstrecke
9:31:50 reine Fahrzeit
13,86 km/h Schnitt
2.892 m Anstiege
bei komoot ansehen (Mittwoch Abend / Donnerstag)

Statistik Bad Salzungen – Bad Kissingen (Kuppenrhön):

142,13 km Gesamtstrecke
8:13:48 reine Fahrzeit
17,26 km/h Schnitt
2.395 m Anstiege
bei komoot ansehen (Donnerstag Abend / Freitag)

Inzwischen schon gut abgefahren: der hintere Reifen (oben), sichtbar weniger Profil als der vordere (unten) – gestern habe ich erstmal das Hook generalgeputzt, Antrieb gereinigt – und Mäntel getauscht. Also erstmal hinten nach vorne und umgekehrt, das wird wohl noch eine Weile gut tun … 😉

Advertisements
Standard

5 Gedanken zu “Vatertagstour 2017: Der Hochrhöner

  1. Markus Bertram schreibt:

    Danke für den schönen Bericht und die vielen Bilder!
    Wie kommst Du denn mit der Aerobar zurecht? Ist das nicht eher was für lange Asphaltpisten? In grobem Geläuf kann ich mir nicht so richtig vorstellen, dass die einsetzbar ist, oder? Und was für eine hast Du denn gewählt?
    Viele Grüße
    Markus

    Gefällt mir

    • Die Aerobar ist tatsächlich nur auf Asphalt bei ruhigem Lauf zu gebrauchen – da aber super! Geübtere Fahrer habe ich auch beim CBG17 mit Aerobar fahrend auf Rumpelpisten gesehen, aber ich mag das (noch) nicht so. Die Aerobar ist super, um das verminderte Tempo beim Graveln auf Asphalt wieder reinzuholen, sie ist super beim Gegenwindfahren, sie ist super, um zwischendurch einfach Körpergewicht (und Kraft) zu verlagern … ich weiss schon gar nicht mehr, warum ich mich so lange dagegen gesträubt habe, so ein Ding zu montieren: Zum Wäscheaufhängen abends in der Hütte ist sie ja auch super … 😉
      Ich habe gewählt: BBB AEROBASE BHB-52, aber die ist wohl gerade aus – schade, wollte mir die gleiche nochmal für den Renner holen …

      Gefällt mir

  2. Danke, lieber Jochen, für diese wunderbar stimmige Beschreibung unseres kleinen Ausfluges. War mir eine Ehre und Freude, das mit Dir zu fahren. Eine Anmerkung für alle, die das hier lesen, um auch mal einen Overnighter zu fahren (schliesslich war es mein erster). Der Vaude-Schlafsack (https://www.vaude.com/de-DE/Produkte/Innovationen/PFC-frei-Eco-Finish/Sioux-100-SYN?number=121293340010) ist nicht geeignet für 5-7 Grad auf 700m Höhe. Habe die erste Nacht gefroren. Den Schlafsack werd ich wohl weiterverkaufen und mir einen mit ner Nummer dicker zulegen. 2. Nacht wars j dann völlig ok, aber in der ersten unangenehm. Ansonsten: alles richtig gepackt (Du denkst das nächste mal an Deine Beinlinge;) und ich an eine bessere Akkunachladung oder ein Solarpanel).

    Gefällt mir

  3. so schöne Landschaft, so klasse Fotos! Da möchte ich sofort starten. Und danke auch für den Erfahrungsbericht zum Aero-Bar. Nachdem praktisch alle TCR-Räder damit zu sehen sind, muss wohl ein Nutzen darin stecken. Eine zusätzliche Trinkflasche lässt sich auch gut ganz vorn in einem Behälter befestigen.

    Gefällt 1 Person

    • Ja, Dietmar, die schöne Landschaft war – zugegeben – mit (zu) vielen Schiebepassagen schwer verdient (und eigentlich auch Sinn dieser Tour).
      Und die Aerobar bot für mich, neben dem Garmin (!), das eigentlich größte Aha-Erlebnis in dieser Fahrradsaison: Ich habe bewusst ein eher bequem wirkendes, großes Modell gewählt (es gibt ja auch deutlich kleinere, sportlicher wirkende), um mich da mal ranzutasten, und bin die ersten Testrunden noch mit griffbereitem Inbus-Schlüssel gefahren … nach ein paar Feinjustierungen habe ich aber schnell eine Einstellung gefunden, die wirklich bequemes Fahren ermöglicht:
      – Wegducken bei Gegenwind
      – Tempo machen auf langen Geraden
      – vor allem aber: Gesäßentlastung – liegt der Oberkörper so weit vorne, klebt der Hintern nicht mehr am Sattel, die Beinarbeit kommt ganz anders zur Geltung.
      Auch wenn es nach Hochleistungssport aussieht: Die Aerobar ermöglicht einfach noch ein paar sehr angenehme Sitzpositionen mehr und wirkt sich dabei auch noch positiv auf das Tempo aus. Die bleibt jedenfalls dran, und dem Renner spendiere ich demnächst auch noch eine … 😉
      Im guten Fahrradladen (Kocmo ausgenommen 😉 ) kannst Du vermutlich eine leihweise testen, ich habe mir aber beim CBG erlaubt, einige der Räder mit Aerobar mal »anzufassen«, um einfach ein Gefühl dafür zu entwickeln, und dann ein mir passend scheinendes Modell gewählt: Volltreffer!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s