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Tour: Alpdrücken – Race Across The Alps für Anfänger

»Du kommst ja aus Unterfranken nicht raus.« Diese Aussage von Markus W. ist schon ein paar Jahre alt … und jetzt kann ich guten Gewissens sagen: Das stimmt nun aber nicht mehr so ganz – Österreich, Italien, Schweiz … drei Länder in fünf Tagen, dazu einige der legendären Pässe, das war mein ganz egoistisches Geschenk an mich selbst, zu dem mir vor allem Benny verholfen hat. Er wollte schon letztes Jahr in den Alpen fahren, es schien fast alles geklärt – aber dann war ich derjenige, der zum Schluss hin die Bremse betätigte und eine Alpenüberquerung noch nicht fahren wollte. Stattdessen wählte ich Würzburg–Berlin, war auch schön …

Dieses Jahr nun wieder das Thema »Alpen«, befeuert durch einen Tourenvorschlag von komoot: Race Across The Alps, eine 24h-Ultracycling-Rundfahrt, heruntergebrochen auf fünf Etappen für uns »normale« RadfahrerInnen. Bennys Hartnäckigkeit (Danke dafür!), meine Neugierde plus der Ferienbeginn in Bayern machten es möglich, dass ich nun auch beim Thema »Alpenpässe« ein wenig mitreden kann. Ein paar Eindrücke in Bildern:

Start am Montag gegen 12 Uhr Mittags in Nauders, Österreich (Blick zurück), nachdem wir von Würzburg hierher mit dem Auto gefahren sind.

Ein beliebtes Fotomotiv, auch für uns: der Reschensee mit dem Kirchturm des versunkenen Dorfes Alt-Graun.

Nach einer rasanten Abfahrt nach Prad hinab geht es am Suldenbach entlang hoch zum Stilfser Joch – ab jetzt gilts.

Wir merken schnell, dass die Kombination aus Anstieg und Hitze ziemlich kräftezehrend werden wird – und »plündern« den Brunnen in Gomagoi ausgiebig.

Baustelle und Stau geben uns eine willkommene Gelegenheit zum Durchschnaufen.

Ich genieße die Ausblicke, bei dem Tempo (ca. 6 km/h) habe ich auch jede Menge Zeit dazu, mache aber nur wenige Fotos.

Oben … nach über vier Stunden seit dem Foto am Pass-Schild unten, am Ortsausgang von Prad. (Lächerliche) 25 km Strecke, fast 2.000 Höhenmeter – ich bin dermaßen fertig, muss würgen, könnte mich erbrechen und gleichzeitig losheulen. Danke, Stelvio, diese Lektion habe ich gebraucht (und das meine ich tatsächlich ernst!).

Nur heute bin ich tatsächlich etwas besser in Form als Benny, er kommt und kommt nicht – schließlich sehe ich, dass er ein Stück weiter unten schon am Fotografieren ist, vermutlich den Blick zurück auf die 48 Kehren der Ostrampe bzw. was man davon sieht.

Ich leihe mir einen Ausschnitt der Ostrampe von Wikipedia, ein eigenes Foto mache ich nicht im Wissen, dass wir hier am letzten Tag nochmal vorbeikommen …

Die Abfahrt auf der anderen Seite ist nicht weniger sensationell, …

… Unmengen an Kehren und fantastische Blicke. Ich muss mich konzentrieren, die Balance finden zwischen den atemberaubenden Ausblicken und der anspruchsvollen Abfahrt.

Ausgeruht gehen wir am nächsten Tag von Bormio aus die zweite Etappe an – beginnend mit dem Gaviapass.

Das Stilfser Joch ist ein Klassiker, ganz groß, aber der Gavia ist mein klarer Favorit – gut die Hälfte der Strecke führt etwa ein Drittel nach oben, ab Santa Caterina beginnen die Serpentinen einer eher rustikalen, schmalen Teerstraße. Charmant, …

… und charmant auch die Ausblicke hier.

Kurz vor der Passhöhe machen wir Rast und essen Pasta vor dem Lokal, in der Sonne.

Weiter geht es, nicht ohne Fotostopps natürlich, immer noch vor der Passhöhe: Der Lago Bianco (der erste von mehreren, die wir passieren).

Auf der Südseite der Lago Nero – und wieder eine Wahnsinnsabfahrt, …

… echter Spaß, auch wenn wir als Ortsunkundige es mit dem Tempo bergab nicht übertreiben, …

… denn die Kurven, der Belag, das alles ist zumindest mir völlig fremd und entsprechend respekteinflößend. Ich muss ausserdem zugeben: Seit ein paar Jahren macht sich bei mir eine Höhenangst bemerkbar, die ich früher gar nicht kannte, beim Herumlaufen auf Dächern etwa. Hier geht es in manchen Kurven einfach steil bergab, ohne irgendeine Sicherungsmaßnahme wie Leitplanken o.ä. Da wird mir manchmal schon ein wenig mulmig, ganz ehrlich.

Von Ponte di Legno aus folgen wir dem Oglio bis Edolo auf einem Radweg abseits der Straße: Während des echten Rennens ist diese für Autos gesperrt, aber im Alltag ist das Verkehrsaufkommen nicht so entspannt für RadfahrerInnen. Von Edolo aus geht es nach Westen über den nicht so prickelnden Passo dell’Aprica. Auch die Abfahrt nach Tresenda ist atemberaubend, aber der Verkehr eben auch. Wir fahren nach Nordosten weiter, über Tirano hinaus zu unserer Pension für diese Nacht in Grosio – einfach und preiswert. Wir gehen in ein Lokal im Ort essen und sitzen danach noch lange auf einer Steinbank vor einer Bar. Nicht viele km heute, aber wir sind es zufrieden.

Tag 3 beginnt mit der Fahrt zurück nach Tirano. Eigentlich wären jetzt Mortirolopass und nochmal der Aprica fällig, aber den zweiten wollen wir nicht wiederholen, der erste ist als harter Hund verschrien. Wir lassen auch ihn aus und starten direkt in die Anfahrt auf den Berninapass. Wir starten bei 435 m und erreichen nach 10 km das Plateau mit dem Lago di Poschavio bei etwa 1000 m.

Gute 20 km und fast 1000 Höhenmeter später pausieren wir für einen kleinen Imbiss in La Rösa, …

… dann müssen auch wir weitermachen bis zur Passhöhe hoch. Echt zäh ging das.

Doch oben wieder (fast) alles vergessen, …

… die Landschaft aufgesogen und so gut es geht fotografisch mitgenommen, …

… einfach fantastische Blicke, immer wieder. Es folgt eine relativ flache, kurze Abfahrt bis kurz vor St. Moritz, wo wir in Celerina zum dritten Mal übernachten – und in der »Jugendherberge« ein fantastisches Drei-Gänge-Abendmahl verspeisen (Suppe, Pasta, Pulled Pork – alles homemade vom Allerfeinsten, das Chalet Speciale ein echter Tip, allerdings zu satten Schweizer Preisen!).

Der nächste Tag beginnt wunderbar: Wir graveln im Tal hoch bis La Punt Chamues-ch, dort gehen wir den Albulapass an.

Nach dem zähen Bernina vom Vortag ein kurzer, abwechslungsreicher und gut zu fahrender Anstieg.

Definitiv Platz 2 auf meiner Beliebtheits-Skala, nach dem Gaviapass.

Oben wunderschönes Wetter für eine kurze Pause, …

… vor der Abfahrt noch schnell ein Gruppenfoto, …

… dann: Abfahrt, ewig lang, und tief runter, von 2315 m auf 960 m, dann wieder hoch, Mittagszeit, Hunger, …

… Schmitten! Und die Metzgerei von Arthur Balzer, der uns an der Straße zwei leckere Kalbsbratwürste auf dem Grill zubereitet und noch zwei Salatportionen zur Vorspeise schenkt. Und uns rät, den Tunnel nach Davos (2,7 km lang) zu umfahren.

Eine wunderschöne Strecke, die wir allerdings erst nach einer Schiebepassage auf Singletrail (Bärentritt) erreichen.

Wieder auf der Straße, nimmt uns strammer Gegenwind bis Davos schon ein wenig den Schneid aus den Körpern. Und es zieht sich langsam, aber sicher zu. Wir pausieren an einer Tankstelle bei Cola & Sandwich, checken die Uhrzeit (16 Uhr) und die Optionen (keine außer Fahrrad) – also gehen wir den Flüelapass an.

800 Höhenmeter auf 12 km verteilt – und landschaftlich einfach wunderschön, vor allem in der oberen Hälfte, wo er aber auch etwas fordernder wird.

Hinter uns zieht es sich zu, aber wir fahren dem schlechten Wetter noch elegant davon, …

… hinab nach Susch, wieder eine irre Abfahrt. Einfach unglaublich, diese Kehren in den Alpen.

Wir müssen weg von der geplanten Route, nach Ardez – es gab keine bessere Übernachtungsoption. Die 11 km nach Zernez würden wir am nächsten Tag mit dem Zug fahren und den letzten Teil angehen.

Oder auch nicht: Schon am Abend setzt Regen ein, wenn auch nur kurz, aber auch am nächsten Morgen sieht das alles nicht nach »leicht bewölkt« für uns aus, dazu gemeldete Gewitter ab Mittag, wo für uns Umbrail, Stilfser Joch und Reschenpass die Tour abrunden würden. Auch von denen sind wir schon zwei gefahren, also gehen wir auf Nummer sicher …

… und kürzen ab, indem wir direkt zum Auto nach Nauders fahren – gerade mal 35 km entfernt, …

… vorbei an Scuol, wo vor zwei Tagen wohl mehrere Schlammlawinen herunterkamen – auch eine Info, die uns am Vorabend von der netten Kellnerein anvertraut wurde. Ob wir Scuol kennen? Ich schon, sage ich – ich war hier auf Skikurs, vor 37 Jahren …

Von Martina aus geht es nach Österreich einen kleinen Anstieg hoch mit ein paar nummerierten Serpentinen – natürlich kein Vergleich mit dem Umbrail, den wir schweren Herzens weggelassen haben. Nicht einmal zwei Stunden Fahrt von Ardez auf die Norbertshöhe und von dort hinab nach Nauders, zurück zum Auto.
Wir sind froh, nicht abends fix und fertig losfahren zu müssen, sondern ausgeruht – verplempern aber die nächsten Stunden im österreichischen Stau. Erst ab der deutschen Grenze bei Füssen geht es flotter nach Hause.

Gesamte Tour (5 Tage inkl. An- und Abfahrt mit PKW):
431,15 Kilometer
27:52:14 reine Fahrzeit
15,47 km/h Schnitt
71,83 km/h max.
8.949 m Höhe gesamt
20,8 Hm/km

Im km-Tagebuch mehr Details und die Links zu den komoot-Tracks.

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4 Gedanken zu “Tour: Alpdrücken – Race Across The Alps für Anfänger

  1. Das ist so eine tolle Gegend, in der Ihr unterwegs wart, schöne Idee!
    Den Respekt vorm Abfahren kann ich Dir nachfühlen, auch wenn mir das inzwischen deutlich mehr Spaß macht, aber es sind ja oft recht steile Abschnitte und hinter der Straße kommt nichts mehr – dann ist man halt etwas langsamer unten, was soll’s.
    Und warum hast Du die Lektion des Stilfser Jochs jetzt gebraucht? Übermütig geworden? 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Steffen schreibt:

    Tolle Bilder – des Radlers Erlebnishorizont erweitert sich in den Bergen in die Vertikale. Mit allen Höhen und Tiefen.
    Dein Reisebericht steigert die Vorfreude auf meine (ähnliche) Alpentour, die ich übernächste Woche starten möchte.

    Gefällt mir

  3. Pingback: Auf großer Fahrt, Teil 5: Rückkehr – Takeshi fährt Rad

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