Lektüre, Lust

Lektüre: Bonusland

And now for something completely different… Die Lektüretips sind hier etwas rar geworden, dabei mangelt es mir gar nicht an Lektüre, im Gegenteil: Gefühlt lese ich mehr als je zuvor, und damit meine ich nicht die Happen, die ich an Bildschirmen unterschiedlicher Größe lese, sondern tatsächlich das Lesen von Schrift, die auf Papier gedruckt ist, das ich in den Händen halte: Bücher, Zeitungen, Zeitschriften. So kam mir die Anfrage eines Verlags, ob ich an einem Rezensionsexemplar interessiert sei, gerade recht, in dieser Beziehung mal wieder aktiver zu werden. Zum einen gibt es da jemanden, der mir bzw. diesem Blog eine gewisse Kompetenz zuspricht, was Lesen und Beurteilen betrifft, zum anderen ist es für mich wieder einmal eine gute Übung, mich mit der medialen Landschaft jenseits des rein eigenen Lustgewinns (nur lesen, was ich lesen will) zu befassen.

Es geht um »Bonusland« von Götz Nitsche. Den Untertitel »Ein Mann, ein Rad, eine Sehnsucht« muss ich nach vollendeter Lektüre etwas relativieren: Die »Sehnsucht« kommt in dem Buch eher kurz – glücklicherweise, denn sie verweist ja meist auf etwas, das gerade nicht da ist. Stattdessen schildert Nitsche sehr plastisch, was da ist, was er erlebt auf einem Sabbatical, das er sich nach dem Abschluss seines Ingenieurstudiums gönnt. Dabei, soviel Spoiler muss erlaubt sein, steht das Rad anfangs gar nicht im Mittelpunkt – es ist nicht einmal existent, als er seine »Weltreise« in Mittelamerika beginnt und sich per pedes, überwiegend aber mit Bussen fortbewegt. Wenn er sich denn bewegt, denn den Drang, einem Ziel zuzustreben bzw. wenigstens eine Distanz von A nach B zu überwinden, den verspürt er anfangs nicht. Eher ist es das Wegsein von zuhause und die Distanz dorthin (wo irgendwann die berufliche Zukunft wartet), die den Einstieg ins Buch markieren. Der fehlende Fokus auf ein Ziel hin, das wird nach ein paar Seiten schnell klar, tut ihm nicht gut. Die Gelegenheiten, die sich bieten – etwa beim Aufbau eines Surfcamps vor der Küste Panamas zu helfen, bei freier Kost und Logis –, sind auf Dauer unbefriedigend. Es sind die Begegnungen mit Radreisenden, die ihm den entscheidenden Antrieb geben, diese Region zu verlassen und nach Neuseeland zu fliegen mit dem Ziel, das Land alleine mit dem Rad zu erkunden, und zwar im Selbstversorgermodus.

Hier beginnt das eigentliche Buch, und hier spielt Nitsche seine Stärken aus. Grob lassen sich die folgenden 300 Seiten in drei Kategorien unterteilen: Land und Landschaft, die Menschen (und ihre Kultur) dort – und er selbst (und seine Gedanken). Vorneweg: Auf die dritte Kategorie hätte ich weitgehend verzichten können, nicht, weil mich sein Innenleben nicht interessieren würde, sondern weil mir hier zuviel Konjunktiv vorherrscht – ist das Hadern mit den eigenen Charakterzügen noch nachvollziehbar (eine strenge Budgetierung etwa führt zu teils minderwertigem Equipment und dem Vermeiden eigentlich notwendiger Ausgaben und Reparaturen), drehen sich die Gedanken über (s)eine berufliche Zukunft, von der er nichts wissen oder gar ahnen kann, weil er in beruflicher Hinsicht auch keinerlei Vergangenheit oder Gegenwart hat, im Kreis. Das kann man einmal ansprechen, aber das wiederholte Auftauchen dieser Fragen und Gedanken unterstreicht bestenfalls, wie sehr sie ihn persönlich beschäftigen – für Dritte bringen die Wiederholungen keinen Mehrwert mehr.

Aber nun zur Stärke des Buchs: Nitsche gelingt die Schilderung einer Radbereisung Neuseelands unglaublich plastisch – mit einem billigen Hobel voller billigem Equipment wohlgemerkt, nicht mit dem Rad und dem Equipment, mit dem ich (oder ein großer Teil der Leserinnen und Leser meines Blogs) aufbrechen würde. Natürlich changiert so eine Herangehensweise zwischen Naivität und Arroganz – dessen ist er sich bewusst, er kokettiert zuweilen damit, und wo er die Lernkurve genommen hat, gibt er sich schließlich auch selbstkritisch und einsichtig. Und das mit einem zuweilen sehr angenehmen, nicht zu aufdringlichen Humor. Das hat zuweilen Züge eines Coming of age …
Einsichten habe auch ich als Leser erhalten – in ein Land und eine Landschaft, die ich vermutlich niemals persönlich bereisen werde, und in einige Gepflogenheiten und Charakterzüge der Bewohner, den Fokus nicht nur auf die Nachkommen der weißen Siedler, sondern auch der indigenen Maori – und auf die Konflikte und Vorurteile zwischen diesen Bevölkerungsgruppen. Spoiler #2: Nitsche war früher schon mal in Neuseeland, im Schüleraustausch, und einiges Wissen aus dieser Zeit hat ihm sicherlich die eine oder andere Situation erleichtert bzw. die Wahl seiner Ziele auf der aktuellen Reise beeinflusst.

Die meiste Zeit sind wir allerdings alleine mit Nitsche unterwegs, die Begegnungen mit Einheimischen beschränken sich überwiegend auf wenige Stunden oder Tage und sind i.d.R. mit einem besonderen Ort oder einer besonderen Strecke verbunden. So wie die mit anderen Radreisenden, v.a. dem US-Amerikaner Zack, der, ebenfalls ausgebildeter Ingenieur, für Nitsche einerseits Projektionsfläche ob der gleichen Ausbildung ist, andererseits wie eine Art alter ego ihm die Unterschiede zwischen ihnen beiden verdeutlicht (und ihn noch mehr seine berufliche Zukunft hinterfragen lässt). Spoiler #3: Das titelgebende »Bonusland«, einen abgeschiedenen Strandabschnitt (an dem er aber auch anderen begegnet – soviel zur »Abgeschiedenheit«), erreicht Nitsche nicht erst am Schluss des Buches bzw. seiner Neuseeland-Tour, sondern schon recht früh – im Fortgang der Lektüre wird es zur Chiffre, zum Sehnsuchtsort für den Platz, an dem er mit sich selbst im Reinen ist bzw. war. Dabei sind fast alle seiner landschaftlichen Schilderungen viel ausführlicher, detailreicher und appetitanregender als diese kurze Episode am Strand. Dass er das Rad ab und an ein paar Tage stehen lässt, um bestimmte Gegenden wandernd zu erkunden, tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch – wie überhaupt die quasi völlige Abwesenheit der fahrradtypischen Begriffe, mit denen Distanzen, Leistung, Technik u.ä. normalerweise erfasst werden.

Womit auch mein Resümee verraten sei: Ein Lesevergnügen über weite Strecken hin, für ein Debüt erstaunlich flüssig (und spannend!), als Reiseliteratur mit einer meist ausgewogenen Mischung aus Detailinformationen und Gesamtbetrachtung, mit gelegentlichen Abschweifungen.

Wenn das Buch allerdings noch nicht veröffentlicht wäre, und ich mir etwas wünschen dürfte, dann wären das zum einen eine oder mehrere einfache Karten, in Schwarz/Weiß gehalten und ohne allzu viele topografische Details: Ich bin ein großer Fan solcher Karten, die oft mehr Fragen aufwerfen, als dass sie Antworten bieten – aber bei der Orientierung helfen oder sogar die Neugier erhöhen. Die Gliederung des Buches in Kapitel mit klarer Benennung (»Von X nach Y«) würde durch mehrere solcher eingestreuten kleinen Karten auch optisch aufgewertet – und die Unterteilung innerhalb der Kapitel könnte so nochmal eine andere Betonung erfahren.
Zum anderen täte einigen Stellen, bei aller sprachlichen Präzision im Gesamten, ein nochmaliges, strengeres Lektorat sicher gut – das bereits erwähnte wiederholte Auftauchen der introspektiven Gedankengänge, die sich nur im Kreis drehen und auch trotz mehrfacher Wiederholung keinen tieferen Einblick in das Innenleben des Autors gewähren, könnte man dabei etwas kürzen. Dringlicher wäre allerdings, einem sprachlichen Stilmittel Nitsches, seiner Vorliebe für Vergleiche, an mindestens zwei Stellen ganz energisch zu begegnen. Schon auf Seite 24 musste ich das erste Mal schlucken:

»Dieser Pick-up war nicht voll – er war schweinetransportervoll.«

So ein Bild ist für mich eher fahrlässige Sprache, zumindest im Jahr 2019, und Kritik daran hat nichts mit irgendeiner Correctness zu tun – offensichtliche Missstände taugen einfach nicht als Vergleich, dadurch werden sie nur banalisiert. Mit Humor komme ich hier nicht weiter – wie auch auf Seite 321 nicht:

»Jetzt verstehe ich den Grund für Georges Verwirrung, denn das sieht wirklich – nun ja – schwul aus.«

Wieder so eine Floskel, eine diskriminierende dazu, die mir heute bloß noch als peinliches Relikt aus einer völlig anderen Zeit (und Gesellschaft) erscheinen mag – nicht mal bewusst oder provozierend eingesetzt, sondern einfach nur Ausdruck einer sprachlichen Nachlässigkeit, der immer eine entsprechende gedankliche zugrunde liegt. Diese beiden Beispiele sind zwar die einzigen (groben) Fehlgriffe dieser Art – aber, um auch mal einen Vergleich anzubringen: Sie sind so passend wie Scheiße am Schuh, sorry.

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4 Gedanken zu “Lektüre: Bonusland

  1. Elmar Strallhofer schreibt:

    Danke für die Rezension! Klingt nach einem Buch, dass nach gründlichem Lektorat durchaus gut hätte werden können… 😉

    Gefällt 1 Person

  2. schoenie schreibt:

    Deine Worte machen neugierig! Muss gleich schauen, ob es das Buch auch als eBook gibt 🙂 Könntest ruhig öfter mal Rezensionen verfassen!

    Gefällt 1 Person

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