Ehrgeiz, Fotografie, Gravelbike, Lust, Radwege, Tour 100–200 km

Über die »Birkenhainer«

Mein Faible für historische Routen dürfte bekannt sein – nicht zuletzt, weil sie heute meist keinerlei Bedeutung mehr als Verkehrswege haben, sondern im Lauf der Zeit geschrumpft sind auf kleine Wirtschaftswege oder gar Trails: Ideal, um dort mit dem Gravelrad zu fahren, und immer noch sehr gut geeignet, sie als mögliche A–B-Verbindung zu nutzen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob es sich etwa um umgewidmete Bahntrassen handelt, die im MIV-Wahn der letzten Jahrzehnte erst nach meiner Geburt außer Betrieb genommen wurden (am Sinntal-Radweg etwa habe ich noch gute Erinnerungen an den Bahnübergang vor Römershag, vor dem ich im Auto meiner Mutter mehr als einmal warten durfte), oder um mittelalterliche (Handels-)Wege, die schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form genutzt werden.

Die Birkenhainer Straße ist so ein uralter Weg, vergleichbar mit dem Rennsteig über den Thüringer Wald (zwischen Hörsel und Blankenstein) oder dem Rennweg durch die Hassberge (zwischen Bad Königshofen und Hallstadt/Bamberg). Das Prinzip dieser Wege war, mit (Pferde- oder Ochsen-)Fuhrwerken auf die Höhen zu fahren und dann möglichst oben zu bleiben und so ein permanentes Auf und Ab zu vermeiden – zumindest in der Theorie. Denn wer auf diesen Wegen mal unterwegs war weiß, dass es trotzdem nicht ganz ohne Auf und Ab geht – allerdings bei weitem nicht so ausgeprägt wie permanente Wechsel zwischen tieferen Tälern und den dazwischenliegenden Höhenzügen.

Im Mainfranken Graveller ist schon immer ein schönes Stück Birkenhainer enthalten – das schönste übrigens, zwischen Bayrischer Schanz und Schneckenweghütte, einschließlich der Ausgrabungsstätte Kloster Einsiedel. Diese steile Behauptung kann ich nun auch empirisch unterlegen, denn gestern, am 1. Mai, habe ich die Birkenhainer endlich mal komplett unter die Räder nehmen können, von Hanau bis Gemünden bzw. exakter: von Wolfgang bis Langenprozelten – also von West nach Ost. Die ganze Birkenhainer ist schön – eine sehr gute Alternative, um Würzburg mit Frankfurt/Main zu verbinden und dabei den oft langweiligen Mainradweg zu meiden. 70 Km Rad/Wander- und Wirtschaftswege pur, meistens Waldautobahnen, selten trailig (und doch gut fahrbar) – selbst Straßen werden überraschend selten gekreuzt.

Allerdings gilt für die Gegenrichtung, von Ost nach West, dass der Anstieg von Langenprozelten aus schon heftig ist: Gute 270 Höhenmeter gibt es gleich zu Beginn, verteilt auf überschaubare 4 Km Strecke – neudeutsch Bergfaktor 67,5 (!), und zwar konstant vom Main in Langenprozelten (154 m) hoch bis auf 428 m, wo die Waldautobahn in eine Linkskurve abbiegt und die Birkenhainer geradeaus in einen Trail übergeht. Trailig bleibt es auch weitgehend bis zur Bayrischen Schanz, wobei ein paar ausgewaschene Hohlwegpassagen gerade bei Nässe durchaus etwas »technischer« werden dürften.

Der höchste Punkt der Birkenhainer mit ca. 560 m liegt übrigens nicht weit von der Bayrischen Schanz entfernt, nahe der Hermannskoppe (563 m) – mein Lob, dass dies das schönste Stück ist, muss ich folglich ergänzen um die Anmerkung, dass ich die Birkenhainer bisher nur von West nach Ost kenne, also die ca. 15 Km zwischen Schanz und Main bisher immer bergab gefahren bin … 😉

Genug geplänkelt – hier kommen ein paar Bilder. Mit dem Zug ging es zuerst nach Hanau – auf die neue Tasche am Pizzarack werde ich zu einem späteren Zeitpunkt näher eingehen: Maßanfertigung, erste Ausfahrt.

Nach 5 Km vom Hanauer Bahnhof weg taucht das erste »B«-Schild auf, bei Neuwirtshaus. Hier beginnt die Birkenhainer, und sie grüßt gleich mit sandigen, aber gut fahrbaren Trails.

Natürlich inspiziere ich auch die Schutzhütten (hier: ca. Km 13) am Weg etwas genauer …

Viel »Waldautobahn«, und auch übers freie Feld geht es zuweilen, wie etwa beim Schwedenkreuz bei ca. Km 17.

Das erste Bild zeigt die einzige nervige Stelle (Km 19)– nervig, weil hier Beschilderung, Wegeführung und GPX-Track irgendwie nicht zusammenpassen wollen. Egal, nach kurzem Hin und Her und einer kleinen Unterhaltung mit zwei Ortsansässigen finde ich meine Route wieder – sowie mehrere Gedenkkreuze und -steine.

In Geiselbach (ca. Km 24,5) hat man sich bei der Benennung der Straßen immerhin was gedacht … 😉
Das dritte Bild zeigt das ruppigste Stück der ganzen Tour, glücklicherweise bergab: Im Wald hinter Geiselbach (ca. Km 26,5).

Die Birkenhainer folgt relativ streng der alten Route, von der im Vordergrund nur noch ein Trampelpfad entlang der Wiese übrig ist, während hinten im Wald schon der breite Schotteranstieg (links am »Hohen Berg« vorbei) zu sehen ist. Dazwischen kreuzen zwei lokale Straßen – der historische Fernweg hat heute keine Bedeutung mehr.

Zu allen Zeiten haben die Menschen an historischen Routen ihren Müll einfach an die Seite geschmissen – wir ziehen wichtige archäologische Schlüsse nicht zuletzt aus Scherben, Latrinen & Co. Aber was wir hier heute Hochtoxisches in der Landschaft deponieren, noch dazu ohne Not (schließlich gibt es ein ziemlich umfassendes Müllentsorgungssystem) ist immer wieder unglaublich. Gesehen direkt neben dem Schotterweg (im obigen Bild).

Mit dem Schotterweg im vor-vorherigen Bild begann übrigens das erste richtig harte Stück des Tages: Fast 150 Hm auf gut 1,5 Km, am »Hohen Berg« (441 m) zwar vorbei, aber trotzdem hoch und über den »Franzosenkopf« (484 m) = Bergfaktor 100, nach 600 m Waldautobahn fast 1 Km Singletrail. Hoch. Oben, auf dem Franzosenkopf (ca. Km 30), hockt mitten auf und im Trail eine Truppe junger Männer mit MTBs und Äppelwoi galore aus dem 5L-Tetrapack … und außer mir waren noch andere mit Rad oder zu Fuß unterwegs an diesem Tag. Gerade der Franzosenkopf scheint beliebt zu sein, nach der Abfahrt zum »Hufeisen« wusste ich auch warum …

Erstes Bild: Am »Hufeisen« (ca. Km 31).
Nicht im Bild: Eine große Schutzhütte (bevölkert), noch mehr Sitzgruppen (bevölkert) mehrere Wege, die sich hier kreuzen (bevölkert) und an denen etwa 15 Autos geparkt waren … scheint ein beliebter Ausflugspunkt zu sein, geschätzt 50 Leute waren hier aufs Areal verteilt, mindestens genauso viele kamen in der kurzen Zeit hier zusätzlich durch, zu Fuß und mit dem Rad. Ich habe hier nur eine kurze Brotzeit-Pause gemacht … und mich dann geärgert, als nur gute 10 Km später der wunderschöne Dr. Karl-Kihn-Platz (ca. Km 41) mit Schutzhütte kam: menschenleer. Hier kreuzen sich übrigens die Birkenhainer und der Eselsweg – dem werde ich mich ein andermal widmen.

Eselsweg und Birkenhainer verlaufen ein kurzes Stück gemeinsam. Nach knapp 45 Km verfranse ich mich kurz (zweites Bild – das ist nicht Birkenhainer, sondern 30 m abseits), danach rollt es so vor sich hin, durch die Wälder und auch über die Felder (drittes Bild: am Querberg, ca. Km 57). Alles gut zu fahren. Ab der Bayrischen Schanz (ca. Km 61) mache ich keine Fotos mehr, Bilder von dem Abschnitt gibt es zur Genüge hier … nur eines dann doch noch bei ca. Km 71: Das Kreuz signalisiert die letzten Trailmeter, bevor die lange, steile Abfahrt nach Langenprozelten folgt. Habe ich schon erwähnt, dass das in Gegenrichtung ein gnadenloser Anstieg ist? …

Am Mainradweg in Langenprozelten sehe ich das letzte »B«-Schild, bei ca. Km 75. Von allen Km-Angaben müssen 5 abgezogen werden (Anfahrt HBF Hanau > Neuwirtshaus), dann entsprechen sie der Streckenführung der Birkenhainer. Schön wars … jetzt nur noch 52 Km stur am Mainradweg zurück nach Würzburg. Und bei der Gelegenheit den Gesamt-Schnitt von 12 km/h auf 16 km/h hochgejubelt.

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4 Gedanken zu “Über die »Birkenhainer«

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