Alltag, Dialog

Liebster Award

lawardVor einiger Zeit hat es mich also auch erwischt – die Nominierung für den »Liebster Award« kam vom radelnden Uhu, und die Spielregeln gehen so: Der Award ist einerseits verbunden mit dem Beantworten von 11 Fragen (s.u.), andererseits muss ich selbst wieder 11 Fragen an (möglichst) 11 Bloggerinnen bzw. Blogger weitergeben und diese für den Award nominieren. Der Award hat wohl schon einige Jahre auf dem Buckel, es lassen sich auch keine wirklich genaue Quelle bzw. Definition bzw. Regelwerk festmachen – eine Art Kettenbrief, harmlos, mit nur dem Ziel, via Nominierung auf lesenswerte Blogs aufmerksam zu machen. Ich danke ganz herzlich für die Nominierung, auch, weil die Fragen meinem Hang zur ausführlichen Selbstdarstellung entgegen kommen … 😉

1. Welche Dinge sind für Dich wichtig im Leben?
Meine Familie und meine Freunde – aber das sind ja keine »Dinge«, ebenso wenig wie Gesundheit, Zufriedenheit, Glück …
Ansonsten: »Dinge« wie Medien (analog/haptisch, nicht digital/virtuell) nehmen einen sehr großen Platz ein in meinem Leben (also Bücher statt eBooks, Zeitungen/Zeitschriften statt Blogs, Tonträger statt Streams/Downloads, …) – und meine Fahrräder, allen voran mein Focus Variado Rennrad, das mir seit 2012 ein völlig neues Lebens- und Mobilitätsgefühl eröffnet und mir meine Umwelt völlig neu erschlossen hat. Obwohl ich mit vielen »Dingen« umgeben bin – Jäger und Sammler, leider –, versuche ich, eine Distanz zu diesen zu wahren bzw. aufzubauen: Es gibt wichtigeres als Dinge.

2. Was schätzt Du an Menschen besonders?
Die Fähigkeit zu Neugier und Toleranz, Liebe und Empathie, Solidarität und Achtsamkeit – auch wenn diese Fähigkeiten oft nur theoretisch vorhanden zu sein scheinen (zu oft auch bei mir selbst) und mir die in letzter Zeit gerne von verschiedenen Politikern beklagte »Verrohung« echte Sorge bereitet. In manchen gesellschaftlichen Schichten gehörte »Rohheit« wohl schon immer zum Grundrauschen – dass aber gebildete, (materiell) sorgenfreie Mitmenschen (unsere) Wohlstandsverwahrlosung nicht nur offen ausleben, sondern als ultima ratio ansehen, macht mir Angst. Am meisten würde ich also schätzen, wenn wir uns endlich vom »Nach uns die Sintflut«-Prinzip verabschieden und Verantwortung übernehmen würden – für die nachkommenden Generationen, aber auch für die unzähligen Menschen, die heute in (für uns Europäer) unvorstellbarem Elend leben. Wir könnten das stoppen, sofort, ohne heute oder künftig auf wirklich Wesentliches verzichten zu müssen. Aber wir tun es nicht – warum nur?
Dazu passt sehr gut der Text von »Heaven on Earth« der englischen Breakbeat-Produzenten Shut up and Dance:
Some people believe that heaven is a place up high
and that hell is a place where all bad people go when they die.
I believe both heaven and hell are right here on this earth
[…]
Heaven and hell are two states of mind
really just depends on how you live your life.

3. Welche Rolle spielen Bücher und/oder Filme für Dich?
Mit weit über tausend Büchern im Regal: eine sehr große Rolle. Ich lese ständig mehrere Bücher gleichzeitig, wobei ich Lyrik fast komplett vernachlässige und Prosa nur (noch) hin und wieder lese. Ich liebe Sachbücher, philosophische bzw. analytische Texte und in letzter Zeit vermehrt Biografien, dennoch waren die eindrücklichsten (frühen) Leseerlebnisse für mich Romane und Erzählungen. Ich wuchs in einer Zeit und Gegend auf, in der nur Bücher einen Ausflug in die weite Welt abseits der provinziellen Enge ermöglichten, das bleibt natürlich als Prägung ein Leben lang. Filme spielen keine so große Rolle, auch wenn ich ab und an gerne welche anschaue – statt Filmen bevorzuge ich eher Tonträger, von denen ich vier mal mehr als Bücher besitze …

4. Weshalb wurdest Du Blogger?
Ich habe immer schon Texte publiziert (wenn auch nicht hauptberuflich), war Autor und auch Herausgeber/Verleger (Interessensgebiet: (Populär-)Kultur) – und wollte zuerst ein Blog dazu starten, um nach längerer Pause wieder zu schreiben, in unverbindlicherem Rahmen, eher als Fingerübung. Der Funke zündete jedoch erst richtig, nachdem ich 2012 mein Rennrad gekauft und fantastische Erlebnisse auf diesem hatte. Diese wollte ich festhalten – Bloggen schien mir gut geeignet, und so startete ich im Juni 2013 dieses Blog, um über den Spaß, den Radfahren in all seinen Facetten bereiten kann, zu schreiben: Über das Radfahren an sich, die Menschen, mit denen man unterwegs ist bzw. die man unterwegs trifft, die Landschaft, die sich einem ganz neu erschließt, die (vergleichsweise einfache) Technik, die man mit ein paar Handgriffen weitgehend selbst warten und reparieren kann, usw. Spannend fand ich auch, mich thematisch auf ein völlig neues Gebiet zu begeben und auszuprobieren, wie lange oder abwechslungsreich man wohl so etwas »Banales« wie Fahrradfahren in Texte übersetzen kann …
Schnell kamen aber auch kritische Texte zu den weniger schönen, dafür alltäglichen Situationen dazu, befördert auch durch mein ehrenamtliches Engagement hier in Würzburg für den lokalen Radverkehr. Inzwischen bemühe ich mich jedoch, beide Aspekte – Freud und Leid – wieder stärker zu trennen und die gesellschaftlichen/politischen Probleme im lokalen Engagement anzugehen, das Blog jedoch auf die erfreulichen Aspekte zu fokussieren. So wie sich die Freude an schönen Touren oder Erlebnissen verdoppelt, wenn ich sie im Blog noch mal auffrischen kann (»Geteilte Freude ist doppelte Freude«), so verdoppelte sich leider auch der alltägliche Frust, wenn ich ihn im Blog erneut aufbereitete (von wegen »geteiltes Leid ist halbes Leid«). Die Probleme im alltäglichen Radverkehr sind allesamt nicht immanent und nicht ursächlich, sondern nur Symptome eines viel gravierenderen gesellschaftlichen Niedergangs. Es reicht mir, mich damit im Alltag herumschlagen zu müssen – mein Blog will ich davon möglichst frei halten, denn schon als Kind vom Dorf habe ich gelernt: Wer den ganzen Tag im Stall steht, riecht abends selbst nach Scheiße …

5. Welche Schattenseiten siehst Du Deiner Meinung nach beim Bloggen?
Zuallererst gilt für Blogs, dass sie für mich tatsächlich »Weblogs«, also eine Art Tagebuch darstellen – deswegen lese ich eigentlich gar keine Blogs offizieller Medien (Ausnahme: die sehr lesenswerten Blogs von Andrea Reidl), sondern bevorzuge Blogs von Privatleuten mit subjektiven Ansichten. Hier sehe ich aber auch die Gefahr, dass zu vieles, was in solchen Blogs veröffentlicht wird, für wahrer gehalten wird als das, was offizielle Medien berichten (Stichwort: »Lügenpresse« – ein ungeheuerlicher Anwurf, auch wenn die Offiziellen ab und an daneben liegen). Mangelnde Sorgfalt – beim Schreiben und beim Lesen – ist die größte Gefahr, die vom Bloggen ausgeht. Ich habe schon öfters Empfehlungen von Bekannten erhalten, deren Lektüre sich als fürchterlicher Schmarrn erwiesen hat, von einigen aber für bare Münze genommen wird: Verschwörungstheorien, religiöser oder politischer Fanatismus, sexistischer und rassistischer Müll – das Netz ist leider voll von solchem Quatsch, und täglich kommt mehr dazu … Blogs sind jedoch nicht so anfällig für den ganzen kurzatmigen, oberflächlichen Müll, der in den sog. »sozialen« Medien umherschwirrt, der Aufwand liegt doch etwas höher als beim Zwitschern und Liken.

6. Welche Tipps kannst Du zum Bloggen geben?
Auf drei Dinge kommt es an: Sorgfalt, Sorgfalt und noch mal Sorgfalt – beim Schreiben wie auch beim Lesen von Blogs. Ehrlich und authentisch bleiben, persönliche Meinungen immer deutlich als solche darstellen – und im Zweifelsfall lieber für sich behalten. Emotionen, Augenzwinkern, meinetwegen auch eine Portion Gehässigkeit gehören wohl dazu, aber sollten immer als solche erkennbar bleiben.

7. Was ist beim Bloggen tabu für Dich?
Auftragstexte zu Produkten o.ä. Schon mehrmals wurde ich angemailt, ob ich interessiert sei, Produkte in meinem Blog vorzustellen (auch kritisch) gegen Bezahlung. Natürlich erwähne ich immer wieder auch Marken und Produkte, aber das aus meiner rein subjektiven Erfahrung heraus – für Geld will ich dieses Blog oder einzelne Beiträge aber nicht schreiben.

8. Wo würdest Du am Liebsten einmal bergsteigen, radeln, fotografieren und/oder darüber schreiben?
Eigentlich überall, mit Ausnahme extremer Wüsten (Sand- oder Eiswüsten) oder Gegenden mit beinahe undurchdringlichem Bewuchs (Urwald). Am schönsten dabei finde ich den Aspekt der Distanz, in deren Verlauf sich Landschaften langsam, aber sicher immer weiter verändern und im Zuge dessen auch die Menschen (Mentalität) und die von ihnen geschaffene Umgebung (Architektur, Kultur etc.).
Nord- und Südamerika wären sicherlich sehr reizvoll zu durchqueren, aber da ich Flugreisen generell verweigere, werde ich so bald wohl nicht dorthin kommen (gibt es etwas Öderes als mehrwöchige Schiffsfahrten?) … Glücklicherweise sind Europa, Asien und Afrika topografisch so eng miteinander verknüpft, dass mir in diesem Leben auch hier sicherlich nie langweilig würde und ich, wenn ich ab heute nur noch reisen würde, lediglich einen winzigen Bruchteil der Möglichkeiten wahrnehmen könnte.

9. Was würdest Du nie fotografieren?
Folgen von Gewalt von Menschen an Menschen, auch wenn ich selbst (wie wir alle) hin und wieder solche Fotos zu Gesicht bekomme und die Notwendigkeit sehe, diese Untaten zu dokumentieren, um Beweise zu sichern, Menschen für (= gegen) die Gräuel dieser Welt zu sensibiliseren etc. Mir reichen aber i.d.R. Nachrichten im Hörfunk, ich brauche die Bilder dazu nicht – was Menschen einander antun, hat Ernst Friedrich schon vor fast 100 Jahren in »Krieg dem Kriege« ausführlich dargestellt, es gibt also seither in den Fernsehnachrichten oder Illustrierten lediglich aktualisierte Darstellungen, substanziell hat sich im Vergleich zu dem 1924 erstmals erschienenen Bildband nicht wirklich viel verändert.

10. Die Antworten auf die Vorbildfrage sind immer wieder interessant – also, welche Vorbilder hast Du?
Keine wirklichen, schon gar nicht die »Klassiker« wie Gandhi, Dalai Lama etc.
Nobody is perfect: Es gibt viele inspirierende Menschen, doch viele von ihnen haben auch Flecken auf der Weste, ich picke mir die guten Aspekte heraus und ignoriere die Dummheiten (sofern sie nicht zu groß sind). Frank Zappa oder Brian Eno (Musik), Marcel Duchamp oder Joseph Beuys (Kunst), Arno Schmidt oder Leonhard Frank (Literatur): Eine solche Liste inspirierender, weitgehend integrer Personen würde endlos werden, und doch würde ich permanent nachbessern müssen. Gerade erst habe ich mit großem Genuss die Autobiografie von Viv Albertine (Gitarristin der Slits) gelesen, davor die von John Lydon (Sex Pistols, Pil) – beides Menschen aus einfachen Verhältnissen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren (London Mitte der 1970er Jahre, Punk) und in deren Arbeits- und Lebensweise das Wollen immer wichtiger war als das Können. Diese Erfahrung – Wollen kommt vor Können – mache ich permanent auch: beim Radfahren, aber auch in vielen anderen Aspekten des Lebens. Nichts gegen »Können«, aber das ist lern- und trainierbar – aber wo kein Wille, da auch kein Weg (siehe 2.).
Beim Radsport bin ich eh unbeleckt, ich schaue mir keine Rennen an, kenne keine Namen (ausser diejenigen, die in meinem Umfeld ab und zu erwähnt werden). Wenn es hier ein Vorbild gäbe, dann höchstens Randonneurdidier – wenn ich mal groß bin, will ich auch solche Dinger ohne mit der Wimper zu zucken wegfahren und anschließend genau so nonchalant darüber schreiben … 😉

11. Was würdest Du unheimlich gern einmal in Deinem Leben tun wollen?
Auf das Fahrrad steigen und losfahren – ohne Zeitlimit, ohne Ziel, ohne irgendwelche Absprachen mit irgendwem. Niemand, der mich aufhält, niemand, der mich irgendwo zu einem bestimmten Zeitpunkt erwartet – völlig befreit von irgendwelchen Zwängen, Verbindlichkeiten, Rücksichten. Ein Sabbatjahr wäre dafür ideal, aber für mich als Freiberufler leider völlig utopisch – ebenso wie der Glaube, mit 67 in Rente gehen zu können (Rente? Welche Rente?). Vielleicht ist das ja dann der Zeitpunkt, loszufahren – die letzte Tour, ohne konkretes Ziel, ohne Zeitlimit, ohne Wiederkehr …

 

PS: Ich schraube schon an den 11 Fragen, die ich stellen will, und habe auch schon 11 Blogerinnen und Blogger anvisiert – seid also auf der Hut! … 😉

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6 Gedanken zu “Liebster Award

  1. Hallo Jochen, spannend und erkenntnisreich! Deine Antworten auf die 11 Fragen. „Stelle die richtigen Fragen, und du bekommst auch substanzreiche Antworten“ – wenn denn der Befragte auch Substanz hat. In Deinen 11 steckt Substanz! Danke dafür, danke, dass ich auf diese Weise mehr über den Menschen J.K erfahren durfte. Meine Antworten lägen recht nahe bei deinen. Nur genieße ich seit ein paar Jahren schon „Rente“, bzw. Pension, die mein werter Arbeitgeber brav jeden Monat überweist. Zeit habe ich also mittlerweile reichlich. Die Lebenszeit nimmt leider unweigerlich ab. Ein Grund mehr, nichts aufzuschieben, für sich und die anderen das Wichtige und Richtige zu tun.
    Bleib munter

    beste Grüße
    Dietmar

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Elf Fragen zum Zweiten – Ride. Breathe. Live.

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