Ehrgeiz, Fotografie, Gravelbike, Lust, Mensch-Maschine, Tour > 200 km

Hanse Gravel 2019

Inzwischen hat sich so etwas wie Routine verfestigt bei mir, wenn ich solche Touren angehe: Die Essentials liegen abgepackt herum und müssen nur auf die Taschen bzw. diese aufs Rad verteilt werden. Nach einem Jahr, in dem ich quasi ausschließlich mit den Lowridern am Vorderrad unterwegs war, hatte ich mir allerdings vorgenommen, hier mal wieder ein anderes Setup zu probieren – große Rahmentasche, Lenkerrolle und Arschrakete bieten genug Platz für Klamotten und Zubehör für 4 Tage inkl. (reduzierter) Küche, die Zivilklamotten werden nicht mehr durch die Gegend gefahren, sondern im Voraus per Paket an den Zielort geschickt (in diesem Fall Berlin, nicht Stettin).

Im Vorfeld gab es allerdings drei kleine Probleme:

  1. Da ich die Strecken in Mecklenburg-Vorpommern zum Teil kannte (wir verbringen unseren Ostseeurlaub seit 10 Jahren quasi direkt am Trackabschnitt zwischen Neuburg und Alt-Bukow, wo der Track deckungsgleich ist mit der morgendlichen Bäckerrunde), hatte ich doch etwas Respekt vor den Sandpisten – das Surly ECR hatte ich mir auch im Hinblick darauf zugelegt, fuhr aber doch wieder das Bombtrack.
  2. Beim Warm-up-Versuch, Ende März von Berlin nach Würzburg zu radeln, machte sich ein erhebliches Quietschen am Bombtrack-Antrieb bemerkbar – letztlich habe ich es aber stiefmütterlich behandelt und lediglich am 23.4. noch schnell eine neue Kette montiert.
  3. Der Sattel: Ich fahre seit letztem Jahr einen SQ-Lab, den ich sogar erst ausgedehnt Probe fahren konnte auf einer Thüringen-Tour mit Tilman Anfang Juli 2018, und der mich wirklich begeisterte. Irgendwann im Lauf der folgenden 9 Monate hat sich aber an meinem rechten Sitzhöcker ein unangenehmer Knubbel gebildet, der das längere Fahren und Sitzen immer ungemütlicher werden ließ, bis ich aufgab und mir vor Ostern noch einen Brooks C15 mit Full-Cut zulegte, den ich auf 230 Km ausprobieren konnte vor dem Hanse Gravel. Aber würde er mich auch 600 Km weit tragen? 4 Tage am Stück? …

Mittwoch, 24.4. – Tag 0
(Anreise und Pre-Camp)

Gepackt hatte ich alles entspannt, mein Zug fährt um 16.28 Uhr Richtung Hamburg, im Zug werde ich bereits andere Mitfahrer treffen: Oli aus München (plus zwei weitere), Mario wird in Kassel zusteigen. Um 16 Uhr setze ich mich also aufs Rad und will zum Bahnhof rollen, da fällt mein Blick auf das Cockpit: WO IST DER GARMIN???

Ich renne nochmal die vier Stockwerke in die Wohnung hoch, ein schneller Blick – nichts zu sehen. Er muss noch im Büro liegen (dort hatte ich ihn am Vormittag noch entspannt und sorgfältig mit allen Tracks gefüttert), und das liegt quasi auf dem Weg zum Bahnhof. Also Büroschlüssel eingepackt, dort vorbeigefahren, der Garmin liegt tatsächlich friedlich auf dem Tisch … puh, wenn er da nicht gelegen hätte, wäre ich extrem ins Schleudern geraten.

Vollgepumpt mit Adrenalin bis obenhin besteige ich den Zug und genieße anschließend erstmal das langsame Runterkommen bis Hamburg, in toller Gesellschaft. In Hamburg geht es kurz vor 20 Uhr vom Bahnhof über eine Tankstelle (Abendbier mitnehmen) zum Entenwerder, wo das Pre-Camp stattfindet: Einige FahrerInnen treffen sich und übernachten auch hier, es wird geschnackt bis in die Puppen, und ein paar Meter vom Startplatz entfernt verbringe ich die erste Nacht im Biwaksack bei einem Overnighter mitten in Hamburg. Neben dem Wiedersehen alter Bekannter, mit denen ich mittlerweile schon den dritten oder vierten Graveller gemeinsam fahre – natürlich auch Walter, dem ich vermutlich überhaupt verdanke, das Bikepacking aufgenommen zu haben, nachdem er mich als Novizen beim CBG17 durchgeschleppt hat –, sehe ich auch neue Gesichter, die teilweise aber zu Namen gehören, die in der Szene bekannter sind – so komme ich nun auch zu kurzen Pläuschchen mit u.a. Daniel »Cycling Dan« Bässler oder mit Nils, der den »Harzer Roller« organisiert. Und ich verteile fleissig MfG-Karten, die ich noch schnell habe drucken lassen im Visitenkartenformat – und stelle erfreut fest, dass die meisten den MfG nicht nur schon kennen, sondern auch »demnächst« mal fahren wollen …

Donnerstag, 25.4. – Tag 1
(Hamburg > Lischow / 197 Km)

Nach einem leichten Regen nachts muss morgens erstmal der Biwak trocken werden, anschließend gibt es ab 8 Uhr Frühstück am Café Entenwerder, das extra für uns heute früher öffnet. Nach und nach trudelt das Starterfeld ein, insgesamt über 150 StarterInnen! René verteilt die Mützen, und ich starte mit anderen bereits ein paar Minuten früher, gegen 9.40 Uhr. Das entzerrt das Feld deutlich, denn das erste Stück in Hamburgs Innenstadt nervt doch ein wenig, das kann ich mir mit Dutzenden bepackten Rädern nur schwer vorstellen. Stattdessen rolle ich mit Alexandra aus München eher gemütlich zur Stadt hinaus und nehme erst mit einiger Verzögerung wahr, dass wir schon längst auf einem wunderbaren flowigen Trail entlang der Alster unterwegs sind. Alexandra fällt mit Ankündigung zurück, und für mich beginnt nun langsam der eigentliche Graveller, alleine, wie ich es geplant habe: Eigenes Tempo fahren, keine Hektik, kein Stress, kein Gruppenzwang. Da ich zum Jo-Jo-Fahren tendiere (eben/bergab eher schnell, bergauf eher langsam), bin ich mit den meisten, die ein annähenrd konstantes Tempo fahren können und wollen, nicht kompatibel auf der Strecke – aber bei den Pausen-Stops trifft man sich dann doch immer wieder, so auch bei der ersten größeren Pause in Bad Oldeslohe nach guten 60 Km. Ich zwinge mich, eine Kleinigkeit zu essen, obwohl bei mir am ersten Tag immer Appetitlosigkeit herrscht – die mich dann gerne auch die Energiezufuhr vernachlässigen lässt, leider.

Weiter geht es über Lübeck zum Herrentunnel, wo der Bus-Shuttle mich mit einigen anderen Fahrern unter der Trave hindurch bringt, ziemlich genau bei Streckenkilometer 100. Im Vorfeld gab es auf FB heiße Diskussionen, ob das ein Nadelöhr werden könnte bei der Zahl von 150 StarterInnen – war es nicht, sondern so entspannt wie die Fähre 15 Km weiter von Travemünde nach Priwall. Mittlerweile ist es 17 Uhr, und mit ca. 75 Km bis zu unseren Gastgebern und Freunden in Lischow (Ostsee-Urlaube) beschließe ich, dieses Stück noch unter die Räder zu nehmen, und melde mich telefonisch an für 21 Uhr plus X – der Gedanke, 20 oder 30 Km von ihnen entfernt in einem Busch zu nächtigen, hat für mich etwas befremdliches.

Allerdings geht es ab jetzt los mit den anspruchsvolleren Pisten – wo vorher »nur« der permanente Ostwind ein Faktor war, mit dem ich einigermaßen gut klargekommen bin, geht es nun in die Vollen: Sandpisten tauchen immer wieder auf und zehren an den Kräften, nicht nur physisch – da hilft nur Schieben, aber dabei verrinnt die Zeit im Nu ohne nennenswertes Vorwärtskommen. Und der Kartoffelacker vor Kirch Mummendorf (Km 137) wird an diesem Tag zur FB-Celebrity, so viele Fotos tauchen davon auf …

Hinter Grevesmühlen treffe ich auf Uncle Progga, wir rollen ein Stück gemeinsam, aber verlieren uns vor Wismar (Km 178) wieder aus den Augen. In Wismar, mittlerweile ist es 21.45 Uhr, rufe ich Freund Henry nochmal an – er sitzt mit Sylvie an der »Oase der Ruhe«, etwa bei Km 190, und schnackt mit anderen FahrerInnen. Ich bin komplett durch, hätte in Wismar skrupellos den Zug nach Hagebök bestiegen, um die letzten Km heute zu sparen, doch der letzte Zug war 5 Minuten vorher abgefahren. Also nochmal aufs Rad und weiter … und die härtesten anderthalb Stunden der Tour folgen auf den Fuß: Ab Hof Redentin (Km 186) die blanke Hölle, Sandpisten, die ich nicht mehr fahren und kaum noch schieben kann, dazu Dunkelheit und Kälte um mich herum, immer zäher geht es voran, immer langsamer rückt das Tagesziel näher – mein Körper ist einfach nur fertig, die letzten Energiereserven benötigt der Kopf für die vielen üblen Filme, die in diesem ablaufen. Und schon ploppt sie immer wieder auf, die Frage: »Warum zum Teufel mache ich das eigentlich?«
Ein paar Häuser, Lichter … und ich stehe unvermittelt in Neuburg (Km 193). Geschafft – nur noch ein paar gut bekannte Km bis Lischow, wo ich gegen 23.30 Uhr (!) eintreffe. Freund Henry ist noch wach und wartet mit zwei kühlen Bieren auf mich – wir plaudern bis 2 Uhr, bevor er schlafen geht und ich duschen. Um 2.35 Uhr lege ich mich frisch geduscht ins Bett und ändere meinen Plan, am nächsten Morgen um 5.30 Uhr aufzustehen, großzügig auf 8.00 Uhr ab.

Freitag, 26.4. – Tag 2
(Lischow > Langenhanshagen / 115 Km)

Um 8 Uhr weckt mich das iPhone, gerade rechtzeitig, um dem einsetzenden Regen zuzuschauen. Henry und Sylvie arbeiten, ich bin also alleine, frühstücke, trockne meine (vor dem Schlafengehen noch durchgewaschenen) Klamotten behutsam vor dem Gasbrenner im Gästepavillon und komme erst gegen 10 Uhr so langsam auf den Track zurück. Inzwischen sind Eva und Joas, die ich zu treffen gehofft hatte, schon frühmorgens an mir vorbeigezogen, so dass ich erstmal wieder alleine weiterradele – ohne Chance, die beiden noch einzuholen. Bis Rostock bleiben die Strecken anspruchsvoller, wenn auch nicht mehr so sandig – aber die Wellen in der Topografie erinnern mich stark an meine Mittelgebirgsheimat, der Wald bei Bad Doberan (Km 233) verblüfft mich mit echtem Rhön-Flair! Bei Km 248 erreiche ich das Ortsschild Rostock, fahre erst am Zoo und der Brauerei Trotzenburg vorbei, drehe aber um und beschließe, hier den Mittagsstopp zu machen – der leere Biergarten erscheint mir stressloser als eine wuselige Rostocker Innenstadt. Kurz nach 13 Uhr ordere ich mir ein vegetarisches Nudelgericht (lecker), treffe noch andere FahrerInnen – und Sturm zieht auf. Die Regen-App bescheinigt uns, dass wir hier richtig gut und sicher an der Kante abwarten können, und während aus der Rostocker Innenstadt die ersten Fotos auf FB landen, die zeigen, wie andere FahrerInnen vor dem Regen unter Torbögen flüchten, während die Straßen geflutet werden, trifft mich bzw. uns kein einziger Tropfen!

Die anderen drei rollen weiter, ich warte vorsichtshalber noch ein wenig – und schon kommt Tobi dahergerollt, ordert seine Mahlzeit und ich plaudere weiter. So könnte ich ja Tage zubringen, aber ich fahre dann doch los, alleine zu Rostock hinein. Kurz vor dem Bahnhof höre ich hinter mir meinen Namen rufen – Harald und André (beide »Opfer« des ersten, unausgegorenen MfG) schließen mit anderen in kleiner Gruppe auf, herzliche Begrüßung, kurzer Schnack. Sie haben noch nichts gegessen, ich will gleich weiter – so trennen sich unsere Wege vorerst wieder.

Die Durchfahrt durch Rostock nervt gewaltig, aber nachdem auch das hinter mir liegt, läuft es relativ flach und asphaltiert weiter. Die Straßen sind teilweise schon wieder trocken, aber ich fahre dem Regen hinterher, und langsam wird alles feuchter, kühler. Kurz nach 16 Uhr lege ich noch eine kleine Pause im Wald hinter Rövershagen (Km 273) ein und fotografiere die Hagelkörner am Boden – bin ich froh, hier nicht durch übertriebene Eile in das Unwetter hineingefahren zu sein! Ein Duo zieht vorbei, das ich schon öfters gesehen habe (und noch zweimal treffen werde), und dann kommt auch schon wieder Tobi daher. Wir rollen gemeinsam weiter, mein Tagesziel ist, die 300 Km vollzumachen und noch ein paar Km extra, je mehr, desto besser, aber ohne übertriebenen Ehrgeiz. Um 17.15 Uhr pausieren wir in der Bäckerei Hornung in Ribnitz-Damgarten (Km 289, das erwähnte Duo sitzt schon da), ich nehme mir noch ein Körnerbrötchen für den Abend mit (Beilage zur Suppe, die ich dabei habe), und wir fahren weiter. Vor Dettmannsdorf liegen üble Scherben auf dem Radweg, denen ich nicht rechtzeitig ausweichen kann … mal sehen, ob das gut gegangen ist. Tatsächlich: Bei exakt 300 Km, hinter Dettmannsdorf, fängt mein HInterrad zu eiern an und die Luft entweicht – und zwar sehr schnell. Beim Schlauchwechsel ziehe ich erstaunt eine lange, gebogene Drahtklammer aus dem Mantel – die groben Scherben waren’s also nicht, dafür irgend so ein lumpiges Stück Heftklammer, mitten in der Pampa!

Wir rollen weiter, für mich ist jetzt alles nur noch Kür, die Pflicht ist für heute vorbei. In Trinwillershagen besorgen wir uns in der Gaststätte die Abendbiere und suchen ein Nachtlager für mindestens sechs Leute – Tobi ist die ganze Zeit mit Harald & Co. in Verbindung, sie wollen auf jeden Fall noch aufschließen, sitzen aber noch beim Griechen zum Abendessen. Im nächsten Ort, Langenhanshagen (Km 312), finden wir eine große, überdachte, offene Halle, die genügend Platz bietet, und fragen im Wohnhaus nebenan, ob wir dort übernachten können. Gehört ihnen zwar nicht, aber wäre ok, der Besitzer käme frühestens am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder … Während wir zaghaft Quartier beziehen, taucht er allerdings überraschend auf, hat aber auch keine Einwände (nur bitte zum Rauchen weggehen, wegen der Strohballen), und so endet für Tobi und mich dieser Tag hier. Während ich die Minestrone aus der Tüte koche, in gebührendem Abstand zur Halle, und Tobi die Hälfte aufdränge, fahren noch vereinzelt andere Graveller vorbei, bis dann auch Harald, André, Christian und Steffen aufschließen. Nochmal ausgiebig geschnackt, dann: Gute Nacht zusammen (die etwas unruhig war, weil nochmal ein ergiebiger Regen nachts auf dem Blechdach für eine ordentliche Geräuschkulisse sorgte).

Samstag, 27.4. – Tag 3
(Langenhanshagen > Usedom / 181 Km)

Weiter geht es am frühen Morgen gegen 6.30 Uhr. Harald fährt als erster los, wir anderen folgen – in Velgast beim Bäcker (Km 324) stoppen aber nur Tobi und ich. Nach einem sehr basalen Frühstück (Hauptsache Kaffee) geht es weiter bis Stralsund (Km 347) – hier verabschiedet sich Tobi von mir, er hat Probleme mit der Achillessehne und will in Ruhe überlegen, ob und wie er weiterfährt (er wird letztlich aussteigen, aber noch nach Rügen fahren und dort noch einen Overnighter ranhängen – gute und auch echt coole Entscheidung!).

Am Bahnhof treffe ich wieder auf die anderen, auch Christian verabschiedet sich hier und steigt aus. Ich nutze den kleinen McD für Carboloading (Veggieburger mit Pommes), bevor ich mich auch wieder alleine auf den Weg mache. Hinter Stralsund wartet eine Überraschung: 30 Km Kopfsteinpflaster – ich hatte die Ankündigung auf FB für einen Witz gehalten, aber es stimmt tatsächlich! Allerdings sehr gut fahrbar, wenn auch als quasi pfeilgerade Linie eher, nun ja, »beruhigend« (um nicht zu sagen: etwas langatmig).
Gegen 11.40 Uhr überquere ich in Greifswald den Ryck (Km 383), mache ein paar Fotos und will nach kurzer Zigarettenpause eigentlich gleich weiter. Bei der Ausfahrt dann in Wieck (Km 388) sehe ich im Augenwinkel noch »Steinofenpizza« und beschließe, doch gleich noch einen Vernunftstop einzulegen, mir eine Pizza zu gönnen, die Flaschen aufzufüllen etc.
Wieder kommen Harald und André vorbei, aber ich bleibe noch etwas länger sitzen …

NB: Ein Phänomen bei diesem Graveller – kein Stopp, ohne nach spätestens zehn Minuten andere zu treffen, die vorbeifahren oder aufschließen, und das an allen vier Tagen. Faszinierend – alleine unterwegs, aber nie einsam.

Hinter Greifswald folgen, nach einem langweiligen Stück auf Radwegen entlang der Straße, wieder herrliche Waldpassagen – und am letzten Trackwechsel (Km 400) im Wald bei Buddenhagen fällt mir der wunderschöne Wegweiser aus Stein auf (und zwei weitere Graveller kommen vorbei …), von denen auf den folgenden Km noch mehr zu sehen sind. Herrlich!

Wolgast (Km 419) kann mich nicht recht überzeugen, zügig wechsle ich über den Peenestrom hinüber auf Usedom (ca. 15.30 Uhr), wo der Track fast um die ganze Insel herum führt. Ab dem Ostseebad Trassenheide verläuft der Track weitgehend an der Ostsee entlang, mit allem was dazugehört: Kurpromenaden, Sandpisten, Meerblick. Harald und André schließen wieder auf, wir machen einen gemeinsamen Kaffeestopp im Seebad Zempin (Km 445) und rollen noch gemeinsam bis Koserow, wo André auf nachfolgende Freunde warten will. Harald hat mittlerweile schon kundgetan, die Nacht durchfahren zu wollen, während mein Tagesziel wäre, von Usedom runter wieder aufs Festland zu kommen, irgendwo vor Anklam. Es ist längst 18 Uhr durch, und ich rolle noch ein Stück mit Harald, bevor ich mich verabschiede. Mein Plan, noch ein wenig Vollgas zu geben, harmoniert nicht ganz mit der Topografie vor Ort, die mich mehr an die heimischen Mittelgebirge erinnert (16% Steigungen inklusive) – aber es läuft. In Korswandt (Km 466) pausiere ich nochmal kurz, das Radwegschild zeigt 33 Km bis Usedom (Ort). Aber das Stück zwischen Garz (Km 471) und Usedom (Km 488) hat es nochmal richtig in sich: fieser Gröbstschotter, Ackerboden und immer wieder kleine, gemeine Anstiege ziehen nochmal richtig Körner – und ich wollte eigentlich bei Helligkeit noch einen Spot zum Übernachten finden. So bleibt mir nur, in Usedom die Tankstelle anzusteuern, etwas Proviant (Brötchen, Bier, Cola, O-Saft) einzutüten und hinter Usedom die nächstbeste Gelegenheit für einen Overnighter zu nutzen. Bei Km 493 taucht eine Hecke auf, die ich näher inspiziere und die, etwas abseits vom Track, ein Grasstreifen unterbricht – für mich ist heute hier Schluss. Ganz alleine kann ich mich ungestört frisch machen, ein Bierchen zischen, meine Frau anrufen und noch etwas FB checken, dann wird es schnell kühl und ich lege mich schlafen.

Sonntag, 28.4. – Tag 4
(Usedom > Stettin / 127 Km)

Ich wache ohne Wecker gegen 5.30 Uhr auf, packe in Ruhe meine Sachen und verzehre zum Frühstück ein Müsli (dafür war der O-Saft), bevor ich um 6.20 Uhr langsam wieder auf den Track zurückkehre und weiterrolle. Nur noch 127 Km, die ich allerdings nicht unnötig verbummeln will – mein Plan ist, bis 18 Uhr in Berlin zu sein, d.h. ich müsste gegen 15 Uhr in Stettin den Zug besteigen.

Gegen 8 Uhr erreiche ich Anklam und frühstücke gleich nochmal mit Kaffee und Rührei (unnötig zu erwähnen, dass in der Bäckerei schon wieder 3 andere saßen, die gerade mit Frühstück fertig waren, und dass ich während des Frühstücks noch mehrere habe vorbeifahren sehen). Noch 100 Km, das klingt entspannt …
… und ist es tatsächlich auch: Von Anklam bis Bugewitz (Km 537) führt der Track durch ein wunderschönes Naturschutzgebiet, das an diesem Vormittag herrlich still da liegt – gefolgt von einem der schönsten Stücke überhaupt, einem flowigen Waldtrail neben der Landstraße vor Mönkebude (Km 548): Ein Traum, das!

Ueckermünde (Km 556) durchfahre ich gegen 10.45 Uhr, in Ahlbeck (Km 573) pausiere ich nochmal kurz. Es folgen noch einige echt zähe Km ab Glashütte gegen den Wind, bevor ich gegen 13.30 Uhr die deutsch-polnische Grenze zwischen Blankensee und Buk passiere (Km 600). Das mittlerweile bekannte Duo taucht zum letzten Mal auf, ebenso ein Einzelfahrer – ich kann mir leider nicht alle Namen merken, aber sie sind ja eh Schall und Rauch …

Die letzten 23 Km sind nicht prickelnd, viel Straße, aber ok. In Stettin mehrere Baustellen, die den Track komplett abriegeln und Improvisationsgabe erfordern. Der Einzelfahrer schließt wieder auf und erinnert mich an das Novotel als Ziel, mit dem Fahrtenbuch dort – hätte ich fast vergessen. Ich unterschreibe und fahre weiter zum Bahnhof in der Hoffnung, irgendwie in irgendeinen Zug zu kommen Richtung Berlin (es gibt ein VBB-Ticket samt Verbindung Stettin-Berlin). Orientierungslos strande ich vor dem Bahnhof, trage mein Rad ein Treppe hoch Richtung Gleise – und sehe drei andere Graveller vor mir am Bahnsteig langgehen. Ich schließe mich an, treffe Oli wieder, mit dem ich schon im Zug nach Hamburg lange zusammensaß, bekomme eine Mitfahrt auf dem Ticket plus eine Cola … und bin überglücklich, ohne viel Tamtam hier schnell wieder wegzukommen. 20 Minuten später, um 15.17 Uhr, rollt der Zug aus dem Bahnhof Stettin und bringt mich nach Berlin zu Freund Franz, bei dem ich den Abend und die Nacht verbringe. Den Montag, als Puffertag eingeplant (man ist ja Realist), verbringe ich mit Ausschlafen, nochmal gemeinsamem Mittagessen mit Franz, dem Besuch eines weiteren Freundes und einem entspannten Spaziergang samt Rad im Tiergarten, bevor um 17.28 Uhr mein Zug mich vom Berliner Hauptbahnhof nach Würzburg bringt, wo ich gegen 21.45 Uhr die Wohnungstür hinter mir schließe.

Resümee

Was für eine tolle Tour! Die Strecke bot ein Rundum-Vergnügen mit einigen toughen Abschnitten in Mecklenburg, ansonsten aber einer unglaublichen Varianz. Schöne, lange Passagen, die sich wunderbar fahren ließen, dazu immer wieder tolle Begegnungen mit anderen FahrerInnen wie mit Einheimischen. Ein paar Stücke waren etwas langatmig, aber die müssen halt sein, um vom tollen Stück A zum tollen Stück B zu kommen – das hier ist Deutschland, ein dicht besiedeltes Land. Aber gerade unter diesem Aspekt erstaunt es immer wieder, welche »versteckten« Wege man nutzen kann, um hierzulande ordentlich Strecke zu machen, abseits der Touristenrouten. Die nur ca. 3.000 Höhenmeter konnte auch der Gegenwind nicht wirklich verschlimmern, mit dem Auflieger ließen sich hier die Klippen elegant umschiffen. Konzept, Streckenführung, Termin und Wetter – alles hat gepasst! Am ersten Tag habe ich (für meine Verhältnisse) ein wenig übertrieben, das hat der gemütlichere zweite Tag wieder gutgemacht, das Gesamterlebnis überwiegt. Und diese unglaubliche Zahl von 150 FahrerInnen sorgte dafür, dass es wirklich nie langweilig oder einsam wurde – bei Bedarf nach Gesellschaft konnte man einfach anhalten und 10 Minuten warten, es kam bestimmt jemand vorbei.

Ich fuhr die 627 Km, die am Schluss auf dem Zähler standen, in drei Tagen und fünf Stunden – will aber nicht unerwähnt lassen, dass der erste am Ziel diesen Ritt in 36 (!) Stunden absolviert hat. Für mich immer wieder erstaunlich, woher manche dafür die Beine, vor allem aber den Kopf nehmen …

Die Entscheidung, das Bombtrack zu nehmen, ohne Lowrider, war genau richtig: Das Rad wog bepackt etwas über 20 Kg (ohne Wasser), war aber gut zu handhaben auch auf den anspruchsvolleren Passagen. Die 38er Panaracer Gravelking SK sind schon seit etwa einem Jahr die Reifen der Wahl für mich und haben mich auch diesmal zuverlässig vorangebracht – sicher im Gelände, schnell auf festem Untergrund.
Die Kette wars wohl nicht – das Knarzen kam schon am Donnerstag recht schnell und penetrant zurück, wurde aber mit zunehmender Luftfeuchtigkeit, also Nähe zum Meer, immer leiser. Da muss dann doch mal wieder das Tretlager erneuert werden.
Und der Brooks C15? Ich bin begeistert – zu keinem Zeitpunkt unbequem, im Gegenteil! Und auf keinen anderen Sattel konnte ich mich bisher nach vier solcher Tage am fünften Tag mit Jeanshose setzen und gemütlich durch die Stadt (Berlin) kurbeln. Jetzt muss ich nur mal schauen, ob er tatsächlich noch eine Weile hält – Freund Joas hätte ich auch deshalb nie mehr einholen können, weil sein schon etwas älterer C15 am zweiten Tag kaputtging und er ausstieg. Aber irgendwas geht immer kaputt – diesmal waren es nicht die abgerissenen Schaltwerke (wie beim CBG18), die auf FB als Fotos kursierten, sondern der kaputte Sattel von Joas oder der defekte Carbonrahmen von Andreas, dem ein Ast im Laufrad die Sattelstrebe sauber durchtrennt hatte.

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Hier nochmal mein herzlichster Dank an alle, die ich unterwegs getroffen oder kennengelernt habe – kein namedropping mehr, Ihr wisst, wer gemeint ist: Ihr! Ihr seid großartig! Lediglich den Trackvater muss ich nochmal explizit loben: René, das war richtig, richtig toll! Eine klasse Tour, die sicher weitere Maßstäbe setzt für diese Art von Bikepacking-Events in Deutschland. Und ich durfte beim Debut dabei sein – einfach fantastisch!!

623 Kilometer
3.089 Höhenmeter
35 Stunden 25 Minuten reine Fahrzeit
Start 25.4., 9.40 Uhr
Ziel 28.4., 14.30 Uhr

Bei komoot ansehen:
25.4. / Hamburg > Lischow (197 km)
26.4. / Lischow > Langenhanshagen (115 km)
27.4. / Langenhanshagen > Usedom (181 km)
28.4. / Usedom > Stettin (129 km)

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9 Gedanken zu “Hanse Gravel 2019

  1. Hach lieber Jochen, so schön wie die Tour – zumindest soweit ich sie fahren konnte – ist Dein Text 🙂 Bravo. Nur schade, dass wir uns nicht gesehen haben … und wie gut, dass Eva und ich dann doch Abstand davon genommen haben, als wir in der ersten Nacht bis 3:30 Uhr unterwegs waren, an jedem Nachtlager anzuhalten und die Leute aus dem Schlaf zu reißen, um nach „Jochen zu fragen“. Da hätten wir lange nach Dir suchen können 😉 Auf hoffentlich bald mal!

    Gefällt 2 Personen

  2. Olaf H. schreibt:

    Danke für den schönen Bericht. In den Genuss des basalen Frühstücks in Velgast kam ich nach Kurzübernachtung in Trinwillershagen am Freitagmorgen. Ohne den Kaffee hätte ich das staubige Weizenbrötchen (zum Glück hatte ich „erst mal“ nur ein halbes genommen) wohl nicht runter bekommen.

    Gefällt 1 Person

  3. schoenie schreibt:

    Klasse Jochen! Endlich konnte ich deinen Bericht Lesen. Weil meiner jetzt auch fertig ist 😉 Diesmal hat es bei mir etwas länger gedauert, aber besser spät als nie! Das macht richtig Spaß, die Tour aus anderer Sicht zu „sehen“ und an der ein oder anderen Stelle Parallelen zu finden.
    Liebe Grüße und bis bald auf einer der nächsten Touren!
    DerMario

    Gefällt 1 Person

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