Alltag, Frust, Lektüre, Radwege

Propaganda

Zwischen »Anspruch« (den setze ich jetzt mal in Anführungszeichen, lies: formuliertem Anspruch) und Realität klafft gerne auch mal eine Lücke. In Bayern etwa gibt es die AGFK, eine durchaus begrüßenswerte Initiative, um die Städte bzw. die Verkehrsinfrastruktur derselben fahrradfreundlich zu machen. Wobei »fahrradfreundlich« für alle, die 1 und 1 zusammenzählen können, bedeutet: den MIV (motorisierten Individualverkehr) einzuschränken. Warum? Aus lauter Boshaftigkeit? Damit ein paar pedalierende Spinner endlich Ruhe geben? Keineswegs.

Der Grund ist ein ganz einfacher: Den Städten droht über kurz oder lang der Verkehrskollaps – täglich schon zu den Stoßzeiten im Berufsverkehr zu beobachten, immer öfter nicht mehr nur zu diesen. Gedränge, Gehupe, Geschneide, Blockieren kreuzender Fahrbahnen oder Fußgängerwege, Bring- und Holservice für den Nachwuchs von der Kinderkrippe bis zum Gymnasium ohne jegliches Interesse an der Sicherheit anderer Kinder … die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Größtes Ärgernis für die Autofahrenden: Sie selbst, bzw. die Masse an Fahrzeugen, mit denen Sie ein flottes, sicheres Vorankommen für sich und andere zunichte machen. Zweitgrößtes Ärgernis: Radfahrende, die mit wenig Platz- und Ressourcenbedarf eigentlich recht zügig von A nach B kommen und den in den Blechkisten Sitzenden schon durch ihre bloße Anwesenheit – geschweige denn durch das Vorbeifahren an den endlosen Stauschlangen – signalisieren, dass flexible Mobilität innerorts mit dem Fahren im eigenen PKW fast nichts mehr zu tun hat.

Zurück zum Anfang: »Fahrradfreundlichkeit« wird bei städtischen Entscheidern großgeschrieben, München nennt sich selbstbewußt »Radlhauptstadt« – und doch ist vieles nur heiße Luft. So berichtet die Süddeutsche heute unter der Überschrift »Alles im roten Bereich«, wie Propaganda und Wirklichkeit leider auch hier auseinander klaffen – und wohl noch eine Weile werden. Thematisiert wird die »grüne Welle«, also eine Ampelschaltung, die Verkehrsteilnehmern, die sich mit einer festgelegten Richtgeschwindigkeit fortbewegen, ein möglichst ununterbrochenes Fahren ohne Stops an roten Ampeln ermöglichen soll. Dass das nur mit einer begrenzten Anzahl an Verkehrsteilnehmern funktionieren kann, ist klar: Irgendwann muss eben auch mal der einbiegende oder kreuzende Verkehr durch. Von querenden Fußgängern ganz zu schweigen. Der Bund Naturschutz hat nun bei einem ausführlichen Routentest in München festgestellt, dass die »grüne Welle« eh nur für PKW-Straßen gilt, Radfahrende schauen nach wie vor dumm aus der Wäsche bzw. regelmäßig auf die rote Ampel. Dennoch wird der MIV, heute vor allem als stehend, stinkend und störend wahrgenommen, als heilige Kuh behandelt, und Verkehrsplanung heißt zuerst Autoplanung, dann kommt – wenn noch ein paar Quadratmeter übrig sind am Schluss – der Rest: ÖPNV, Radfahrer und Fußgänger.

Das ganze Getue, das Herumreden um den heißen Brei, das endlose Lavieren, das vorgeblich dazu dient, eine »Ausgewogenheit der Interessen« herzustellen oder zu wahren – all das ist reinster, lobbygesteuerter Bullshit. Ausgewogenheit der Interessen heisst z. B. in einer Stadt wie Würzburg, dass der MIV zwar keine 50% des Verkehrsaufkommens ausmacht, dafür aber über 90% der öffentlichen Flächen belegt. Wer jetzt aber fordert, dass mal ein paar Parkplätze (!) in der Nähe eines nie voll belegten Parkhauses (!!) in einen Rad- und/oder/Fußweg umgewandelt werden sollten, der erntet Entrüstungsstürme und Unverständnis. Und wer anmerkt, dass diese oder jene Lösung für den Radverkehr nicht optimal umgesetzt ist, wird schnell zum defätistischen Nestbeschmutzer – man sollte doch mit dem zufrieden sein, was schon erreicht wurde, Politik der kleinen Schritte, blah blah blah …

Ich empfehle dringend die Lektüre dieses Artikels der Fahrrad-Zukunft: Da fasst die Autorin Gabriele Köpke die ganzen diffusen Vermutungen, das Unwohlsein mit dem Status Quo im Straßenverkehr innerorts recht gut und stichhaltig zusammen. Wer es gerne konkreter hat: Bei PresseRad kann man sich von den verlinkten Meldungen so richtig nachhaltig (!) den Tag verderben lassen … oder dazu inspirieren, vielleicht doch noch irgendwie selbst etwas zu ändern … zumindest im eigenen Verhalten.

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