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Bayern will’s wissen

Vor kurzem startete das Bayerische Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr eine Umfrage zum Thema Radverkehr, die sich explizit an Radfahrende richtet. Ich empfehle allen Blogleserinnen und -lesern, v.a. natürlich den bayerischen, die Teilnahme und die Weiterverbreitung des Links. 

Sinn und Zweck solcher Umfragen können natürlich immer in Frage gestellt werden (s.u.), aber schaden tut die Teilnahme sicher nicht, im Gegenteil besteht die Hoffnung, dass sich durch die entsprechenden Antworten die Autopolitik Verkehrspolitik vielleicht doch noch irgendwie, irgendwann in die richtige Richtung bewegt. Aber natürlich steht auch zu befürchten, dass die Minderheit der Teilnehmenden sich wieder übermäßig aus helmtragenden Senioren zusammensetzt, die am liebsten bei schönem Wetter auf separierten Radwegen gemütlich fahren, trotz paralleler Führung zur Vorfahrtsstraße an jeder Querung das »Vorfahrt achten«-Schild hinnehmen, zur Not auch öfters anhalten, ihr Rad auch gerne mal schieben … ich weiss, das klingt böse, aber das ist nun mal die Minderheit, die sich als vermeintliche Mehrheit artikuliert, die auch Zeit und Lust hat, sich Gehör zu verschaffen, während Alltagsradler sich oft schon längst von der Diskussion um eine sinnvolle Verkehrsinfrastruktur verabschiedet haben und mit ihren individuellen (Überlebens-)Strategien vollauf zufrieden sind.
Nach dem gleichen Prinzip kam ja auch die absolute Mehrheit der CSU im bayerischen Landtag zustande – bei 63,6% Wahlbeteiligung (2013) genügten dazu 47,7% Stimmen für die CSU. Ins Deutsche übersetzt: nicht einmal jeder dritte bayerische Wähler (30,3% der Wahlberechtigten) hat die CSU gewählt …

Was mich ein wenig stört an der schnell erledigten Umfrage sind zum einen Fragen, die zeigen, wie facettenarm der Radverkehr von der Politik wahrgenommen wird:

»Wie fahren Sie in der Regel Fahrrad?:
gemütlicher Radler / sportlicher Radler / fahre mit dem E-Bike/Pedelec«

Schon klar: Entweder »gemütlich« oder »sportlich«, dazwischen gibt es nichts – und dass sich nur ja niemand als »sportlich« outet, denn dann kommt von Politikerseite gleich die Ansage, man mache keine Verkehrspolitik für Rennfahrer, so wie es Martin Appel in München erst kürzlich ergangen ist

Zum anderen natürlich wieder Suggestivfragen, die auf das individuelle Sicherheitsgefühl (und eigene Schutzmaßnahmen) abzielen:

»Wie kann aus Ihrer Sicht die Verkehrssicherheit für den Radverkehr verbessert werden?
Mehr Radwege bauen / Mehr Radfahrstreifen/Schutzstreifen anlegen / Mehr Polizisten auf dem Fahrrad einsetzen / Mehr Wegweiser für Radfahrer aufstellen / Mehr Helm tragen / Mehr aufklären und informieren / Sonstiges«

Hallo? »Mehr Radwege bauen«? Wo denn? Außerorts gerne, da sind sie zum Teil richtig gut, aber innerorts hat doch kaum eine Kommune den Platz, eine durchgängige, sichere Radverkehrsinfrastruktur parallel zum Autoverkehr zu errichten – und die gefährlichsten Stellen für den Radverkehr sind erwiesenermaßen die Punkte, an denen sich separater Radweg und Straße wieder treffen (müssen, etwa bei Querungen, Abzweigen etc. – also quasi nach jedem Häuserblock). Und »Mehr Polizisten auf dem Fahrrad einsetzen«? Damit die dann den Autoflegeln so richtig hinterherjagen? … »Mehr Helm tragen«? Nee, nee: Mehrere Helme tragen, am besten über den ganzen Körper verteilt – nennt sich Protektoren und kann beim Sturz auf dem Single-Trail schon mal von Vorteil sein, so wie die Schienbeinschoner am Fußballer-Schienbein oder die Accessoires bei Eishockeyspielern. Aber wenn der Hausfrauenpanzer dich mit 60 km/h ummäht, dann hilft auch das vermutlich nicht viel … Aber »Mehr aufklären und informieren«? Auf jeden Fall – und zwar alle: Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger. Erstere sind nach dem Erwerb des Führerscheins (der immerhin auch eine theoretische Schulung und Unterweisung in Verkehrsregeln enthält) v.a. damit beschäftigt, das Erlernte schnellstmöglich zu vergessen (einfache Übung, es fragt die nächsten Jahrzehnte niemand mehr danach), zweitere glauben oft, für sie würden keine Regeln gelten, denn eigentlich halten sie sich für die schnellere Version der Drittgenannten – und für die gelten tatsächlich keinerlei Regeln. Doch? Nee, glaub ich einfach nicht …

Übrigens: Das Feld zur freien Eingabe von Text bei »Was sind aus Ihrer Sicht besondere Gefahren für Radfahrer?« ist wahnsinnig überdimensioniert – ich habe da nur vier Buchstaben reingeschrieben (drei Vokale, ein Konsonant) und meine, damit nicht nur die besondere, sondern eigentlich die ausschließliche (≥95%) Gefahr für den Radfahrer benannt zu haben … 😉

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2 Gedanken zu “Bayern will’s wissen

  1. Pingback: Radpolitik – AndrAktiv

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