Fotografie, Hardware, Lust, Mensch-Maschine, Rennrad

Berliner Fahrradschau 2016

Vor einer Woche war ich in Berlin zur Fahrradschau – mein zweiter Besuch der Messe (hier der erste), die mir auch in diesem Jahr wieder sehr sympathisch erschien und deren Besuch ich sehr inspirierend fand. Natürlich kann man sich alles mögliche zu Begriffen wie »Reiserad« oder »Randonneur« zusammengoogeln, aber viel ergiebiger ist doch das mehrmalige Schlendern durch die Hallen und der Detailblick bzw. das Gespräch an den Ständen.

Das Zugticket (17.3. hin, 20.3. zurück) hatte ich mir schon vor Wochen im Februar besorgt – Frühbucher + BC25 = preiswert –, allerdings IC, um eine Fahrradmitnahme spontan zu ermöglichen. Als es dann soweit war und ich am Vorabend eine Fahrradkarte kaufen wollte, erklärte mir die Dame am Ticketschalter des Würzburger Hauptbahnhofs, dass leider alle Fahrradplätze belegt wären: keine Fahrradmitnahme auf der Hinfahrt möglich …

Boah, war das ein Downer! Auf dem Heimweg machten sich anfangs finstere Gedanken breit, doch mit jedem Meter reifte der Entschluss, dann eben ein Rad als Gepäck (kostenlos) mitzunehmen. Nur: es war kurz vor 18 Uhr, die Radläden in der Innenstadt würden bald schließen. Welches Rad könnte ich mitnehmen, was hatte ich zuhause? Irgendwo hatte ich vor kurzem gelesen, wie jemand sein Rad einfach mit Frischhaltefolie umwickelt hat (mit demontierten Rädern natürlich, schön kompakt). Hmm, zu viel Plastik.

Zuhause angekommen fiel die Wahl auf meinen silbernen Stahlrenner. Gerade 5 Schrauben (genauer: 2 Schnellspanner zur Demontage der Räder, 2 Inbus-Schrauben zum Verdrehen des Lenkers und 1 Inbus-Schraube am Sattel) musste ich lockern, um das Rad auf ein kompaktes Maß zu bringen, die Laufräder rechts und links am Rahmen versetzt an den waagrechten Pedalen ausgerichtet, mit ein paar Schnüren/Riemen zusammengebunden und dann in einen riesigen Filz, den wir seit einem Spiegeltransport übrig haben, eingeschlagen: Perfekt! Und gar nicht soooo schwer … allerdings habe ich dann doch improvisiert und den Filz mit einem breiten Tesaband umwickelt, bis nichts mehr klaffte oder überstand. Leider habe ich das geschnürte Fahrrad nicht fotografiert, aber das hole ich nach, denn nun kann ich für mich das Thema »Klapprad als Rad zum Mitnehmen« völlig neu angehen und das »Klapp-« erstmal vergessen.

Mein Bericht in Bildern:

Am Bahnhof in Würzburg, Donnerstag Nachmittag. Ein wunderschöner, klarer Tag, eigentlich ideal für eine ausgedehnte Rennradrunde. Aber mich erwartet eine ausgedehnte Zugfahrt (4,5 h), das Rennrad liegt zum Hohn vor mir, in Filz eingewickelt. Größtenvergleich: mein Deuter-Rucksack.

Am Bahnhof in Würzburg, Donnerstag Nachmittag. Ein wunderschöner, klarer Tag, eigentlich ideal für eine ausgedehnte Rennradrunde. Aber mich erwartet eine ausgedehnte Zugfahrt (4,5 h), das Rennrad liegt zum Hohn vor mir, in Filz eingewickelt. Zum Größenvergleich mein Deuter-Rucksack davor.

Im Zug der nächste Schocker, im Fahrradabteil: Nicht ein einziges Rad (!) auf der Strecke nach Hannover im Fahrradabteil, …

Im Zug der nächste Schocker, im Fahrradabteil: Nicht ein einziges Rad (!) auf der Strecke nach Hannover im Fahrradabteil, …

… und von Hannover nach Berlin hätten noch 3 Platz gehabt. Wie diese Platzbuchung bei der Bahn funktioniert, weiß vermutlich kein Mensch …?!?!

… und von Hannover nach Berlin hätten noch 3 Platz gehabt. Wie diese Platzbuchung bei der Bahn funktioniert, weiß vermutlich kein Mensch …?!?!

Die Erfahrung mit der Bahn war das eine, die Erfahrung mit dem Rad als Gepäck das andere: Noch im Zug, vor Berlin, fing ich an, das Rad auszupacken und zusammenzubauen. Den Filz drehte ich zu einer (ziemlich großen) Rolle, die ich gerade noch so aussen am Rucksack anschnallen konnte. In Berlin dann vom Hauptbahnhof zum Prenzlauer Berg geradelt und bei Gastgeber Franz aufgeschlagen – und den ganzen Abend in der Küche geklönt, das erste Mal wieder seit über 20 Jahren. Super!

Am nächsten Morgen fuhr ich los (durfte das Gepäck allerdings noch bei Franz lassen) – erstmal nach Mitte, zur Orientierung und Planung, wozu ich ein nettes Café aufsuchte. Dann stand der Entschluss fest: Akademie der Künste, die Ausstellung »DEMO:POLIS – Das Recht auf Öffentlichen Raum« ansehen. Zuvor aber: Hauptbahnhof, Fahrradkarte für die Rückfahrt kaufen. War auch kein Problem, und als ich der Dame die Situation der Hinfahrt (kein Ticket, leeres Abteil) schilderte, schüttelte sie auch erstaunt den Kopf … Im Anschluss radelte ich entspannt durch den Tiergarten, allerdings schickte mich dort ein auskunftfreudiger Radler statt zur ADK zur UDK – nicht ganz das selbe, und recht nahe beisammen.

Vor der UDK mal wieder ein urbanes Fahrrad gesehen – hui ui ui: abgesägter Lenker, 3-Gang-Torpedoschaltung mit Leerlauf und Rücktrittbremse. Sonst keine Bremsen … Und dabei finde ich Rücktrittbremsen so eklig!

Vor der UDK mal wieder ein urbanes Fahrrad gesehen – huiuiui: abgesägter Lenker, 3-Gang-Torpedoschaltung mit Leerlauf und Rücktrittbremse. Sonst keine Bremsen … und dabei finde ich Rücktrittbremsen so eklig!

Nach der ADK zum Holzmarkt, eine kostenlose (Verkaufs-)Ausstellung mit Bowie-Fotos von 1996.

Nach der ADK zum Holzmarkt, eine kostenlose (Verkaufs-)Ausstellung mit Bowie-Fotos von 1996.

Auf dem Weg von dort zum Tempelhofer Feld – eine Runde dort auf meinem Stahlrenner wollte ich mir auch nicht nehmen lassen.

Auf dem Weg zum Tempelhofer Feld – eine Runde dort auf meinem Stahlrenner wollte ich mir auch nicht nehmen lassen.

Seeeeeeeeelfie.

Seeeeeeeeelfie.

Überraschung: nach der halben Runde treffe ich auf ein Lastenrad-Event (im Rahmen der Berlin Bicycle Week).

Überraschung: nach der halben Runde treffe ich auf ein Lastenrad-Event (im Rahmen der Berlin Bicycle Week).

Leider schon am Ende, aber ein schnelles Bier genehmige ich mir noch.

Leider schon am Ende, aber ein schnelles Bier genehmige ich mir noch.

Herrlich: alleine die Blattfedern dieses historischen Lastenrads wiegen vermutlich so viel wie mein Rennrad …

Herrlich: alleine die Blattfedern dieses historischen Lastenrads wiegen vermutlich so viel wie mein Rennrad …

… und auch sonst gab es einiges zu sehen.

… und auch sonst gab es einiges zu sehen.

Am Abend holte ich mein Gepäck bei Jule und Franz und fuhr nach Mitte zu Barbara und Frank, meinen Gastgebern für die nächsten zwei Nächte und (teilweise) Tage. Nach einem gemeinsamen Abendessen fuhr ich aber nochmal los, effektiv wieder bis zum Tempelhofer Feld, um mich noch auf ein (bzw. zwei) Bier zu treffen mit Hubert, mit dem ich am Samstag auch noch eine Cindy Sherman-Ausstellung besuchte (und die ebenso faszinierende Wunderkammer), …

… und am Samstag Nachmittag endlich: Fahrradschau!

Sieht fast genau so aus wie im letzten Jahr – ich fühle mich sofort wie zuhause.

Sieht fast genau so aus wie im letzten Jahr – ich fühle mich sofort wie zuhause.

Mein Thema mal wieder: Reiserad … sehr inspirierende Fahrräder habe ich da gesehen.

Mein Thema mal wieder: Reiserad … sehr inspirierende Fahrräder habe ich da gesehen.

Es gab aber auch wieder echte Exoten zu sehen, links selbst gebaute Bikes, rechts nagelneue Hochräder.

Es gab aber auch wieder echte Exoten zu sehen, links selbst gebaute Bikes, rechts nagelneue Hochräder.

Das hat einfach Flair hier …

Das hat einfach Flair hier …

… und sieht mindestens so sehr nach Messe wie nach Werkstatt aus.

… und sieht mindestens so sehr nach Messe wie nach Werkstatt aus.

Faszinierend, wo sich die dicken Reifen mittlerweile überall breit gemacht haben!

Faszinierend, wo sich die dicken Reifen mittlerweile überall breit gemacht haben!

Fahren möchte ich es nicht, aber es scheint möglich zu sein – und es scheint sogar Leute zu geben, die so etwas fahren wollen.

Fahren möchte ich es nicht, aber es scheint möglich zu sein – und es scheint sogar Leute zu geben, die so etwas fahren wollen.

Mein Beitrag zum Thema Satteltasche: Die gerollte Filzdecke, am Sitz(-rohr) befestigt (Hannover Hauptbahnhof) – wirkt sie zu groß? … ;-)

Mein Beitrag zum Thema Satteltasche: Die gerollte Filzdecke, am Sitz(-rohr) befestigt (Hannover Hauptbahnhof) – wirkt sie zu groß? … 😉

Entspannter Rücktransport als Fahrrad.

Entspannter Rücktransport als Fahrrad.

Fazit

Nächstes Jahr? Will ich wieder hin, ein willkommener Anlass für ein Berlin-Wochenende, das mit Kultur und dem Treffen von Freunden auch locker eine ganze Woche oder länger dauern könnte.

Was aber das wirklich faszinierendste war: Das Radfahren in Berlin. Ich bin an 3 Tagen locker 100 km gefahren, vor allem am Freitag hatte ich einen großen Aktionsradius – was auf dem Stadtplan wie ein Katzensprung aussieht, sind im echten Leben acht Kilometer, einfach. Andererseits: Acht km Wegstrecke waren für mich an diesem Wochenende ein Katzensprung, die ganzen Wege, die ich am Freitag mit dem Rad zurücklegte, hätte ich mit keinem anderen Verkehrsmittel zurückgelegt. Auto? Nervt. U-Bahn? Rein-Raus nervt irgendwann auch. Zu Fuß? Dauert zu lange … Es war nicht warm, eher kühl, manchmal recht windig, und es hat auch mal genieselt – gestört hat mich das in keinem Moment. Und: Ich hatte nicht einmal das Gefühl, als Radfahrer von Autofahrern gefährdet zu werden! Meine Wege verliefen mal auf Radwegen, mal auf Busspuren, mal auf der Straße (auch mehrspurig) – niemals eine brenzlige Situation, kein Schneiden, Drängeln, Nerven. Nichts. Hier in Würzburg kann ich in der Stadt keinen Kilometer zurücklegen ohne das Gefühl, als Verkehrsteilnehmer nicht ernst genommen zu werden: Von der Verwaltung sowieso, aber auch von anderen Verkehrsteilnehmern (auch: Radfahrern!). In Berlin dagegen herrschte nach meinem Dafürhalten ein Miteinander – vielleicht nicht das allerentspannteste, aber sicher nicht so ein biestiges Gegeneinander wie hier in Würzburg. Hubert brachte es auf den Punkt: »Du kannst dir hier als Verkehrsteilnehmer schon einiges herausnehmen, musst dann aber auf der anderen Seite auch einiges tolerieren.«

Mein Vorsatz für Berlin: Das will ich genauer wissen, hierher komme ich nicht mehr ohne eigenes Fahrrad!

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6 Gedanken zu “Berliner Fahrradschau 2016

  1. Ja, sehr seltsam das mit den Fahrkarten für das Fahrrad. Bin viel mit der Bahn unterwegs und manchmal werfe ich aus reinem Interesse, einen Blick ins Radabteil Außer vielleicht mal in einem Sommermonat hab ich noch nie eine volles Radabteil gesehen. Aber was will man machen, wenn die Dame am Schalter sagt, es sei ausgebucht … Ende April will ich für eine Tour in Hamburg das Rad in der Bahn mitnehmen. Vielleicht sollte ich mich jetzt schon um Karten kümmern, damit mir nicht das gleiche passiert.

    Deinen restaurierten Stahlrenner hast Du wirklich sehr fein hinbekommen, der sieht auf den Bildern richtig klasse aus und ist genau nach meinem Geschmack. Mein bevorzugtes Verkehrsmittel wäre auch das Rad gewesen. Ich greife hier immer auf die DB-Esel von Call-a-Bike zurück. Kein schönes Fahren, aber sie bringen mich schnellstmöglich von A nach B. Dass Du das Radfahren in Berlin so angenehm empfunden hast, überrascht mich ein wenig. In Blogs liest man da teilweise andere Sachen. Im Mai zur re:publica werde ich in Berlin auch mit dem Rad unterwegs sein. Bin mal gespannt wie das ist. Und die nächste Berliner Fahrradschau hab ich mir ebenfalls in den Kalender eingetragen, vielleicht sieht man sich ja …

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    • Vielen Dank für die Blumen bezüglich Stahlrenner!

      Call-a-Bike & Co.: Prinzipiell finde ich die Leihradsysteme gut für diejenigen, die sich dann vor Ort spontan für das Rad als Fortbewegungsmittel entscheiden – und keine hohen Ansprüche an Passgenauigkeit (= Komfort) haben. Da ich aber jahr(zehnt)elang Räder in falscher Größe gefahren habe, die einfach nicht passten, muss ich ehrlich sagen, dass ich dann doch lieber zu Fuß gehe oder ÖPNV nutze, statt ein nur halbwegs passendes Rad zu nehmen. Dafür bin ich leider wenig zu begeistern, zumindest was die derzeitigen Leihräder angeht, deswegen habe ich meinen Stahlrenner mitgenommen – und demnächst gibt es nochmal einen Beitrag nur zum Kleinmachen/Transport/Wiederaufbau des Renners.
      Da hat die Bahn, bei allem anfänglichen Ärger, dann doch einen interessanten Prozess in Gang gesetzt … 😀

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      • Die Leihräder sind echt nicht der Hit. Bin gestern damit durch Köln gegurkt – anders lässt sich das leider nicht bezeichnen. Aber ich ziehe dann diese Leihgurke doch dem ÖPNV vor. Denn damit kannst Du mich jagen! Liebäugel mit einem Brompton, damit ich von den grottigen Leihrädern wegkomme … mal schauen.

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        • Wäre mein Lieblingsradhändler hier neben dem Bahnhof ansässig, wäre ich vielleicht hingegangen und hätte einen Impulskauf getätigt – Brompton, you name it –, aber der Gang durch die Stadt hat meinen Kopf wieder klarer gemacht. Demnächst hier im Blog noch eine Bilderstrecke (schon im Kasten) vom Zerlegen des Stahlrenners … das wars dann leider auch auf längere Sicht mit dem Thema »Faltrad« für mich, der Renner wird künftig mein Mitnahme-Rad.

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  2. Servus Jochen, ein schöner Bericht! Ich bin in zwei Wochen auch in Berlin, allerdings auf einer Tagung und ohne eigenem Rad. Aber das mit dem Callabike meines Vorkommentierers ist eine gute Idee. Mal schauen, wie Wetter wird. Und was ich auch noch sagen wollte: Dein Silberpfeil ist einfach nur schön. Eine Freude, den anzusehen. Mit Gruß aus München, Alexandra

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    • Hallo Alexandra,

      auch Dir Danke für das Kompliment. Meine Meinung zu Leihrädern steht oben, aber ich will es niemandem ausreden – ein Freund von mir ist begeisterter Leihradnutzer, wenn er in andere Städte fährt. Vielleicht bin ich einfach noch nicht »Sharing« genug? …

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